Suchbild mit Katze


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Peter Henisch, Suchbild  mit Katze, Deuticke 2016, ISBN 978-3-552-06327-3

 

Der neue sehr stark autobiographisch geprägte Roman  von Peter Henisch knüpft wie ein weiterer Teil einer mehrbändigen Familiengeschichte an an seine beiden Romane „Die kleine Figur meines Vaters“ (1975) und „Eine sehr kleine Frau“ (2007).

 

Er gibt seinen Erinnerungen an seine Kindheit einen Rahmen, der ihn immer wieder in seinen unterschiedlichen Wohnungen, in denen er als Kind lebte und die er später mit seinen Partnerinnen teilte, an einem Fenster sitzend, neben sich seine jeweilige Katze, träumend hinaus in die Welt schauen lässt.

 

Er erinnert sich an seine Familie, nimmt in etlichen (fiktiven?) Gesprächen mit einer Journalistin immer wieder Bezug auf schon in anderen Büchern Beschriebenes aus seinem Leben.

 

Das, was ihn eigentlich sein ganzes Leben beschäftigte, das, was er in zahllosen Büchern, die alle einen mehr oder weniger autobiographischen Bezug haben, beschrieben hat, dem er sich in immer wiederkehrenden Erinnerungsschleifen und Selbstreflexionen zu nähern suchte, sind Fragen:

„Woher kommen wir, wohin gehen wir, was wird aus uns werden? Wer sind wir, wer waren wir, wer werden wir sein?“

 

Sich erinnernd, versichert er sich, dass er lebt. Sich träumend seiner Vergangenheit annähernd, verleiht er seiner Gegenwart Sinn. Er tut das mit einer vordergründig leichten Sprache, die aber, lässt man sie auf sich wirken, eine große menschliche Tiefe offenbart. Da schaut einer heiter und melancholisch zugleich auf sein Leben zurück, dessen einziger und größter Wunsch es immer war, zu schreiben und so zur Welt zu kommen.

 

Ein wunderbares literarisches Kleinod.

 

Bei Sturm am Meer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Philipp Blom, Bei Sturm am Meer, Zsolnay 2016, ISBN 978-3-552-05793-7

 

Seinen nunmehr dritten Roman hat der in Wien lebende gebürtige Hamburger Philipp Blom hier vorgelegt. Es erzählt sprachlich anmutig und ambitioniert die Geschichte einer Familie über drei Generationen hinweg, eine Geschichte von zerplatzten Träumen und lebenslangen Lügen.

 

Ben heißt die 44- jährige Hauptfigur dieser durchaus spannenden Familiengeschichte voller Täuschungen  und Selbsttäuschungen. Er befindet sich in Amsterdam. Dorthin ist er gegen den Widerstand seiner Frau gereist, um dort die Urne seiner verstorbenen Mutter Marlene zu bestatten. Aber weil die Urne irgendwo auf ihrem Postweg verschollen ist, muss er mehrere Tage warten. Er nutzt diese Zeit, um seinem vierjährigen Sohn Ben einen Brief zu schreiben, den dieser lesen soll, wenn er erwachsen geworden ist. Für Ben selbst wird dieser Brief zu einer erschütterten Reise zu sich selbst:

Ich will Dir alles erzählen und kann nur hoffen, dass du, wenn du in meinem Alter bist, selbst genug gelebt und gesehen hast, um jemanden zu verstehen, der gerade am Punkt des Scheiterns steht, der Protagonist einer absurden und improvisierten Familienkomödie.“

 

Immer wieder taucht eine Metapher auf, die für seine eigene Lebenswahrnehmung gilt, wie auch für die seiner Großmutter Elly und seiner Mutter Marlene, das Gefühl „bei Sturm am Meer“, übrigens auch der Titel eines Gemäldes, das bei seiner Mutter in der Wohnung hing.

 

Ben hat all die Jahre seines Lebens seiner Mutter geglaubt, die ihm erzählte, sein Vater sei als Spiegelreporter in Kolumbien verschwunden. Ob entführt oder umgebracht, bleibt unklar, aber sie lässt ihn für tot erklären. Doch Ben findet in der Unterlagen seiner verstorbenen Mutter Hinwies die ihn zu einer Frau führen, die die wahre Geschichte kennt und sie ihm auch ausführlich erzählt, als er sie aufsucht.

 

Die Lebenslügen, die hier zum Vorschein kommen, stellen Bens ganzes bisheriges Leben in Frage und es bleibt ihm keine andere Wahl, als sich ihnen zu stellen. Doch er selbst spürt mehr und mehr, dass er dazu neigt, sich beim Aufschreiben seiner Geschichte an seinen Sohn selbst etwas vorzumachen, die Lebenslügen seiner Eltern zu wiederholen.

