Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand

 

 

 

Konstantin Wecker, Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand, Gütersloher Verlagshaus 2018, ISBN 978-3-579-08726-9

 

Konstantin Wecker ist ein Mensch und Künstler, der in seinem Leben alle Höhen und besonders die Tiefen durchlebt hat. Er ist immer wieder aufgestanden, seiner großen Liebe, der „ANNArchie“ treu geblieben und hat sich immer wieder für Frieden und Gerechtigkeit engagiert.

 

In dem vorliegenden Gedichtband gibt er ein überzeugendes Beispiel seiner Auffassung, dass Poesie  -und er versteht sich schon immer als Poet- sich nicht abfindet mit dem Machbaren, sondern immer „auf der Suche nach dem Wunderbaren“ ist, und somit notwendig im Widerstand gegen das Bestehende, gegen Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Gewalt.

Für ihn ist  Widerstehen eine unerlässliche, immer wieder neu aufzufrischende Lebenshaltung, um sich nicht einfach allem zu beugen, was einem als selbstverständlich aufgetischt wird.

Im vorliegenden Büchlein interpretiert er wie in einem langen Prosagedicht, kleinere Gedichten von ihm selbst und anderen.

 

Wecker zeigt sich hier als altersweiser spiritueller Poet, keiner Religion verpflichtet, nur seinem eigenen Menschsein und seiner unendlichen Würde.

 

 

 

 

 

Grenzgänger

 

 

 

Mechthild Borrmann, Grenzgänger, Droemer 2018, ISBN 978-3-426-28179-6

 

In ihrem 2016 erschienenen Bestsellerroman „Trümmerkind“ schilderte die schon mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnete Mechthild Borrmann in einer Geschichte aus der deutschen Vergangenheit die schmerzliche Suche einer Frau nach der Wahrheit. Eine Frau, die erkennen muss, dass und wie ein Verbrechen auf schicksalhafte Weise mit der Geschichte ihrer Familie verbunden ist. Ich habe diesen sehr gelungenen Roman damals geradezu verschlungen.

 

Entsprechend gespannt war ich auf ihren gerade erschienenen neuen Roman „Grenzgänger“. Wieder siedelt sie den einen Teil der Handlung in den Nachkriegsjahren an und den anderen in das Jahr 1970. Und wieder schafft sie es mit einer ausgefeilten Sprache ihren Leser wie in einem Sog sofort an sich zu binden mit einem Plot, der die Geschichte einer lebenshungrigen Frau erzählt, die trotz einer langen und brutalen Vergangenheit als Heimkind an die Gerechtigkeit glaubt und fast daran zerbricht.

 

Die Familie Schöning, um die es geht, lebt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in einem kleinen Dorf nahe der deutsch-belgischen Grenze. Dort blüht der Kaffeeschmuggel, ohne den viele Menschen dort nicht überleben könnten. Auch die 17- jährige Henni, die nach dem frühen Tod der Mutter die Familie führt und die jüngeren Geschwister versorgt, macht bald dabei mit und kann mit den Erlösen des Schmuggels den totalen Ausfall des Vaters mehr als ausgleichen. Der hatte sich, nachdem er aus der Gefangenschaft heimkehrte, keine Arbeit gesucht, auch zuhause nichts gemacht und -fromm geworden- seine ganze Zeit in der Kirche und bei dem katholischen Priester verbracht, der im Laufe der Handlung noch eine sehr unrühmliche Rolle spielen wird.

 

Als dann aber irgendwann eine Schmugglergruppe erwischt wird, wandern die Erwachsenen ins Gefängnis und Hennis Vater will sie mit der Unterstützung des Priesters in ein Heim geben und die anderen Kinder mit dazu. Doch noch kann Henni das verhindern, indem sie heimlich erst allein und dann auch mit ihren Geschwistern und anderen alte Schmugglerouten durch das tückische Moorgebiet der Hohen Venn nutzt.

