Der Tod so kalt (Hörbuch)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Luca D`Andrea, Der Tod so kalt, Der Hörverlag 2017, ISBN 978-3-8445-2470-3

Der amerikanische Dokumentarfilmer Jeremiah Salinger, der diesen spannenden Thriller des Südtirolers Luca D`Andrea in der Ich-Form erzählt, lernt in den USA seine aus dem Südtiroler Dorf Siebenhoch stammende Frau Annelise kennen. Eine Tochter Clara kommt zur Welt. Doch bald schon verlässt Salinger mit seiner Familie die USA und zieht nach Siebenhoch, ausgelaugt und ausgebrannt.

 

Dort in Siebenhoch will er neue Kraft auftanken und neue Ideen entwickeln. Doch bald schon beginnt sich der ruhelose Jeremiah für die dortige Bergwacht zu interessieren, plant mit seinem Kompagnon Mike, der aus den USA nach Siebenhoch gekommen ist, eine neue Dokumentarreihe. Bei einem normalen Einsatz der Bergwacht, den Mike filmt, wird die Crew der Bergwacht samt ihrem Hubschrauber von einer Lawine erfasst und alle kommen ums Leben. Salinger, der später aus der Felsschlucht, in die er sich zum dem verunglückten Bergwanderer mit herablassen ließ, geholt werden sollte, überlebt dieses Unglück als Einziger. Er erleidet eine schwere posttraumatische Störung und gibt seine Frau das Versprechen, sich ein ganzes Jahr eine Auszeit zu nehmen. Doch bis zum Ende eines überaus spannenden Buches wird er dieses Versprechen immer wieder brechen.

Bei seinen Recherchen erfährt er von einem dreißig Jahre zurückliegenden Verbrechen, dem Bletterbach-Massaker. Damals 1985 waren drei junge Wanderer, die zur Bletterbach-Schlucht aufgebrochen waren, während eines tagelangen gewaltigen Gewitters nicht mehr zurückgelehrt. Als ein Suchtrupp auf ihre grausam entstellte Leichen stößt, vermuten die Helfer schnell einen Töäter im Bekanntenkreis. Doch sehr schnell breitet sich im ganzen Dorf ein eisiges Schweigen darüber aus.

 

Als Salinger auf diese Geschichte stößt, lässt sie ihn nicht mehr los. Er beginnt zu fragen, und bekommt vor allem von seiner Schwiegervater Werner Mair, der die Toten damals gefunden hat, immer wieder den barschen Rat, mit dem Fragen aufzuhören, weil die Konsequenzen nicht abzusehen seien.

 

Salinger indes spornt dies noch mehr an, und er versucht unter Einsatz seines Lebens und die Zukunft seiner Familie aufs Spiel setzend, in den nächsten Monaten dieses Rätsel zu hören, das auf das Engste mit ihm und seiner Familie verbunden zu sein scheint.

 

Viele lokale Bräuche und Sitten, zum Beispiel das Fest des Krampus hat Luca D`Andrea in seinem Buch verarbeitet, viele Mythen (unter anderen von einem urzeitlichen Monster, das in der Schlucht die Zeiten überlebt habe). Er selbst hat vor einiger Zeit mit „Mountain Heroes“ für das italienische Fernsehen die Arbeit der Bergrettung porträtiert.

 

Ich glaube, er hat viel von seiner eigenen Leidenschaft für die Berge und ihre Mythen in seinen Ich-Erzähler Salinger hineingenommen, den er wie besessen einem Geheimnis auf der Spur bleiben lässt, das ein ganzes Dorf über drei Jahrzehnte in den Bann geschlagen hat.

 

Es gelingt ihm hervorragend, seine Leser sofort mit hineinzuziehen in diesen Bann und atemlos in der Lektüre fortzuschreiten, die ihn mit immer neuen ungeahnten Wendungen, völlig gefangen nimmt.

 

Ein wirklich empfehlenswerter Thriller, der für ein Debüt, denn um ein solches handelt es sich, gleich in ungewöhnlichen vielen Ländern in einer Übersetzung erscheint.

