Guten Morgen, kleine Straßenbahn!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Julie Völk, Guten Morgen, kleine Straßenbahn, Gerstenberg 2016, ISBN 978-3-8369-5912-4

 

Vor zwei Jahren hat sie das preisgekrönte Buch „Das Löwenmädchen“ von Kim Fupz Aakeson illustriert. Nun legt Julie Völk ein eigenes Bilderbuch vor, das ganz auf die Ausdruckskraft und die in den Bildern versteckten Geschichten ihrer Illustrationen vertraut und ganz ohne Worte auskommt.

 

Es erzählt den Tagesablauf einer Straßenbahn. Wer steigt da alles zu? Wer kommt mit wem in Kontakt?  Wer hat welches Ziel? Durch welche Straße und Gegenden führt der Weg der Straßenbahn und ihres Fahrers?

 

Kinder, die dieses Buch betrachten, können ähnlich einem Wimmelbuch zahlreiche Geschichten entdecken und selbst weiterspinnen.

 

Ein schönes Bilderbuch mit Illustrationen im Retrostil. So sah die Welt vor fünfzig oder sechzig Jahren aus.

Fräulein Hicks und die kleine Pupswolke

 

 

 

 

 

 

Eva Dax, Sabine Dully, Fräulein Hicks und die kleine Pupswolke, Oetinger 2016, ISBN 978-3-7891-0368-1

 

Kennt ihr die unaufhaltsamen fünf?  Nein ?  Sie sind mitten in dir drin, und sie wettstreiten darum wer von ihnen am unaufhaltsamsten ist.  Darf ich vorstellen: Professor Hatschi, der Gähn-Män, Fräulein Hicks, der Rülps und die kleine Pupswolke.

 

Eva Dax und Sabine Dully lassen sie einen verrückten Wettstreit miteinander ausfechten, lustig dargestellt in Wort und Bild.

 

Doch als sie sich, müde geworden durch den Eifer, darauf einigen:

„Keiner ist besser oder unaufhaltsamer als der andere, Jeder von ihnen ist auf seine eigene Weise unaufhaltsam. Jeder ist anders. Und das ist auch gut so.“

 

Da taucht noch einer auf und stört ihren Schlaf. Wer das wohl ist und wie er heißt?

 

Auf der letzten Seite können die Kinder nachlesen, wie die offizielle Erklärung für die Unaufhaltsamen lautet.

 

Ein lustiges Bilderbuch mit einer verrückten Reise durch den Körper.

 

 

 

Elefant

 

 

 

 

 

Martin Suter, Elefant, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-86310-9

 

Als der obdachlose Schoch an einem Junitag des Jahres 2016 aus seinem Rausch in seiner Höhle am Ufer der Limmat in Zürich erwacht, sieht er etwas leuchten. Ein kleines rosa Wesen, das aussieht wie ein Spielzeugelefant, streckt seinen Rüssel ihm entgegen. Er denkt, er habe einen Drehrausch und wendet sich um, um noch einmal einzuschlafen. Als er wieder aufwacht, liegt einer seiner beiden Schuhe außerhalb der Höhle und nicht an dem Platz, wo er sie immer hinstellt, und sei er noch so betrunken. Er bringt den rosa Elefanten zu Valerie, einer Tierärztin , die sich kostenlos um die Tiere der Obdachlosen kümmert, weil er, wohl durch die Butterblumen, die er ihm gefüttert hat, fürchterlichen Durchfall bekommen hat und zu sterben droht.

 

Schnitt. Im April, 2013 entnimmt der heruntergekommene Tierarzt Harris einem Elefantenbaby im Busch von Ceylon die Ovarien und bringt sie in einer Kühlbox auf einer langen Flugreise in die Schweiz.

 

Dort will der Genforscher Roux in einem Experiment einen kleinen rosa leuchtenden Elefanten züchten, mit dem er das große Geld machen will. Gut recherchiert und auf dem Stand der Wissenschaft, erzählt Martin Suter nun die spannende Geschichte, wie mit Hilfe eines Zirkus und dem dort arbeitenden burmesischen Elefantenflüsterer Kaung ein solches Wesen durch eine künstliche Befruchtung zur Welt kommt.