 

Lange geht das gut und Henni kann für ihre Geschwister sorgen, doch eines Tages werden sie erwischt und ihre jüngere Schwester wird von einem Zöllner erschossen, der im Dorf wohnt. Henni wird daraufhin, 1951, in eine Besserungsanstalt gesteckt und ihre Geschwister werden vom Vater mit tatkräftiger Unterstützung der Pfarrers in ein kirchliches Kinderheim in Trier gegeben.

 

Der Roman schildert eindrucksvoll und bewegend die Zustände sowohl in der Besserungsanstalt, wo Henni geduldig wartet bis sie volljährig ist, als auch in dem kirchlichen Heim in Trier, in dem ihr Bruder Matthias nach einer wahren Folterbehandlung an Lungenentzündung stirbt.

 

Nachdem Henni nach ihrer Entlassung bei der Familie eines Landtagsabgeordneten als Haushaltshilfe unterkommt, ruht sie nicht, Kontakt mit ihren Geschwistern aufzunehmen. Als sie vom Tod des Bruders erfährt, dreht sie fast durch und sucht verzweifelt nach Gerechtigkeit.

 

Auch als sie schon verheiratet ist, gibt sie die Suche nicht auf. Immer gegen den Willen ihres Vaters, der sich immer noch weigert, sich um seine Kinder zu kümmern.  Als der bei einem Brand seines Hauses ums Leben kommt, wird Henni angeklagt.  Und viele frühere Freunde trauen sich aus der Deckung um ihr zu helfen.

 

Mechthild Borrmann erzählt eine unter die Haut gehenden Geschichte, in der sie Tausende von Opfern gerade kirchlicher Kinderheime in den Jahrzehnten nach dem Krieg so etwas wie Gerechtigkeit erfahren lässt. Man kann es aus heutiger Sicht kaum glauben, welche brutalen und menschenunwürdigen Zustände dort unter dem Deckmantel der Religion herrschten und kleine Menschenkinder für ihr ganzes Leben zerstörten.

 

Ein Roman, der sich liest wie ein Krimi und doch auch ein Teil deutscher Sozialgeschichte erzählt. Auf den nächsten Roman von Mechthild Borrmann darf man gespannt sein.

 

 

 

 

 

Alles fließt. Der Rhein. Eine Reise, Bilder, Geschichten (Hörbuch)

 

 

Elke Heidenreich, Tom Krausz, Alles fließt. Der Rhein. Eine Reise, Bilder, Geschichten (Hörbuch), Random House Audio 2018, ISBN 978-3-8371-4439-0

 

»Der Rhein ist der Fluss, von dem alle Welt redet und den niemand studiert, den alle Welt besucht und niemand kennt.“ (Victor Hugo, 1854)

Im Frühsommer 2016 schon haben Tom Schulz und Björn Kuhligk auf einem Schiff den Rhein bereist, seine Landschaften, Städte und Menschen erkundet: Von Düsseldorf, Köln und dem Siebengebirge bis nach Basel. Vorbei an Bonn, Koblenz, der Loreley. Entlang zauberhafter Orte am Mittelrhein wie Bacharach und Bingen. Schließlich nach Mainz, Worms, Mannheim, Speyer und Rüdesheim sowie nach Straßburg und den Kaiserstuhl. Und dann haben sie es unter dem Titel „Rheinfahrt. Ein Fluss, seine Menschen, seine Geschichten“ 2017 bei Orell Füssli in Zürich veröffentlicht. Geleitet hat sie ein Bonmot von Victor Hugo, das sie ihrem Buch damals vorangestellt haben: „Der Rhein ist der Fluss, von dem alle Welt redet und den niemand studiert, den alle Welt besucht und niemand kennt.“ (Victor Hugo, 1854)

 

