Der Draghi-Crash

 

 

 

 

 

Markus Krall, Der Draghi-Crash, Finanzbuchverlag 2017, ISBN 978-3-95972-072-4

 

Der Autor dieses Buches, Markus Krall, ist ein erfahrener Insider, der bei Firmen wie McKinsey, Oliver Wyman oder BCG Jahre lang als Berater in leitender Funktion tätig war. Er weiß also, wovon er schreibt, weil er sich in der Sache bestens auskennt. Er hat die Auswirkungen der Nullzinspolitik der EZB und von Mario Draghi, um die es in diesem Buch geht, dort beobachtet, wo sie die größten Auswirkungen hat und wo sie auch die schwersten Schäden sorgen wird: bei den Finanzmarktakteuren.

 

Doch, wie Markus Krall immer wieder betont, werden sich die Schäden nicht nur   auf die Banken oder Versicherer beschränken. Die Schäden, die die Gesellschaft und dort insbesondere der Mittelstand jetzt schon beklagt, sind immens. Lediglich eine kleine Minderheit von Superreichen profitiert.

 

Er selbst glaubt nicht an ein Umsteuern der EZB. Auch die vielen am Anfang des Buches und auf der hinteren Umschlagsseite zitierten zustimmenden Stimmen von Fachleuten offenbaren eine große Skepsis in dieser Richtung.

 

Und so dient das Buch dazu, dem Leser einmal mehr verdeutlicht zu haben, wohin diese EZB-Politik führt und wie aussichtlos eigentlich die Hoffnung auf eine schnelle Veränderung ist.

 

 

Schwerelos. Mit Leichtigkeit durchs Leben

 

 

 

 

 

Deborah Rosenkranz, Schwerelos. Mit Leichtigkeit durchs Leben, Gerth Medien 2017, ISBN 978-3-95734-215-7

 

Die Bibel und ihre Verheißungen und Weisheiten als Orientierung nutzen für jede neue Woche meines Lebens – dies hat die Singer-Songwriterin Deborah Rosenkranz in ihrem eigenen Leben erfahren. Ein Leben, das nicht nur durch die Musik bereichert wird, die sie gerne überall auf der Welt in Konzerten weitergibt, sondern auch durch ihr soziales Engagement für Mädchen mit Essstörungen und für junge Menschen, die auf der Suche sind nach ihrer eigenen Identität.

 

Für jede Woche des Jahres hat sie einen Spruch aus der Bibel, Altes und Neues Testament, ausgewählt und auf jeweils drei Seiten eine einladende, verständliche und ermutigende Auslegung geschrieben, die sie jedes Mal anreichert mit sehr persönlichen Erfahrungen aus ihrem Leben und Alltag.

 

Ein Gebet schließt den jeweiligen Text ab, das die wesentlichen Gedanken der kurzen Auslegung aufgreift und zuspitzt. Diese 52 Impulse wollen zeigen, dass auch schwere Tage zum Besten dienen können. Dass auch aus einer schlechten Erfahrung etwas Gutes wachsen kann. Und dass jeder Mensch wertvoll ist in den Augen Gottes.

 

Es kann insbesondere junge Menschen ermutigen, mit Leichtigkeit durch sein eigenes Leben zu gehen.

Der kleine Groll und das große Magische

 

 

 

 

 

Miriam Cordes, Der kleine Groll und das große Magische, Oetinger 2017, ISBN 978-3-7891-7188-8

 

Lange hat sie davon geträumt, dieses Buch zu machen, die bekannte Bilderbuchautorin und Illustratorin Miriam Cordes. Nun legt sie es vor und es ist in seiner Magie und traumhaften Kunst ein Werk, das nicht nur Kinder vor dem Einschlafen lieben werden, sondern auch die es vorlesenden Erwachsenen bezaubern wird mit seiner einzigartigen Schönheit.

 

Es erzählt die Geschichte der Familie Groll, die im Wald leben. Als der kleine Gren eines Nachts nicht schlafen kann, weckt er seinen Bruder Gran, weil er ihm etwas Magisches zeigen will. Durch den Lärm, den die beiden veranstalten, sind auch die Eltern Groll und die anderen Geschwister bald auf den Beinen. Mitten in der Nacht. Und was die versammelte Familie da findet – das ist einfach magisch.

