Das doppelte Lottchen

 

 

 

 

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Erich Kästner, Isabel Kreitz, Das doppelte Lottchen. Ein Comic, Dressler 2016, ISBN 978-3-7915-1171-9

 

Seit seinem ersten Erscheinen im Jahr 1949 haben unzählige Kinder mehrerer Generationen sich an diesem Buch von Erich Kästner erfreut. „Das doppelte Lottchen“ ist nach seinem Emil aus „Emil und die Detektive“ (1929) die bekannteste Kinderfigur aus den unzähligen Werken des 1974 gestorbenen deutschen Schriftstellers.

 

Nun hat der Dressler Verlag, in dem seit Jahrzehnten in über 150 Auflagen das Original erscheint, mit Isabel Keitz einer des besten Comic-Zeichnerinnen Deutschlands beauftragt, die Geschichte der beiden Mädchen in einem Comic darzustellen.

 

Sowohl in der graphischen Darstellung als auch in den Textsprechblasen hat sie eine dem Original entsprechende wunderbare Form gefunden, die nimm Unterschied zu den neueren Verfilmungen die Handlung in die Zeit versetzt, in der die Originalgeschichte spielt.

 

Eine gelungene Übertragung, für alle Kinder, die lieber Comics mögen als Lesen und für alle, die es interessant finden, das bekannte Buch einmal in einer anderen Interpretation kennenzulernen.

 

 

Stein für Stein

 

 

 

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Giuliano Ferri, Stein für Stein, Minedition 2016, ISBN 978-3-86566-283-5

 

Ein wunderbares Bilderbuch, das ganz ohne Worte auskommt und vielleicht deswegen eine besondere Aussagekraft besitzt, hat der Italiener Giuliano Ferri hier gezeichnet. Ein berührendes Bilderbuch über eine kleine Maus, die zunächst allein, dann aber mit Hilfe immer mehr Tieren eine hohe und dicke Mauer Stein fpür Stein abbaut und mit den Freunden zusammen aus den Steinen eine Brücke hinüber in ein anderes Land zu anderen Tieren baut.

 

Das schöne Bilderbuch zeugt schon den Allerkleinsten, wie man Mauern und Zäune durch Brücken ersetzen kann, wenn alle mithelfen und zusammenarbeiten. Genau die Steine, die einst trennten, werden die Bausteine für die verbindende Brücke.

 

Ein Buch mit sehr aktueller Botschaft.

Kindeswohl

 

 

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Ian McEwan, Kindeswohl, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-24377-2

 

Das Warten auf jedes neue Buch des englischen Schriftstellers Ian McEwan lohnt sich. In großer Regelmäßigkeit legt er handwerklich perfekte Romane vor, deren Zauber und sachlicher Präzision man sich nicht entziehen kann. Er schreibt in einer verständlichen Sprache, er analysiert kühl sowohl gesellschaftliche Verhältnisse wie menschliche Beziehungen und Seelen. Wer das große sprachliche, gar poetische Kunstwerk sucht bei Romanen, wird bei den Büchern von Ian McEwan mehr oder weniger enttäuscht werden.

 

So ist es auch bei seinem neuen Roman „Kindeswohl“, nun im Taschenbuch verfügbar, dessen eröffnende Sätze sehr typisch sind für McEwans ganzen Stil: „London. Sonntagabend, Eine Woche nach dem Ende der Gerichtsferien. Nasskaltes Juniwetter. Fiona Maye, Richterin am High Court, lag zu Hause auf der Chaiselongue und starrte über ihre bestrumpften Füße hinweg quer durch den Raum.“

 

McEwan geht sofort mitten hinein in die Szene und das Leben seiner Hauptpersonen. Fiona, 59 Jahre alt, hat soeben einen schrecklichen Streit hinter sich gebracht mit ihrem Mann, einem 60-jährigen Professor für Alte Geschichte, der ihr ganz locker gesagt hat, er wolle eine Affäre mit einer wesentlich jüngeren Frau beginnen. Das sei sein Recht, er wolle noch einmal richtig Sex, an dem sie ja wohl kein Interesse mehr habe.