Diese Worte Hugos haben auch Elke Heidenreich und den Fotografen Tom Krausz geleitet haben, als sie, ausgehend von der Frage „Warum ist es am Rhein so schön?“ zu einer Reise aufbrechen, die sie zu Fuß, per Schiff und mit dem Auto eine der verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt entlangführt, von der Quelle bis zur Mündung. Sie haben außer ihrem schmalen Gepäck nur etwas Literatur über den Rhein, ihre Notizbücher und den Fotoapparat dabei, denn: wir wollten  selber sehen, riechen, fühlen, hören, nachdenken, erfahren.“

 

Die Antworten, die sie finden, sind Geschichten, Ahnungen und sehr persönliche Eindrücke, manchmal schön, manchmal unbequem und immer faszinierend. Mit ihren Betrachtungen machen Elke Heidenreich und Tom Krausz die Geschichte des über 1200 km langen und sechs Länder durchfließenden Stroms für den Leser sehr lebendig.

 

Für mich persönlich, der ich am Ufer des Rheins auf der Höhe von Mainz geboren bin, mein ganzes Leben in seiner Nähe wohne, ihn auch jetzt nach über sechs Lebensjahrzehnten immer wieder besuche, war dieses Buch natürlich ein ganz besonderes Erlebnis. Die Strecke von der Quelle bis nach Koblenz weckten in mir ganz besondere Erinnerungen, denn sie bin ich im Rahmen von Jugendfreizeiten, die ich in den achtziger Jahren organisierte, mehrmals mit dem Fahrrad gefahren.

 

Die hier vorliegende gekürzte Hörbuchfassung ist von Elke Heidenreich selbst eingelesen worden und ist ein angenehmes Hörerlebnis.

 

 

 

Grossglockner. Hochalpenstrasse.Österreich- 2504 m

 

 

 

Stefan Bogner, Jan Karl Baedeker, Grossglockner. Hochalpenstrasse.Österreich- 2504 m Delius Klasing 2018, ISBN 978-3-667-11394-8

 

Unter dem Titel „Porsche Drive – 15 Pässe in 4 Tagen“ haben der Fotograf Stefan Bogner und der Autor Jan Karl Baedeker bereits einen eindrucksvollen und erfolgreichen Bildband vorgelegt und die perfekte Route für eine „Mille Miglia der Alpen“ definiert.

Mit ihrem im letzten Jahr erschienenen Buch „Porsche Drive – Stelvio“ hatten die beiden dem Stilfser Joch eine bildgewaltige und einzigartige Hommage bereitet. Kaum ein anderer der unzähligen Alpenpässe wird von Serpentinenliebhabern so verehrt wie das Stilfser Joch. Anfang des 19. Jahrhunderts vom genialen Baumeister Carlo Donegani im Auftrag der österreichischen Krone gebaut, führt die bis heute kühnste und kurvenreichste Straße der Alpen in 48 Kehren hinauf auf 2757 Meter.

 

In ähnlicher Aufmachung und gleichem Aufbau widmen sich die beiden Autoren in dem hier vorliegenden neuen Buch der Grossglockner Hochalpenstrasse, eine erfahrbare Sehenswürdigkeit, Ziel naturromantischer Sehnsüchte, sportlicher Ambitionen und automobiler Vergnügungsfahrten

 

Auf mehr als 300 Seiten, mit spektakulären Luftaufnahmen, Geschichten und Interviews, wird diese Straße erstmals ausführlich dokumentiert und porträtiert, ehe sie am Steuer einiger der schnellsten und sportlichsten Porsche aller Zeiten Kurve um Kurve „erfahren“ wird. Zu Wort kommen im Buch nicht nur Alpenhistoriker und Architekten, sondern auch Porschefahrer, die ihre Leidenschaft für diesen Pass mit den Lesern teilen. Fehlen dürfen bei Baedeker und Bogner auch nicht die Reise-Empfehlungen: In welche Restaurants man auf der Strecke einkehren und wo man am besten übernachten soll, verheimlicht das Buch ebenfalls nicht – und stiftet so zur Nachahmung an.

