Armstrong

 

 

 

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Torben Kuhlmann, Armstrong, Der Hörverlag 2016, ISBN 978-3-8445-2340-9

 

Torben Kuhlmanns ausdrucksstark illustrierte Bilderbücher bilden eine eigene Kategorie,  in der er eine Tiergeschichte verbindet mit der kindgerechten Darstellung von Technik- und Wissenschaftsgeschichte.

In „Maulwurfstadt“ hatte er 2015 als eine Art Spiegelbild unserer modernen Welt eine unterirdische Maulwurfstadt entworfen,  das sich las und anschaute wie ein Streifzug durch die Geschichte des Fortschritts übertragen auf die Welt und Entwicklung bei Maulwürfen.

 

Nun hat er für sein  drittes Buch, die schon aus seinem ersten, in 20 Sprachen übersetzten Werk „Lindbergh“ bekannte Maus wieder hervorgeholt und  die Geschichte der Mäuseluftfahrt weiter erzählt.

 

Er versetzt seine jungen Leser zurück in das Amerika in den 1950er Jahren. Eine kleine, wissbegierige Maus beobachtet jede Nacht den Mond durch ein Fernrohr, während ihre Artgenossen einem höchst unwissenschaftlichen Käsekult verfallen sind. Kann der Mond wirklich aus Käse sein? Angespornt durch die Pionierleistungen der Mäuseluftfahrt, beschließt die kleine Maus, der Frage auf den Grund zu gehen. Sie fasst einen großen Entschluss: Sie wird als erste Maus zum Mond fliegen!

 

Torben Kuhlmann erzählt mit wunderbaren und eindrucksvollen Bildern eine spannende Geschichte einer sympathischen Maus und wie nebenbei vermittelt er wichtige Daten der menschlichen Raumfahrt.

Wie er das miteinander verbindet ist genial.

 

Schon wie bei “Lindbergh“ ist Bastian Pastewka bei der 47 Minuten dauernden Lesung dieses schönen Buches in alle Rollen geschlüpft und lässt das Weltraumabenteuer für kleine und große Luftfahrtfans lebendig werden.

 

 

Meine geniale Freundin

 

 

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Elena Ferrante, Meine geniale Freundin, Suhrkamp 2016, ISVBN 978-3-518-42553-4

 

„Meine geniale Freundin“ ist der erste Band einer vierteiligen Romanreihe, die die unter dem Pseudonym Elena Ferrante schreibende italienische Schriftstellerin in den Jahren 2011 ff. unter dem Titel „Neapolitanische Saga“ veröffentlicht hat, und die der Suhrkamp Verlag, der sich die Rechte an dieser Tetralogie gesichert hat, nun in schneller Folge veröffentlicht. Die Bände 2-4 sind alle für das Jahr 2017 angekündigt.

 

Elena erzählt in diesem Werk ihr Leben. Im ersten hier vorliegenden Band geht es um ihre Kindheit und die frühe Jugend und ihre außerordentliche Freundschaft mit Lila, der Tochter eines kleinen Schusters. Beide wohnen in einem armen Stadtteil Neapels, aus dem sie die ersten zehn Jahre ihres Lebens nicht herauskommen.

 

Elena beschreibt das Auf und Ab einer sehr ungewöhnliche Freundschaft zwischen zwei Mädchen, das von ihrer Seite jedenfalls durchgängig geprägt ist von einer Konkurrenz, für die sich Elena oft schämt, aus der sich aber nicht entrinnen kann.  Immer wieder glaubt sie, sich selbst und ihre Freundin zu kennen, genau einschätzen zu können, wie sich ihr Verhältnis gestaltet, und ist dann doch immer wieder überrascht, über die Jahre permanent Neues zu entdecken.

 

Der Roman ist nicht nur eine absolut lesenswerte und spannende Kulturgeschichte  und ein Sittenbild des armen Neapels nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern führt auch in der frühen Lebensgeschichte Elenas, die in den folgenden Bänden  fortgesetzt wird, schon den Einfluss der Camorra ein, die auf das Leben ihrer Freundin Lila bald einen wichtigen Einfluss haben wird.

