Lucie und die Vier

 

 

 

Marianne Dubuc, Lucie und die Vier, Beltz & Gelberg 2018, ISBN 978-3-407-82342-7

 

Marianne Dubuc, die zuletzt 2015 ebenfalls bei Beltz & Gelberg in Weinheim unter dem Titel „Bus fahren“ ein zart und poetisch illustriertes Bilderbuch über den Mut von Eltern loszulassen veröffentliche, in dem sie am Beispiel der kleine Clara das große Abenteuer beschrieb, dass es für Kinder bedeutet, das erste Mal allein eine kleine Reise zu unternehmen, ein erster selbständiger Schritt in die Welt, in der es so viel zu sehen und wahrzunehmen gibt, hat nun mit „Lucie und die Vier“ ein wieder zauberhaft illustriertes Bilderbuch vorgelegt, dieses Mal für kleine Kinder ab etwa zwei Jahren.

 

In drei Geschichten erzählt sie von dem Mädchen Lucie und ihren vier Freunden Hase, Maus, Schildkröte und Schneckchen. Lucie liebt die Natur und erkundet sie immer wieder auf Streifzügen. Dabei passieren ihr und ihren Freunden Geschichten, die Marianne Dubuc in kurzen Worten und kleine Szenen erzählt. Geschichten und Abenteuer von Suchen und Finden, vom Teilen und vom einander Helfen.

 

Ein sehr empfehlenswertes Bilderbuch für die kleinsten Bücherfreunde.

 

 

 

Zwei für mich, einer für dich

 

Jörg Mühle, Zwei für mich, einer für dich, Moritz Verlag 2018, ISBN 978-3-89565-357-5

 

Der große Bär und das kleine Wiesel leben in einer Wohngemeinschaft gut und freundschaftlich zusammen. Doch manchmal gibt es Streit.  So, als eines Tages der Bär auf seinem Heimweg drei Pilze findet und sie mit nach Hause nimmt. Das Wiesle freut sich sehr, und bereitet die Pilze auf eine leckere Weise in der Pfanne vor, während der Bär schon am gedeckten Tisch sitzt.

 

Als der Bär die leckere Speise austeilen will, kommt es zum Streit, denn er reklamiert zwei der drei Pilze für sich. Begründung: er sei groß und müsse deshalb viel essen. Das Wiesel widerspricht und sagt, es habe selbst Anspruch auf zwei Pilze, denn es sei klein und müsse noch wachsen.

 

Weitere Argumente werden in einem heftigen Streitgespräch ausgetauscht, als  der schlaue Fuchs von hinten einen Pilz stibitzt, den das Weisel auf einer Gabel gerade hochhält.

 

In der Empörung über den Fuchs einig, verspeisen die beiden nun jeder einen Pilz. Doch als es zum Nachtisch kommt (drei Walderdbeeren auf einem Teller), teilt das Wiesel aus …

Ob sie dieses Mal eine Lösung finden?

 

Ein pfiffiges Bilderbuch über gerechte Verteilung.

 

 

 

 

Miniaturgärten. Indoor und Outdoor

 

 

Holly Farrell, Miniaturgärten. Indoor und Outdoor, Haupt Verlag 2018; ISBN 978-3-258-08053-6

 

Viele Mieter oder Besitzer von großen oder auch kleinen Wohnungen haben außerhalb ihrer Wohnung keine Möglichkeit auf einem freien Gelände oder Gartenteil etwas zu pflanzen oder zu gestalten. Selbst für Besitzer neuer Eigenheime bleibt außen nur wenig Platz in Zeiten hoher Grundstückspreise. Das macht nichts sagt Holly Farrell in ihrem hier vorliegenden Buch, denn für Miniaturgärten braucht es keinen Garten.

 

Eine Gartenlandschaft kann in einem einzelnen Gefäß und ein kleines Ökosystem sogar in einem Marmeladenglas geschaffen werden. Dieses Buch zeigt, wie man zu einem Miniaturgarten kommt ob für drinnen oder für draußen. Eine Sommerwiese oder eine Sukkulententerrasse kann im Topf angelegt werden, und in Terrarien entstehen ganze Miniökosysteme. Besonders platzsparend sind vertikale Miniaturgärten seien es dekorative Kokedamas oder kleine Wandgärten für Kräuter und Gemüse. Ergänzt werden die vielen Gartenideen mit einem Kapitel zu den gärtnerischen Grundlagen und der richtigen Pflege damit der Miniaturgarten wunderbar gedeiht.