 

Ob ihm das gelungen wird, ob er sein Leben und seine Ehe und sein Familienleben noch einmal auf die Reihe bekommen wird, lässt Philipp Blom offen.

 

Weil Blom die Vergangenheit häppchenweise und sukzessive für Ben und somit auch für den Leser offenlegt, ist der Roman spannend zu lesen. Und er fordert heraus. Wie sieht es in deinem eigenen Leben aus? Wie hast du dir es zurechtgelegt, welche Phasen und Geschehnisse lässt du liebe im Dunkeln?

 

Eine gekonnt und mit frischer Sprache erzählte Geschichte.

 

 

 

 

iRules

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Janell Burley Hofmann, iRules, Bananenblau 20916, ISBN 978-3-942334-72-3

 

Smartphones, Tablets und PC`s sind schon seit vielen Jahren aus der Lebenswelt von Kindern nicht mehr wegzudenken. Immer früher bekommen Kinder ihr erstes Gerät. Und es zeigt sich, dass ein frühes Training an den PC`s auch sinnvoll ist, denn schon im ersten Jahr an der weiterführenden Schule müssen sie damit umgehen können, denn viele Aufgaben und Übungen sind nur zu schaffen, wenn man digital alphabetisiert ist.

 

In vielen Familien helfen mittlerweile die Kids ihren Eltern, wenn bei deren Geräten irgendetwas nicht funktioniert oder sie nicht wissen, wie sie was tun müssen.

 

Die Aufgeregtheit über den Nutzen und den Schaden von Handys und PC`s hat nachgelassen und auch die Weckrufe von Prof. Spitzer nehmen in ihrer Übertreibung viele schon lange nicht mehr ernst.

 

Dennoch bleiben Risiken für junge Menschenkinder, wenn sie sich in der Welt des Internet bewegen. Als die Autorin des vorliegenden Buches, ihrem 13- jährigen Sohn an Heiligabend ein IPhone einpackt, da stellen sich ihr viele Fragen, Fragen, die viele andere Eltern auch bewegen.

 

Und sie schreibt sie auf, die IRules, die sie in einer Art Vertrag mit ihrem Sohn zusammen vereinbart und stellt sie selbst ins Internet. Der ungeahnte Erfolg dort lässt sie ihre IRules zu einem umfangreichen Buch ausarbeiten, das Bananenblau in einer deutschen Übersetzung vorlegt.

 

Unzählig viele Tipps gibt sie anderen Eltern, verrät ihnen, „was sie über Selfies, Sexting und Gaming wissen müssen“ und hilft ihnen beim Erreichen des Ziels, das Gleichgewicht zwischen Digitalisierung und menschlichen Beziehungen beizubehalten.

 

Das Buch belehrt nicht, es nimmt betroffene Eltern mit in eine Welt, in die sie ihren Kindern oft nicht mehr folgen können, hilft ihnen zu verstehen und gibt ihnen dennoch die nötige elterliche Autorität zurück. Auch Themen wie Cyber-Mobbing und Internetsex werden ausführlich behandelt.

 

Bei allen Details leidet das Buch aber an einem für einen praktischen Ratgeber zu großen Umfang.

 

 

Von guten Mächten wunderbar geborgen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dietrich Bonhoeffer, Von guten Mächten wunderbar geborgen. Gedeutet von Udo Hahn, Butzon & Bercker 2016, ISBN 978-3-7666-2291-4

 

Dietrich Bonhoeffers Gedicht „Von guten Mächten“ ist ein beeindruckendes Zeugnis der Stärke, des Mutes und der Selbstlosigkeit. Geschrieben kurz vor seiner Ermordung in der aussichtslosen Situation der Haft als Weihnachtsgruß an seine Familie, wurde es zum Ausdruck beispielloser Hoffnung und Kraft für viele Menschen.

 

Der Leiter der Ev. Akademie in Tutzing, Pfarrer Udo Hahn hat mit dem vorliegenden kleinen Büchlein mit eigenen Gedichten, Gebeten und Reflexionen diesen reichen Gedankenschatz von Dietrich Bonhoeffer für heutige Leser aufgeschlossen und erfrischend lebendig und ermutigend interpretiert.

 

Auch in diesem Jahr an Weihnachten ist mir deutlich geworden, was Udo Hahn an einer Stelle des Buches so formuliert:

„Die Liebe Gottes ist der Gegenentwurf zu Chaos und Tod.“

Die neuen Kriege in der arabischen Welt

 

 

 

 

 

 

 

 

Marc Lynch, Die neuen Kriege in der arabischen Welt, edition Körber- Stiftung 2016, ISBN 978-3-89684-193-3

 

Seit der Niederschlagung des Arabischen Frühlings hat sich die Situation für die Menschen von Marokko bis zum Oman dramatisch verschlechtert. In Ägypten herrscht eine Militärdiktatur; der libysche Staat existiert nicht mehr, im Jemen tobt ein Stellvertreterkrieg, und Syrien versinkt in einer humanitären Katastrophe. Keines der Probleme, die zu den Revolten führten, wurde behoben; die meisten haben sich noch verschärft.

