Luther. 95 Schätze – 95 Menschen

 

 

 

 

Stiftung Luthergedenkstätten (Hg.),Luther. 95 Schätze – 95 Menschen, Hirmer 2017, ISBN 978-3-7774-2803-1

 

Mit 95 Schätzen folgt dieser außergewöhnliche Ausstellungsband der Nationalen Sonderausstellung im Augusteum in der Lutherstadt Wittenberg (13.Mai – 5. November 2017) der Spur des jungen Mönches Luther zur Reformation. Wer war dieser Mensch, der unter Lebensgefahr die Thesen gegen den Ablasshandel veröffentlichte? Welche Zustände, Ereignisse und Umstände bereiteten den Boden für den epochalen »Thesenanschlag«? Die 95 gezeigten  „Schätze“ sind ein kunstgeschichtlicher Leckerbissen für alle, die sich von der Seite der Kunstwerke her dieser Zeit nähern wollen.

 

Der zweite Teil des Bandes stellt 95 Menschen vor. Von Johann Sebastian Bach bis Bruce Nauman, von Sophie Scholl bis Pier Paolo Pasolini: Unabhängig von Glaubensrichtung oder Weltanschauung beziehen sich Menschen aus aller Welt auf den Reformator. Das ist vielleicht das Interessanteste an Luther: dass er seit 500 Jahren immer wieder Menschen bewegt.

 

Zwischendurch beschreiben namhafte Historiker einzelne Aspekte der Reformationsgeschichte auf andersfarbigen Seiten in 4-6 –seitigen Essays, die zusammen einen durchaus eigenständigen Teil des Buches bilden.

 

Ein außergewöhnliches Werk zum 500-jährigen Reformationsjubiläum.

 

Religion? Ay Caramba

 

 

 

Johannes Heger u.a. , Religion? Ay Caramba, Herder 2017, ISBN 978-3-451-37694-8

 

„Wie hältst Du es mit der Religion, Bart Simpson?“ Eine seltsame Frage, zieht doch der ironisierende Blick der Simpsons althergebrachte Formen von Spiritualität spöttisch durch den gelben Kakao.

Doch der Freiburger Herder Verlag hat sich getraut, etwas abseits seines sonstigen Verlagsprogramms, dieser Frage näher nachzugehen und ein Buch in Auftrag gegeben, in dem sich unter der Herausgeberschaft dreier christlicher und islamischer Theologen und Philosophen zahlreiche Autoren aus christlicher, islamischer und jüdischer Perspektive  sich mit der Welt von Homer und Marge, von Bart und Lisa befassen und  im Spiegel der Simpsons theologisch-religiöse Fragen in einem neuen lebensnahen und -relevanten Licht erscheinen lassen. Sie entdecken die religiösen Seiten des Simpsons-Universums in einer neuen, überraschenden und anregenden Weise.

 

Alle Fans der Simpson (und es gibt viele, die schon seit Jahrzehnten diese Serie verfolgen) können mit diesem Buch ihre Lieblinge noch einmal ganz anders kennenlernen. Der Vorteil des Buches ist, dass man sich auch einzelne Aufsätze heraussuchen kann. Thomas Jürgasch, einer der Herausgeber dieses außergewöhnlichen Buches hält den „Gelben Realismus“ für eine „Chance und Herausforderung für das Denken der Religion“.

 

Vielleicht auch deshalb ist das Buch neben seinem Unterhaltungswert auch religionswissenschaftlich interessant.

Friedemann

 

 

 

 

 

SaBine Büchner, Simone Hennig, Friedemann, Ravensburger Verlag 2017, ISBN 978-3-473-44694-0

 

Der kleine Friedemann hat es nicht leicht. Die lustige Geschichte von Simone Henning, die SaBine Büchner phantasievoll in Szene gesetzt hat mit zauberhaften Illustrationen, erzählt von einem kleinen Jungen, den nichts umhauen kann. Fünf Jahre ist er alt und hat vier große Schwestern. Die stehen den ganzen Tag vor dem Spiegel und kümmern sich um ihr Aussehen und ihre Kleidung. Vielleicht hat er deshalb entschieden, gegen den heftigen Protest seiner Eltern, deren Hauptbeschäftigung es ist, sich Sorgen zu machen, außer seinen Turnschuhen nichts anzuziehen.