 

Fiona wirft ihren Mann aus dem Haus und ergeht sich in Überlegungen über den körperlichen Verfall im Alter.  Doch für weiteres Selbstmitleid fehlt ihr die Zeit, es stehen wichtige Entscheidungen an bei Gericht.

 

Da ist der 17- jährige Sohn von zwei Zeugen Jehovas. Damit sein Leben gerettet werden kann, braucht er dringend Bluttransfusionen. Das lehnen aber sowohl seine Eltern, als auch der Junge selbst heftig ab mit Verweis auf ihre Religion. Die Klinikverwaltung will per Gerichtsentscheidung erzwingen, dass Fiona dieses Recht auf körperlicher Selbstbestimmung aufhebt. Wie schon 2005 in „Saturday“ (damals ging es Gehirnchirurgie) von McEwan bis ins Kleinste recherchiert, wird der Leser staunender Zuschauer einer Verhandlung, einem juristischen Konflikt um Leben und Tod.

 

Die Zeit drängt, doch bevor Fiona eine Entscheidung fällt, nimmt sie ihr Recht wahr, und besucht den kranken Adam in der Klinik. Als sie, aus ihrer professionellen Rolle fallend, den Jungen singend begleitet, als der ein von Benjamin Britten vertontes Gedicht von Yeats auf seiner Geige spielt, passiert in der Beziehung der beiden etwas Entscheidendes, das den weiteren Verlauf der Handlung des Buches wesentlich beeinflussen wird. Neben dieser sich langsam aufbauenden Dramatik beschreibt McEwan immer wieder andere Gerichtsfälle, wo es um das  „Kindeswohl“ geht. So interessant das auch ist, es lenkt ein wenig ab vom dem eigentlichen Thema: wie Fiona Maye die Begegnung mit dem jungen Adam erlebt und bewältigt.

 

Doch bei aller Kritik im Detail: Ian McEwan hat wieder einen großen Roman geschrieben und zeigt sich als Könner und Meister seines Faches

 

Saturday

 

 

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Ian McEwan, Saturday, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-80003-6

 

Um es vorweg zu sagen: dieses Buch ist ein Meisterwerk. Schon 2002 hatte Ian McEwan mit „Abbitte“ einen Roman vorgelegt, von dem man dachte, er könnte eigentlich nicht mehr übertroffen werden. Doch nun zeigt er, dass ihm schriftstellerisch immer noch eine Steigerung möglich ist.

Drei Hauptgründe finde ich dafür: zum einen beherrscht er eine elegante Sprache, die gleichzeitig leicht und dicht daherkommt, den Leser in seinem Innersten anzusprechen vermag und niemals prätentiös wird.
Zum anderen schafft er es wie kein zweiter mir bekannter zeitgenössischer Schriftsteller, das naturwissenschaftliche und kulturelle Wissen unserer Zeit in seine Romane einzuweben in einer Art und Weise, die den Leser nicht verwirrt, sondern ihn klüger und weiser zurücklässt.
Schlussendlich greift er Themen auf, die den Menschen direkt auf der Seele brennen. Er trivialisiert sie aber nicht, sondern diskutiert sie so ernsthaft und selbstkritisch es ihm nur möglich ist.

So ist die Geschichte dieses Romans, der von nur einem Tag, einem „Saturday“ im Leben des Londoner Neurochirurgen Henry Perowne handelt, dem Lebensgefühl eines gebildeten Mittelklasseeuropäers mitten aus der Seele geschrieben.