 

Matthias Koeberlin, einer der bekanntesten deutschen Schauspieler (er hat unter anderem überzeugend Jan Seghers Kommissar Marthaler verkörpert) leistet mit seiner hier im Hörverlag vorliegenden gekürzten Lesung der den Buch schon innewohnenden Spannung noch Vorschub, weil er sich perfekt in den von der Wahrheit besessenen Salinger hineinversetzt.

 

 

 

 

 

Gott ist nicht schüchtern

 

 

 

 

Olga Grjasnowa, Gott ist nicht schüchtern, Aufbau Verlag 2017, ISBN 978-3-351-03665-2

 

In ihrem neuen Roman erzählt Olga Grjasnowa die Geschichte von zwei jungen Menschen aus Syrien, die Geschichte von Amal und Hammoudi. Zweimal im Laufe des Buches begegnen sie einander kurz, nehmen einander wohlwollend wahr, doch was vielleicht eine ganz neue gemeinsame Geschichte hätte werden können, verliert sich bis kurz vor dem Ende aus den Augen.

 

In wechselnden Kapiteln verfolgt die Autorin die beiden und sie beginnt mit dem Ausbruch der syrischen Revolution. Amal  feiert gerade ihre ersten Erfolge als Schauspielerin und hofft auf weitere Erfolge und träumt von kommendem Ruhm. So wie viele andere spürt sie, dass das Assad-Regime all diese kulturelle Vielfalt zerstören und das Land mit seinem Islamismus überziehen will.  Unter großen  Bedenken ihrer wohlhabenden Eltern nimmt sie an Protesten teil und schließt sich dem Widerstand an.

 

In den kommt auch Hammoudi, ebenfalls aus gebildetem und wohlhabendem Haus, als er in Paris gerade sein Medizinstudium beendet hat und in einem der besten Krankenhäuser dort eine Stelle bekommen hat. Für die Verlängerung seines Passes muss er noch einmal kurz in die Heimat nach Syrien zurück. Doch dort wird er festgehalten und darf das Land nicht mehr verlassen.

 

Grjasnowa beschreibt in einer nüchternen Sprache, die unter die Haut geht, wie zwei junge Menschen unabhängig voneinander kämpfen für ihr Land und für die Revolution, und wie sie blutig und brutal erstickt wird.

Ihr Ton ist direkt, fast berichtend. Das wird noch intensiver durch die Tatsache, dass  die Autorin im Präsens schreibt. Verheiratet mit einem syrischen Mann, wollte Olga Grjasnowa mehr und mehr über dieses Land und das Schicksal seiner Menschen, vor allem auch die Arbeit der vielen Ärzte im Bürgerkrieg wissen. Sie verfolgt die Geschichten von Amal und Hammoudi, und bringt so dem Leser eine Wirklichkeit nahe, die schon seit etlichen Jahren mit den Flüchtlingen auch in unser Land kam, den  meisten von uns jedoch fremd geblieben ist.

 

Auch Amal und Hammoudi müssen unabhängig voneinander irgendwann das Land verlassen und dann mit Schlepperbooten das Mittelmeer überqueren.

 

Der Roman bringt am Beispiel zweier Menschen und ihre Familien und Freunde dem deutschen Leser die ganze Problematik in Syrien näher, als das die herkömmlichen Medien tun können. Es ist die traurige Geschichte von Leid, Verfolgung, Tod und Überleben, wie sie sich immer wieder abspielt und immer wieder abspielen wird, allen „Nie wieder!“ – Parolen zum Trotz.

 

Olga Grjasnowa ergreift keine Partei, wenn sie die innersyrischen Auseinandersetzungen auch unter den Oppositionellen schildert, sie beschränkt sich auf das Erzählen dessen, was sie in unzähligen Gesprächen nicht nur mit ihrem Mann, sondern auch mit vielen Geflüchteten erfahren hat.

 

Es ist allein jene unbändige Kraft des Überlebenwollens, was dieses Buch Hoffnung ausstrahlen lässt. Bei dem Zustand ihres Landes und dem Stillstand in der internationalen Bemühungen um eine Friedenslösung, müssen sich all die Geflüchteten auf ein langes Exil einstellen, ähnlich wie das Hisham Matar eben in seinem Buch „Die Rückkehr“ eindrucksvoll und schmerzhaft am Beispiel seiner libyschen Familie beschrieben hat.