 

Autorin Holly Farrell präsentiert auf charmante Art und Weise verschiedene, mit einfachen Mitteln umzusetzende Vorschläge.

 

 

 

Alles fließt. Der Rhein. Eine Reise, Bilder, Geschichten

 

 

Elke Heidenreich, Tom Krausz, Alles fließt. Der Rhein. Eine Reise, Bilder, Geschichten, Corso 2018, ISB N 978-3-7374-0744-1

 

»Der Rhein ist der Fluss, von dem alle Welt redet und den niemand studiert, den alle Welt besucht und niemand kennt.“ (Victor Hugo, 1854)

Im Frühsommer 2016 schon haben Tom Schulz und Björn Kuhligk auf einem Schiff den Rhein bereist, seine Landschaften, Städte und Menschen erkundet: Von Düsseldorf, Köln und dem Siebengebirge bis nach Basel. Vorbei an Bonn, Koblenz, der Loreley. Entlang zauberhafter Orte am Mittelrhein wie Bacharach und Bingen. Schließlich nach Mainz, Worms, Mannheim, Speyer und Rüdesheim sowie nach Straßburg und den Kaiserstuhl. Und dann haben sie es unter dem Titel „Rheinfahrt. Ein Fluss, seine Menschen, seine Geschichten“ 2017 bei Orell Füssli in Zürich veröffentlicht. Geleitet hat sie ein Bonmot von Victor Hugo, das sie ihrem Buch damals vorangestellt haben: „Der Rhein ist der Fluss, von dem alle Welt redet und den niemand studiert, den alle Welt besucht und niemand kennt.“ (Victor Hugo, 1854)

 

Diese Worte Hugos haben auch Elke Heidenreich und den Fotografen Tom Krausz geleitet haben, als sie, ausgehend von der Frage „Warum ist es am Rhein so schön?“ zu einer Reise aufbrechen, die sie zu Fuß, per Schiff und mit dem Auto eine der verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt entlangführt, von der Quelle bis zur Mündung. Sie haben außer ihrem schmalen Gepäck nur etwas Literatur über den Rhein, ihre Notizbücher und den Fotoapparat dabei, denn: wir wollten  selber sehen, riechen, fühlen, hören, nachdenken, erfahren.“

 

Die Antworten, die sie finden, sind Geschichten, Ahnungen und sehr persönliche Eindrücke, manchmal schön, manchmal unbequem und immer faszinierend. Mit ihren Betrachtungen machen Elke Heidenreich und Tom Krausz die Geschichte des über 1200 km langen und sechs Länder durchfließenden Stroms für den Leser sehr lebendig.

 

Für mich persönlich, der ich am Ufer des Rheins auf der Höhe von Mainz geboren bin, mein ganzes Leben in seiner Nähe wohne, ihn auch jetzt nach über sechs Lebensjahrzehnten immer wieder besuche, war dieses Buch natürlich ein ganz besonderes Erlebnis. Die Strecke von der Quelle bis nach Koblenz weckten in mir ganz besondere Erinnerungen, denn sie bin ich im Rahmen von Jugendfreizeiten, die ich in den achtziger Jahren organisierte, mehrmals mit dem Fahrrad gefahren.

 

 

Unter Dampf

 

Boris von Brauchitsch (HG.), Unter Dampf, Edition Braus 2018, ISBN 978-3-86228-175-6

 

Wer die schönen bisherigen Bildbände der Edition Braus mit historischen Aufnahmen und schlauen Begleittexten von Boris von Brauchitsch kennt, dem kann man  bedenkenlos auch diesen schönen Bildband „mit historischen Fotografien von Berlin Fern- und Regionalbahnhöfen“ empfehlen – er wird seine wahre Freude an diesem schönen Buch haben.