 

Er ist der Meinung, etwas so Besonderes habe etwas Göttliches und müsse unbedingt versteckt werden. Nun erzählt Martin Suter gekonnt eine immer stärker werdende Spannung aufbauend, die Geschichte, wie Sabu Barisha, wie der Elefant genannt wird, zwischen 2013 und Juni 2016 seinen Weg zu dem Obdachlosen Schoch und der Ärztin Valerie gefunden hat. Als sich die beiden Zeitstränge treffen in der Gegenwart, ist die Geschichte aber noch lange nicht zu Ende, sondern nimmt erst richtig Fahrt auf.

 

Martin Suter berichtet in einem Nachwort, wie ihn  ein Satz des Hirnforschers Mathias Juncker nicht mehr losgelassen habe, den er vor zehn Jahren bei einem Kongress zum Thema Alzheimer traf und der ihm sagte, es wäre gentechnisch möglich, einen winzigen rosaroten Elefanten zu erzeugen. Suter hat weiter recherchiert, sich über das Phänomen des primordialen Zwergwuchses informiert und sich über das Wesen und Verhalten von  Elefanten im Zoo Zürich kundig gemacht.

 

Herausgekommen ist ein typischer Suterroman, spannend geschrieben, mit einer hintergründigen Botschaft (Gentechnik und ihre Möglichkeiten), ganz besonderen Charakteren und deren Lebensgeschichte und einem überraschenden Ende.

 

Eine wunderbare Lektüre.

 

 

Lügen Sie, ich werde Ihnen glauben

 

 

 

 

 

Anne-Laure Bondoux, Jean-Claude Mourlevat, Lügen Sie, ich werde Ihnen glauben, Hörbuch Hamburg  2016, ISBN 978-3-95713-055-6

 

Dieser in Frankreich 2015 erschienene und von der erfahrenen  Ina Kronenberger ins Deutsche übersetzte E-Mail-Roman erinnert den  Leser sofort an den berühmt gewordenen Roman Daniel Glattauers „Gut gegen Nordwind“ aus dem Jahr 2006. Dennoch ist der Roman „Lügen Sie, ich werde Ihnen glauben“ von Anne-Laure Bondoux und Jean Claude Mourlevat keine einfache Kopie, sondern nutzt lediglich die Form der E-Mail, in der heute tausendfach mehr Menschen miteinander kommunizieren als noch vor zehn Jahren, als ein Mittel, um auf eine unterhaltsame und auch spannende Weise zu beschreiben, wie zwei Menschen sich einander näher kommen.

 

Denn man kann den Roman durchaus in die Rubrik der anspruchsvollen Liebesromane einordnen. Er beginnt damit, dass der berühmte Schriftsteller Pierre-Marie Sotto in seinem Briefkasten ein dickes Kuvert findet. Natürlich vermutet er, jemand habe ihm ein unverlangtes Manuskript geschickt. Weil er die prinzipiell nicht liest (obwohl er Zeit dafür hätte, denn für einen neuen Roman fällt ihm seit schon längere Zeit überhaupt nichts ein, wie wir später erfahren), will er das dicke Kuvert sofort zurückschicken. Weil aber die Absenderin, eine Adeline Parmelan, auf der Rückseite des Kuverts lediglich ihre E-Mail-Adresse hinterlassen hat, schreibt Sotto ihr eine Mail und bittet sie freundlich, aber bestimmt um ihre Adresse für die Rücksendung.

 

Noch am selben Tag antwortet Adeline nicht weniger freundlich und erlaubt sich darauf hinzuweisen, „dass der Inhalt des Umschlags eher außergewöhnlicher Natur ist.“ Es entwickelt sich nun in den folgenden Tagen und Wochen ein reger E-Mail-Kontakt, zu dessen Anfang sich Adeline als groß, brünett und dick beschreibt. Irgendetwas an ihrer Sprache und Direktheit fasziniert den Schriftsteller, wobei es einige Zeit dauert, bis er zunächst sich selbst und dann auch seiner Mailpartnerin dies eingestehen kann. Die Mails werden persönlicher, sie lernen sich kennen, so wie andere das tun, wenn sie die ersten Male zusammen ausgehen und sich aus ihrem Leben erzählen.

 

Schon bald spürt Sotto, dass er ohne diese Mails nicht mehr sein kann. Zögernd gestehen sie sich ihre Zuneigung und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich treffen werden.