 

Eine warmherzig geschriebene Geschichte hat Miriam Cordes mit wunderschönen Bildern illustriert, die eine besondere Magie ausstrahlen. Wunderbar zum Einschlafen!

 

 

Die Meinung der Anderen

 

 

 

 

 

Tali Sharot, Die Meinung der Anderen, Siedler 2017, ISBN 978-3-8275-0081-6

 

Wir beeinflussen andere Menschen in unserem Sinne an den unterschiedlichsten Stellen und Orten unseres Lebens und Alltags. Noch mehr aber werden wir beeinflusst, nicht nur von der unsäglichen Werbung, gegen die sich so viele gewappnet wähnen, sondern auch von Trends, Kollegen und so manchem „on dit“ von Freunden und Bekannten.

 

Wie sich die immer weiter sich ausdehnende Nutzung sogenannter „sozialer“ Medien auswirkt auf die Meinungsbildung und deren Beeinflussung von außen, ist noch gar nicht recht in den Blick gekommen.

 

Wenn man das sehr informative und verständlich geschriebene Buch der Londoner Psychologieprofessorin Tali Sharot liest, merkt man schnell, dass die Unabhängigkeit von der Meinung anderer, auf die nicht Wenige von uns stolz sind, eine Chimäre ist.

 

Sie weist nach, dass schon seit Urzeiten der Mensch in seinen Instinkten als Herdentier geprägt wurde und seit diesen Zeiten eine seiner größten Ängste ist, aus dem sozialen Verbund seiner jeweiligen Gruppe herauszufallen. Zu dieser jeweiligen Gruppe dazuzugehören, wird von Tali Sharot als das wesentliche Movens identifiziert, das sein jeweiliges Verhalten bestimmt.

 

Diese uralte Disposition ist unserem Verstand, auf den wir so stolz sind, wenn es um unsere Unabhängigkeit vom Denken anderer geht, kaum zugänglich und von ihm daher schwer zu kontrollieren.

 

An vielen Beispielen macht sie nachvollziehbar, wie das funktioniert und sorgt so beim oft erstaunten Leser für so manche selbstkritische Erkenntnis und eine Art neue Bescheidenheit, was die eigene Beinflussbarkeit angeht auf der einen Seite, und das eigene Mitwirken an „Meinungsmache“ in Richtung anderer.

 

Eine informative und unterhaltsame Lektüre gleichermaßen.

 

 

 

 

Strom auf der Tapete

 

 

 

 

Andrea Badey, Claudia Kühn, Strom auf der Tapete, Beltz & Gelberg 2017, ISBN 978-3-407-82211-6

 

Wer ist mein Vater? Mit dieser Frage entwickelt sich Ron Robert Rankes 16. Geburtstag zu einer Beinah-Katastrophe. Ron Robert Ranke ist der jugendliche Ich-Erzähler des vorliegenden mit dem Peter Härtling Preis ausgezeichneten Jugendbuches des Autorinnenduos Andrea Badey und Claudia Kühn. Seit er ein altes Foto seines Vaters in der Küchenschublade gefunden hat, steht für ihn fest, dass er seinen Vater finden möchte, koste es was es wolle.

Völlig planlos begibt er sich zusammen mit seiner Mitschülerin Clara, der zweiten Hauptfigur dieses „rasanten, gegenwartstrunkenen und überraschend zärtlichen Jugendromans“ (Jurybegründung) und einem geliehenen Cabriolet auf die Suche nach dem Unbekannten und durchlebt einige abenteuerliche Turbulenzen, Prügeleien und seinen ersten Absturz mit Alkohol, aber auch sehr intensive und nachdenkliche Momente.

 

„Strom auf der Tapete“  ist eine Art skurilles Roadmovie. Verschrobene Figuren, die dann doch ein Stück weit zu sich selbst finden und ein ausgefallener Erzählstil machen das Buch zu einer unterhaltsamen Lektüre. Abwechslungsreiche Handlungsstränge und viel Situationskomik erheitern den Leser, der vom Schluss überrascht wird, wie durch einen kalten Eimer Wasser.