Eben noch ruht er sicher in seinem Leben, und dann sieht er sich quasi über Nacht mit Geschehnissen konfrontiert, die sein gesamtes Lebensgefühl und – konzept ins Wanken zu bringen drohen.
Man schreibt Samstag, den 15. Februar 2003. Es ist der Tag der größten Demonstration auf britischem Boden. Es geht gegen den Irak-Krieg und die britische Beteiligung daran. Henry Perowne wacht früh auf und beobachtet ein auf Heathrow landendes Flugzeug, aus dem Flammen schlagen. Er glaubt für Minuten tatsächlich, eine Wiederholung des Angriffs auf das World Trade Center mitzuerleben. „ Die Möglichkeit, dass es zu Ähnlichem kommen könnte, zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Tage.“
Erst später am Abend erfährt er, dass eine russische Frachtmaschine notlanden musste. Er fährt, wie beabsichtigt, zu einem Squash-Center, um an seinem freien tag mit seinem Kollegen zu spielen, als er, behindert durch einen von der Demo verursachten Stau einen BMW rammt. Die Begegnung mit den drei Insassen wird zu einem irreal wirkenden Showdown, aus dem er mit einem Trick wieder herauskommt.

Noch ist sein Glaube an die rationale Erkennbarkeit und Verbesserbarkeit der Welt noch intakt, doch am Abend nehmen die Ereignisse eine dramatische Wendung, die nicht vorweggenommen werden soll.
Als er spät in der Nacht zu Bett geht, ist sein Leben nicht mehr, wie es vorher war. Er muss erkennen, dass er nichts wirklich in der Hand hat, und sein Leben bedroht und gefährdet ist.

Ich habe dieses Buch mit großer innerer Erregung gelesen und bin begeistert von seiner großen Sprachmacht. Das fast gleichzeitig mit seinem Erscheinen am 7. Juli 2005 durch die verheerenden Anschläge in London seine Botschaft sich erfüllte, ist ein Zufall, der einen zittern macht.
Die äußere Bedrohung unserer demokratischen Gesellschaft durch den islamistischen Terror und die innere Bedrohung, durch eine sich immer weiter ausbreitende Gewaltbereitschaft und Verrohung, macht auch mir, einem 62- jährigen Familienvater eines 13-jährigen Sohnes große Sorgen.

Das Leben ist schwerer geworden in diesem Zeiten und die Hoffnung rar. Umso wichtiger bleibt wirklich gute Literatur.

Hier ist ein außergewöhnliches Exemplar davon.

 

Die nun von Diogenes produzierte gekürzte Hörbuchfassung, die Jan Josef Liefers wirklich überzeugend eingelesen hat, macht erneut deutlich, wie aktuell die Botschaft dieses wunderbaren Romans ist.

 

 

 

Die schwedischen Gummistiefel

 

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Henning Mankell, Die schwedischen Gummistiefel, Zsolnay 2016, ISBN 978-3-552-05795-1

 

Im Jahr 2007 veröffentlichte der mittlerweile verstorbene schwedische Schriftsteller Henning Mankell ein nachdenkliches, stellenweise schwermütiges, aber absolut ehrliches Buch mit dem Titel „Die italienischen Schuhe“ und zeigte mit ihm und anderen, die in diesem Zeitraum nach dem endgültigen Abschluss seiner Wallander-Reihe erschienen sind, dass er viel mehr kann als engagierte Krimis zu schreiben und als einer der besten Schriftsteller der letzten 25 Jahre in Erinnerung bleibt.

 

Es war ein Buch, in dem der ehemalige Chirurg Frederik Welin sich seiner Schuld und seiner Lebenslüge stellt und am Ende in sein Logbuch notiert:

„Bis hierher sind wir gekommen. Nicht weiter. Aber bis hierher.“

Ich schrieb damals am Ende meiner Rezension:

„Henning Mankell hat ein stilles, aber nicht minder engagiertes und bewegendes Buch geschrieben über Erfahrungen und Auseinandersetzungen des letzten Lebensabschnittes. Ob junge Menschen, die von seinen Wallanderromanen begeistert waren, die neue Stimme Mankells hören wollen, oder überhaupt können, sei dahin gestellt.
Aber wer bereit ist, sich ernst Fragen nach Schuld und Vergebung, Alter und Einsamkeit zu stellen, wird von diesem Roman außerordentlich für sich selbst profitieren.“

 

Als er im letzten Jahr mit „Treibsand: Was es heißt, ein Mensch zu sein“ nach seiner Krebsdiagnose ein sehr persönliches und ehrliches Buch veröffentlichte, in dem er den Fragen „Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Welche Art der Gesellschaft will ich mitgestalten?“ nachging, über Zukunftsfragen reflektierte, auf die Schlüsselszenen des eigenen Lebens zurückblickte und über die Möglichkeiten nachdachte, in dieser Welt ein sinnvolles Leben zu führen, hatte man das für seine letzte literarische Äußerung gehalten.