 

Zum Hintergrund dieser wunderbaren Reihe, die nicht nur für Berliner von Interesse ist: Boris von Brauchitsch ist Kunsthistoriker und er hat es sich zur Aufgabe gemacht, im Verlag der Edition Braus historische Bildbände über das alte Berlin zusammenzustellen. Vorzüglich aus dem unermesslichen Bildbestand der bpk-Bildagentur stammend, welche eine Einrichtung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist, bildet dieser Fotoband (im wahrsten Sinne) das ganze Spektrum der Berliner Bahnhofs-Architektur und ihrer wechselvollen Geschichte von den 1860er Jahren bis in die Nachkriegszeit, mitunter auch bis in die 1980er Jahre ab.

Dieser Bildband erzählt anhand historischer Fotografien die Geschichte der Berliner Fern- und Regionalbahnhöfe – und damit ein Stück Stadtgeschichte, denn der Weg Berlins zur Weltstadt und von der Weltstadt zum urbanen Provisorium lässt sich nirgendwo besser ablesen als an der Geschichte seiner Bahnhöfe.

„Unter Dampf“ ist ein schönes Buch von ausgezeichneter Druckqualität und Verarbeitung, mit wunderbaren Bilder und intelligenten  Texten.

 

 

 

 

 

 

Meine sanfte Medizin für einen guten Schlaf

 

 

 

Franziska Rubin, Meine sanfte Medizin für einen guten Schlaf, ZS Verlag 2018, ISBN 978-3-89883-729-3

 

Viele Umfragen zeigen, dass die Menschen in unserem Land immer schlechter und vor allen Dingen immer weniger schlafen. Die Krankenkassen und Ärzte warnen schon langem davor, dass zu wenig Schlaf auf lange Sicht zu schlimmen Folgen für die Gesundheit und auch die Lebenserwartung führt. Berufliche Belastung, die durch die Digitalisierung nicht leichter zu werden scheint, sondern offenbar zunimmt, durchgetaktete „Freizeit“, die längst keine freie Zeit mehr ist, der Anspruch einer permanenten Erreichbarkeit per Smartphone, auch im privaten Bereich, weil man ja sonst vielleicht etwas verpasst und dann „draußen“ ist.

 

Und dann, wenn dann die Menschen nach der wirklich allerletzten Whatsapp das Licht ausmachen und sich zum Schlafen legen, dann können sie nicht , oder sie wachen nach kurzer Zeit oder sehr früh am Morgen wieder auf und reduzieren so noch ihre eh kurze Schlafzeit.

 

Die bekannte TV-Ärztin Franziska Rubin geht in ihrem hier vorliegenden Buch auf diese digitalen Zeit- und Schlaffresser eher wenig ein. Dafür beschreibt sie ihren Lesern  ihre besten und langjährig erprobten Informationen und Tipps für einen erholsamen und gesunden Schlaf. Mit der richtigen Strategie, Entspannungsübungen, wertvollen Hausmitteln und der richtigen Ernährung gehören Schlafprobleme schon bald der Vergangenheit an.

 

Man lernt bei der Lektüre nicht nur viel über das Phänomen des Schlafs, sondern erfährt auch wirklich Interessantes über den menschlichen Körper und wie er funktioniert und was er wann braucht.

 

 

 

Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums

 

 

 

Manfred Lütz, Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums, Herder 2018, ISBN 978-3-451-37915-4

 

Im Jahr 2007 hatte der Münsteraner Religionshistoriker und Priester Arnold Angenendt in einem monumentalen Werk mit dem Titel „Toleranz und Gewalt“ (ist jetzt auch als Taschenbuch lieferbar) letztlich die Grundlage dafür geschaffen, was der Psychotherapeut Manfred Lütz nun in seinem hier vorliegenden Buch „Skandal der Skandale“ als geheime Geschichte des Christentums erzählt.