 

 

 

 

Hagard

 

 

 

 

Lukas Bärfuss, Hagard, Wallstein 2017, ISBN 978-3-8353-1840-3

 

Mehrfach wurde dem Rezensenten in den vergangenen zwei Jahren vom Wallstein Verlag mitgeteilt, dass sich das Erscheinen des neuen Romans „Hagard“ von Lukas Bärfuss leider verzögere. Nun liegt er vor, und wurde gleich für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 nominiert.

 

Ein Ich-Erzähler, der an einer Stelle in der Mitte des Buches auch so etwas wie Rechenschaft abgibt über die Schwierigkeiten, die er zeitweise mit seiner Geschichte hatte, erzählt von einem Mann namens Philip, der eines Tages, obwohl er dringende Termine als Immobilienmakler hat, einer plötzlichen Laune nachgibt, und im Feierabendverkehr einer Frau folgt.

 

Der Erzähler lässt die ganze Handlung in der ersten Märzhälfte des Jahres 2014 spielen, was der Leser durch seine ständigen Verweise auf weltpolitisches Geschehen wie etwa die Suche nach dem verschwundenen Flugzeug MH 370, leicht erkennen kann. Er spart auch nicht mit für Lukas Bärfuss typischen kulturkritischen Verweisen, etwa:

„Man fürchtete sich vor der Zukunft, der Leichtsinn, der vor gar nicht langer Zeit die karierte Decke auf der blühenden Frühlingswiese ausgebreitet hatte, war verflogen. Man war, so las man in Zeitungskommentaren, in eine Schwellenzeit getreten, deren Ende, wann immer es uns treffen mochte, nur eines bedeuten konnte: den Untergang der Welt, wie wir sie kannten.“

 

Eine Stimmung, die sich bis heute angesichts von Brexit, Trump und Erdogan noch zugespitzt haben dürfte.

 

Der Ich-Erzähler ist mit seinem Protagonisten, von dem immer unklarer ist, was er mit der Verfolgung einer Frau, deren Gesicht er lange gar nicht erkennen kann, beabsichtigt, wie in einem Kampf. Einmal schreibt er: „Doch dort ließ mich Philip nicht in Ruhe. Er hatte kein Einsehen und saß weiterhin in seinem Vorortzug. Seiner Starrköpfigkeit überdrüssig, schrie ich ihm zu, er solle sich zusammenreißen und endlich zu Belinda gehen du  danach, meinetwegen, sein Leben ändern, Vera entlassen, das Geschäft du  den BMW verkaufen und seine Talente einer Sache widmen, die größer war, als dieses billige Abenteuer.“

 

Er kann nicht billigen was Philip da tut, kann aber auch nicht von ihm lassen. Da fällt einer aus seiner gewohnten Welt und der Autor kann ihn nicht daran hindern. Das hat etwas Bedrohliches, das den Leser immer mehr in einem atemlosen Sog mitnimmt.

 

Und immer wieder Bemerkungen über den Zustand der Welt und der Gesellschaft in unserer Zeit, die nachdenklich machen. Die beiden letzten Sätze des Buches kommen mir vor, wie eine dialektisch-philosophische Botschaft von Lukas Bärfuss selbst: „Ich sterbe, aber ich verschwinde nicht. Dies ist das Ende, und hier will ich beginnen.“

Vgl. auch seine Essays „Stil und Moral“ (2015)

 

 

 

Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen

 

 

 

 

Samuel Schirmbeck, Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen, Orell Füssli 2017, ISBN 978-3-280-05636-6

 

In diesem Buch legt der langjährige und erfahrene ARD-Journalist Samuel Schirmbeck, der die islamischen Länder und den Islam von innen kennt wie kaum ein zweiter, seine schon in seinen beiden FAZ- Artikeln „ Die Linke im Muff von tausend Jahren“ (Februar 2015) und „Sie hassen uns“ (Januar 2016) geäußerte Kritik am gegenwärtigen Islam und der Reaktion der westlichen Länder und seiner Öffentlichkeit in einer großen Ausführlichkeit dar.