 

Doch vor seinem Tod erinnert er sich noch einmal an seinen nach einem Kunstfehler gescheiterten Chirurgen Frederik Welin aus „Die italienischen  Schuhe“ und schreibt eine Art Fortsetzung, die acht Jahre später spielt und auch ohne die Kenntnis des ersten Romans gut verstanden werden kann, zumal Mankell den wieder ich-erzählenden alt gewordenen Frederik Welin immer wieder auf die Geschichte der „italienischen Schuhe“ zurückkommen lässt.

 

Frederik Welins Haus in den Schären ist durch eine Brandstiftung vernichtet worden. Was ihm geblieben ist, ist ein Wohnwagen, ein Zelt und zwei ungleiche Gummistiefel. Und ein nunmehr völlig zerstörtes Leben. Lohnt es sich, noch einmal neu anzufangen?

Ein alter Mann, der alles verloren hat, was sein schon vorher brüchiges Leben ausgemacht hat, ringt um sein Leben, von der ersten bis zu letzten Zeile. Und er fragt sich:

Was weiß ich eigentlich über die Menschen, die mir nahestehen? In seinem Fall seine Tochter Louise, seinen Inselnachbarn Jansson, den mittlerweile pensionierten Postboten und die Journalistin Lisa Modin, die nach dem Brand recherchiert und in die sich Welin verliebt.

Was weiß ich über mich selbst? Der ganze Roman ist von der ersten bis zur letzten Zeile einer der ehrlichsten und schmerzhaftesten Selbstreflexionen, die ich je gelesen habe.

 

Als Welin in Paris, wohin er gerufen wurde, weil seine schwangere Tochter Louise dort wegen eines Taschendiebstahls verhaftet wurde, am Telefon erfährt, dass ein weiteres Haus in den Schären in Flammen aufgegangen ist, fährt er nach erfolgreichen Verhandlungen über Louises Freilassung wieder nach Hause zurück. Dieser zweite Brand, der genau wie der erste mit Brandbeschleunigern gelegt wurde, veranlasst die Polizei, die Ermittlungen gegen Frederik Welin, die ihm schwer zu schaffen gemacht haben,  einzustellen.

 

Doch wer war es? Wer hat so etwas getan? In den Begegnungen von Frederik Welin mit seiner Tochter, dem Vater des werdenden Kindes, der Journalistin, mit Jansson und anderen Schärenbewohner beschwört Mankell immer wieder die Möglichkeit, aber auch Notwendigkeit menschlicher Nähe angesichts der Einsamkeit, des Alters und dem nahen Tod.

 

Irgendwann erhärtet sich ein bisher unvorstellbarer Verdacht und das Rätsel der Brände scheint gelöst.  Doch die Beziehungen der Menschen untereinander bleiben ungeklärt und im geheimnisvollen Dunkel.

Fast erwartet man, dass Welin wie am Ende der italienischen Schuhe auch hier sagt:

„Bis hierher sind wir gekommen. Nicht weiter. Aber bis hierher.“

Doch er blickt dem eigen Tod ins Auge und sagt nüchtern:

„Bald würde der Herbst kommen. Aber die Dunkelheit schreckte mich nicht mehr.“

 

Ein lesenswertes, berührendes und unter die Haut gehendes literarisches Vermächtnis. Henning Mankell war ein Schriftsteller, der durch die Qualität seiner verschiedenen Romane zu Lebzeiten sicher den Nobelpreis verdient hätte.

 

Seine Bücher werden noch in Jahrzehnten aufgelegt und gelesen werden. Seine kritische und nachdenkliche Stimme allerdings wird fehlen.

