Licht in der Landschaft 2019

 

 

 

Frank Krahmer, Licht in der Landschaft 2019, Dumont Kalenderverlag 20918, ISBN 978-3-8320-3907-3

 

Hatten an dem letztjährigen Kalender des Dumont Verlags „Licht in der Landschaft“ noch mehrere verschiedene Fotografen mitgewirkt, wird die Ausgabe 2019 ausschließlich aus Fotografien von Frank Krahmer, der noch den Kalender „Orte der Stille 2019“ gestaltet hat.

 

Die Bilder dieses Kalenders stammen aus aller Welt mit dem Schwerpunkt in Deutschland. Sie spielen, meist mit Wasser im Vordergrund mit dem natürlichen Licht und öffnen durch ihre Perspektive alle den Blick ins Weite.

 

Deshalb eignet sich dieser Kalender ähnlich wie „Orte der Stille“ hervorragend als täglicher Anlass, einen Moment innezuhalten in der Freude an der Schönheit der Natur.

Mein Ein und Alles

 

 

 

Gabriel Tallent, Mein Ein und Alles, Penguin 2018, ISBN 978-3-328-60028-2

 

„Mein Ein und Alles“ ist ein Romandebüt, das in den USA eine gespaltene Rezeption erfahren hat, denn in einem solchen Ton wurde so vorher dort noch nie über Gewalt und Kindesmissbrauch geschrieben.

 

Es ist ein Roman voller wunderbarer und sprachlich in einer solchen Form noch nie gelesenen Beschreibungen der nordkalifornischen Natur, die der Autor jahrelang als Guide durchstreift und kennengelernt hat.

 

Der wirklich unter die Haut gehenden Roman erzählt die Befreiungsgeschichte der 14-jährigen Julia Alveston, genannt Turtle, die  seit dem frühen Tod ihrer Mutter allein mit ihrem waffennarrigen Vater Martin zusammenlebt. Sie wächst in einem heruntergekommenen Männerhaushalt auf und teilt die Vorstellung ihres Vaters, dass man mit der Waffe in der Hand jeden Tag um sein Überleben kämpfen muss. Der Vater übt schon von früh auf mit Turtle den Umgang mit Waffen und sie ist auch eine hervorragende Schützin.

 

Doch so sehr sie ihren Vater liebt, so sehr fürchtet sie seine sexuellen Übergriffe und die fast täglichen Vergewaltigungen. In stundenlangen Märschen durch die Natur, wo sie jede Pflanze und jedes Lebewesen genau mit Namen kennt, sucht sie vor diesen Übergriffen Zuflucht.

 

Die Beschreibungen dieses permanenten physischen und psychischen Missbrauchs und wie sie Turtle in eine Hölle sich widersprechender Gefühle stürzen, sind schwer zu ertragen weil sie ähnlich genau und differenziert formuliert sind wie Tallents außergewöhnliche Naturbeschreibungen. Ich nehme an, es waren diese Szenen und die Kritik an dem Waffenfetischismus des Vaters, die das Buch in den USA so umstritten machten.

 

Turtles Schicksal scheint aussichtslos. Auch der in der Nähe wohnende Großvater, der seinen Sohn genau kennt und offenbar ahnt, was sich in dessen Haus abspielt, kann dem Mädchen nicht helfen.

 

Als Turtle in der Schule einen Jungen namens Jacob kennenlernt und in einer langsamen Annäherung erfährt, wodurch sich wahre Freundschaft auszeichnet, findet sie schrittweise den Mut, sich gegen den Vater aufzulehnen. Ihre zuvor enge Welt öffnet sich und viele neue, aber angsterregende Möglichkeiten liegen offen vor ihr.

 

Martin spürt sehr schnell, das seine Tochter sich von ihm absetzt: Mit brutaler Gewalt versucht er Turtle wieder in die Zucht zu nehmen. Er kann und will seine Tochter nicht loslassen. Als er eines Tages ein jüngeres Mädchen mitbringt, die er genauso missbraucht, da fallen Turtle alle Schuppen von den Augen und es beginnt ein langer Kampf um Leben und Tod.