 

Hauptsächlich geht es um die Tatsache, dass die drei Schwert-Worte im Neuen Testament immer wieder in ihrer wahren Bedeutung beachtet werden müssen, um ihrem neuerlichen Missbrauch entgegenzuwirken:
Einmal das beim ersten Hinhören erschreckende Wort: ‚Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert‘ (Mt.10,34). Gemeint ist das geistige Schwert der Abtrennung von der blutsverwandten Eigenwelt, also ein metaphorischer Gebrauch zur Bezeichnung schmerzhaft – notwendiger Lebensentscheidungen. Dem zweiten Schwert-Wort zufolge ist das Wort Gottes ’schärfer als jedes zweischneidige Schwert…; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens.‘ Das physische Schwert jedoch wird abgelehnt. Als Jesu Jünger ihn bei seiner Verhaftung mit einen realen Schwert verteidigen wollen, gebietet er: ‚Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.'(Mt. 26,52)

Das sind die theologischen Grundlagen des Christentums und beiden Autoren gebührt Dank dafür, mit ihren nun auch für einen breiten Kreis von Lesern zugänglich gemachten Erkenntnissen erneut darauf hingewiesen zu haben. Ich kann es nur empfehlen für alle die Menschen, die die platte Kritik meiden und es lieber mit der wirklichen Aufklärung halten, eben auch im Diskurs um das strittige Thema Religion.

 

Sich über die positiven Wurzeln der eigenen Religion bewusst zu werden, ohne die dunklen Zeiten zu verdrängen oder sich ihrer zu schämen und sie für die eigentliche Essenz des Christentums zu halten, sondern selbstbewusst und mit Überzeugung die wahre Essenz zu leben und sie auch im Dialog und Streitgespräch mit dem Islam etwa zu vertreten, darum geht es den beiden Autoren.

Das Christentum ist, wie Lütz und Angenendt schreiben, „die Geschichte der Heiligen, der spirituellen Aufbrüche, aber auch der großen und vor allem der stillen Leidenden.“

Das Buch ist ein Weckruf zur „Hoffnung auf den barmherzigen Gott, an den die Christen glauben und dem sie es zuschreiben, diese 2000-jährige Geschichte trotz aller schrecklichen menschlichen Schwächen auch der Christen tatsächlich zur Heilsgeschichte gemacht zu haben.“

 

Es ist eine große Leistung, die wissenschaftliche Erkenntnis von „Toleranz und Gewalt“ nun auf knapp 300 Seiten ohne Fußnoten einem breiten Publikum zugänglich gemacht zu haben.

Im Gefängnis. Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern

 

 

 

Thomas Engelhardt, Monika Osberghaus, Im Gefängnis. Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern, Klett Kinderbuch 2018, ISBN 978-3-95470-186-5

 

Der Verlag minedition hat in diesem Frühjahr ein Bilderbuch des Franzosen Emmanuel Bourdier veröffentlicht mit dem Titel „Haselnusstage“, das die Geschichte eines Jungen erzählt, dessen Vater schon seit Jahren im Gefängnis sitzt und der jeden Mittwoch zusammen mit seiner Mutter den Vater dort besucht.So wie das Buch beginnt, endet es:

„Eine Stunde.
Eine Stunde mit ihm. Um mich in sein Lachen zu kuscheln,
seinen Haselnussduft zu atmen,
ihm beim Muskelaufpumpen und Ohrenwackeln zuzuschauen,
von ihm ‚mein Sohn‘ genannt zu werden und den Hals
nach draußen zu den Wolken zu recken. Nur eine mickrige Stunde.“

Düstere, farblose und tief traurigen Bilder zeigen das Schicksal eines Jungen, der in der Schule  schlecht ist und von den anderen Kindern gemieden und gemobbt wird.

„Haselnusstage“ ist ein Wagnis. Ein mutiges, weil so tief trauriges und hoffnungsloses Bilderbuch, das den Blick öffnen und schärfen will für die Kinder, die schon zu Beginn ihres Lebens auf der Verliererseite sind, und dort wohl auch bleiben werden.

 

 

Das hier vorliegende Buch widmet sich demselben Thema, tut das aber ausführlicher und wie ich finde, deshalb auch hoffnungsvoller als „Hasennusstage“. Thomas Engelhardt und Monika Osberghaus erzählen in ihrem Buch „Im Gefängnis“ die Geschichte der achtjährigen Sina. Ihr Papa muss für zwei Jahre ins Gefängnis. Er hat etwas Schlimmes getan und muss nun dafür geradestehen. Die kleine Sina versteht das alles nicht. Sie hat keine Ahnung von dem Ort, an ihr Vater jetzt lebt.