KZ überlebt

 

 

 

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Stefan Hanke, KZ überlebt, Hatje Cantz 2016, ISBN 978-3-7757-4020-3

 

Schon als Kind begann sich der 1961 in Regensburg geborene Stefan Hank nicht nur für die Fotografie, sondern auch für die Zeit des Nationalsozialismus und seine Vernichtungslager zu interessieren. Der Spruch der Älteren: „Pass auf, sonst kommst du mich nach Dachau!“, deren kaltes Schweigen, mit dem sie dann seine Nachfragen beantworteten, die oberflächliche und verharmlosenden Behandlung der NS-Zeit in seiner Schule, begannen seine Fragen so virulent werden zu lassen, dass er im Alter von 17 Jahren zum ersten Mal mit seiner Kamera nach Dachau fuhr und dort versuchte, das Grauen zu fassen.

 

Seither hat ihn  dieses Thema nie losgelassen. Im Jahr 2004 beginnt er mit der Arbeit an seinem großen Projekt „KZ überlebt“, die er erst 10 Jahre später beendet. In der Zwischenzeit hat er 121 Überlebende der Vernichtungslager in vielen Ländern besucht, mit ihnen gesprochen  und Porträts von ihnen gemacht.

 

Im Jahr 2015 stellte er sie im Kunstmuseum Solingen und in bayerischen Landtag zum ersten Mal in Ausstellungen einer breiten Öffentlichkeit vor.

 

Anlässlich der Wiederholung der Ausstellung 20216 in Theresienstadt und im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und 2017 in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und im Kunst- und Gewerbeverein in seiner Heimatstadt Regensburg, hat der Hatje Cantz Verlag ein beeindruckendes Buch des Projekts verlegt, für das Eckart Dietzfelbinger eine kurze Einführung in „das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager“ geschrieben und Stefan Hanke ein persönliches Vorwort beigesteuert hat.

 

Das Buch und das gesamte Projekt ist ein beeindruckendes Beispiel einer gelebten Erinnerungskultur. Die Lebensgeschichten der porträtierten Frauen und Männer zeigen, dass die Überlebenden ihr ganzes Leben lang die inneren und äußeren Male des KZs trugen. Viele davon haben ihr Leben dem Einsatz dafür gewidmet, dass so etwas nie wieder geschieht und sich mit politischer oder schriftstellerischer Arbeit gegen Rassismus und für die Versöhnung von Menschen und Nationen engagiert.

 

 

Schnell, dein Leben

 

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Sylvie Schenk, Schnell, dein Leben, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-25331-5

 

Als ich während der Lektüre dieses Romans über die mir bis dahin unbekannte Autorin zu recherchieren begann und feststellte, dass „Schnell, dein Leben“ mitnichten ein literarisches Debüt ist, wie ich zunächst annahm, bedauerte ich es bald sehr, diese wunderbare Schriftstellerin nicht schon früher entdeckt zu haben. Acht Bücher hat sie, seit sie 1992 begann auf Deutsch zu schreiben, schon in verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

 

Nun veröffentlicht sie mit „Schnell, dein Leben“ einen autobiographisch geprägten Roman zum ersten Mal bei Hanser in München.

 

Er erzählt die Geschichte ihres Alter Egos Louise, einer jungen Frau, die kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges in den französischen Alpen geboren wird, dort aufwächst und in einer großen Familie bald erfährt, dass es drei Kriege mit „den Deutschen“ gab und man sich vor ihnen in Acht nehmen sollte.

 

Nach Abschluss ihres Abiturs erlauben es die Eltern, dass Louise nach Lyon zum Studium geht. Dort trifft sie auf den deutschen Austauschstudenten Johann, in den sie sich verliebt. Auch er ist in einer Stadt bei Frankfurt in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen in einem Klima des Schweigens und Verschweigens dessen, was doch noch nicht vergangen ist.