 

In vielen Beispielen aus den letzten Jahren und mit einer beißenden Kritik an führenden Politikern der Linken und der Grünen in Deutschland, weist er nach, wie ratlos und verharmlosend diese die wahren Absichten der Islamisten verkennen.

 

Eine radikale Islamkritik fordert er und gibt mit seinem Buch dafür ein gutes Beispiel. Er diskutiert auch die Probleme einer solchen selbstbewussten Islamkritik,  weil sie besonders in Deutschland im Verdacht des Rassismus und Fremdenhasses steht. Die aktuellen Vorgänge und diplomatischen Konflikte im Vorfeld der Abstimmung über die neue türkische Verfassung zeigen, wie wichtig Schirmbecks Thesen sind.

Er betont gegen seine Kritiker: „Islamkritik bedeutet mitnichten, Muslime anzugreifen, sondern Schutz vor seinen menschenverachtenden Auswüchsen, die sich gegen Frauen, Homosexuelle, gegen eigenständig Denkende und sogenannte Ungläubige richten – also auch gegen Millionen von Musliminnen und Muslimen.“

 

Eine kritische Öffentlichkeit im Westen darf nicht sofort beim Vorwurf der Islamophobie (neben seiner Faschismus- und Nazikeule ist das der Lieblingsvorwurf von Erdogan) zurückweichen und sich ducken. Immer wieder deutlich machen, dass es nicht gegen den Islam als solchen geht, sondern um seine Auswüchse und seine Weigerung, ähnlich wie vor Jahrhunderten die Christen mit der Bibel, auch eine historisch-kritische Lektüre der eigenen Traditionen zuzulassen, dazu wird und kann dieses Buch helfen.

 

 

Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jean-Luc Seigle, Ich schreibe Ihnen im Dunkeln, C. H. Beck 2017, ISBN 978-3-406-69718-0

 

Schon in seinem Roman „Der Gedanken an das Glück und an das Ende“ hatte 2014 der in Frankreich sonst für spannende Thriller bekannte Schriftsteller Jean-Luc Seigle sich mit einer einfühlsamen und poetischen Familiengeschichte mit etlichen in Frankreich gut gehüteten politischen und gesellschaftlichen Tabus befasst, unter anderem dem Krieg in Algerien und der in Frankreich sehr umstrittenen Rolle der französischen Armee im Kampf gegen Nazideutschland und die in dem Zusammenhang oft lächerlich gemachte Bedeutung der Maginot-Linie.

 

Nun legt er in einem weiteren kleinen Roman seine Version einer Lebensgeschichte einer Frau vor, die auch noch Jahrzehnte nach ihrem Tod in Frankreich kontrovers diskutiert wird.

Es geht um das Schicksal der Französin Pauline Dubuisson (1927-1963), das 1960 mit Brigitte Bardot in der Hauptrolle verfilmt wurde. „Die Wahrheit“ des Regisseurs Clouzot ist eine, wie Seigle in seinem Vorwort bemängelt, eindimensionale Darstellung und denunziert Pauline als eine kaltblütige Mörderin. Doch das ist nur ein Aspekt, denn:

„Paulines Verbrechen nimmt einen winzigen Moment in ihrem Leben ein, die Zeit, um drei Revolverkugeln zu verschießen, kaum eine Minute. Man kann sie mit dem schöpferischen Augenblick vergleichen, dem geheimnisvollen Phänomen des künstlerischen Schaffens, derselbe Taumel, dieselbe plötzliche Inspiration, dasselbe Von-sich-selbst-Fortsein, um mit Stefan Zweig zu sprechen. Doch das Verbrechen ist kein Wunder der Kreativität, es ist eine Lücke in Paulines Leben, ein Riss der sich in ihrem Dasein auftut, eine unendlich kurze verdichtete Zeit.“

 

Seigle hat sich lange mit dem Leben von Pauline befasst und versucht mit seinem Roman die Tagebücher und Hefte zu rekonstruieren, die nach ihrem Selbstmord 1963 verloren gegangen sind.