 

Sechs Jahrzehnte werden Elena und Lila Freundinnen bleiben, bis die eine spurlos verschwindet (dies wird in einem Prolog beschrieben) und die andere daraufhin beginnt, auf alles Gemeinsame zurückzublicken, um hinter das Rätsel dieses Verschwindens zu kommen.

 

Das Buch und die ganze Reihe ist von der Literaturkritik gelobt worden, wie ich finde zu Recht. Ich halte es für ein mit großer Kraft geschriebenes Meisterwerk über die große Macht und Kraft einer lebenslangen Freundschaft.

 

Ich war atemlos begeistert von diesem auch sprachlich anspruchsvollen Buch und kann es kaum erwarten im Februar 2017 den zweiten Band in Händen zu halten.

 

 

 

Bella mia

 

 

 

 

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Donatella Di Pietrantonio, Bella mia, Kunstmann 2016, ISBN 978-3-95614-091-4

 

In ihrem Debütroman „Meine Mutter ist ein Fluss“ beschrieb die italienische Schriftstellerin Donatella Di Pietrantonio mit einer dichten Sprache voller Poesie die schwere Lebensgeschichte ihrer Mutter. Sich mit ihren Worten regelrecht frei schreibend, näherte sie sich der gemeinsamen Lebensgeschichte von Mutter und Tochter bis sie einen vorher nicht für möglich gehaltenen Punkt erreicht, an dem so etwas erfahrbar wird wie Versöhnung zwischen  Tochter und Mutter. Eine Versöhnung, die es der Tochter auch in der Zukunft ermöglichen wird, selbst mehr als Mangel zurückzugeben.

Auch ihr zweiter Roman „Bella mia“ führt den Leser wieder in die archaisch anmutende Welt der Abruzzen. Es ist die 2009 von einem Erdbeben in Schutt und Asche gelegte Stadt L’Aquila, die in einem Volkslied als „Bella mia“ besungen wird.

 

Man würde vermuten, dass in diesem Buch auch darum geht, wie eine verfehlte und korrupte Politik bei diesem Erdbeben nicht nur zu einer hohen Zahl von Opfern geführt hat , sondern auch den nötigen Weideraufbau auf unabsehbare Zeit hin verzögert. Doch um diese Dramatik geht es nur am Rande.

 

Die Hauptfigur dieses wieder mit viel psychologischem Gespür geschriebenen und von Maja Pflug gewohnt gekonnt übersetzten  Romans, Caterina, hat bei dem Erdbeben 2009 ihre Zwillingsschwester Olivia verloren.

Sie, die als Erzählerin ihre Geschichte erzählt, lebt nun zusammen mit ihrer Mutter und dem Sohn ihrer Schwester am Stadtrand. Sie hat sich ihre Keramikwerkstatt wieder aufgebaut und setzt sich, von Donatella Di Pietrantonio sensibel und warmherzig beschrieben, mit dem Leben ihrer Schwester auseinander und mit dem Verhältnis der beiden Zwillinge.

 

Neben den tiefgehenden Inneneinsichten der Beziehung zweier Schwestern ragen die wunderbaren Landschaftsbeschreibungen in diesem Roman hervor. „Bella mia“ ist ein Roman, der erzählt von Liebe und Schmerz, von der Kraft der eigenen Wurzeln und von dem Mut, den man braucht um nach einer Katastrophe wieder neu anzufangen und das Leben neu lieben zu lernen.

 

 

 

Gärten an den italienischen Seen

 

 

 

 

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Steven Desmond, Marianne Majerus, Gärten an den italienischen Seen, Gerstenberg 2016, ISBN 978-3-8369-2112-1

 

Von den im Titel angenommenen „italienischen Seen“ haben die beiden Autoren des vorliegenden prächtigen Bildbandes leider nur den Comer See und den Lago Maggiore mit ihrer Kamera besucht.