 

Man  muss aber nicht unbedingt  mit einem Porsche hinauffahren um das einzigartige Erlebnis zu genießen.

 

Pink Floyd. Alle Songs. Die Geschichten hinter den Tracks

 

 

 

 

Philippe Margotin, Pink Floyd. Alle Songs. Die Geschichten hinter den Tracks, Delius Klasing 2018, ISBN 978-3-667-11410-5

 

Ein schwergewichtiger Band dokumentiert die Geschichte einer Band und ihrer Songs, deren Bedeutung für die Popmusik der letzten 50 Jahre nicht hoch genug einzuschätzen ist.

Die Rockband wurde 1965 von Roger Waters, Syd Barrett, und Richard Wright gegründet. Die Besetzung wechselte zu David Gilmour, Nick Mason, Waters und Wright. Gemeinsam entwickelten sie einen unverwechselbaren eigenen Stil, geprägt von Psychedelic und Progressive Rock, Blues und Jazz, aber auch klassischer Musik. Ihr Stil setzte sich im Artwork der Plattencover und in der visuellen Gestaltung der Liveshows, die immer gigantischer und aufwendiger wurden, fort.

 

Die beiden Musikjournalisten Philippe Margotin und Jean-Michel Guesdon rollen in ihrem fast 600 Seiten starken hier vorliegenden Kompendium Pink Floyd – Alle Songs. Die Geschichten hinter den Tracks das Werk der Band neu auf:

• alle Alben bis zum 2014 erschienenen The Endless River
• alle Songs in chronologischer Reihenfolge
• Hintergrundinfos zur Entstehungsgeschichte
• Geschichten aus dem Studio und dem Leben der Musiker

 

Für alle Fans von Pink Floyd (die ältesten unter ihnen aus der allerersten Zeit gehen schon auf 80 zu!) ist dieser Band etwas, das ihre (vollständige?) Plattensammlung von Pink Floyd auf das Beste ergänzt.

 

 

Mein Ein und Alles(Hörbuch)

 

 

 

Gabriel Tallent, Mein Ein und Alles(Hörbuch), Random House Audio 2018, ISBN 978-3-8371-4364-5

 

„Mein Ein und Alles“ ist ein Romandebüt, das in den USA eine gespaltene Rezeption erfahren hat, denn in einem solchen Ton wurde so vorher dort noch nie über Gewalt und Kindesmissbrauch geschrieben.

 

Es ist ein Roman voller wunderbarer und sprachlich in einer solchen Form noch nie gelesenen Beschreibungen der nordkalifornischen Natur, die der Autor jahrelang als Guide durchstreift und kennengelernt hat.

 

Der wirklich unter die Haut gehenden Roman erzählt die Befreiungsgeschichte der 14-jährigen Julia Alveston, genannt Turtle, die  seit dem frühen Tod ihrer Mutter allein mit ihrem waffennarrigen Vater Martin zusammenlebt. Sie wächst in einem heruntergekommenen Männerhaushalt auf und teilt die Vorstellung ihres Vaters, dass man mit der Waffe in der Hand jeden Tag um sein Überleben kämpfen muss. Der Vater übt schon von früh auf mit Turtle den Umgang mit Waffen und sie ist auch eine hervorragende Schützin.

 

Doch so sehr sie ihren Vater liebt, so sehr fürchtet sie seine sexuellen Übergriffe und die fast täglichen Vergewaltigungen. In stundenlangen Märschen durch die Natur, wo sie jede Pflanze und jedes Lebewesen genau mit Namen kennt, sucht sie vor diesen Übergriffen Zuflucht.

 

Die Beschreibungen dieses permanenten physischen und psychischen Missbrauchs und wie sie Turtle in eine Hölle sich widersprechender Gefühle stürzen, sind schwer zu ertragen weil sie ähnlich genau und differenziert formuliert sind wie Tallents außergewöhnliche Naturbeschreibungen. Ich nehme an, es waren diese Szenen und die Kritik an dem Waffenfetischismus des Vaters, die das Buch in den USA so umstritten machten.