 

In der Ich-Form lässt er Pauline ihr Leben erzählen, ihre schwere Kindheit und Jugend, ihre frühe Suche nach Wärme und Liebe, die sie ihren Ruf kostete, ihre Sehnsucht nach einem Medizinstudium. Doch der Vater besteht auf einer Ausbildung zur Krankenschwester, die sie unter dem Wohlwollen des Vaters in eine Beziehung mit einem deutschen Wehrmachtsarzt führt.

 

Kurz vor Kriegsende wird sie von Männern der Resistance öffentlich kahlgeschoren (so wie viele andere Frauen damals) und fürchterlich missbraucht. Pauline gibt nicht auf, und beginnt Medizin zu studieren. Dabei trifft sie den Kommilitonen Felix Bailly, der sich, als er von Paulines Geschichte erfährt, von ihr trennt. Bei einer letzten Aussprache, bei der sie sich eigentlich selbst vor ihm töten wollte, erschießt sie ihn im Affekt und wird zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt.

 

Als Pauline mit 30 Jahren nach neun Jahren Haft entlassen wird, ist sie eine innerlich und äußerlich zerstörte Frau. Sie schließt ihr Studium ab und flieht, einen anderen Namen annehmend, nach Essaouria nach Marokko.

 

Dort blüht sie zu neuem Leben auf:

„Es herrscht vollkommene Übereinstimmung zwischen dem Stein und meinem Körper, zwischen dem Mittelpunkt des Hauses und meinem Herzen, zwischen seinem Schatten und meinem Innersten – genau das Gegenteil vom Gefängnis, wo es nur Trennung gibt zwischen Mauern und Körpern.“

 

Als sie Jean kennenlernt, erwacht auch ihre Gefühlswelt zu neuem Leben. Sie nähern sich an, er will sie heiraten. Doch Pauline weiß, sie muss ihm vorher die Wahrheit erzählen und ahnt schon seine Reaktion.

Nach dieser neuerlichen Enttäuschung sieht sie keinen Platz mehr für sich in dieser Welt, ihr altes Trauma ist wieder aufgebrochen: „Wenn ich nicht geliebt werde, bin ich wie tot. Wie. Kinder sagen das, wenn sie spielen. Man ist, ohne wirklich zu sein. Wie tot sein, heißt lebendig sein und bereits wie eine Leiche zu riechen.“

 

Sie setzt, während neben ihr Mozarts „Requiem“ spielt, ihrem Leben ein Ende.

 

Jean-Luc Seigle hat mit tiefem Verständnis und mit viel Poesie in seinem Buch versucht, dieser Frau und ihrem Schicksal so etwas wie Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sein bewegender Roman ist ein Stück großer Literatur, der in Frankreich wegen der Bekanntheit der Thematik sicher mehr für Beachtung sorgen wird als hierzulande.

 

 

 

 

 

 

Mister Maxwells Maus

 

 

 

 

Frank Asch/Devin Asch, Mister Maxwells Maus, Carl Auer 2017, ISBN 978-3-8497-0189-5

 

Wenn im normalen Leben eine Katze auf eine Maus trifft, ist die Geschichte meist schnell erzählt. Nicht so in dem vorliegenden in Kanada schon 2004 erschienen Bilderbuch, dessen Geschichte seine Autoren in das England des frühen 20.Jahrhunderts verlegt haben. Statt Menschen leben dort Katzen, die aber gekleidet sind wie Menschen.

 

Einer von ihnen ist Mister Maxwell, der heute so wie jeden Mittag um 12.45 Uhr  im Restaurant „Pfote & Kralle“ sein Lunch einnimmt. Weil er befördert worden ist, gönnt er sich einen Salat zur Vorspeise und will heute ausnahmsweise eine noch lebende Maus zur Hauptspeise. Sonst lässt er sie immer vorher töten.

 

Clyde, der Oberkellner, serviert ihm alles dienstbeflissen.  Doch die Maus, die Clyde Mister Maxwell auf einem warmen Toast serviert, ist clever. Wohlwissend, welches Schicksal ihr bevorsteht, verwickelt sie Mister Maxwell in ein langes Gespräch. Ihre ausgesprochene Höflichkeit beeindruckt den feinen Herrn. Der Toast ist schon kalt und die Maus lebt immer noch, als die kluge und sprachbegabte Maus in vollendeter Grazie zu ihrem letzten Trick ansetzt, der ihr die Freiheit bringt.