 

Das Buch schildert, mit Wucht und Zartheit gleichermaßen, den Befreiungskampf eines zuvor in der Hölle der väterlichen Macht und Begierde gefangenen Mädchens. Gabriel Tallent tut das als Romandebütant in einer so vorher noch nie gelesenen Sprache, einer Sprache, die einen nicht loslässt, regelrecht überwältigend und trotz aller furchtbaren Gewalt, die beschrieben wird, mit einer zärtlich-poetischen Schönheit. Sie aus dem Amerikanischen zu übersetzen war sicher nicht leicht ist aber Stephan Kleiner hervorragend gelungen.

 

Wer solch einen Erstling vorlegt, dem traut man viel zu. Doch nach einem solchen „Meisterwerk“ (Stephen King) einen Nachfolger zu präsentieren, wird nicht leicht werden. Ich jedenfalls warte gespannt darauf.

 

 

 

 

 

Eines Tages in der Provence (Hörbuch)

 

 

 

Karine Lambert, Eines Tages in der Provence (Hörbuch), Random House Audio 2018, ISBN 978-3-8371-4286-0

 

Ihren letzten Roman „Und jetzt lass uns tanzen“, in dem sie eine späte Liebe zweier zuvor allein lebenden alten Menschen warmherzig und liebevoll beschreibt, habe ich im vergangenen Jahr mit großer Begeisterung gelesen. In einer Rezension schrieb ich über die beiden:

„Gegen alle Widerstände der jüngeren Mitglieder ihrer beiden Familien führen sie ihre Beziehung nach der Kur weiter und sie öffnen sich wieder dem Leben und der Liebe. Sie wagen es, sich neu auf einen anderen Menschen einzulassen. Sie schaffen es, sich ihr bisheriges Leben zu lassen und es zu würdigen und können so miteinander etwas völlig Neues erleben. Ja, auch im Alter geht das, sich neu einzulassen und trotz knapper Zukunft noch einmal neu zu beginnen.“

 

Auch in ihrem neuen Roman beschreibt Karine Lambert, wie Menschen gegen alle Widerstände sich zusammentun und etwas nicht für möglich Gehaltenes erreichen. Sie entführt in diesem kleinen Roman ihre Leser in ein kleines Dorf in der Provence. Dort steht auf dem Marktplatz ein prächtiger über einhundert Jahre alter Baum, eine Platane, die schon Generationen im Sommer ihren Schatten  gespendet hat, unter dem Markttage stattfinden und ausgelassene Feiern. Ein wunderbarer Ort der Kommunikation und Gemeinschaft. Suzanne, die Besitzerin der Bar serviert dort ihren Gästen vom Frühjahr bis in den späten Herbst Pastis und andere Leckereien, Manu verkauft seine Artischocken, der junge Clement liebt es in seinen Ästen herumzuklettern, wie so viele Kinder vor ihm und die beiden uralten Schwestern Adeline und Violette erinnert er an ihre Jugend, als sie in zwei junge Männer verliebt waren, die aber dann im Krieg gefallen sind.

 

Nun hat der Bürgermeister beschlossen, dass der alte Baum gefällt werden soll und seinen Mitarbeiter Francois Lebrun damit beauftragt, eine entsprechende Ankündigung mit dem Datum der Fällung an den Stamm des Baumes zu hängen.

 

Alle regen sich furchtbar auf, scheinen aber das Schicksal des Baumes für besiegelt zu halten und zu resignieren. Doch Clement ist nicht bereit, das hinzunehmen und er beginnt Zettel aufzuhängen, die auf die Fällung hinweisen und zum Protest auffordern. Selbst einen Brief an den Staatspräsidenten schreibt er. Schon nach wenigen Tagen hat er viele Menschen aus dem Dorf überzeugt und sie formieren ihren Widerstand für die Rettung des Baumes.

 

Liebevoll werden die Anwohner rundum den Marktplatz von Karine Lambert proträtiert und ihre Geschichte wird erzählt. Beginnend mit dem 1, März, als Francois Lebrun die Ankündigung an den Baum hängt bis zum 21. März, als sich alles aufklärt, schildert die Autorin durchaus spannend, mit welchen tiefen Emotionen die Bewohner um den Erhalt ihres Baumes kämpfen. Der, und das ist das Fantasyelement in dem Buch, selbst mit seinen Erinnerungen zu Wort kommt.

 

Warmherzig und voller Poesie wird hier eine Geschichte erzählt von den großen und kleinen  Wahrheiten und Weisheiten des Lebens und von der tiefen Verbindung von Menschen mit der sie umgebenden Natur.