 

Turtles Schicksal scheint aussichtslos. Auch der in der Nähe wohnende Großvater, der seinen Sohn genau kennt und offenbar ahnt, was sich in dessen Haus abspielt, kann dem Mädchen nicht helfen.

 

Als Turtle in der Schule einen Jungen namens Jacob kennenlernt und in einer langsamen Annäherung erfährt, wodurch sich wahre Freundschaft auszeichnet, findet sie schrittweise den Mut, sich gegen den Vater aufzulehnen. Ihre zuvor enge Welt öffnet sich und viele neue, aber angsterregende Möglichkeiten liegen offen vor ihr.

 

Martin spürt sehr schnell, das seine Tochter sich von ihm absetzt: Mit brutaler Gewalt versucht er Turtle wieder in die Zucht zu nehmen. Er kann und will seine Tochter nicht loslassen. Als er eines Tages ein jüngeres Mädchen mitbringt, die er genauso missbraucht, da fallen Turtle alle Schuppen von den Augen und es beginnt ein langer Kampf um Leben und Tod.

 

Das Buch schildert, mit Wucht und Zartheit gleichermaßen, den Befreiungskampf eines zuvor in der Hölle der väterlichen Macht und Begierde gefangenen Mädchens. Gabriel Tallent tut das als Romandebütant in einer so vorher noch nie gelesenen Sprache, einer Sprache, die einen nicht loslässt, regelrecht überwältigend und trotz aller furchtbaren Gewalt, die beschrieben wird, mit einer zärtlich-poetischen Schönheit. Sie aus dem Amerikanischen zu übersetzen war sicher nicht leicht ist aber Stephan Kleiner hervorragend gelungen.

 

Wer solch einen Erstling vorlegt, dem traut man viel zu. Doch nach einem solchen „Meisterwerk“ (Stephen King) einen Nachfolger zu präsentieren, wird nicht leicht werden. Ich jedenfalls warte gespannt darauf.

 

Die hier bei Random House Audio vorliegende ungekürzte Hörbuchfassung wurde von der Schauspielerin Anna Thalbach eingelesen. Für Tallents gewaltiges Debüt findet sie mit ihrer unverwechselbaren Stimme genau den richtigen Ton zwischen Zerbrechlichkeit und großer Stärke und Kraft. Sie selbst sagt zu dem Werk:

„Er schafft sehr starke und sehr dreidimensionale Bilder und hat sehr klare Figuren.“

 

Ein beeindruckendes Hörbuch, eine beeindruckende Stimme.

 

 

 

 

 

 

Worauf wir uns verlassen wollen. Für eine neue Idee des Konservativen

 

 

Winfried Kretschmann, Worauf wir uns verlassen wollen. Für eine neue Idee des Konservativen, S. Fischer 2018, ISBN 978-3-10-397438-6

 

Die Zeiten sind hart. Alles ändert sich. Man hat den Eindruck, wenn man als kritischer Zeitgenosse die Nachrichten verfolgt, dass eine schlechte Meldung, eine katastrophale Nachricht die andere ablöst. Hoffnung auf Besserung ist rar, politische Arbeit scheint angesichts der riesigen Probleme hinsichtlich einer Sysyphosarbeit gleich.

Der Klimawandel bedroht unsere Zivilisation. Der internationale islamistische Terror rückt näher an uns heran. Und noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht. Diese Umbrüche verunsichern uns. Der gesellschaftliche Zusammenhang beginnt zu bröckeln.