Der Nahost-Experte Marc Lynch bezweifelt, dass die Demokratie in Nahost überhaupt eine Chance hat und kommt damit zu einem ernüchternden Ergebnis, das vor ihm schon andere vor den Jahren vor den Aufständen prophezeit hatten.  Das Kalkül des Westens, die autokratischen Regimes könnten einen Rest Stabilität sichern, hält Lynch für eine gefährliche Illusion. Da auch in Zukunft westliche Interventionen kaum Aussicht auf Erfolg haben, liegt es nun endgültig an den Völkern der Region, zu entscheiden, welchen Weg sie einschlagen wollen. Dass es friedliche Wege sein werden, darauf wagt er nicht zu hoffen.

Lynch analysiert, wie nach den Freiheitsrevolten die politische Landschaft einer ganzen Region zerstört wurde. Er zeigt, warum manche Staaten in Anarchie versanken und wie Stellvertreterkriege die Arabische Halbinsel erschüttern. Sein Buch erzählt eine dramatische Geschichte mit weitreichenden Folgen für Europa und die Welt.

 

Diesen und insbesondere den USA rät er nach seinem pessimistischen Ergebnis, ihr Engagement in der Region weiter zu reduzieren und auf die Araber zu setzen, die eine demokratischere Zukunft anstreben. Doch die kann  man mit der Lupe suchen. Gegen die Schlussfolgerung, die Araber und mit ihnen ihre Religion seien nicht reif für die Demokratie, setzt er sich zur Wehr.  Er gibt die Hoffnung nicht auf, dass es nach dem IS und den vielen Bürgerkriegen eine neue Phase der inneren Entwicklung der arabischen Staaten geben wird.

 

Ich selbst bin da viel skeptischer.

Läuft.

 

 

 

 

 

 

 

 

Notker Wolf, Läuft., Adeo 2016, ISBN 978-3-86334-116-9

 

Wie er selbst im kurzen Nachwort zu seinem hier vorliegenden Büchlein schreibt, ist der Benediktinermönch Notker Wolf „ein Freund klarer Worte. Ich liebe es zuzuspitzen. Und manches, was uns täglich begegnet, kann man nur mit Humor ertragen.“

 

Unter verschiedenen Stichpunkten notiert er einhundert philosophisch-geistliche Aphorismen, die alles eines verbindet: ihr Optimismus, mit dem sie dem Leben und seinen Widrigkeiten und Schicksalen entgegenblicken. Sie laden ein, immer wieder reflektiert zu werden und konfrontieren den Leser damit, dass es wichtig ist, im Leben die Spreu vom Weizen zu trennen. Was ist nebensächlich und banal? Was hält mich vom eigentlichen Leben ab? Worin erweist sich Weisheit, Reife und Glauben?

 

Das Büchlein ist wie ein kleines Losungsheft, das seinen Leser mitnehmen will in ein im Vertrauen auf himmlische Fürsprecher gelebtes gelassenes, optimistisches Leben.

ABC – im Klo stand mal ein Reh

 

 

 

 

 

 

 

Werner Holzwarth, ABC – im Klo stand mal ein Reh. Altes Liedgut frisch aufgepöbelt, Klett Kinderbuch 2016, ISBN 978-3-95470-173-5

 

 

Das ist mal wieder ein Buch für Kinder, wie sie der Klett Kinderbuch Verlag seit seinem Auftauchen auf dem Kinderbuchmarkt schon öfter präsentiert hat. Frech und aufmüpfig kommen sie daher, bringen Kinder zum Lachen und pädagogisch korrekte Erwachsenen zum Stirnrunzeln.

 

Werner Holzwarth, der vor vielen Jahren mit seinem „Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ einen bis heute andauernden Erfolg auf dem Bilderbuchmarkt präsentierte, hat sich wieder mit dem befasst, was Kinder am allerliebsten haben.

 

Wer kennt das das nicht aus seiner eigenen Kindheit, als man zusammen mit anderen dichtete: „Frère Jaques, halt die Klappe“ und damit beim Singen die ganze Klasse zum Lachen brachte. Diese Abänderungen bleiben sofort haften und man kann sie im Nu auswendig singen und auch manchmal grölen.