 

Doch was ist mit dem Inhalt des Kuverts, mit dem die ganze Geschichte begonnen hat? Diese Spannung wird lange aufrechterhalten, und als es endlich seinen Inhalt preisgibt, bleibt die Frage, wie es mit diesem außergewöhnlichen Liebespaar weitergehen wird.

 

Eine ebenso spannende wie unterhaltsame Lektüre. Ein Liebesroman ohne Kitsch mit vielfältigen Bezügen zu Themen der Literatur.

 

Ein siuebenköpfiges Srecherteam Anne-Laure Bondoux, Jean-Claude Mourlevat, Lügen Sie, ich werde Ihnen glauben, Deuticke 2016, ISBN 978-3-552-06325-9

 

Dieser in Frankreich 2015 erschienene und von der erfahrenen  Ina Kronenberger ins Deutsche übersetzte E-Mail-Roman erinnert den  Leser sofort an den berühmt gewordenen Roman Daniel Glattauers „Gut gegen Nordwind“ aus dem Jahr 2006. Dennoch ist der Roman „Lügen Sie, ich werde Ihnen glauben“ von Anne-Laure Bondoux und Jean Claude Mourlevat keine einfache Kopie, sondern nutzt lediglich die Form der E-Mail, in der heute tausendfach mehr Menschen miteinander kommunizieren als noch vor zehn Jahren, als ein Mittel, um auf eine unterhaltsame und auch spannende Weise zu beschreiben, wie zwei Menschen sich einander näher kommen.

 

Denn man kann den Roman durchaus in die Rubrik der anspruchsvollen Liebesromane einordnen. Er beginnt damit, dass der berühmte Schriftsteller Pierre-Marie Sotto in seinem Briefkasten ein dickes Kuvert findet. Natürlich vermutet er, jemand habe ihm ein unverlangtes Manuskript geschickt. Weil er die prinzipiell nicht liest (obwohl er Zeit dafür hätte, denn für einen neuen Roman fällt ihm seit schon längere Zeit überhaupt nichts ein, wie wir später erfahren), will er das dicke Kuvert sofort zurückschicken. Weil aber die Absenderin, eine Adeline Parmelan, auf der Rückseite des Kuverts lediglich ihre E-Mail-Adresse hinterlassen hat, schreibt Sotto ihr eine Mail und bittet sie freundlich, aber bestimmt um ihre Adresse für die Rücksendung.

 

Noch am selben Tag antwortet Adeline nicht weniger freundlich und erlaubt sich darauf hinzuweisen, „dass der Inhalt des Umschlags eher außergewöhnlicher Natur ist.“ Es entwickelt sich nun in den folgenden Tagen und Wochen ein reger E-Mail-Kontakt, zu dessen Anfang sich Adeline als groß, brünett und dick beschreibt. Irgendetwas an ihrer Sprache und Direktheit fasziniert den Schriftsteller, wobei es einige Zeit dauert, bis er zunächst sich selbst und dann auch seiner Mailpartnerin dies eingestehen kann. Die Mails werden persönlicher, sie lernen sich kennen, so wie andere das tun, wenn sie die ersten Male zusammen ausgehen und sich aus ihrem Leben erzählen.

 

Schon bald spürt Sotto, dass er ohne diese Mails nicht mehr sein kann. Zögernd gestehen sie sich ihre Zuneigung und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich treffen werden.

 

Doch was ist mit dem Inhalt des Kuverts, mit dem die ganze Geschichte begonnen hat? Diese Spannung wird lange aufrechterhalten, und als es endlich seinen Inhalt preisgibt, bleibt die Frage, wie es mit diesem außergewöhnlichen Liebespaar weitergehen wird.

 

Eine ebenso spannende wie unterhaltsame Lektüre. Ein Liebesroman ohne Kitsch mit vielfältigen Bezügen zu Themen der Literatur.

Ein insgesamt siebenköpfiges Sprecherteam mit den beiden Schauspielern Tessa Mittelstaedt und Thomas Sarbacher in den Hauptrollen hat diese ganz besondere Liebesgeschichte auf eine ansprechende und charmante Weise in dem vorliegenden Hörbuch ungekürzt eingelesen.