 

Die hier bei Random House Audio veröffentlichte ungekürzte Lesung des Buches hat Sascha Rotermund sehr gefühlvoll eingelesen. Auf eine angenehme Weise schafft er es mit seiner Stimme und seiner Interpretation das provenzalische Dorf und seine Atmosphäre und seine sympathischen Bewohner lebendig werden zu lassen.

 

 

 

 

Oskar

 

 

 

 

Max Bronski, Oskar, Droemer 2018, ISBN 978-3-426-30610-9

 

Die Titelfigur des neuen Romans von Max Bronski, der durch seine Serie über den Antiquitätenhändler Gossec sich in Krimikreisen einen Namen machte heißt Oskar. Er hat keine Ahnung wer er wirklich ist, als er in einem durch München fahrenden Leichenwagen aufwacht. Er ist offenbar Teil eines kriminellen Deals geworden, bei dem Papiere von Toten gefälscht werden und diese dann im Krematorium entsorgt werden.

Doch der aschentote Oskar erwacht rechtzeitig und kann sich aus dem Leichenwagen befreien. Als der Wagen an einer Ampel halten muss, ergreift er die Flucht und findet sich, nur mit einer Boxershort bekleidet im Englischen Garten wieder.

Oskar versucht herauszufinden, was da eigentlich mit ihm geschehen ist und wer er überhaupt ist. Mit zwei Stimmen im Kopf, die sich ständig in seine Gedanken mischen und einigen Typen, die offenbar hinter ihm her sind, stellt sich das als gar nicht so einfach heraus.

 

So witzig das Buch anfangen mag, es geht ziemlich ernsthaft weiter. Mit der langsamen Rückkehr von Oskars Erinnerung gerat man als Leser mitten hinein in eine dramatische Familientragödie in der es geht um Freundschaft und Verrat, um Schuld und Sühne.

 

„Oskar“ ist kaum einzuordnen in irgendein klassisches Genre, entwickelt aber schon bald eine Anziehung, die den Leser nicht mehr los lässt bis zu einem Ende, das man genau lesen sollte, so überraschend ist es.

 

 

Kleiner Bruder 2019. C.H. Beck Gedichtekalender

 

 

 

Dirk von Petersdorff (Hg.), Kleiner Bruder 2019. C.H. Beck Gedichtekalender, C.H. Beck 2018, ISBN 978-3-406-72219-6

 

Insgesamt 34 Jahrgänge diese traditionsreichen Kalenders hat der auf Sylt wirkende Pfarrer und Dichter Traugott Giesen zwischen 1985 und 2018 herausgegeben. Zunächst unter dem Namen „Kleiner Bruder“ im kleinen Verlag Langewiesche-Brandt, später dann ab 2011 nach dem Wechsel zu C.H. Beck unter seinem jetzigen Titel.  Neben den von ihm ausgewählten Gedichten gehörten sehr lange die Pinsel-Vignetten von Ina Seeberg zu seinem beliebten Erscheinungsbild.

 

Nun hat, auf Empfehlung der ausscheidenden Macher des Kalenders der Verlag den Schriftsteller und Dichter Dirk von Petersdorff als neuen Herausgeber gewonnen, der mit dem 2019 er Kalender hier sein erste Auswahl vorlegt. Chris Kempe ist ab diesem Jahr für die Gestaltung des Kalenders mit ansprechenden Pinsel-Vignetten verantwortlich.

 

Die erste Auswahl von Dirk von Petersdorff, der im Beck Verlag Romane und Lyrikbände publiziert hat, überzeugt durch eine gelungene Mischung  von modernen und klassischen Autoren und Gedichten. Für mich im Zentrum steht das Gedicht „Ermutigung“ von Wolf Biermann, das er selbst vertont hat, und das schon vielen engagierten Menschen in den vergangenen Jahrzehnten Kraft und Mut gegeben hat.

Nach vorn

 

 

 

Elisabeth Etz, Nach vorn, Tyrolia 2018, ISBN 978-37022-3700-4

 

„Nach vorn“, das neue Buch der schon mehrfach für ihre Jugendbücher ausgezeichneten Schriftstellerin Elisabeth Etz hat es in sich. In diesem Jugendroman erzählt die 17-jährige Helene ihre Geschichte.

 

Als sie vor 18 Monaten mit der Diagnose Krebs konfrontiert wurde, da drohte ihre Welt, die gerade erst so richtig Gestalt annahm, schon wieder zusammenzubrechen.