 

Gleichzeitig feiern die, die mit den Ängsten der Bürger genau vor solchen unsicheren Zeiten für sich und ihre Nachkommen, spielen, einen Erfolg nach dem anderen. Sie gaukeln ihren Wählern auf dem Hintergrund des Angebots klarer Feindbilder und den Flüchtlingen als neuem Sündenbock vor, es könne alles so bleiben wie früher, wenn nur sie das Sagen hätten. Das verkaufen sie als konservativ, obwohl es rassistisch, fremdenfeindlich und reaktionär ist bis auf die Knochen.

 

Was es mit dem Konservativen wirklich auf sich hat, welche neue Ideen es braucht, um das zu erhalten, was wirklich wichtig ist und offen zu bleiben, für das, was da kommen will, das zeigt Winfried Kretschmann in seinem hier vorliegenden Essay „Worauf wir uns verlassen wollen“. Er sagt: „In Zeiten stürmischen Wandels braucht es Prinzipien und Haltungen, die den Tag überdauern.“

Fortschrittlichkeit und konservatives Denken verbinden –  das ist das Ziel, dem Winfried Kretschmann in seinem neuen Buch auf der Spur ist. Und dazu gehört vor allem, nach Aristoteles, auf den er sich neben etlichen anderen Philosophen sehr oft bezieht, das Maß zu halten. Er will Respekt vor dem, was die Menschheit schon immer für richtig gehalten hat, vor Werten und Tugenden, die uns Orientierung geben. Maß und Mitte, Vertrauen und Verlässlichkeit – diese Tugenden sind wichtig und müssen immer neu gesucht und bekräftigt werden, damit unser Zusammenleben weiter gut funktionieren kann. Rückbesinnung auf Bewährtes, um die drohende Spaltung der Gesellschaft aufzuhalten und ihre Risse zu heilen.

 

Solche Stimmen wie die von Kretschmann müsste es in der aktiven Politik mehr geben.

 

Sein Buch ist ein wichtiger und wertvoller Beitrag zur gegenwärtigen innenpolitischen Debatte und ein Vademecum gegen die AFD

 

 

Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft

 

 

 

 

Werner Bätzing, Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft, wbgTheiss 2018, ISBN 978-3-8062-3779-5

 

 

Schon in den achtziger Jahren habe ich als Leser der damaligen Frankfurter Zeitschrift „Kommune“ mit großem Interesse die Aufsätze des damals noch jungen Werner Bätzing verfolgt. Er verstand es, jenseits von Naturromantik und dem fundamentalistischen Teil der Ökologiebewegung dem Leser sowohl die Schönheit insbesondere der Alpenregion nahe zu bringen, als auch mit scharfer Feder ihre Bedrohung und Gefährdung zu beschreiben.

Ein Teil dieser Arbeiten für die „Kommune“ zusammen mit vielen anderen, zum Teil an entlegenen Orten erschienenen Aufsätzen von Werner Bätzing erschien 2009 in einem sehr lesenswerten und informativen Sammelband unter dem Titel: „Orte guten Lebens. Die Alpen jenseits von Übernutzung und Idyll“.

Die Texte aus mehr als zwei Jahrzehnten des mittlerweile als Professor für Kulturgeographie an der Universität Erlangen-Nürnberg arbeitenden Werner Bätzing drehen sich allesamt um die wichtige Frage, wie unter den heutigen Rahmenbedingungen ein lebenswertes Leben in den Alpen möglich ist, ein Leben, das sich dessen bewusst ist, seine eigenen Lebensgrundlagen nicht zerstören zu wollen.

Der berühmte Reinhold Messner schreibt in seinem Geleitwort zu diesem kulturgeschichtlichen Buch:
„Es war Werner Bätzing, der mein Interesse, das lange Zeit auf den Gipfel fokussiert war, auf die Menschen in den Alpen gelenkt hat. Seine Forschungsergebnisse, seine Bücher und vor allem sein Einsatz vor Ort haben ihn zum bedeutendsten Sprecher jener Bergkultur gemacht, von der die Zukunft der Alpen abhängt.“

 

Auch in seinem neuen Buch mit vielen eindrucksvollen Fotografien für den wbgTheiss Verlag führt Bätzing seine fundamentale Kritik fort. Der Erhalt des Kulturraums Alpen steht in Frage durch Massentourismus, Autobahnen, Stauseen und jede Menge neuer Gewerbegebiete. All das verändert den Alpenraum in den letzten Jahren immer mehr und so droht die Natur- und Kulturlandschaft dort gänzlich zu verschwinden.