 

Mit seinem 89- jährigen Großvater, selbst ein wenig schräg und schrullig, versteht er sich blendend und auf dessen Gartengrundstück unternehmen sie viele tolle und abenteuerliche Dinge, so wie sie ein Junge halt auch mal braucht und bei vier großen Schwestern und vorsichtigen Eltern nicht bekommt. Und irgendwann findet er dort an einem Baum etwas, was sein Anziehproblem löst. Nicht ganz im Sinne seiner Eltern und Schwestern, aber immerhin.

 

Eine liebevoll, warmherzig und augenzwinkernd erzählte Geschichte um ein in vielen Familien bekanntes Anziehdrama, das sich dann aber mit Leichtigkeit in Luft auflöst.

 

 

Wir haben einen Hut

 

 

 

 

 

 

Jon Klassen, Wir haben einen Hut, NordSüd Verlag 2017, ISBN 978-3-314-10387-2

 

Die Hüte haben es ihm angetan, dem aus Kanada stammenden und in Los Angeles lebenden Bilderbuchautor Jon Klassen. Nach seinen beiden preisgekrönten Bilderbücher „Wo ist mein Hut?“ (2012) und „Das ist nicht mein Hut“ (2013() legt er nun wieder ein lustiges und hintersinniges Bilderbuch vor, in dem es um einen Hut geht, aber zwischen den Zeilen und hinter den Bildern um noch viel mehr.

 

Dieses Mal sind es zwei Schildkröten, die die Hauptrolle spielen. Sie finden einen Hut, der ihnen beiden gut gefällt und auch beiden gut steht. Da es aber nur einen Hut gibt, beschließen sie zu vergessen, dass sie ihn  jemals gefunden haben.

 

Das gelingt der einen Schildkröte gut, aber die andere kann den schönen Hut einfach nicht vergessen. Und im Traum findet sie eine Lösung…

 

Mit viel Witz und Scharfsinn gelingt es Jon Klassen auch mit seinem dritten Buch über die Anziehungskraft von Hüten mit reduzierten Mitteln eine große emotionale Wirkung zu erzielen.

Die Welt zur Zeit Jesu

 

 

 

 

 

Werner Dahlheim, Die Welt zur Zeit Jesu, C.H. Beck 2017, ISBN 978-3-406-71507-5

 

Das vorliegende umfangreiche Buch des emeritierten Historikers Werner Dahlheim hätte ich vor 40 Jahren als Theologiestudent gerne auf meinem Schreibtisch gehabt. Es hätte mir ermöglicht, viel besser als durch die meisten meiner theologischen Lehrerinne und Lehrer die Welt und die Verhältnisse zu verstehen, von denen nicht nur das Leben des Jesus von Nazareth geprägt war, sondern deren Kenntnis nötig ist, um den Aufstieg des Christentums zu verstehen.

 

Das Buch ist klug und nachvollziehbar aufgebaut und für ein historisches Werk sehr spannend geschrieben. Schnell hat man sich festgelesen und am Ende ein differenziertes Bild von den Anfängen einer Religion, die die Welt geprägt hat wie kaum eine zweite.

Der Metzger

 

 

 

 

 

Thomas Raab, Der Metzger, TB, Droemer 2017, ISBN 978-3-426-304969

 

Das vorliegende neue Buch von Thomas Raab schließt sich nahtlos an die bisherigen durchweg lesenswerten Fälle des Restaurators Willibald Adrian Metzger an, der als Hobbydetektiv immer wieder in mysteriöse Fälle schlittert und sie mit seiner eigenwilligen Art der Durchdringung der Materie und immer wieder mit tatkräftiger Unterstützung seiner Frau löst.

 

 