Nun schicken sie ihre Ärzte, die sich lange um sie gekümmert haben, mit dem Hinweis in dieses Leben zurück, sie sei geheilt. Das Wort endgültig nehmen sie nicht in den Mund. Bei Krebs weiß man nie. Dennoch: der Port ist draußen, der die Chemo in ihren Körper leitete. Der Krebs gibt Ruhe. Keine Metastasen. Die lange Zeit im Krankenhaus, die Zeit des Bangens von einer Behandlung zur anderen, von einer Untersuchung zur nächsten, die Zeit des Kämpfen und des Ertragens des Unsäglichen, das alles scheint vorbei.

 

Und dennoch hat der Krebs bei Helene tiefe Spuren hinterlassen, nicht nur die Narbe seitlich am Oberkörper. Spuren, die kein MRT abbildet, Spuren in der Seele. Denn was sie nach der Rückkehr in ihr normales Leben feststellen muss: man kann nicht einfach weitermachen, wo man vor der schrecklichen Diagnose aufgehört hat.

 

Helene kann kein normaler Teenager mehr sein. Sie stößt mit ihrem Verhalten auf viel Unverständnis und Ablehnung, verliert alte und gute Freundinnen und Freunde. Sie hat sich verändert. Auch an ihrem Namen will sie das deutlich machen. Statt Lene will sie jetzt Hel genannt werden. Die Assoziationen zum englischen hell für Hölle sind von ihr bewusst gewählt.

 

Doch an Orten, wo sie nicht damit rechnet, findet sie neue Freunde und lernt auch die Liebe kennen. Überall muss sie neue Wege gehen, sich mit Neuem zurechtfinden. Nicht immer leicht für sie. Doch irgendwann erkennt sie, dass sie beim Blick in die Zukunft, in ihre Zukunft, nicht allein da steht, wie sie die ganze Zeit immer dachte.

Doch ein Gedanke wird sie weiter beschäftigen und auch den von diesem Buch bewegten Leser: was ist eigentlich mit all denen, denen sie in der Klinik- und Therapiezeit begegnet ist? All denen, die es nicht geschafft haben, die früher oder später gestorben sind, obwohl auch sie gekämpft haben? Waren die nicht tapfer genug, oder was?

 

„Nach vorn“ ist ein Buch, das mit seinem Thema und seiner direkten Sprache unter die Haut geht. Es ist für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen zu empfehlen.

 

 

 

 

 

Ein Winter in Paris

 

 

 

Jean- Philippe Blondel, Ein Winter in Paris, Deuticke Verlag 2018, ISBN 978-3-552-06377-8

 

Victor, der Erzähler und die Hauptperson des neuen kleinen Romans von Jean-Philippe Blondel hat seine Kindheit und Jugend in der französischen Provinz verbracht. Er ist ein sehr guter Schüler und kann deshalb in Paris die Vorbereitungsklasse des Lycée D. für den „Concours“, die Aufnahmeprüfung für die französischen Elite-Universitäten besuchen.

Von Anfang an wird er dort von seinen Kommilitonen geschnitten und ignoriert. Ihm, der im Unterschied zu fast allen anderen aus einfachen Verhältnissen stammt, werden keine Chancen eingeräumt den Concours zu schaffen. Auch er selbst rechnet, obwohl er Tag und  Nacht lernt, nicht wirklich damit. Einsam und allein hält er dennoch den enormen Druck aus und bringt schließlich das erste von zwei Vorbereitungsjahren hinter sich.

 

Nach den Ferien kommt Mathieu auf die Schule und beginnt mit dem ersten Vorbereitungsjahr. So wie Victor ist auch Mathieu ein Außenseiter, der still und zurückgezogen für sich bleibt. Dennoch ergibt sich in gemeinsamen, relativ schweigsamen Rauchpausen so etwas wie eine zarte Freundschaft zwischen den beiden jungen Männern, aus der sicher hätte mehr werden können, hätte sich nicht Mathieu eines Tages mitten aus dem Unterricht laufend mit einem gellenden Schrei in den Tod gestürzt.

 

Als Freund des Opfers wird Victor quasi über Nacht für die anderen sichtbar. Seine Kommilitonen interessieren sich plötzlich für ihn und zu Mathieus Vater, der sofort nach Mathieus Tod nach Paris kommt und mit Victor lange Gespräche führt, entwickelt sich über die Wochen und Monate eine Beziehung, die Victor zu seinem eigenen Vater nie hatte.