 

Nach wie vor gilt: „Weil die Alpen in der europäischen Kulturgeschichte das zentrale Symbol für fremde, bedrohliche Natur darstellen, können sie besser als andere europäische Regionen erklären, wie heute eine nachhaltige Entwicklung in Europa aussehen kann, die gerade in einer extrem schwierigen Umwelt ökologische Stabilität mit kultureller Lebendigkeit verbinden kann.“

Der vorliegende Band verbindet eine Zusammenfassung von Sachwissen über die bedrohte Alpenlandschaft und deren Ursachen und  mögliche Auswege mit wunderbaren Bildern, die anschaulich belegen, was da auf dem Spiel steht.

Gefährliche Toleranz. Der fatale Umgang der Linken mit dem Islam

 

 

 

Samuel Schirmbeck, Gefährliche Toleranz. Der fatale Umgang der Linken mit dem Islam, Orell Füssli 2018, ISBN 978-3-280-05687-5

 

Samuel Schirmbeck, ehemaliger ARD-Korrespondent in Algerien, der der die islamischen Länder und den Islam von innen kennt wie kaum ein zweiter, hat schon im vergangene Jahr in seinem Buch „Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen“  in vielen Beispielen aus den letzten Jahren und mit einer beißenden Kritik an führenden Politikern der Linken und der Grünen in Deutschland, nachgewiesen, wie ratlos und verharmlosend diese die wahren Absichten der Islamisten verkennen.

 

Damals schon betonte er gegen seine Kritiker: „Islamkritik bedeutet mitnichten, Muslime anzugreifen, sondern Schutz vor seinen menschenverachtenden Auswüchsen, die sich gegen Frauen, Homosexuelle, gegen eigenständig Denkende und sogenannte Ungläubige richten – also auch gegen Millionen von Musliminnen und Muslimen.“

 

Nun legt er in einem weiteren Buch nach, das sich mit der seiner Meinung „gefährlichen Toleranz“ der Linken im Umgang mit dem Islam richtet. Zur Linken insbesondere in Deutschland zählt er nicht nur die Politiker und Anhänger der gleichnamigen Partei, sondern auch weite Teile der Grünen und SPD-Linken.

 

Wie kann  es möglich sein, fragt Schirmbeck noch drängender und anklagender als im letzten Jahr, dass diese Linken die  sich doch selbst als emanzipatorisch verstehen und alle möglichen Formen der Unterdrückung und Auswüchsen von Religionen kritisieren und verabscheuen – ausgerechnet die kritische Auseinandersetzung mit dem Islam einer Rechten überlässt, die eine offene und liberale Gesellschaft ohnehin ablehnt? Stattdessen ist an die Stelle linker Islamkritik vielerorts eine linke Tabuisierungskultur getreten.

 

Gleichzeitig werden von derselben Linken Menschen, die weite Teile des gegenwärtigen Islam als eine frauenfeindliche, doktrinäre und rassistische Ideologie mit tödlichen Folgen für Andersdenkende bezeichnen und anklagen, unter den Generalverdacht des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit gestellt.

Indem sie solcherart jede Menge Rede-und Denktabus aufstellen, bis hinein in die liberalen Medien, tragen sie, sicher ungewollt, aber wirksam zum Aufstieg rechter Grupperungen bei. Warum, so fragt Schirmbeck, stellt eine Linke, die sich doch in ihrer langen Tradition der Religionskritik verpflichtet fühlt, solche Tabus auf?