 

Louise und Johann heiraten früh, sie geht mit ihm nach Deutschland und hat es schwer. Nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit einer noch unbegriffenen Last, die über der Zukunft der beiden liegt. Als der aus Lyoner Zeiten gemeinsame Freund Henri, dem sie nach wie vor regelmäßig bei Bergwanderungen begegnen, Louise wohl auch aus persönlichen Motiven (seine Eltern sind als Partisanen umgekommen) unbestreitbare Beweise über Kriegsverbrechen vorlegt, an denen Johanns Vater beteiligt war, wird der Mantel des Schweigens so schwer, dass das junge Ehepaar, noch sprachlos, an der Vergangenheit zu ersticken droht.

 

Wie es Louise schafft, damit umzugehen, die fremde Sprache zu lernen und bald schon sogar mit ihr ihren Schriftstellertraum zu verwirklichen, wie es ihr gelingt, mit Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit auch ihre in die Krise geratene Ehe und Familie zu retten, ist bewundernswert.

 

Sylvie Schenk schreibt in der Du-Form, das heißt, sie redet das ganze schmale Buch über ihre Protagonistin und Alter Ego mit Du an. Was ihr die Möglichkeit zur Distanz und Kritik gibt, und dem Leser ermöglicht, zwischen der Autorin und ihrem hier wohl die Grundlage bildenden Leben zu differenzieren.

 

Neben dem autobiographischen Zeugnis besticht das Buch aber auch durch seine feine Beobachtungsgabe über die Entwicklungen in Deutschland und  Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg und die vorsichtige Annäherung der beiden Länder nach dem Elyseevertrag zwischen de Gaulle und Adenauer.

 

Bewegend war für mich, wie der alt gewordene und kranke Johann sich in späten Jahren öffnet, seiner Frau von seinen Kindheitserinnerungen erzählt, sein Schweigen bricht und so für das jahrzehntelang Unsagbare auch für sie endlich Worte findet. Erst in diesem Augenblick ist wirkliche und echte Nähe zwischen den noch immer sich Liebenden möglich.

 

Ein starkes, eindrucksvolles Buch einer Frau, an deren Büchern ich nicht mehr vorbeigehen werde.

 

 

 

 

Und damit fing es an

 

 

 

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Rose Tremain, Und damit fing es an, Insel Verlag 2016, ISBN 978-3 458-17684-8

 

Der neue Roman der englischen Schriftstellerin Rose Tremain erzählt die Geschichte von Gustav Perle, seiner Mutter Emilie und seinem lebenslangen jüdischen Freund Anton Zwiebel. Es ist eine bewegende Geschichte, eingebettet in das Leben in einem Schweizer Dorf von den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts bis zu seinem Ende 2002. Eine Geschichte, die davon erzählt, „dass es manchmal fast ein ganzes Leben dauert, bis man das Glück findet – in dem einen Menschen, den man zum Leben braucht.“ (Rückseite des Buchumschlags)

 

Das Buch beginnt mit der Geschichte des kleinen Gustav Perle, der mit seiner Mutter Emilie in dem Schweizer Städtchen Matzlingen wohnt. An seinen Vater, den stellvertretenden Leiter der örtlichen Polizeistation, hat er kaum Erinnerungen. Seine Mutter, der es ein Leben lang sehr schwer fällt ihren Sohn zu lieben, nennt den Vater eine Helden. Er habe während des Krieges vielen Menschen geholfen. Worin diese Hilfe bestand, wird dem Leser bald deutlich, als Gustavs neuer Freund Anton Zwiebel, um den er sich zunächst im Kindergarten und dann in der Schule fürsorglich kümmert, zum ersten Mal nach langem Hin und Her Gustav zu Hause besuchen darf, nachdem dieser schon oft in der Familie des jüdischen Bankiers eingeladen war.

Emilie Perle reagiert schon fast unfreundlich zurückhaltend auf Anton, und deutet ihrem Sohn an, das sein Vater wegen Menschen wie ihnen ins Unglück geraten ist. (was damals genau geschehen ist, erzählt Rose Tremain genau wie die Kennenlerngeschichte von Gustavs Eltern in einem zweiten Teil, der in die Zeit vor dem Kriegsende zurückgeht).

 

Gustav spürt die Abwehr seiner Mutter, lässt sich aber nicht beirren. Er hat Anton Zwiebel liebgewonnen und darf schon bald zusammen mit dessen Familien zunächst tageweise Zeit verbringen später dann ganze Urlaube.