 

Es sind Gärten an den Ufern der beiden Seen und auf deren Inseln, Landschaften, die berühmt und beliebt sind für ihre Schönheit und Vielfalt in der Natur und Landschaftsgestaltung. In diesem Teil von Gottes schöner Erde sind auch die beschriebenen und abgebildeten Gärten eingebettet wie kleine Juwele. Sie sind jeweils ausführlich beschrieben und ein Anhang am Ende zeigt dem Touristen seinen Weg dorthin.

 

Wunderbare Fotografien werden ergänzt durch klassische Stiche und Gemälde.

 

Eine gute Motivation, diese wunderschönen Landschaften einmal wieder zu besuchen.

 

Die Flüchtlingsrevolution

 

 

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Marc Engelhardt (Hg.) Die Flüchtlingsrevolution, Pantheon 2016, ISBN 978-.3-570-55339-8

 

Wenn man die Nachrichten der letzten beiden Jahre in unserem Land verfolgt hat, kann man zu dem Eindruck kommen, Flüchtlinge seien ein europäisches und dort hauptsächlich ein  deutsches Phänomen (die meisten nennen es ein Problem). Doch dass Menschen aus ihrer angestammten Heimat fliehen aus den unterschiedlichsten Gründen ist schon seit langem ein weltweites, ein globales Phänomen.

Menschen flüchten vor Krieg und Gewalt, vor Ungleichheit und Verfolgung, aus Angst vor dem Untergang oder dem Krieg in ihrer Heimat oder aus Sorge um die Zukunft ihrer Kinder. Diese neue Völkerwanderung verändert unsere Welt schon jetzt. Die Zahl von 60 Millionen, die die UN nennt, wird noch wachsen. Die sogenannten Weltreporter nennen das nicht mehr Flüchtlingskrise, sondern prägen den Begriff der „Flüchtlingsrevolution“.  In unzähligen Gesprächen mit Menschen überall auf der Welt, in denen es um Hoffnung, Leid, Hilfsbereitschaft und Verunsicherung geht, kommen sie zum dem Schluss, dass die ganze Welt von den Ideen und Plänen dieser Menschen für eine neue Zukunft profitieren kann,  wenn sie Veränderung zulässt und Herausforderungen auf innovative Art und Weise löst.

 

Ein Buch, das Mut macht und Hoffnung sät in einer Situation, in der viele Menschen bei uns und anderswo vor dem Phänomen in Angst erstarren und  innen und außen Zäune hochziehen.

 

 

 

Patient ohne Verfügung

 

 

 

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Matthias Thöns, Patient ohne Verfügung, Piper 2016, ISBN 978-3-492-05776-9

 

Das vorliegende Buch von Matthias Thöns, der schon seit langer Zeit über dieses Thema nachdenkt und als niedergelassener Palliativarzt vielfältige Erfahrungen damit gemacht hat,, ist ein weiterer großer Stein, der aus einer großen Mauer entfernt wird. Eine Mauer, über eine lange Zeit aufgebaut worden, die um den Tod herumgezogen wird. Eine Mauer, die den Tod tabuisiert und ins Anonyme von Sterbezimmern, Altenheimen und Krankenhäusern zwingt. In einer Gesellschaft, die das Junge preist, den Erfolg, die der Leistung und der Schönheit huldigt, hat der Tod keinen Platz.

 

Doch es gibt schon seit vielen Jahren eine Bewegung, die nicht nur in Büchern, sondern auch ganz praktisch in immer mehr Hospizen und den Gruppen, die sie tragen, haupt- und vor allen Dingen ehrenamtlich, versucht, eine Kultur zu etablieren, in der man über das Sterben und den Tod wieder reden und den Abschied leben lernen kann.

 

Das vorliegende Buch ist ein wichtiger Beitrag dazu. Mit großer Detailkenntnis schreibt Matthias Thöns vom „Geschäft mit dem Lebensende“, das mit „Patient(en) ohne Verfügung“ in den deutschen Kliniken gemacht wird.