 

Durch den permanenten Wechsle der Stimmen wird hier die Realität einer Email-Kommunikation noch plastischer als beim Lesen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Stille unter dem Eis

 

 

 

 

 

 

Rachel Weaver, Die Stille unter dem Eis, Piper 2017, ISBN 978-3-492-31017-8

 

Ein ganz außerordentlich gelungenes literarisches Debüt aus Amerika ist hier anzuzeigen. In ihrem Roman „Die Stille unter dem Eis“ erzählt Rachel Weaver, die lange in Alaska für den Alaska Forest Serice gearbeitet und geforscht hat, die Geschichte zweier zunächst sehr unterschiedlicher Menschen und der Beziehung, die sich zwischen  ihnen entwickelt.

 

Anna ist per Autostop auf dem Weg nach Alaska. Als sie der junge Kyle zufällig mitnimmt, ist Anna zunächst sehr reserviert und misstrauisch, Doch bald knüpft sich durch ihren Austausch und ihre Gespräche ein zartes Band der Freundschaft, aus der so etwas wie Liebe wird. Denn es stellt sich heraus, dass beide eine schwere Vergangenheit mit sich herum schleppen, die tiefe und schmerzhafte Wunden in ihre jeweiligen Seelen geschlagen hat.

 

Die gegenseitige Heilung macht Fortschritte, als sie die Entscheidung treffen, gemeinsam im Leuchturm von Hibler Rock zu wohnen, zunächst für neun Monate.

Rachel Weaver nimmt ihre Leser mit auf eine bewegende emotionale Reise in die innere Welt ihrer Protagonisten und in die Geheimnisse ihrer Lebensgeschichte, denen sie sich langsam und behutsam stellen. Anna und Kyle lernen langsam miteinander das Leben zu bejahen und trotz aller Trauer über das Vergangene und die damit verbundene Schuld wieder Lebensmut und Hoffnung zu schöpfen.

 

Vor dem Hintergrund wunderbarer Landschaftsbeschreibungen der Natur Alaskas geht es in diesem gelungenen Debüt um Liebe und Freundschaft, um Einsamkeit und ihre Durchdringung und immer wieder um die große Macht menschlicher Gefühle.

 

Auf den zweiten Roman dieser vielversprechenden Schriftstellerin darf man gespannt sein.

 

 

 

 

 

Zwanzig Zeilen Liebe

 

 

 

 

 

 

Rowan Coleman, Zwanzig Zeilen Liebe, Piper 2017 ISBN 978-3-492-30994-3

 

Dieses Buch von Rowan Coleman ist eines der wenigen Romane, die mich in der letzten Zeit beim Lesen in meinem Innersten angesprochen und  bewegt haben. Das hängt zum einen damit zusammen, dass die Haupthandlung auf einer Hospizstation spielt und von den Menschen dort erzählt, die auf ihren Tod warten und ihr Leben bilanzieren. Und zum anderen, weil es eine Botschaft ausstrahlt, die ich in der Hektik des Alltags leider oft vergesse:  egal, was passiert, wovor du auch immer Angst hast, es kommt immer darauf, die kleinen Momente des Glücks und der Liebe nicht zu übersehen. Sie machen dein Leben reich, auch wenn dir vielleicht nicht mehr viel Zeit bleibt.

 

Erzählt wird von der Krankenschwester Stella, die in einem Hospiz arbeitet. Auf eigenen Wunsch arbeitet sie nur in der Nacht, dann, wenn es still wird auf der Station, und die Menschen sich ihr in vielen Gesprächen öffnen. Irgendwann hat sie jemand gebeten, an einen nahe stehenden Menschen einen kurzen Brief zu schreiben, den Stella erst nach dem Tod der Patientin dem Empfänger aushändigen sollte. Und schon bald wird daraus ein Ritual. Viele dieser Briefe sind in dem über 400-seitigen Roman abgedruckt, in einigen Fällen erfahren wir mehr von der Person, die ihn geschrieben hat und ihrem Leben. In diesen, meist nicht mehr als zwanzig Zeilen langen Briefen erfahren wir, was Menschen in ihren letzten Tagen und Stunden bewegt und was sie noch mitteilen wollen.

 

Doch Stella hat auch ihre eigenen Lebensprobleme. Ihr Mann Vincent hat sich von ihr abgewendet, und obwohl sie ihn über alles liebt, geht sie ihm aus dem Weg. Die schwere Leidensgeschichte dieser Beziehung ist bis zum Ende des Buches ein wesentlicher Strang der Erzählung. Genauso wie die Geschichte der jugendlichen Hope, die seit ihrer Geburt an Mukoviszidose leidet und nur zur Pflege in dem Hospiz sich aufhält, bis sie wieder soweit ist, dass sie nach Hause gehen kann, dorthin also, wo sie sich über viele Jahre von der Welt abgeschottet hat und das Leben an sich hat vorüberziehen lassen. Doch da ist auch ihr Freund Ben, der ihr zeigt, warum es sich lohnt zu leben, zu kämpfen und zu hoffen.