 

Es ist lange zurückliegende Geschichte, die in eine in der Gegenwart spielende Rahmenhandlung eingebettet ist. Wie schon in seinen früheren Büchern gelingt es Blondel auf eine poetische Weise Gefühle von Menschen und ihre Verwirrung zu beschreiben, die den Leser ganz tief anspricht. Seine Sprache ist knapp. Ausführliche Beschreibungen und komplizierte Satzkonstruktionen sind seine Sache nicht.

 

Nicht nur wegen der Rahmenhandlung, die Victor als einen auch als Lehrer arbeitenden Schriftsteller zeigen, bin ich den Eindruck nicht losgeworden, Blondel schreibe da über eigene Erfahrungen.

 

 

Ein wunderbares, geradezu zärtliches Buch.

Eines Tages in der Provence

 

 

 

 

Karine Lambert, Eines Tages in der Provence, Diana Verlag 2018, ISBN 978-3-453-29211-6

 

Ihren letzten Roman „Und jetzt lass uns tanzen“, in dem sie eine späte Liebe zweier zuvor allein lebenden alten Menschen warmherzig und liebevoll beschreibt, habe ich im vergangenen Jahr mit großer Begeisterung gelesen. In einer Rezension schrieb ich über die beiden:

„Gegen alle Widerstände der jüngeren Mitglieder ihrer beiden Familien führen sie ihre Beziehung nach der Kur weiter und sie öffnen sich wieder dem Leben und der Liebe. Sie wagen es, sich neu auf einen anderen Menschen einzulassen. Sie schaffen es, sich ihr bisheriges Leben zu lassen und es zu würdigen und können so miteinander etwas völlig Neues erleben. Ja, auch im Alter geht das, sich neu einzulassen und trotz knapper Zukunft noch einmal neu zu beginnen.“

 

Auch in ihrem neuen Roman beschreibt Karine Lambert, wie Menschen gegen alle Widerstände sich zusammentun und etwas nicht für möglich Gehaltenes erreichen. Sie entführt in diesem kleinen Roman ihre Leser in ein kleines Dorf in der Provence. Dort steht auf dem Marktplatz ein prächtiger über einhundert Jahre alter Baum, eine Platane, die schon Generationen im Sommer ihren Schatten  gespendet hat, unter dem Markttage stattfinden und ausgelassene Feiern. Ein wunderbarer Ort der Kommunikation und Gemeinschaft. Suzanne, die Besitzerin der Bar serviert dort ihren Gästen vom Frühjahr bis in den späten Herbst Pastis und andere Leckereien, Manu verkauft seine Artischocken, der junge Clement liebt es in seinen Ästen herumzuklettern, wie so viele Kinder vor ihm und die beiden uralten Schwestern Adeline und Violette erinnert er an ihre Jugend, als sie in zwei junge Männer verliebt waren, die aber dann im Krieg gefallen sind.

 

Nun hat der Bürgermeister beschlossen, dass der alte Baum gefällt werden soll und seinen Mitarbeiter Francois Lebrun damit beauftragt, eine entsprechende Ankündigung mit dem Datum der Fällung an den Stamm des Baumes zu hängen.

 

Alle regen sich furchtbar auf, scheinen aber das Schicksal des Baumes für besiegelt zu halten und zu resignieren. Doch Clement ist nicht bereit, das hinzunehmen und er beginnt Zettel aufzuhängen, die auf die Fällung hinweisen und zum Protest auffordern. Selbst einen Brief an den Staatspräsidenten schreibt er. Schon nach wenigen Tagen hat er viele Menschen aus dem Dorf überzeugt und sie formieren ihren Widerstand für die Rettung des Baumes.

 

Liebevoll werden die Anwohner rundum den Marktplatz von Karine Lambert proträtiert und ihre Geschichte wird erzählt. Beginnend mit dem 1, März, als Francois Lebrun die Ankündigung an den Baum hängt bis zum 21. März, als sich alles aufklärt, schildert die Autorin durchaus spannend, mit welchen tiefen Emotionen die Bewohner um den Erhalt ihres Baumes kämpfen. Der, und das ist das Fantasyelement in dem Buch, selbst mit seinen Erinnerungen zu Wort kommt.