 

Da geht es in verschiedenen Kapiteln in einem ersten Teil um die häufigsten Fälle, wo Leben sinnlos verlängert und das Leiden der Menschen nicht gelindert wird:

 

  • Lungenversagen
  • Chemotherapie ohne Wenn und Aber
  • Unnötige Operationen
  • Wehrlos im Wachkoma
  • Dialyse
  • Strahlentherapie
  • Künstliche Ernährung

u.a.

 

In einem zweiten Teil geht es um Alternativen bei Schmerzen, beim Notarztdienst, und in der Palliativversorgung.

 

Es geht um den mündigen Patienten. Zu dieser Mündigkeit will das Buch ermutigen. Deshalb hat Thöns auch im Anhang eine Patientenverfügung abgedruckt, die auf den neuesten rechtlichen Stand ist.

 

Es ist wichtiges Buch, das keinen unberührt lässt, der sein  eigenes Sterben und seinen Tod nicht immer noch mit Macht verdrängt (dann greift er wohl nicht zu diesem Buch). Ein Buch für Menschen, die für sich selbst und dann vielleicht auch im Gespräch mit denen, die ihnen lieb und wert sind, lernen wollen, sich in dieser Tabuzone freier zu bewegen Dazu will Matthias Thöns mit seinen Plädoyer gegen Übertherapie am Lebensende ermutigen. Er wäre sicher auch mit jenem Satz einverstanden, den Henning Scherf und Annelie Keil in ihrem gleichzeitig erschienenen Buch „Das letzte Tabu“ formulieren:

„Alles Leben ist endlich. Wir möchten Mut machen, sich darauf wieder zu besinnen. Gerade im Sterben, wenn wir unsere Verletzlichkeit besonders stark erfahren, brauchen wir Professionalität und Phantasie, Eigensinn und gegenseitigem Respekt, vor allem aber persönliche menschliche Zuwendung. Wenn wir Ängste und Sorgen gemeinsam annehmen, bleibt niemand ausgeschlossen; so kann eine Kultur der Menschlichkeit am Lebensende gelingen.“

 

 

Die Geschichte der Israelis und Palästinenser

 

 

 

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Martin Schäuble/Noah Flug, Die Geschichte der Israelis und Palästinenser, DTV 2016, ISBN 978-3-423-62631-6

 

Der Konflikt um „Erez Israel“, wie es die Juden nennen, oder „Palästina“, wie es die Palästinenser bezeichnen, ist uralt. Es vergeht kaum ein Monat, wo nicht dieses umstrittene und umkämpfte Gebiet und die Menschen, die dort leben und arbeiten, oft über mehrere Tage hinweg Thema in unseren Nachrichten sind. Manches Mal gibt es auch Hintergrundsendungen oder Talkshows, doch auch hier wird immer nur das wiederholt, was alle schon kennen, häufig verbunden mit der Einschätzung, daß dies eben ein alter Konflikt sei, der wohl nie gelöst werden wird. Dennoch mühen sich die Administrationen der großen Mächte dieser Erde immer wieder, die Beteiligten an diesem unendlichen Konflikt an einen Tisch zu bringen und auch die Achsenmächte mit ein zubeziehen. Sie tun dies nicht, weil sie dieses Land so lieben würden. Deutschland tut es aus geschichtlicher Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk, andere tun es aus Machtinteresse. Und dennoch braucht dieses durch zahllose Kriege gebeutelte Land und die miteinander verfeindeten Bevölkerungsteile nichts mehr als Frieden. Denn diese Weltgegend ist nicht nur aus vielfältigen historischen Gründen ein Pulverfaß. Gelingt es nicht, dort die Konflikte wenigstens einzudämmen, könnte daraus ein großer, letztlich weltumspannender Konflikt katastrophalen Ausmaßes werden.