 

Ein lustiges Bilderbuch für Kinder ab etwa 5 Jahren geeignet, das der Carl Auer Verlag dankenswerterweise für seine schöne Reihe „Carl Auer Kids“ ausgewählt hat.

Und jetzt lass uns tanzen (Hörbuch)

 

 

 

 

 

Karine Lambert, Und jetzt lass uns tanzen, Random House Audio 2017, ISBN 978-3-8371-3828-3

 

Mit ihrem zweiten Roman „Und jetzt lass uns tanzen“ stellt sich die belgische Schriftstellerin Karine Lambert zum ersten Mal bei dem deutschen Publikum vor, nachdem sie mit ihrem Debüt in Belgien 2014 mit dem Prix Saga Cafe für das beste Debüt des Jahres ausgezeichnet wurde.

 

Es ist ein Liebesroman mit zwei ganz ungewöhnlichen Protagonisten. Ein Roman, der zeigen will, dass es für eine auch romantische Liebe kein bestimmtes ( vorzugsweise junges) Alter braucht. Bis sich Marguerite, eine 78- jährige Witwe und der 73-jährige aus Algerien stammende Marcel treffen, dauert es etwas. Zunächst beschreibt Karine Lambert das bisherige Leben der beiden. Marguerite war 55 Jahre mit ihrem Mann Henri verheiratet, in einer eher förmlichen Beziehung ohne Gefühle und Sex. Als es den in den ersten Jahren noch einmal im Monat mechanisch gab, wurde der Sohn Frederic geboren, der seinerseits später einen Sohn namens Ludovico bekommt, der für einen Tag in der Woche das Leben der nunmehr zur Witwe gewordenen Frau erhellt. Marguerite trauert nicht, sie fühlt sich befreit, vermisst aber auch den äußeren Rahmen, den ihr die Ehe mit dem erfolgreichen Notar Henri gegeben hat. Dennoch ist ihre Sehnsucht nach Leben und Leidenschaft groß  – zum großen Unverständnis ihres Sohnes, der zu einer genauen  Kopie seiner steifen Vaters mutiert ist.

 

Der 73-jährige Marcel hingegen war sein ganzes Leben mit seiner Kindheitsliebe Nora glücklich, nachdem diese Marcels Familie nach deren Emiragtion viele Jahre später aus Algerien nach Vincennes in Frankreich gefolgt ist. Doch auch Nora ist gestorben und  Marcel ist einsam.

 

Nun fügt es der Zufall, dass die beiden einsamen alten Menschen zur gleichen Zeit eine Thermalkur in den Bergen unternehmen, wo sie sich begegnen und sich fortan nicht mehr loslassen. Gegen alle Widerstände der jüngeren Mitglieder ihrer beiden Familien führen sie ihre Beziehung nach der Kur weiter und sie öffnen sich wieder dem Leben und der Liebe. Sie wagen es, sich neu auf einen anderen Menschen einzulassen. Sie schaffen es, sich ihr bisheriges Leben zu lassen und es zu würdigen und können so miteinander etwas völlig Neues erleben. Ja, auch im Alter geht das, sich neu einzulassen und trotz knapper Zukunft noch einmal neu zu beginnen.

 

Karine Lamberts Roman geht nahe, weil er seinen Leser konfrontiert mit der Möglichkeit, irgendwann im Alter auch allein  zu sein.  Ich habe den Roman mit großer Anteilnahme gelesen und mich mit den beiden alten Menschen  gefreut und dem, was sie aus ihrem Leben noch einmal machen.

 

Die Schauspielerin Iris Berben hat diesen schönen Roman für die vorliegende ungekürzte Hörbuchfassung auf eine wunderbar authentische und überzeugende Weise eingelesen. Eine Stimme, die dem Gelesenen Leben verleiht, weil sie selbst davon überzeugt ist. Das spürt man zu jeder einzelnen Minute.