Mit seinem Restaurator Willibald Adrian Metzger und dessen Lebenspartnerin Danjela Djurkovic aus Kroatien hat Thomas Raab literarische Figuren erschaffen, die nun nach sechs Bänden nicht nur zu den originellsten der deutschsprachigen Krimiszene gezählt werden müssen, sondern auch zu den erfolgreichsten. Mit seinem speziellen Spürsinn und in einer wie selbstverständlichen, oft völlig sprachlosen Kooperation mit seiner Herzensdame Danjela nimmt Willibald Adrian Metzger, auch kurz nur „der Metzger“ genannt, randständige Phänomene seines Alltags wahr und spürt sensibel ihre Unstimmigkeit.
Dann verfolgt er zielstrebig die zunächst noch lockeren und unzusammenhängenden Fäden und stößt mit großer Regelmäßigkeit ziemlich bald in die Mitte eines kriminellen Geschehens vor, das für Thomas Raab immer auch ein Stück seiner österreichischen Heimat und Kultur ist, die er dann mit scharfem und bissigem Humor beschreibt.
Thomas Raab hat einen Stil, in den man sich verliebt, er spielt mit den Worten, hat einfach Freude an ungewöhnlichen Formulierungen und Sprachspielen, mit denen er nicht selten seine Kritik ummantelt.

Thomas Raabs Sprache ist wie immer zunächst gewöhnungsbedürftig. Mit vielen Bilder, seltsamen Satzkonstruktionen fordert er dem Leser zunächst einiges ab, bis der sich an diese Form der Poesie gewöhnt hat und dann richtig Freude daran findet.

 

In seinem neuen Buch geht es gleich hoch her. Da gibt es einen Angriff auf eine Würstchenbude. Nicht nur die Bude ist hin, sondern auch ein sehr bekannter und von vielen gehasster Literaturkritiker kommt zu Schaden.

 

Da gibt es den Hansi Woplatek, Kinderfreund von Willibald Adrian Metzger und Sohn seiner Stammfleischerei. Dieser Hansi will nicht die Nachfolge des Vaters antreten, sondern lieber Schriftsteller sein.

 

Und kurz darauf zwischen den Schweinehälften in der Metzgerei ein menschlicher Kadaver.

 

Und wer ist der Autor jener Manuskriptauszüge, die Thomas Raab immer wieder in kursiver Schrift einstreut und die voller Gewaltphantasien sind?

 

Wie immer dauert es wieder ziemlich lange bis dem Hobbydetektiv eine zündende Idee kommt, nachdem er all die viele Fäden, die Raab auslegt, sortiert hat und die Lösung auf einmal klar auf dem Tisch liegt …

 

Absolut lesenswert und köstliche Unterhaltung.

 

 

 

 

 

 

 

Wenn wir groß sind

 

 

 

 

 

Jean Leroy, Matthieu Maudet, Wenn wir groß sind, Moritz Verlag 2016, ISBN 978-3-89565-317-9

 

Eine lustige und hintersinnige Märchenparodie haben die beiden französischen Kinderbuchautoren Jean Leroy und Matthieu Maudet hier in einem kleinen Buch im Moritz Verlag vorgelegt.

 

Das sitzt das Rotkäppchen zusammen mit drei kleine Schweinchen im Sandkasten. Sie denken nach darüber, was sie tun werden, wenn sie einmal groß sind. Dabei sind sie sich einig: der Wolf wird sich wundern.

Doch der Wolf, selbst noch klein und unscheinbar, hat sie dabei belauscht und ist außer sich. Die vier seien gemein, ruft er aus und kündigt an, sie alle aufzufressen – wenn er einmal groß ist.

Ein Bilderbuch, das neben dem Spaß, den es macht, auch eine Moral vermittelt: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

 

Zusammen unter einem Himmel

 

 

 

 

Britta Teckentrup, Zusammen unter einem Himmel, arsedition 2017, ISBN 978-3-8458-1973-0

 

Auch das neue Bilderbuch von Britta Teckentrup zeugt, wie viele andere ihrer früheren Bücher für Kinder von einer großen Liebe zu der Natur und ihren Wundern.  Dieses Mal lädt sie die Kleinsten mit großen besonderen Gucklöchern auf eine Entdeckungsreise in eine Welt ein, in der alle „zusammen unter einen Himmel“ leben.

 

Sie macht es für Kinder sehr verständlich mit Tierfamilien. Eine Katzenfamilie, eine Löwenpaar mit drei Kleinen, ein Pinguinpaar in Schnee und Eis, Tiere hoch in den Bergen, in tiefen grünen Tälern, im Meer, hoch über den Wolken und in dunklen Wäldern.

 

Allen leben sie zusammen unter einem Himmel: „Wir träumen dieselben Träume und wir träumen sie zusammen…“

 

Mit entsprechender sensible Anleitung von Erwachsenen, werden sie zuhörenden und die das Buch betrachtenden Kinder, sehr schnell den Zusammenhang herstellen zu den vielen verschiedenen Kindern aus allen Herren Länder, die ihnen heutzutage in unseren Kindertagesstätten begegnen.