Dem vorliegenden Buch gelingt es auf beispielhafte Weise, die betroffenen Menschen zu Wort kommen zu lassen, und über diese persönlichen Zeugnisse aus Vergangenheit und Gegenwart dem jugendlichen und auch erwachsenen Leser einen profunden geschichtlichen und politischen Überblick zu geben. Dass die beiden engagierten Autoren auch nicht wissen, wie das Problem zu lösen sei, liegt in der Natur und der Dimension des Konflikts. Aber ihr publizistischer Weg, die Menschen zu Wort kommen zu lassen, ist nachahmenswert.

Ausgesuchtes Bildmaterial, Literatur- und Webhinweise, sowie eine Zeittafel runden ein ausgesprochen gelungenes und empfehlenswertes Buch ab, das in jede öffentliche Bibliothek gehört. Die hier vorliegende Ausgabe bei DTV ist eine erneut aktualisierte und erweitere Neuausgabe.

 

Der Garten der verlorenen Seelen

 

 

 

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Nadifa Mohamed, Der Garten der verlorenen Seelen, DTV 2016, ISBN 978-3-423-14516-9

 

Im Jahr 1981 wurde die Autorin des vorliegenden Romans, den C.H. Beck dankenswerterweise in sein Programm genommen hat, in Hargeisa, einer Stadt in Somalia geboren. Schon als Kind emigrierte sie mit ihrer Familie nach London und studierte in Oxford Geschichte und Politik. Mit ihrem ersten Roman „Black Mamba Boy“ erfuhr sie in Großbritannien eine ungewöhnliche Beachtung, die ihr hier in Deutschland mit ihrem Buch „Der Garten der verlorenen Seelen“ nur zu wünschen ist.

 

Mit ihm kehrt Nadifa Mohamed in ihr Heimatland zurück und verortet die Handlung ihres Buches zeitlich Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Der Diktator Siad Barre hat seine Herrschaft ausgebaut, doch die Bevölkerung leidet, und der Bürgerkrieg, der dann ausbrechen wird (und vor dem Nadifa Mohameds Familie geflohen ist) ist in seinen Vorläufern schon zu spüren.

 

Vor diesem Hintergrund erzählt Nadifa Mohamed die bewegende Geschichte dreier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ihr Schicksal scheint sie unwiderruflich miteinander zu verbinden, aber nicht in Freundschaft, sondern in Feindschaft. Am Ende werden sie in einer besonderen Form von altersübergreifender Frauensolidarität nicht nur ihr Leben retten, sondern auch ihre jeweilige Würde.

 

Das Buch ist so aufgebaut, dass in einem ersten Teil die drei Frauen sich konflikthaft begegnen. Da ist das aus einem Flüchtlingslager entkommene Mädchen Deqo, die versucht, sich in der Stadt durchzuschlagen, die weise und alte Kawsar und Filsan, etwa dreißig Jahre alt, die als Offizierin für das herrschende Regime arbeitet und seiner Ideologie treu ergeben ist, bevor sie langsam in Ungnade fällt

 

In einem zentralen, sich über 180 Seiten hinziehenden zweiten Teil erzählt Nadifa Mohamed abwechselnd die Geschichten dieser drei sehr unterschiedlichen Frauen und ihr jeweiliges Schicksal, bevor sie sie in einem abschließenden dritten Teil erneut zusammenkommen und sie miteinander ihr Leben retten lässt.

 

„Der Garten der verlorenen Seelen“ ist ein Roman über das Leben von Frauen in einem Land, das schon damals innerlich zerrissen war. Er hält fest daran, dass es auch in der größten Not, mitten im Krieg und im Elend so etwas wie Würde gibt, die man verlieren, aber auch erhalten kann. Und er strahlt so etwas aus wie Schönheit und Liebe, die seine handelnden Personen leidenschaftlich an ihrem Leben festhalten lassen.

 

Das Buch ist eine Liebeserklärung an eine verlorene Heimat. Ein Ausdruck der Hoffnung, dass es vielleicht irgendwann in Somalia so etwas geben könnte wie die Solidarität der drei vorher verfeindeten Frauen aus unterschiedlichen Generationen.