 

 

 

 

 

 

 

 

Seelenruhig

 

 

 

Angelika Gulder, Seelenruhig, Campus 2017, ISBN 978-3-593-50663-0

 

Das vorliegende Buch von Angelika Gulder ist ein anschaulicher, tiefgehender und unbedingt praxis- und lebensnaher Ratgeber für eine gelassene Gestaltung des Lebensalltags. Man spürt allen Texten und Beispielen die jahrelange Erfahrung und Praxiserprobung ab und auch die grundlegende Eibettung in eigene Lebenserfahrung.

 

Angelika Gulder will ihren Lesern und Leserinnen vermitteln, wie sie mehr Lebensfreude, mehr Neugier und mehr inneren Frieden in ihr Leben bringen können. Ansprechende und humorvolle Illustrationen lockern das Buch auf und machen das Lesen und Praktizieren der einzelnen vorgeschlagenen Übungen und Aufgaben zu einer angenehmen Übung für den alltäglichen Gebrach, denn man kann die einzelnen Teile auch je nach Thema auswählen und bearbeiten.

 

Ein wirklich empfehlenswertes Buch für das Selbstcoaching hin zu einem Alltag durch die Höhen und Tiefen des Lebens: „Das Leben als spannende Achterbahnfahrt mit Schmetterlingen im Bauch“.
 

 

Endlich mein

 

 

 

 

Donna Leon, Endlich mein, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-24388-8

 

In ihrem neuen, nunmehr 24. Fall für den venezianischen Commissario Guido Brunetti kehrt die Autorin Donna Leon, mittlerweile auch schon 74 Jahre alt, mit einer Hauptfigur an die Ursprünge ihrer nicht nur in Deutschland sehr erfolgreichen und immer wieder verfilmten Krimireihe zurück.

 

In dem 1993 veröffentlichten Debütroman „Venezianisches Finale“ ging es um einen mysteriösen Todesfall im Opernhaus „La Fenice“, als der Stardirigent  Helmut Wellauer in der Pause  vor dem letzten Akt von „La Traviata“ tot aufgefunden wird. Unter anderem unter Verdacht des damals erstmals ermittelnden Guido Brunetti geriet die Sängerin Flavia Petrelli, die aber auch wegen der sauberen Arbeit des Commissario von jedem Tatverdacht freigesprochen werden konnte.

 

Nun, 23 Bände und 22 Jahre danach macht Donna Leon Flavia Petrelli zur Hautfigur eines Romans, der in der Zeitebene der Serie nur „einige Jahre“ danach spielt. Flavia Petrelli ist nach Venedig zurückgekehrt, noch berühmter und verehrter als je zuvor, um im Opernhaus die Titelrolle von „Tosca“ zu singen.

 

Guido Brunetti sieht die Petrelli mit seiner Frau in einer Aufführung und in einem kurzen Gespräch nach der Vorstellung laden sie die Sängerin zu einem Essen bei den adligen Eltern von Brunettis Frau ein.

 

Dort macht die Sängerin einen gehetzten, fast panischen Eindruck, und auf Nachhaken von Brunetti gesteht sie, dass sie sich von einem Stalker verfolgt sieht, der ihr nicht nur in Venedig, sondern zuvor auch in anderen Städten Hunderte von gelben Rosen schickte. Oder ist es gar kein männlicher Verehrer, der die berühmte Sängerin in Angst und Schrecken versetzt und auch vor körperlichen Attacken gegen andere Menschen nicht zurückschreckt, die engen Kontakt mit Flavia Petrelli haben?

 

Mit vielen Informationen aus der Innenwelt der Oper gespickt, hat Donna Leon, zum wiederholten Mal das Stalking zum Thema eines ihrer Romane gemacht. „Endlich mein“ hat mir wieder mehr Freude beim Lesen gemacht, als die letzten Folgen der Reihe, wenn ich auch meine ständige Kritik aufrechterhalte: Brunetti und seine Familie sind seit vielen Jahren (die Zeitebene der Serie) bzw. Jahrzehnten (die Zeitebene des Erscheinens der Bücher) kuschelweich krisenlos. Keine einzige Fachliche oder menschliche Schwäche ist mir aus einem der 24 Bücher in Erinnerung.

 

Im neuen Buch läuft seine Sekretärin Signorina Elletra nicht ganz so in der Spur. Aber das ist auch das einzige wirkliche Veränderung in einer Reihe, die für mich seit vielen Jahren mehr Unterhaltungsromane mit venezianischem Hintergrund produziert als echte Kriminalromane.

