Traurige Freiheit

 

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Friederike Gösweiner, Traurige Freiheit, Droschl 2016, ISBN 978-3-85420-976-8

 

„Traurige Freiheit“ ist das Romandebüt der 1980 geborenen Tirolerin Friederike Gösweiner. Mit ihrer Protagonistin Hannah, in deren Charakterisierung und Schicksal offenbar viel persönliche Erfahrungen und Reflexionen eingeflossen sind, schildert sie die Lebenswelt von vielen gut ausgebildeten Frauen und Männern aus der Generation der etwa Dreißigjährigen. Zwischen Hoffnungen, die oft zerplatzen wie Seifenblasen, Resignation und immer wieder versuchtem Aufbruch als lebendig gewordener Freiheit, wechselt ihr Leben hin und her. Dass diese Freiheit im Falle Hannahs bis zum Ende eine eher „traurige Freiheit“ ist, lässt nicht nur den Leser darüber nachdenken, ob sich das alles gelohnt hat und vielleicht etwas mehr Konvention und Kompromissbereitschaft, was das Leben und die Karriere angeht, den Menschen glücklicher gemacht hätte.

Hannah hat studiert, lebt seit vielen Jahren mit dem angehenden Arzt Jakob zusammen und hält sich mit freiberuflicher Journalistentätigkeit mehr schlecht als recht über Wasser. Sie ist unglücklich und niedergeschlagen:

„Als Hannah jünger war, hatten alle Erwachsenen immer gesagt, sie sei glücklich, gehöre zu der Generation, der alle Wege offen stünden, man können alles werden, alles sein, hieß es, alles sei möglich, das sei die totale Freiheit. Aber das stimmte nicht (…) ihr standen keine Wege offen. Niemand brauchte sie. Niemand wollte sie. Sie war zu nichts nutze.“

Schon hier fragt sich der Leser, warum Hannah so fest an ihrer Wunschtätigkeit festhält, obwohl sie weiß, dass die echten Stellen knapp sind und die dann auch noch sehr prekär. Doch als sie endlich nach zahllosen Bewerbungen ein Volontariat in Berlin, wo sie immer schon hin wollte, angeboten bekommt, glaubt sie durchzustarten. Sie trennt sich von Jakob, weil der lieber in seiner geliebten Provinz leben möchte und mit seiner Stelle im Krankenhaus sehr zufrieden ist. Das zu lesen tut geradezu weh. Wie sich eine Frau ein wesentliches Stück ihrer bisherigen Existenz abklemmt, in der ungewissen Hoffnung auf eine bessere berufliche Zukunft.

Sie kommt bei einer Freundin unter, Miriam, die eine angebliche Traumstelle als Korrespondentin in Moskau ergattert hat, und mit der sie das ganze Buch über immer wieder über Skype sich austauscht. Das Volontariat ist kurz und  erfolglos und nach dessen Ende rutscht Hannah in eine echte Lebenskrise.

„Alles war möglich, immer wieder hatte sie das gehört. Aber nie hatte sie daran gedacht, dass das auch das Scheitern implizierte. Niemand dachte daran, dass auch das Scheitern eine Möglichkeit war.
Wie hatte sie nur nicht daran denken können? Wenn alles möglich war, war eben auch das Verlieren möglich. Wie konnten das alle nur vergessen? Wie konnte man denken, dass es immer nur die anderen treffen würde?“

Sie arbeitet als Bedienung in einem Cafe, trifft dort auf einen sehr bekannten älteren Journalisten, macht sich Hoffnungen, doch irgendwann lässt der zunächst so zugewandte Mann nichts mehr von sich hören.

Als sie dann noch von der Vaterschaft Jakobs erfährt, fällt Hannah ins Bodenlose. Das Ende des Buches signalisiert einen Aufbruch, der aber bleibt ungewiss und angedeutet und nicht sehr verheißungsvoll. Freiheit, die sich anfühlt wie ein endloser Fall in die Tiefe – ein erstrebenswertes Lebensziel?

Ich glaube, die Autorin weiß es auch nicht genau. Sie hat das Scheitern, den Absturz und die Einsamkeit sehr einfühlsam beschrieben. Sie schildert ihre Hauptfigur drastisch, gleichzeitig aber mit großer Sensibilität, viel sprachlichem Geschick ohne sentimental zu werden.

Und mit der Autorin fragt man sich, in welcher Welt wir mittlerweile leben, wo junge Menschen sich glauben entscheiden zu müssen zwischen ihrer Arbeit und ihrer Beziehung.

Den Rezensenten hat das Buch unendlich traurig zurückgelassen mit viel Mitgefühl für diese Generation. Ich glaube, die nachfolgenden, zu denen auch mein Sohn gehört, werden es nicht sehr viel besser haben.

Die Rückkehr zu den alten Rollenbildern geht nicht, alleinige Orientierung an Job und Beruf macht unglücklich. Wer zerschlägt diesen gordischen Knoten? Eine unheimliche Anstrengung.

 

Endgültig

 

 

 

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Andreas Pflüger, Endgültig, Suhrkamp 2016, ISBN 978-3-518-42521-3

 

Normalerweise bin ich kein Liebhaber von Thrillern. Doch seit den beiden letzten Büchern von Sebastian Fitzek mache ich hin und wieder einmal eine Ausnahme. Das vorliegende Buch von Andreas Pflüger, der als Drehbuchschreiber schon für über dreißig Filme, darunter viele Tatorte verantwortlich zeichnete, hat mich sofort angesprochen, auch deshalb, weil er bei Suhrkamp erschienen ist, dessen Lektorat für Qualität und literarischen Anspruch steht.