 

Gustav entbehrt die mütterliche Liebe, während Anton von seinen Eltern so sehr damit überhäuft wird, dass er dem Erwartungsdruck seiner Eltern aus ihm einem berühmten Konzertpianisten zu machen, nicht stand hält und ein von vielen Brüchen geprägtes Leben führt. Gustav jedoch verliert seinen Freund nie aus den Augen. Da sie verschiedene Lebensentwürfe haben, verbringen sie lange Phasen getrennt voneinander.

 

In einem dritten Teil springt Rose Tremain ins Matzlingen der neunziger Jahre. Gustav Perle, der nie mit einer Frau zusammengelebt hat, während Anton unzählige unbefriedigende Affären hat, hat vor langer Zeit schon mit dem Erbe der Mutter des Vaters jenes alte Gasthaus gekauft und in ein Hotel umgebaut, in dem seine Mutter früher ihr karges Brot verdiente. Er findet seinen Lebensinhalt darin, es für seine Gäste schön zu machen und ihnen einen angenehmen Aufenthalt zu bieten.

 

Nach einer großen Lebenskrise die Anton und Gustav unabhängig voneinander erleben, scheint es, also ob sie sich nie wieder begegnen würde. Doch der Schluss des bewegenden Buches, der 2002 in Davos spielt, dort wo Gustavs Mutter ihre glücklichsten Lebenstage verbrachte, nachdem sie ihren Mann kennenlernte, wird der Leser eines Besseren belehrt und er begreift auch, warum im englischen Original das Buch „The Gustav Sonata“ heißt.

 

Ein wunderbarer Roman über Freundschaft, Liebe und Toleranz, der mich vom Anfang bis zu dem etwas knappen Ende nicht mehr losgelassen hat.

 

 

 

 

Der Kreis

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Andreas Maier, Der Kreis, Suhrkamp 2016, ISBN 978-3-518-42547-3

 

Mit dem vorliegenden fünften Band seines autobiographischen Romanprojekts „Ortsumgehung“ ist der in Friedberg in der Wetteraus geborene und aufgewachsene Schriftsteller Andreas Maier nicht nur fast in der Hälfte des auf angeblich elf Bände angelegten Werkes angekommen, sondern in dem Roman „Der Kreis“ vollzieht sich auch eine Art Wende, die Geburt eines Künstlers und einer Idee von der Welt und seiner Aufgabe in ihr.

 

Inspiriert von Thomas Bernhard, über den er auch promovierte, entwickelte Andreas Maier schon in den Bänden „Das Zimmer“, „Das Haus“, „Die Straße“, „Der Ort“ seit 2010 von Buch zu Buch das autobiographische Erzählen als Kunstform und erweitere sukzessive sein Beobachtungsspektrum. Quasi wie in konzentrischen Kreise erzählt er immer wieder von seiner Kindheit und Jugend und setzt mit jedem Buch immer wieder neu an, bezieht sich auf Bekanntes, fügt Neues hinzu und begleitet als erwachsener Intellektueller mit großem Einfühlungsvermögen sich selbst als Kind und Jugendlicher auf dem Weg in die Welt und ins künstlerische, ästhetische und politische Bewusstsein.

 

In „Der Kreis“, folgerichtige Erweiterung des Lebensradiusses nach dem Ort, fängt Maier wie noch einmal von vorne an und gibt dem Titel neben der geographischen Einordnung der Handlung noch eine weitere Bedeutung: „Ein Kreis ist ein Kreis, weil das Ende in den Anfang mündet und damit verschwindet. Der Kreis hat kein Vorne und kein Hinten, und wenn man ihn als Band zur Möbiusschleife bindet auch kein Innen und Außen.“

 

Unterteilt in die Kapitel: Grundschule, Unterstufe, Mittelstufe, Oberstufe geht er zunächst noch einmal weit zurück in die Kindheit und erzählt neben schon Bekanntem vorzugsweise von der Wahrnehmung und der Anziehung des Kindes, die das Bücherzimmer der Mutter, ihr rastloses Schreiben und die vielen Bücher ausübten.