 

 

Die Wiederentdeckung der Kindheit

 

 

 

 

 

Michael Winterhoff, Die Wiederentdeckung der Kindheit, Gütersloher Verlagshaus 2017, ISBN 978-3-579-08662-0

 

Der Untertitel des neuen Buches des bekannten und erfolgreichen Psychotherapeuten Michel Winterhoff zeigt schon das Defizit an, das in diesem Buch beschrieben wird: „ Wie wir unsere Kinder glücklich und lebenstüchtig machen“. Offenbar ist da sin den letzten Jahrzehnten in der Kindheit unserer Kinder und im Leben ihrer Eltern etwas verändernd geschehen, das dringend einer Korrektur bedarf. Denn während sich die Welt immer schneller zu drehen scheint, sind die Bedürfnisse von Kindern in ihren verschiedenen Entwicklungsstufen gleich geblieben.

Winterhoff führt zwei Kinder ein, deren Leben und Alltag er beschreibt, um plausibel zu machen, was er meint. An Alltagssituationen des 1995 geborenen Alexander sowie von Luis, der 2016 geboren ist, zeigt Winterhoff, wie unsere Kinder fast unbemerkt ihre Kindheit verloren und sich dadurch stark verändert haben – nicht immer zum Guten. Erwachsene und Eltern, aber auch Erziehende in den Kindertagesstätten und Schulen bemerken das sehr wohl und sie machen sich Sorgen. Gerade auch darüber, wie und wo sie selbst an solchen für die Kinder nachteiligen Veränderungen oft gegen ihren Willen mitwirken.

„Alle Eltern wollen für ihr Kind das Beste. Es soll eine glückliche, unbelastete Kindheit haben, in der es Freiräume erobern und eigene Erfahrungen machen darf. Niemand will sein Kind so fest an sich binden, dass es ein Leben lang unselbständig bleibt. Niemand will zum Juristen seines Kindes mutieren, der sofort mit Klage droht, sobald in der Schule mal ein Problem auftaucht. Und niemand will sein Kind durch Förderwahn ganz rappelig machen. Trotzdem ist genau das die Welt, in der Kinder heute groß werden.“

 

 

 

Winterhoff macht all diesen erwachsenen Menschen, die Verantwortung tragen für Kinder Mut. Er zeigt ihnen Wege auf, wie sie ihren Kindern in einer digitalen Welt Rückzugsorte schaffen können, die für ihre Persönlichkeitsentwicklung wichtig und unverzichtbar sind.  Seine spezielle und fundierte Kritik an bestimmten Auswüchsen des Bildungswesens soll Lehrern und Erziehern Mut machen, an ihrem Ideal von einem beziehungsorientierten Miteinander festzuhalten und es gegen gegenteiligen Tendenzen zu verteidigen.

 

Ein wichtiges und ermutigendes Buch für Eltern und alle , die mit Kindern arbeiten.

 

 

Das Land, in dem wir leben wollen

 

 

 

 

 

Jutta Allmendinger, Das Land, in dem wir leben wollen, Pantheon 2017, ISBN 978-3-570-55347-3

 

„Wie die Deutschen sich ihre Zukunft vorstellen.“ Darüber mehr zu erfahren, als es in herkömmlichen Befragungen möglich ist, war das Ziel einer von der ZEIT unterstützten Befragung von insgesamt 3100 Menschen im Alter zwischen 14 und 80 Jahren in ganz Deutschland. 2015 zum ersten Mal befragt, wurden sie ein Jahr später erneut kontaktiert und interviewt.

 

Durch eine neue und ungewohnte Fragetechnik ging es nicht nur um aktuelle Einstellungen und  Befindlichkeiten wie bei vielen anderen Umfragen, sondern um Vorstellungen  und Visionen von Menschen aller Alters- und Bildungsstufen von ihrer eigenen Zukunft, der ihrer Kinder und auch der des ganzen Landes.

 

Sehr überraschende Erkenntnisse kamen so heraus, die Jutta Allmendinger in diesem Buch beschreibt, das aufgebaut ist wie ein Lesebuch, weil es auf alle demoskopisch-theoretischen Einlassungen verzichtet und nur sehr wenige Anmerkungen im Anhang listet.

 

Sie fasst zusammen: „Die Menschen in Deutschland bewegen sich. Die meisten sind optimistisch, blicken zu ersichtlich nach vorn und helfen den neu Angekommenen beim Einstieg ins neue Leben. Vielen jedoch rauben Unsicherheit und Angst vor der Zukunft die Kraft zur Veränderung. Sie brauchen Respekt, Rat, Orientierung und helfende Hände.“

 

Diese Hände, so sagt sie, müssten vor allem die austrecken, „ die in den Ressorts die Weichen stellen und die bei genügend großem Handlungsspielraum wirklich helfen.“

 

Eine große Aufgabe nicht nur für die neue Regierung nach der Wahl im September, sondern für alle nachgeordneten Stellen und Verwaltungen, und für die mit den konkreten Menschen in ihren Sorgen und Nöten befassten Menschen.