Ich habe mich nicht getäuscht und die 450 Seiten dieses überaus spannenden Buches fast ohne Unterbrechung gelesen. Genial konstruiert, arbeitet Pflüger mit zahlreichen Rückblenden, die dem Leser nach und nach die zunächst noch sehr rätselhaften Zusammenhänge erklären.

Seine Hauptfigur heißt Jenny Aaron. Sie ist die Tochter eines ehemaligen GSG 9 Beamten, der bei dem Einsatz in Mogadischu 1977 sich große Verdiente erwarb, und der seine Tochter ein Leben lang unterstützte und aufbaute. Jenny Aaron wurde schon in jungen Jahren nicht nur, aber auch wegen ihres Namens, das erste weibliche Mitglied einer Eliteeinheit der Polizei, die auch außerhalb Deutschlands undercover operierte.

Ein solcher Einsatz vor 5 Jahren in Barcelona geht schief und sie erblindet durch einen Schuss. Ihren Kollegen lässt sie in einer Tiefgarage schwer verletzt zurück, eine Hypothek, die sie seitdem belastet und die sie das ganze Buch über aufklären will. Jenny Aaron ist tough. Sie erlernt nicht nur die Blindensprache, sondern bald schon bewegt sie sich durch ihr Leben wie eine Sehende. Sie benutzt dafür unterschiedliche Laute und kann aus deren Echo genau ermessen, was da vor ihr liegt und in welcher Entfernung. Bald schon ist sie wieder im Dienst, nun als gefragte Vernehmungsspezialistin beim BKA in Wiesbaden, wo sie auch wohnt.

Das Buch beginnt damit, dass die früheren Kollegen aus Berlin Aaron um Hilfe bitten. Der Mörder Reinhold Boenisch, an dessen Verhaftung sie beteiligt war, hat in der Haft vermutlich eine Psychologin getötet  und will nur eine Aussage machen, wenn Aaron sie übernimmt.

Jenny Aaron übernimmt den Auftrag und gerät schon bald in Zusammenhänge und Netzwerke, die nicht nur ihr Leben bedrohen, sondern auch ihre Vergangenheit und insbesondere jenen gescheiterten Einsatz in Barcelona in ein ganz neues Licht rücken.

Insbesondere die Blindenthematik ist exzellent recherchiert (Andreas Pflüger gibt darüber in einem Nachwort Auskunft und kündigt auch eine Fortsetzung an). Die gleich zu Beginn implementierte Spannung wird bis zur letzten Seite ausrechterhalten und lässt dem Leser keine andere Wahl, als atemlos immer weiter zu lesen.

Ein auch literarisch sehr gelungenes Buch. Die Fortsetzung werde ich auf jeden Fall lesen.

 

 

Eskapaden

 

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Martin Walker, Eskapaden, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-80371-6

In seinen bisherigen Büchern mit dem sympathischen Bruno Courreges, dem Chef de Police in dem kleinen Städtchen St. Denis im Perigord ist es dem Engländer Martin Walker jedes Mal sehr gut gelungen, ein aktuelles Thema in einem konkreten Kriminalfall zu verbinden mit sehr aufschlussreichen Rückblicken in die dunklen Kapitel der französischen Geschichte.

Während es im letzten Band meines Erachtens zu viele verschiedene Handlungsebenen gab und das Buch deshalb etwas durcheinander wirkte, ist ihm im vorliegenden achten band wieder eine tolle Mischung aus aktuellen politischen Themen und in die Gegenwart reichender Hypotheken französischer Vergangenheit gelungen.

Da geht es zum einen um eine radikale Tierschützerin, die für viel Unruhe in St. Denis sorgt, zum anderen um die Rolle des legendären Kriegshelden Marco Desaix, einst ein Idol des jugendlichen Bruno und seine Verwicklungen in vergangenen und aktuelle Geheimdienstaffären.

Und natürlich geht es wieder um viel leckeres Essen und große Weine und um das Liebesleben Brunos. Schon kurz nach Beginn des Buches beendet seine Freundin Isabelle die sich nun schon über mehrere Bände hinziehende Beziehung, weil sie unabhängig bleiben will und Brunos Traum von einer Familie mit Kindern nicht im Wege stehen will.

Wann und ob Martin Walker seinem Bruno diesen Traum erfüllt, steht allerdings in den Sternen.
Eine leidenschaftliche Nacht, die Bruno mit einer der Hauptfiguren des Buches verbringt, kostet ihn fast den Job, den er dann doch in gewohnter Manier erfolgreich erledigt.

Diesen Band habe ich wieder mit großer Freude und fast ohne eine wesentliche Unterbrechung gelesen und freue mich schon jetzt auf die Fortsetzung in 2017.

Die hier anzuzeigende Hörbuchfassung, wieder von Johannes Steck gelesen, ist auch nach der ersten Lektüre des gedruckten Buches auf jeden Fall zu empfehlen. Sie ist aber auch ein adäquter Ersatz für das Buch, weil es ihr gelingt, jene ganz besondere Atmosphäre der Bruno-Romane und der Region, in der sie spielen, wunde