 

Die vier Teile entsprechen nicht nur verschiedenen Altersstufen, sondern sie beschreiben auch verschiedene Kunstbereiche, denen sich der Heranwachsende nähert: Philosophie, Musik, Theater, Literatur.

 

Aus dem Blick des Erwachsenen beschreibt er, was dem kindlichen Ich damals noch unverständlich war und kann sich umso tiefer darin versenken. In der Lektüre der Mutter (neben den Werken des Friedbergers Fritz Usinger auch Hans Küng und Hoimar von Ditfurth), in ihren Versuchen am Klavier (Bach) „umwehen“ schon das Kind Sphären, die es anziehen.

Als er als Dreizehnjähriger sein erstes großes Konzert erlebt, erfährt er, was diese laute Musik bewirkt. Die Beschreibung eines Konzertes 1980 in der Frankfurter Festhalle ist große sprachliche Kunst, genauso wie die Schilderung einer Theateraufführung an seiner Schule, bei der drei ältere Friedberger Schüler (Thomas Heinze, Rene Pollesch und Matthias Herrmann) ihm einen Eindruck davon geben, was künstlerische Identität sein könnte. Hier an dieser Stelle, das ist spürbar, wird der spätere Künstler Andreas Maier geboren, als der er, da bin ich sicher, die zweite Hälfte seiner „Ortsumgehung“ erzählen wird.

 

Andreas Maiers Zyklus ist ein beeindruckendes Erinnerungsprojekt und bis jetzt ein wertvolles literarisches Zeugnis dessen, was Kindheit und Erwachsenwerden bedeuten können.

 

Es sind immer mehr Leser, die jedes Jahr auf den nächsten schmalen Band warten von dem ich nicht weiß, ob er vielleicht nicht schon längst geschrieben ist. An einer Stelle in „Der Kreis“ bezeichnet sich der 1967 geborene Maier als Vierzigjährig. Das würde ja bedeuten, dass das Buch schon seit zehn Jahren fertig ist.

 

Wie dem auch sei, dieser fünfte Band hat auch dem letzten Skeptiker gezeigt, dass Andreas Maier ein großer Künstler und Schriftsteller ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Flugschule

 

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Lita Judge, Flugschule, Ravensburger Verlag 2016, ISBN 978-3-473-44679-7

 

Eines Tages kommt  der kleine  Pinguin mit seinem Boot zur Flugschule gefahren und erkundigt sich nach der nächsten Flugstunde. Auf den Hinweis des Lehrers, Pinguine seien nicht zum Fliegen geschaffen, erklärt er selbstbewusst: „Das stimmt. Aber ich habe das Herz eines Adlers!“

 

Skeptisch, aber wohlwollend, lassen der Lehrer und der Flamingo den kleinen  Pinguin mitmachen. Und er übt jeden Tag. Doch als es zum ersten Fliegen geht, fällt er ins Wasser.

 

Traurig macht sich der Pinguin auf den Heimweg und seine Lehrer bleiben ratlos zurück. Dabei ist er doch im Herzen ein Meisterflieger…

Doch der Flamingo, der sich des Pinguins besonders angenommen hat, hat eine Idee und ruft den Pinguin zurück. Mit Schnüren und Federn bauen sie eine Art Vorrichtung, mit der der Flamingo den Pinguin sozusagen im Schlepptau mit in die Lüfte nehmen kann. Der Pinguin ist glücklich, auch wenn er bald erneut abstürzt. Er hat das Glück der Lüfte erlebt! Alle sind zufrieden und glücklich fährt der Pinguin mit seinem Boot nach Hause.

 

Das Buch endet lustig, denn den Pinguin kehrt zurück, einen Strauß in seinem Boot. Er sei sein Freund und habe das Herz einer Schwalbe,  erklärt er den verdutzten Fluglehrern…

 

Ein schönes, witziges Bilderbuch darüber, wie man mit etwas Phantasie so manchen unmöglichen Traum verwirklichen kann.