 

Für Kinder wie Sina haben die beiden Autoirren dieses Buch verfasst, aber auch für alle anderen Kinder. Denn das Gefängnis ist ein Ort, von dem schon kleine Kinder wissen, dass es ihn gibt, den aber kaum jemand kennt, auch nicht die vorlesenden Erwachsenen. Ein schlimmer, aber auch ein interessanter Ort.

 

Vom ersten Tag seiner Gefängniszeit an können die Leser Sinas Papa dort begleiten. Sie erfahren alles über den Alltag hinter Gittern: Was es dort zu essen gibt, wer dort lebt und arbeitet, die eine Zelle aussieht, welche Sondersprache es dort gibt und vieles mehr. Und: wie es ist, wenn man wieder rauskommt in die Freiheit.

 

Ein hervorragend illustriertes Sachbuch für Kinder, das ebenso wie „Haselnusstage“ einen Preis verdient hat.

 

 

Leinsee (Hörbuch

 

Anne Reinecke, Leinsee (Hörbuch), Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-80390-7

 

Der hier anzuzeigende Debütroman der 1978 geborenen und mit ihrer Familien in Berlin lebenden  Schriftstellerin Anne Reinecke ist ein wirkliches literarisches Ereignis, das schon vor einem Erscheinen mit einem Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin ausgezeichnet wurde.

 

Wegen seines künstlerischen Reichtums, seiner poetischen Sprache und seiner menschlichen Tiefe werden sicher noch weitere Auszeichnungen dazu kommen, vielleicht eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2018.

Die Hauptperson des bewegenden Romans ist Karl, der zu Beginn der Handlung 26 Jahre alt ist. Er ist der Sohn von August und Anna Stiegenhauer, die seit langem als die die deutsche Kunstszene dominierenden Künstler nicht nur in ihrem Heimatland gefeiert werden.

 

In dieser total symbiotischen Beziehung war von Anfang an kein Platz für ein Kind. Karl ist vor etwa zwei Jahrzehnten mit der Begründung, ihm die bestmögliche Erziehung zukommen zu lassen, in ein Internat gekommen und dort aufgewachsen. Dort hat er auch einen neuen Nachnamen angenommen.  Unter diesem Namen ist er seit einigen Jahren als Künstler in Berlin erfolgreich und total angesagt.

 

Als Karl, der seit seinem Abitur vor sieben Jahren nicht mehr zu Hause bei seinen Eltern war, die Nachricht vom Tod seines Vaters erhält, wird sich sein Leben, wie sich herausstellen wird, ab diesem Augenblick total verändern. Der Vater hatte sich selbst getötet, weil er die Vorstellung, ohne seine im Sterben liegende Frau leben zu müssen nicht ertragen konnte.

 

Er fährt nach Leinsee, jenen Ort, an dem seine Eltern wohnen. Er muss dort die Beerdigung des Vaters organisieren und sich um die sterbende Mutter kümmern. Die jedoch erholt sich nach einer Operation auf geien auch für die Ärzte überraschend Weise von ihrer Krankheit und Karl kommt ihr so nahe, wie er es sein ganzes Leben nicht erlebt hat. Allerdings verwechselt seine Mutter ihn konsequent mit ihrem Mann.

 

Während seine Freundin Mara in Berlin ihn immer heftiger drängt, nach der Beerdigung des Vaters, schnell nach Berlin zurückzukehren, auch weil wichtige Kunsttermine auf ihn warten. Denn Karl hat sich zwar mit einem eigenen, sich von dem der Eltern scharf abhebenden Stil nicht nur in Berlin einen Namen gemacht und die Händler reißen ihm seine Werke geradezu aus den Händen.  Doch er weiß, dass er von dem Lebensstil von Vater und Mutter geprägt ist, der nicht nur in deren Arbeiten eingeflossen ist, sondern auch Fundament für seine eigene Karriere als Künstler bildet, indem er sich deutlich von ihm abhebt.

 

Nun in Leinseesieht er sich in einer für ihn ungewohnten Lage, die seine gewohnte Ordnung durcheinanderwirbelt. Da ist zum einen der persönliche Assistent seiner Eltern, der genau zu wissen scheint, was mit dem Werk der Stiegenhauers zu geschehen hat, den Karl aber abblitzen lässt.