 

Warmherzig und voller Poesie wird hier eine Geschichte erzählt von den großen und kleinen  Wahrheiten und Weisheiten des Lebens und von der tiefen Verbindung von Menschen mit der sie umgebenden Natur.

 

 

 

Bruder und Schwester Lenobel (Hörbuch)

 

 

 

 

Michael Köhlmeier, Bruder und Schwester Lenobel (Hörbuch), der Hörverlag 2018, ISBN 978-3-8445-3105-3

 

Michael Köhlmeiers neuer voluminöser Roman „Bruder und Schwester Lenobel“ ist ein neues Beispiel seiner großen Erzählkunst. Manche Rezensenten seines Buches haben ihm vorgeworfen, seine Geschichten und Episoden, die das Buch bevölkern, seien ausgeufert und hätten den roten Faden aus dem Blick verloren.

 

Ich kann das nach meiner Lektüre nicht bestätigen. Ich war begeistert von dieser unbändigen Lust am Erzählen, von der poetischen Kraft von Köhlmeiers Sprache und seiner Kunst, in den Ablauf seiner Handlung eine Vielzahl sehr interessanter Themen einzuflechten.

Es geht um die Familie Lenobel in Wien. Robert Lenobel, etwa 56 Jahre alt, Jude ohne spirituelle Heimat, arbeitet als Psychoanalytiker der klassischen Freudschen Schule unweit der ehemaligen Wirkungsstätte seines großen Lehrers. Er ist verheiratet mit Hanna. Sie führt zusammen mit einer Freundin die einzige jüdische Buchhaltung in Wien, obwohl beide nicht von Juden abstammen. Doch Hanna hat eine Affinität zum Judentum.

Robert hat eine sechs Jahre jüngere Schwester namens Jetti, eine schöne und beruflich erfolgreiche Frau, der es jedoch trotz vieler Beziehungen zu Männern nie gelungen ist, den „Richtigen“ zu finden. Als sie doch einmal nahe dran ist mit einem Mann konstatiert sie: „Er ist der Richtige für mich, aber ich bin nicht die Richtige für ihn.“ Ihr Leben zerrinnt ihr zwischen den Fingern.

 

Es ist Mai, Jetti lebt seit einigen Jahren in Irland, wo sie mit anderen eine erfolgreiche Kulturagentur betreibt, als sie von ihrer Schwägerin Hanna eine fast panische Mail bekommt. Sie soll sofort nach Wien kommen, ihr Bruder Robert werde anscheinend verrückt. Jetti fliegt nach Wien und findet ihre Schwägerin aufgelöst. Robert ist ohne irgendeinen Hinweis zu geben, verschwunden. Doch Jetti glaubt nicht daran, dass ihr Bruder verrückt geworden ist. Sie kennt ihre sehr ungewöhnliche jüdische Familie, deren bewegte und für alle folgenreiche Geschichte Köhlmeier in vielen Rückblicken erzählt. Das eine Großelternpaar von Robert und Jetti, die KZ-Großeltern, wie sie in der Familie seit jeher genannt werden, sind im Holocaust ermordet worden. Und die anderen Großeltern, die rechtzeitig vor den Nazis nach Palästina geflohen sind, haben sich 1967 in Israel gemeinsam umgebracht. Keine Frage, dass eine solche Geschichte bis in die zweite und dritte Generation der Nachkommen folgenreiche Auswirkungen hat. Jetti weiß aus Erfahrung, dass in ihrer Familie immer mit allem zu rechnen ist.

Dann, nach einigen Tagen, kommt eine Email-Nachricht von Robert:  „Ich bitte dich, dass Du mit niemandem darüber sprichst!!! Ich will es so. Ich bin in Israel, dem Land der Väter. Aber an die Väter denke ich nicht.“

 

In mäandernden Erzählungen und Geschichten, die von der Gegenwartsebene immer wieder zurückblicken auf die Geschichte vor allem von Robert und Jetti, aber auch von Hanna und auch dem gemeinsamen Freund und Schriftsteller Sebastian Lukasser, folgt Michael Köhlmeier den merkwürdigen und verschlungenen Lebensläufen dieser Menschen. Überbordend, Worte wie ein sprudelnder Brunnen hervorbringend in einer kraftvollen und poetischen Sprache erzählt er von dem, was jeder in dieser jüdischen Familie ein Leben lang mit sich herumträgt und von den oft vergeblichen Versuchen, sich daraus zu befreien.