 

Und es ist ein Zeugnis dafür, dass das Leben oft aus Kampf und reinem Überleben besteht und dass gerade darin sein Sinn verborgen ist.

 

 

 

Nach einer wahren Geschichte

 

 

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Delphine de Vigan, Nach einer wahren Geschichte, Random House Audio 2016 , ISBN 978-3-8371-3641-8

 

Nachdem die französische Schriftstellerin Delphine de Vigan vor über drei Jahren mit dem autobiographisch geprägten Roman „Das Lächeln meiner Mutter“ auch in Deutschland der Durchbruch gelang, schrieb ich in meiner Rezension begeistert:

„Delphine de Vigan ist mit ihrer literarischen Suche nach dem Lächeln ihrer Mutter ein Familienroman gelungen, der über drei Generationen wie in einer romanhaften Familienaufstellung ein Bild von einer französischen Großfamilie des Bürgertums der 50 er und 60 er Jahre zeichnet, aber auch ihre dunkle Seiten, ihre Familiengeheimnisse und die Ängste der einzelnen Mitglieder offenlegt. Es herrscht in dieser Familie, geprägt auch durch viele unbearbeiteten Schicksalsschläge eine tiefe Verzweiflung am Leben, eine Familienstruktur, die sich für Einzelne anfühlt wie ein Fluch.“

 

Ein ganz anderer Fluch beginnt für die Autorin nur wenige Monate, nachdem „Das Lächeln meiner Mutter“ in Frankreich erschienen war, und stark beachtet wurde. Als Delphine de Vigan nach bewusst kurz gehaltenen Lesereisen und öffentlichen Auftritten wieder schreiben will, hat sie eine Blockade. Ein Schreibblockade, die sich über drei Jahre hinzieht, und für die sie lange Zeit auch gegenüber ihrem Partner, ihren Kindern und ihren Freunden schweigt, und die sie sich nach dem schmerzhaften Ende nur so im Vorwort zu ihrem neuen Buch erklären kann:

„Die Wahrheit ist, dass ich in dem Augenblick, wo ich mit dem Schreiben hätte anfangen müssen, und zwar gemäß einem Zyklus, in dem sich Latenz-, Inkubations- und Phasen des eigentlichen Schreibens abwechseln – einen quasi chronobiologischen Zyklus, in dem ich seit mehr als zehn Jahren lebte-, in dem Augenblick also, wo ich das Buch, für das ich bereits eine gewisse Anzahl Notizen gemacht hatte und eine umfangreiche Dokumentation zusammengestellt hatte, L. begegnete.“

 

Sie lernt L. auf einer Party kennen, ist sofort wie gefangen und tief berührt von einer Empathie und einem Verständnis, das sie so noch nie erlebt hat. Auch L. ist Schriftstellerin, und schreibt als Ghostwriterin für sehr berühmte Menschen Biographien. Sehr schnell entwickelt sich eine immer tiefere Freundschaft zwischen den beiden, bis am Ende L. sogar bei der Autorin  in der Wohnung wohnt. De Vigan hat L. in die Pläne für ihr neues Buch eingeweiht, diese jedoch rät auf eine sehr heftige Weise davon ab, und will unbedingt, dass de Vigan weiter  nur real geschehene Erlebnisse in ihren Büchern beschreibt. Die Begründungen werden literaturwissenschaftlich und philosophisch ausgeführt und man gerät in eine aktuelle Debatte über Sinn und Zweck von Literatur, speziell Romanen.

Delphine wird durch diese heftige Kritik aus ihrer gewohnten Sicherheit geworfen und am Ende kann sie noch nicht einmal mehr eine Tastatur anschauen. Immer mehr gleitet sie in eine Depression ab, wobei ihr L. immer mehr abnimmt. Fühlt sich Delphine zu Beginn noch tief verstanden, nimmt sogar literarische Hilfe von L. an, um drängende und schon zugesagte Aufträge auszuführen, beginnt sie zunehmend zu erkennen, dass L. auf die Zerstörung ihrer Identität hinarbeitet, an manchen Stellen deren ursprüngliche sogar übernimmt.