 

Das poetische Bilderbuch zeigt, dass uns alle mehr verbindet, als uns trennt.

Wir haben die Zeit. Denkanstöße für ein gutes Leben

 

 

 

 

 

Christian Schüle, Wir haben die Zeit. Denkanstöße für ein gutes Leben, edition Körber-Stiftung 20917, ISBN 978-3-89684-197-1

 

Der Philosoph Christian Schüle, der zuletzt mit seinem Buch „Heimat“ (Droemer) ein Szenario für ein neues Heimatverständnis entworfen hat, mit dem sich die großen Migrations-Bewegungen unserer Zeit möglicherweise fassen und bewältigen lassen. und dabei unserer Sehnsucht nach Vertrautem und dem Mangel an Vertrauen nachgespürt hat, ist auch in seinem neuen Werk „Wir haben Zeit“ dem aktuellen Lebensgefühl der Menschen auf der Spur. Wie leben sie und wie arbeiten sie, was bewegt sie, welchen Sinn und welches Ziel wollen sie ihren Leben geben?

 

Da die Menschen heute eine erhebliche höhere Lebenserwartung haben als frühere Generationen, hätten sie, so Schüle, eigentlich allen Grund, sich Zeit zu lassen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Stress, Hektik, Druck von außen, der dann nach innen wandert und krank macht, überwiegen im Leben der meisten Menschen. Sie fühlen sich wie gejagt von widersprüchlichen und sie überfordernden Anforderungen und mehr noch von den unzähligen Angeboten. So wird man nicht glücklich.

 

In seinem Buch beschreibt Schüle, wie er sich die „Organisation des guten Lebens“ vorstellt. Was kann der einzelne Mensch, Frau oder Mann, tun bzw. lassen, um seine Arbeit, seine Familie und seine Freizeit in einen harmonischen und sinnerfüllten Einklang zu bringen? Doch seine Fragen gehen über das hinaus, was das Individuum für sich selbst tun kann. Er nimmt in seinem Buch auch immer wieder die gesamte Gesellschaft in den Blick und fordert eine Neudefinition von Lebensarbeitszeit, die sich an den in den verschiedenen Lebensabschnitten vorherrschenden Bedürfnissen der Menschen orientiert.

 

Sein Buch ist nicht nur eine überzeugende Gesellschaftsutopie mit vielen sinnvollen Hinweisen auf das, was der Einzelne für sich in seinem Leben ändern kann, sondern auch eine kluge und aufschlussreiche Beschreibung unserer gegenwärtigen Gesellschaft und der in ihr vorherrschenden Werte.

 

 

 

Muss ich was abgeben?

 

 

 

 

Mo Willems, Muss ich was abgeben, Klett Kinderbuch 2017, ISBN 978-3-95470-154-4

 

Von Monika Osberghaus hervorragend aus dem Englischen übersetzt beschäftigt sich das neue Buch der englischen Kinderbuchautorin Mo Willems wieder ihrem lustigen kleinen Elefanten Gerald und seinem Freund Schweinchen. Dieses Mal geht es um das Teilen und wie kompliziert sich das manchmal gestaltet.

Als Gerald sich an einem Eiswagen ein Bällchen von dem leckeren grünen Eis (Waldmeister?) gekauft hat und schon genussvoll losschlecken will, da fällt ihm ein, dass sein Freund, das Schweinchen auch für sein Leben gerne Eis mag.

 

Und dann ist er hin und her gerissen zwischen der Lust, sein Eis allein  zu essen und dem schlechten Gewissen, es teilen zu sollen. Mo Willems hat diese Gefühlsaufwallungen wunderbar und lustig in Szene gesetzt. Während Gerald überlegt und nachdenkt, sich quält mit seinem Gewissen, schmilzt sein Eis langsam dahin.

 

Niedergeschlagen auf dem Boden sitzend, das geschmolzene grüne Eis auf der Erde vor sich sagt er: „Ich hab`s vermasselt.“  Doch da kommt das Schweinchen um die Ecke. Und ratet mal, was es in der Hand hat?

 

Ein schönes neues Buch von Gerald und Schweinchen über die Schwierigkeit des Teilens.