Genau diese Erfahrung macht auch Hugh, alleinstehend und nur mit einem Kater namens Jake befreundet, der als zweite Heimat das Hospiz hat und dort viele Patienten tröstet.

 

Ihrer aller Geschichte wird erzählt, und nach und nach von Rowan Coleman miteinander verknüpft. Es ist, wie sie selbst auf einer Innenseite des Buches schreibt, „eine Geschichte über Hoffnung, darüber, niemals aufzugeben, nach den Sternen zu greifen und Menschen zu begegnen, die dein Leben verändern.“

 

„Zwanzig Zeilen Liebe“ ist ein  sehr bewegender, stellenweise aufwühlender Roman, eine poetische Hymne auf das Leben und ein spirituelles Lied über die Hoffnung, die uns am Leben hält bis zur letzten Minute, wenn wir es aushauchen. Aber davor gibt es noch „eine ganze Menge Leben“ (Konstantin Wecker).

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir sind immer für dich da

 

 

 

 

 

 

Harriet Grundmann, Marc-Alexander Schulze, Wir sind immer für dich da. Wenn Papa und Mama sich trennen, Coppenrath 2016, ISBN 978-3-8157-9520-0

 

Dieses wichtige im Jahr 2010 zum ersten Mal erschienene und nun in der sechsten Auflage vorliegende Bilderbuch erzählt in einer sensiblen Geschichte von Harriet Grundmann die Geschichte von Ole und seinen Eltern. Marc-Alexander Schulze hat die Geschichte ebenso zart und feinfühlig illustriert.

 

OIe hat früher mit seiner Mama und seinem Papa zusammengewohnt. Es ging ihm gut, alles war in Ordnung, er hat nicht viel nachgedacht darüber. Er war glücklich mit seiner Mama und seinem Papa. Doch irgendwann waren diese beiden offenbar nicht mehr glücklich miteinander. Immer häufiger fangen sie an miteinander zu streiten, und  die großen, schwarzen Worte, die sie aussprechen, bleiben in Oles Kopf stecken.

 

Die Zeiten, wo sie sich vordergründig wieder versöhnt haben, werden immer kürzer und irgendwann teilen sie ihrem Sohn Ole mit, dass sie sich trennen werden, Papa ausziehen wird, und Ole alle 14 Tage ein Wochenende bei ihm verbringen wird.

 

Ole braucht eine Zeit; bis er sich daran gewöhnt hat. Was ihm  hilft, ist die Tatsache, dass seine Eltern ihm immer wieder versichern, wie lieb sie ihn haben. Und er spürt, da diese gemeinsame Liebe zu ihrem Kind, wird sie für immer verbinden. Das tröstet ihn.

 

Ein schönes Bilderbuch, das einen guten Einstieg geben kann in Gespräche von getrennten Eltern mit ihrem Kind. Der Gestalttherapeut Wolfgang Braukmann hat in einem Nachwort diese Eltern angesprochen und ihnen wertvolle Hinweise gegeben auf das, was ihre Kinder und auch sie selbst in einer solchen Lebenssituation brauchen.

 

Wenn Eltern ihrem Kind das Gefühl geben können „Mama und Papa haben mich beide gut im Blick“, wenn sie es schaffen , immer wieder über ihr Kind zu sprechen oder Regeln zu vereinbaren, dann können sie ihrem Kind wesentlich helfen, mit der Situation umzugehen.

 

 

Gefrorener Schrei

 

 

 

 

 

 

Tana French, Gefrorener Schrei, Scherz Verlag 2016, ISBN 978-3-651-02447-2

 

Tana French gehört mit ihren tiefgründigen und extrem spannenden Kriminalromanen aus der Welt der Dubliner Kriminalpolizei mittlerweile zu den bekanntesten und auch besten Kriminalautorinnen der Welt.

 

Ich persönlich habe ihre Bücher bislang nicht zur Kenntnis genommen, was ich nach der Lektüre ihres neuen Buches „Gefrorener Schrei“ aufrichtig bedaure.