 

Man spürt jeder Satzkonstruktion, jeder eingesprengten Untererzählung die Lust am Fabulieren ab. Doch niemals verliert Köhlmeier seinen Erzählungsfaden. Deshalb folgt man als Leser gerne seinen Umwegen. Ich war von diesem Buch, das voller Tragik steckt und gleichzeitig voller hintergründigem Witz, regelrecht begeistert und habe mich über mehrere Tage von seiner erzählerischen  Leidenschaft und seiner inhaltlichen und menschlichen Tiefe entführen lassen.

 

Ein großartiges und meisterhaft geschriebenes Buch.

 

Die hier vorliegende ungekürzte Hörbuchfassung des Hörverlags hat der Autor Michael Köhlmeier selbst eingelesen. Das ist ein großer Glücksfall, denn so bekommt der Hörer einen ganz persönlichen und authentischen Eindruck von der Sprachmacht und der Erzählkunst eines der wohl größten österreichischen und deutschsprachigen Erzähler der Gegenwart. Das Buch wird mit dieser Lesung seines Autors auf eine Weise lebendig, die man selten bei Hörbüchern findet.  Es lohnt auch nach der Lektüre des Buches die Zeit, sich das Hörbuch anzuhören. Es wird auf eine seltene Weise verständlicher und persönlicher. Ein echtes Hörerlebnis!
 

 

 

 

 

 

Schnee in Amsterdam

 

 

 

 

Bernhard MacLaverty, Schnee in Amsterdam, C. H. Beck 2018, ISBN 978-3-406-72700-9

 

Gerry und Stella Gilmore sind schon lange verheiratet und die Zeit die sie miteinander hinter sich haben, ist ein Mehrfaches dessen, was ihnen noch bleibt. Und damit ist nicht nur die tatsächliche Lebenserwartung der beiden gemeint. Denn ihre Ehe befindet sich schon seit längerem im Sinkflug.  Während Stella eine gläubige und auch praktizierende Katholikin ist, die bis zu ihrer Pensionierung als Lehrerin gearbeitet hat, arbeitet der Architekt Gerry als Professor an der Universität in Glasgow wo sie auch leben. Zum letzten Weihnachtsfest hat Stella ihrem Mann, der mit Religion nicht viel anfangen kann, eine Reise über ein verlängertes Wochenende nach Amsterdam geschenkt. Die Reise, so denkt Stella, soll ihnen beiden und auch ihrer Ehe gut tun.

 

Doch ganz uneigennützig war die Auswahl des Reiseziels nicht. Stella hat von Anfang an den Plan einen der bezauberndsten Orte in Amsterdam aufzusuchen, den Beginenhof. Ein Gelübde, das sie einst abgelegt hat, wird eine große Rolle spielen.

 

Zunächst beschreibt MacLaverty akribisch jede einzelne Station und Begebenheit zu Beginn der Reise und viele Dialoge der beiden Ehepartner. Besonders aus ihnen geht hervor, dass sie zwar noch Gefühle füreinander haben, sie kennen sich in und auswendig mit ihren kleinen Fehlern, aber in den vier Tagen ihres Aufenthaltes in Amsterdam werden immer mehr tiefe Risse in ihrer Beziehung schmerzhaft deutlich. Und das liegt nicht nur daran, dass Gerry, der mit seinem Leben schon abgeschlossen hat und wahre Freude nur noch im Alkohol findet.

 

Während ihrer Reise drängt langsam und dann nicht mehr aufzuhalten ein gravierendes Ereignis in der Vordergrund, das am Anfang ihrer Beziehung stand als sie in Belfast in Nordirland lebten und das ihr gesamtes Leben geprägt hat, wie ihnen nun deutlich wird.

 

Mosaikartig setzt der Autor immer mehr Erinnerungsstücke zusammen, bis der Leser eine vage Vorstellung davon bekommt, wie es zu dem Graben zwischen den beiden gekommen.

 

Eine eher stille aber tiefgehende Ehestudie, deren Verfilmung gerade vorbereitet wird. Der in Glasgow lebenden MacLaverty ist dort ein bekannter und anerkannter Autor, von dem seit langem kein Buch mehr auf Deutsch erschienen ist. Dem Beck-Verlag und seinem Übersetzer Hans-Christian Oeser sei gedankt, den deutschen Leser sein neues Buch präsentiert zu haben.