Heute leben wir

 

 

 

 

 

Emmanuelle Pirotte, Heute leben wir, S. Fischer 2017, ISBN 978-3-10-397211-5

 

„Heute leben wir“ ist der bewegende und überzeugende Debütroman der Belgierin Emmanuelle Pirotte. Der Titel wird verständlich ganz am Ende des Buches, und will ausdrücken, dass nur die Gegenwart zählt im Leben von Menschen, unabhängig davon, welche Entscheidungen und Taten die Vergangenheit prägten.

 

Schon viele Bücher und Romane haben Geschichten von jüdischen Kindern erzählt, die während des Zweiten Weltkrieges in Frankreich vor den Nazis sich verstecken mussten und mit viel Glück und durch die Hilfe anderer Menschen überlebten. Doch die Geschichte der etwa sechs- bis siebenjährigen Renee, die Emmanuelle Pirotte hier erfindet, ist besonders, weil ihr Retter und Beschützer ein SS-Offizier ist.

 

Es ist Winter 1944. Das jüdische Mädchen Renee, dessen Eltern schon lange spurlos verschwunden sind und für deren Überleben sie keine Hoffnung mehr hat, versucht irgendwie zu überleben. Sie wird versteckt von Nonnen, dem Dorfpfarrer und schließlich von einer großen Bauernfamilie in den Ardennen. Von den Deutschen besetzt, warten die verzweifelten Einheimischen auf die Truppen der vorrückenden Alliierten und müssen sich doch mit der sogenannten Ardennenoffensive der Nazis rechnen.

 

Als die Deutschen mit letzten brutalen Offensiven wieder in der Gegend einfallen, kann der Dorfpfarrer, bei dem Renee untergebracht war, sie nicht mehr bei sich behalten und übergibt sie einem amerikanischen Jeep, der mit zwei Soldaten an seinem Pfarrhaus vorbeifährt. Doch schon nach wenigen Minuten erkennt Renee an der Sprache, in der sich die beiden Soldaten unterhalten, dass es Deutsche sind, die sich als Amerikaner getarnt haben, eine Strategie innerhalb der sogenannten Operation Greif, die Verwirrung unter den Amerikanern stiften soll, damit die Ardennenoffensive der Deutschen gelingt. Der eine Offizier, er heißt Matthias, spürt sofort sich zu dem jüdischen Mädchen hingezogen und als sein Kamerad Verdacht schöpft, erschießt er ihn und rettet Renee zum ersten Mal.  In zahlreichen Einschüben blendet die Autorin zurück in die Lebensgeschichte von Matthias, der bis nach Beginn des Krieges als Deutscher in den Wäldern Kanadas bei Indianern gelebt hat.

 

Auf ihrer Flucht vor den eigenen Truppen, die im Anmarsch sind, kommen Matthias und Renee auf einen Bauernhof, wo sich sehr viele Menschen einer großen Familie versteckt halten.  Wie Emmanuelle Pirotte die Dynamik und die Charaktere in diesem Haus schildert, besonders als ein Trupp Nazis es besetzt, ist große Kunst.  Auch der immer wieder eingesetzte Gegensatz zwischen brutaler Gewalt und großer Mitmenschlichkeit insbesondere in der schillernden Person des Matthias ist beeindruckend.

 

Das Buch ist spannend, lange bleibt offen, ob dieses so ungleiche Paar aus jüdischem Kind und SS-Offizier überleben wird. Die Lektüre ist aufwühlend, sie geht unter die Haut. Berührend und nachhaltig ist seine Botschaft: es ist möglich, sich in jeder noch so bösen Situation für das Gute zu entscheiden. Wenn ein Mensch den Mut hat, einfach als ein Mensch zu handeln.

 

In Frankreich war dieses Buch ein sensationeller Erfolg und Anfang 2017 haben die Dreharbeiten für seine hoffentlich erfolgreiche Verfilmung begonnen.

 

Ein wirklich beeindruckendes Buch, das lange in mir nachgewirkt hat.