 

Zugegeben: es hat einige Dutzend Seiten gedauert, bis ich mich an die lockere und wenig literarische Sprache der Ich-Erzählerin Antoinette Conway gewöhnte, dann aber konnte ich mehr und mehr begeistert eintauchen in die Mikrowelt einer Ermittlung mit sehr langen detaillierten Beschreibungen von Verhören, einer fantastischen Darstellung der Soziologie eines Dezernats und seiner Gruppendynamik und einer mehr und mehr deutlich werdenden Charakteristik einer Protagonistin, die überall und von jedem damit rechnet, dass man ihr übel mitspielen will.

 

Ihr Partner bei der Ermittlung, Steve Moran, der einzige, der offensichtlich noch zu ihr hält, wirft ihr das mit folgenden Worten vor: „Weil du so wild darauf bist, spektakulär unterzugehen, dass du sogar dann dafür sorgen würdest, wenn die ganze Dubliner Polizei dich lieben würde. Notfalls würdest du dich selbst in den Abgrund stürzen. Und dann kannst du dir auf die Schulter klopfen und sagen, du hast es ja von Anfang an gewusst.“

 

Schon die Tatsache, dass sie und Steve nach einer langen Nachtschicht vom Boss den Auftrag bekommen, den Tod einer jungen Frau aufzuklären und ihnen der erfahrenen Kommissar Breslin  zugeordnet wird, erregt ihren Verdacht. Erst recht, als offensichtlich wird, dass irgendjemand die Ermittlungen behindern will. Soll sie, die das Opfer schon einmal gesehen hat, aber sich zunächst nicht erinnert, wo und wann das war, scheitern und dann aus der Abteilung entfernt werden? Ist ein Kollege in die Tat verwickelt?

 

Mit jeder Seite wird dieser für einen Kriminalroman mit 652 Seiten ordentlich dicke Fall spannender und verzwickter. Immer wieder mit außergewöhnlich dringlicher Sprache eine enorme atmosphärische Dichte herstellend, jagt Tana French ihren Leser durch diesen Fall. Immer wieder neue Fäden werden ausgelegt und verfolgt, verworfen  und dann wieder neu verwoben, sodass die Spannung unerträglich wird. Und auch die Frage, ob es Antoinette Conway gelingen wird, einen neuen Zugang zu ihrem Beruf und ihren Kollegen zu finden.

 

Sehr zu empfehlen. Tana Frenchs nächstes Buch werde ich nicht mehr übersehen.

Menschenseele

 

 

 

 

 

 

Veronique Bizot, Menschenseele, Steidl 2016, ISBN 978-3-95829-136-2

 

Veroniques kurze Romanen ähneln Novellen. So wie in ihren bisherigen Werken legt sie auch in „Menschenseele“, ihrem neuen, in Frankreich 2014 erschienenen Roman, den inhaltlichen und auch sprachlichen Fokus auf Figuren, die vorsichtig gesprochen eher seltsam sind, nicht hineinpassen in die Welt, sich mit ihrem Leben und Handeln geradezu dagegen sperren. Sie scheinen einfach nicht hineinzupassen.

 

Da ist der namenslose Ich-Erzähler, der nicht spricht und von seiner Umwelt als geistig behindert angesehen wird. Zusammen mit seinem älteren Bruder lebt er in den französischen Bergen auf einem alten, verfallenen Hof. Sie befinden sich in einer „Haltung unbestimmten Wartens“, wie Bizot das nennt.

 

Sie haben nur mit zwei anderen Menschen wirklichen Kontakt, dem misanthropischen Theaterautor Adrien Fouks und dem geheimnisvollen Montoya. Der von seinem Bruder total unterschätzte Erzähler nennt Montoya einen Mann, der „eine recht verblüffende Zahl von Sprachen beherrschte, sehr dünne jamaikanische Zigarren rauchte und dass er, auch wenn er zumindest vorerst scheinbar nichts mit der Welt zu tun haben wollte, ihre Regeln offenbar kannte.“

 

Die vier treffen sich regelmäßig, sprechen über manches, über vieles aber schweigen sie. Auch als sie miteinander nach Turin reisen, bleibt in stiller Rätselhaftigkeit, was mir als Leser schon nach den ersten Seiten als immer lautere Frage aufkam:  was will Veronique Bizot mit ihrem poetisch und literarisch sehr anspruchsvollen Text überhaupt ausdrücken?