 

Delphine beginnt langsam, sich dagegen zu wehren, bespricht Audiodateien auf ihrem Handy, die sie in ihrem PC speichert, um sie später vielleicht verwenden zu können. Doch L. spürt genau, was vor sich geht, und ergreift Gegenmaßnahmen. Nun beginnt sich eine Handlung, die zuvor von einer zunehmend schwierigen Frauenfreundschaft und von literarisch-philosophischen Debatten handelte, zu einem regelrechten Thriller zu entwickeln.

 

Natürlich ist die Tatsache, dass Delphine de Vigan ein neues Buch geschrieben hat, für den Leser schon zu Beginn der Hinweis darauf, dass sie schlussendlich ihre Blockade überwinden wird. Nun ist es aber dennoch eine persönlich erlebte Romangeschichte geworden. Hinweis auf den immer noch bestehenden Einfluss von L., oder überlebensnotwendige Befreiung von ihm, wie beim vorhergehenden Buch?

 

Unabhängig davon, wie viel Fiktion Delphine de Vigan dieser real erlebten Geschichte verliehen hat, ist das Buch ein literarischer Wurf um Freundschaft und Vertrauen, Macht und Machtmissbrauch. Immer mehr nimmt sie den Leser mit hinein in die Suche nach der wahren Identität von L. Die bleibt im Dunkel, aber es scheint sie weiter zu geben. Vielleicht taucht sie im nächsten Roman wieder auf.

Oder ist sie eine geniale Erfindung von Delphine de Vigan, um ihre Schreibblockade zu erklären, wie de Vigans Partner an einer Stelle vermutet?

 

Ein hervorragendes Buch, das dem Leser einiges abverlangt ihn aber auch von Anfang bis Ende mit einem selten anspruchsvollen Leseerlebnis belohnt.

 

Was für das Leseerlebnis gilt, gilt erst recht für das Hörerlebnis der von der Schauspielerin Martina Gedeck eingelesenen ungekürzten Hörbuchfassung. Sie selbst sagt zu diesem Buch: „Ein kluges und geheimnisvolle Spiel um Literatur und Wahrheit, Identität und Künstlertum. Ein  wunderbarer Text.“ Den sie auf wunderbare Weise gelesen, sich regelrecht in diese Figuren hineinbegeben hat. Hört man ihre Stimme und stellt sich eine Verfilmung vor – Martina Gedeck wäre für beide weiblichen Hauptfiguren eine Idealbesetzung.

 

 

 

 

 

 

 

Das Euro-Paradox

 

 

 

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Yanis Varoufakis, Das Euro-Paradox, Kunstmann 2016, ISBN 978-3-95614-126-3

 

Als griechischer Finanzminister der ersten Regierung Tsipras machte er auf der europäischen Bühne ein wenig glückliche Figur und konnte mit seinem Habit seine Kollegen, insbesondere den deutschen Finanzministers Schäuble regelrecht zur Weißglut bringen.

 

Wenn man nun aber sein überaus verständliches und auch für finanzpolitische Laien anregendes und informatives Buch über die Geschichte des Euro und darüber, „wie eine andere Geldpolitik Europa wieder zusammenführen kann“ (Untertitel des Buches), kann man seine damalige beinharte Haltung und seine vergeblichen Versuche, seine Haltung verständlich zu machen, nachvollziehen.

 

Gründlich recherchiert und dokumentiert sind die Fakten in diesem überraschend unpolemisch geschriebenen Buch. Seine Kritik vor allem an der Politik der Troika ist leidenschaftlich und seine persönliche Fundierung in einem radikal verstandenen Humanismus überzeugend.

 

Es gelingt Varoufakis wirtschaftliche Zusammenhänge verständlich zu erläutern.  Ob allerdings eine solche grundlegenden Überlegung und Neujustierung, wie er sie vorschlägt, von denjenigen, die in Brüssel und anderswo die Europrobleme zu lösen, überhaupt zur Kenntnis genommen wird, scheint fraglich.