 

Für alle Eltern die gerne solchen Quatsch mal mitmachen und vor allen Dingen für ihre Kinder liefert Werner Holzwarth mit diesem Buch Nachschub.

 

Alte Kinderlieder werden mit witzigen, frechen und manchmal  regelrecht unverschämten Texten nachgedichtet. Eine beigefügte CD mit genialen Interpretationen der Lieder erhöht den immensen Spaß beim Singen oder auch bloß beim Anhören.

 

Genial witzig und zum Kaputtlachen. Das, was Kinder bei allem Lebensernst in der Schule auch mal brauchen. Schenken Sie es Ihnen!

 

Hier kommt keiner durch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Isabel Minho Martins, Hier kommt keiner durch, Klett Kinderbuch 2016, ISBN 978-3-95470-145-2

 

Da steht er nun steif und streng, der Herr Aufpasser. Befehl des Generals: Keiner darf hinüber auf die rechte Buchseite! Die ist für ihn alleine reserviert. Der General will der Held der Geschichte sein. Also lässt sein Aufpasser keinen durch. Auch wenn sie noch so betteln, fragen, drängeln. Die Menge wird immer dichter, immer bunter, immer aufgeregter. Eigentlich ist es überhaupt nicht mehr einzusehen, dass es da plötzlich eine Grenze geben soll, nur weil ein General das bestimmt hat! Und dann passiert etwas. (Klappentext)

 

Das portugiesische Illustratoren-Duo Isabel Minhos Martis und Bernardo P. Carvalho hat mit „Hier kommt keiner durch“ ein Meisterwerk von einem Bilderbuch geschaffen. Mit jeder Seite mehr zu einem richtigen Wimmelbuch sich entwickelnd, vermitteln sie auf eine sehr gelungene Weise Kindern das Thema „Grenzen“. Sie verbinden dabei geschickt die kindliche Erfahrungswelt mit politischen Aussagen

 

 

Herrliche Filzstiftzeichnungen laden die Vorleser ein, zusammen mit Kindern ab etwa 5 Jahren über dieses Thema nachzudenken.

 

Goodwood

 

 

 

 

 

 

 

Knut Gielen, Goodwood, Delius Klasing 2016, ISBN 978-3-667-10127-3

 

Revival, Member´s Meeting, Festival of Speed: Wer irgendwo schon mal etwas von einer dieser drei Veranstaltungen gehört hat, sollte dieses Buch nicht mehr aus der Hand geben! Es transportiert in fantastischen Bildern die einzigartige Atmosphäre, die feierfreudige Vintage-Fans mit Benzin im Blut zu den legendären Events auf die Rennstrecken von Goodwood zieht.  Ein ausführliches Interview mit dem Rennsportliebhaber und Veranstalter Lord March führt in die Geschichte dieser legendären Veranstaltung ein.

 

Knut Gielen, Fotograf aus Hamburg hat es geschafft diesen Spirit of Goodwood in seinen Bildern für alle Autofreunde fest zu halten. In seinem Bildband „Goodwood“ zeigt Gielen in eindrucksvollen Fotos, was die Faszination Goodwood ausmacht.

Der Junge bekommt das Gute zuletzt

 

 

 

Dirk Stermann, Der Junge bekommt das Gute zuletzt, Rowohlt 2016, ISBN 978-3-498-06438-9

 

Ein Roman, der mit einer Geschichte aufwartet, die auf der Rückseite des Buchumschlags mit der Aussage „ die allertraurigste Geschichte von allen“ beworben wird, erregt zunächst einmal die Aufmerksamkeit des Lesers. Es ist die Geschichte des dreizehnjährigen Claude, die da erzählt wird, eine Geschichte der Ausweglosigkeit, Abgrundstief traurig und ohne jegliche Hoffnung.

 

Und dennoch mit einer Art von Humor erzählt, der eher morbide genannt werden kann als schwarz oder gar lustig. In einem Sprachstil, den schwierig zu nennen noch untertrieben ist, erzählt Dirk Stermann, der „fröhliche Melancholiker“ (SZ) eine traurige Geschichte voller Schmerz und voller Abstrusitäten.

Ich habe eigentlich noch nie einen Protagonisten eines Romans erlebt, der unaufhörlich so viele Schicksalsschläge erleiden muss. Aber auch noch selten einen, der ein Abgrund tief trauriges menschliches Schicksal  mit dem Stilmittel des Humors schildert.  Vielleicht kann man Verzweiflung, die das Hauptgefühl seiner Hauptfigur Claude ist, auch nur so ertragen.

 

Ein außergewöhnliches, extrem schräges Buch, allerdings mit einer konsequent aufgebauten Geschichte mit etlichen witzigen Bezügen zur Gegenwart, wie sie der Autor, ein Deutscher in Wien, erlebt.