 

Der Roman bleibt genauso geheimnisvoll dunkel, wie seine Figuren.

 

 

 

Die Zeitungsfrau

 

 

 

 

 

 

 

Veit Heinichen, Die Zeitungsfrau, Piper 2016, ISBN 978-3-492-05758-5

 

Wohl in keiner anderen Region des nach 1989 zusammenwachsenden Europas kann man die aufeinanderprallenden Gegensätze zwischen den ehedem westlichen und den osteuropäischen, ehemals staatssozialistischen Staaten und die daraus entstehenden neuen Konflikte und Widersprüche besser spüren und beobachten als in Triest, der Heimat der mittlerweile auch einem großen deutschsprachigen Fernsehpublikum bekannt gewordenen Commissarios Proteo Laurenti.

 

Sein Schöpfer Veit Heinichen hat ihn in den Jahren seit seinem  ersten  Buch 2001 mit dem vorliegenden in insgesamt neun Bänden an Kriminalfällen arbeiten lassen, die alle in diesem historisch bewegten Spannungsfeld angesiedelt waren. Oft waren Heinichens Bücher regelrecht lehrreich, denn er hat seine aktuellen Fälle immer wieder eingebettet in aktuelle politische Zusammenhänge und verbunden mit vielen aufschlussreichen Hintergrundinformationen über deren historische Entstehung in einer Gegend Europas, die auch schon in früheren Zeiten bestimmt war von der Vielfalt von verschiedenen Völkern, Sprachen und Kulturen.

 

In seinem neuen Fall nach dem Wechsel des Autors von Zsolnay zu Piper hat mir das, obwohl es durchaus aktuelle politische Bezüge gibt, wie schon beim letzten Band ein wenig gefehlt.

 

In seinem neuen Fall für Proteo Laurenti spannt Veit Heinichen den Bogen über ein Viertel Jahrhundert. 1991, der Commissario war noch ein junger Beamter, hatte er zu tun mit eine Diego Colombo, einen italienisch-stämmigen Argentinier, der um dem Falklandkrieg zu entgehen, in einer spektakulären Aktion, bei dem ihm die Engländer behilflich waren, auf einen Segelboot mit Zwischenstationen in Brasilien bis in den Hafen von Triest segelte, wo seine Familie herstammte.

 

In der Folge mausert er sich zu einem gewieften Kunsträuber, dem niemals einer auf die Spur kommen kann und der mit einem Maresciallo La Rosa krumme Geschäfte macht. 1991 kommt er bei einer Explosion im Hafen von Triest ums Leben, doch weder wird seine Yacht Esperanza, die verschwunden ist gefunden, noch irgendwelche sterblichen Überreste von ihm. Auch dass seine Frau Teresa Fonda nach seinem Tod noch zwei Kinder bekommt, die ihm wie aus Gesicht geschnitten sehen, nährt Zweifel, doch man kann ihr , die als Zeitungsfrau einen Kiosk betreibt, in dem auch Laurenti täglicher Gast ist, nichts nachweisen.

 

Als jedoch ein großer Raubzug im Freihafen von Porto Vecchio, bei dem wertvolle Bilder bestohlen werden, ganz deutlich Colombos Handschrift trägt, beginnt Laurenti neu zu ermitteln. Eine wichtige Rolle spielen dabei der mittlerweile pensionierte Maresciallo La Rosa, seine zwielichtige Tochter, die private Altenheime betreibt, in denen unsägliche Zustände herrschen.

 

De Leser wird bis zum Ende im Unklaren gelassen, ob dieser sagenhafte Diego Colombo tatsächlich noch am Leben ist (vgl. die verschwundene Yacht und die zwei weiteren Kinder), oder ob es eine ganz andere Lösung des neuerlichen Kunstraubs gibt. Das erzeugt eine wohltuende Spannung, aber ich jedenfalls hatte weite Teile des Buches über den Eindruck, dass mit seinem Commissario Laurenti auch sein Schöpfer ein wenig in die Jahre gekommen ist. Die früheren Bücher hatten mehr Pep, und mehr kritischen Gehalt.

 

Das vorliegende Spiel um Illusion, Wahn und Täuschung ist unterhaltsam zu lesen, ein fesselnder Krimi ist es leider nicht.