 

Der Tod so kalt

 

 

 

 

Luca D`Andrea, Der Tod so kalt, DVA 2017, ISBN 978-3-421-04759-5

 

Der amerikanische Dokumentarfilmer Jeremiah Salinger, der diesen spannenden Thriller des Südtirolers Luca D`Andrea in der Ich-Form erzählt, lernt in den USA seine aus dem Südtiroler Dorf Siebenhoch stammende Frau Annelise kennen. Eine Tochter Clara kommt zur Welt. Doch bald schon verlässt Salinger mit seiner Familie die USA und zieht nach Siebenhoch, ausgelaugt und ausgebrannt.

 

Dort in Siebenhoch will er neue Kraft auftanken und neue Ideen entwickeln. Doch bald schon beginnt sich der ruhelose Jeremiah für die dortige Bergwacht zu interessieren, plant mit seinem Kompagnon Mike, der aus den USA nach Siebenhoch gekommen ist, eine neue Dokumentarreihe. Bei einem normalen Einsatz der Bergwacht, den Mike filmt, wird die Crew der Bergwacht samt ihrem Hubschrauber von einer Lawine erfasst und alle kommen ums Leben. Salinger, der später aus der Felsschlucht, in die er sich zum dem verunglückten Bergwanderer mit herablassen ließ, geholt werden sollte, überlebt dieses Unglück als Einziger. Er erleidet eine schwere posttraumatische Störung und gibt seine Frau das Versprechen, sich ein ganzes Jahr eine Auszeit zu nehmen. Doch bis zum Ende eines überaus spannenden Buches wird er dieses Versprechen immer wieder brechen.

Bei seinen Recherchen erfährt er von einem dreißig Jahre zurückliegenden Verbrechen, dem Bletterbach-Massaker. Damals 1985 waren drei junge Wanderer, die zur Bletterbach-Schlucht aufgebrochen waren, während eines tagelangen gewaltigen Gewitters nicht mehr zurückgelehrt. Als ein Suchtrupp auf ihre grausam entstellte Leichen stößt, vermuten die Helfer schnell einen Töäter im Bekanntenkreis. Doch sehr schnell breitet sich im ganzen Dorf ein eisiges Schweigen darüber aus.

 

Als Salinger auf diese Geschichte stößt, lässt sie ihn nicht mehr los. Er beginnt zu fragen, und bekommt vor allem von seiner Schwiegervater Werner Mair, der die Toten damals gefunden hat, immer wieder den barschen Rat, mit dem Fragen aufzuhören, weil die Konsequenzen nicht abzusehen seien.

 

Salinger indes spornt dies noch mehr an, und er versucht unter Einsatz seines Lebens und die Zukunft seiner Familie aufs Spiel setzend, in den nächsten Monaten dieses Rätsel zu hören, das auf das Engste mit ihm und seiner Familie verbunden zu sein scheint.

 

Viele lokale Bräuche und Sitten, zum Beispiel das Fest des Krampus hat Luca D`Andrea in seinem Buch verarbeitet, viele Mythen (unter anderen von einem urzeitlichen Monster, das in der Schlucht die Zeiten überlebt habe). Er selbst hat vor einiger Zeit mit „Mountain Heroes“ für das italienische Fernsehen die Arbeit der Bergrettung porträtiert.

 

Ich glaube, er hat viel von seiner eigenen Leidenschaft für die Berge und ihre Mythen in seinen Ich-Erzähler Salinger hineingenommen, den er wie besessen einem Geheimnis auf der Spur bleiben lässt, das ein ganzes Dorf über drei Jahrzehnte in den Bann geschlagen hat.

 

Es gelingt ihm hervorragend, seine Leser sofort mit hineinzuziehen in diesen Bann und atemlos in der Lektüre fortzuschreiten, die ihn mit immer neuen ungeahnten Wendungen, völlig gefangen nimmt.

 

Ein wirklich empfehlenswerter Thriller, der für ein Debüt, denn um ein solches handelt es sich, gleich in ungewöhnlichen vielen Ländern in einer Übersetzung erscheint.