Eine linke Tabuisierungskultur, die nur dazu auffordert, den Islam als eine Bereicherung der „bunten Republik“ Deutschland anzusehen, belässt die zugewanderten Muslime in ihrem Identitätsgefängnis aus Religion, Tradition und antimodernen Reflexen.

„Insgesamt kann man sagen – und das erlebe ich nun seit meiner Rückkehr aus Nordafrika, nach diesen zehn Jahren, und ich reise ja auch immer wieder dorthin, gibt es überhaupt keine wirkliche Auseinandersetzung mit der Frage des Islam. Ich habe das erlebt seit 2001, seit 9/11, gibt es zwei Worte: Die Verbände sagen ‚islamophob‘, wenn man kritische Fragen stellt, und die Grünen und Linken sagen ‚Rassismus‘. Damit ist die Diskussion gekillt.“

 

Möge dieses Buch dazu beitragen, dass Tendenzen der Enttabuisierung, die Cem Özdemir bei den Grünen etwa schon gezeigt hat nach den Anschlägen von Paris, sich verstärken, und die Linke ihr kritisches Potential auch am Islam sich abarbeiten lässt.

 

 

 

 

Das Leben in einem Atemzug

 

 

 

Neel Mukherjee, Das Leben in einem Atemzug, Kunstmann Verklag 2018, ISBN 978-3-95614-254-3

 

Neel Mukherjee, britischer Schriftsteller indischer Herkunft, hat mit seinem schwergewichtigen Familienepos “In anderen Herzen“ vor einigen Jahren die Literaturkritik nicht nur in England begeistert.

 

In seinem neuen Roman „Das Leben in einem Atemzug“, weniger umfangreich als sein Vorgänger, steht nicht mehr wie ehedem eine ganze Familie in all ihren Verästelungen im Vordergrund, sondern es geht um einzelne Menschen. Alle sehnen sie sich nach einem besseren Leben, sie streben mit ihrer ganzen Kraft danach, wollen ausbrechen aus einem Leben, das ihnen unveränderlich vom Schicksal vorgegeben scheint.

 

Was geschieht, wenn Menschen ihr Leben, ihr Zuhause verlassen um für sich und ihre Familie nach etwas Besserem zu suchen?

 

Fünf unterschiedliche Lebensschicksale hat der Autor erfunden, die in ihrer Summe ein beeindruckendes Bild der gegenwärtigen indischen Gesellschaft vermitteln. Da beschreibt er eine Köchin in Mumbai, die in sechs Haushalten kochen muss, um ihren Lebensunterhalt einigermaßen zu sichern. Oder der Mann, der einen Tanzbär besitzt und mit ihm von Ort zu Ort zieht und auf die Almosen der Zuschauer seiner Künste angewiesen ist. Beeindruckend auch das Mädchen, das vor den Terroristen, die ihr Dorf mit Gewalt bedrohen, flieht, um in der Stadt einen neuen Anfang zu wagen.

 

Sie alle machen die Erfahrung vom Alleinsein, von Fremdsein, müssen sich damit auseinandersetzen, kein Zuhause mehr zu haben. Und immer scheint in allen Geschichten durch, dass eine alte, überwunden geglaubte Gesellschaftsform noch mächtiger ist, als man offiziell zugeben mag. Das alte Kastensystem, obwohl abgeschafft, ist im Alltag der Menschen immer gegenwärtig. Nach wie vor ist es sehr schwer, aus seinem Stand in eine höhere Gesellschaftsschicht aufzusteigen.

 

Lange bleibt unklar, ob sich die Schicksale der beschriebenen fünf Menschen am Ende in irgendeiner Form berühren werden.

 

„Das Leben in einem Atemzug“ ist ein sensibler, nachdenklicher Roman, der seinen Leser schnell in den Bann zieht und ihm einen ganz hervorragenden Einblick zu geben vermag in die moderne indische Gesellschaft im Umbruch