 

Und da ist etwa achtjähriges Mädchen, das eines Tages im Garten des Hauses am Leinsee, das der Vater ihm vermacht und das er, so wird sich herausstellen,  in den folgenden Jahren zurückgezogen als Atelier und bescheidenen Wohnraum nutzten wird, auf einem Baum sitzt. Zu diesem Mädchen entwickelt Karl bald schon eine besondere Beziehung. Tanja, so heißt sie, wohnt offenbar in der Nachbarschaft und kommt, wahrscheinlich ohne Wissen ihrer Eltern, immer wieder in den Garten Karls. Mit ihrer kindlichen Unbekümmertheit und ihrem fröhlichen Wesen lockt sie Karl zurück in ein Leben voller ungeahntere Leichtigkeit, das er völlig umkrempelt und, obwohl nach wie vor mit seinem Werken sehr erfolgreich, sich von dem Druck des Kunstmarktes löst. Tanja bringt Karls Kreativität zu völlig neuen Höhepunkten, genauso wie er ihren zum Leuchten verhilft. In der Freundschaft mit Tanja, die sich über zehn Jahre über das ganze Buch hinzieht, begegnet ihm seine eigene Kindheit und Jugend und er macht Frieden mit seiner Vergangenheit.

Ihre Präsenz, Ihr Wesen und was sie in ihm auslöst, ist auch der Hauptgrund für seine Entscheidung, in Leinsee zu bleiben.

 

Anne Reinecke hat jedes Kapitel ihres spannenden und berührenden Buches mit einer Farbe überschrieben, die durch ein Adjektiv nähe qualifiziert wird. Die so entstehende Farbpalette kann man als Metapher sehen für Karls vielfältigen und sich auch im Laufe der Handlung verändernden Gefühlen sehen.

 

„Leinsee“ ist ein Roman über einen Menschen, der sich aus einer großen Traurigkeit befreit, und dem es gelingt, mit seiner Vergangenheit sich auszusöhnen und sogar zwischen ihr und seiner Gegenwart ein Band zu spannen. Ein Roman, der erzählt von einer ungewöhnlichen Eltern-Kind –Beziehung und von einer zarten, sich langsam entwickelnden Liebe.

 

Ich bin begeistert von diesem Debüt, das der Lektor von Diogenes mit viel literarischem Gespür aus der Vielzahl der eingesandten Manuskripte  zielsicher ausgewählt hat. Glückwunsch an den Verlag und Hochachtung vor der Autorin, die uns hoffentlich bald schon mit einem Nachfolgeroman beschenkt.

 

Der ungekürzten Lesung von Franz Dinda kann man anhören, mit welcher Begeisterung und Bewunderung er selbst das Buch zunächst gelesen und dann auch eingelesen hat. Seine feinfühlige Interpretation wird diesen sensationellen literarischen Debüt voll gerecht.

 

 

 

 

 

Kommst du raus spielen ?

 

 

 

Rob Hodgson, Kommst du raus spielen, arsedition 2018, ISBN 978-3-8458-2295-2

 

In der Höhle sitzt ein kleines Tier.  Niemals traut es sich, seine Höhle zu verlassen. Vor der Höhle sitzt der böse Wolf und wartet Tag und Nacht, dass das kleine Tier endlich aus seiner Höhle kommt. Es will nicht mit dem Wolf spielen, es will nicht der Freund des Wolfes sein und es findet auch nicht, dass es in der Höhle langweilig ist. Aber der Wolf bleibt weiter vor der Höhle. Dann hat er die Idee. Er bietet einen leckeren Donat an und schon klappt es. Das Tier kommt heraus und ist gar nicht so klein wie man vielleicht dachte.
Man ahnt, dass der Wolf nicht nur Freundschaft sucht, sondern das kleine Wesen in seinem Magen landen soll. Er ist listenreich und gibt nicht auf, er will das Wesen aus der Höhle locken. Aber er hat wohl nicht damit gerechnet, wer dort wohnt und sieht sich dann jemandem gegenüber, der größer und stärker ist.

 

Eine unterhaltsame Geschichte, die zeigt wie aus natürlicher Feindschaft eine dicke Freundschaft werden kann.