Giraffe und ab ins Bett

 

 

 

David Grossman, Giraffe und ab ins Bett, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-26053-5

 

 

Zum größten Teil in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als seine eigenen Enkel noch klein waren, hat der große israelische Schriftsteller und Friedenspreisträger David Grossmann eine ganze Menge Gutenachtgeschichten für sie geschrieben. Teilweise sind sie damals in eigenen Bilderbüchern erschienen, lange waren sie nicht mehr zugänglich.

Nun hat der Hanser Verlag alle Geschichten von Ruthi, Jonathan, Joram und anderen in einem von Henrike Wilson traumhaft illustrierten Hardcoverband wieder aufgelegt und sie so einer ganz neuen Generation von vorlesenden Eltern und ihren Kindern wieder zugänglich gemacht. Die älteren Geschichten von Joram hat schon damals Mirjam Pressler übersetzt. Die anderen, die in diesem schönen Buch versammelt sind, hat Anne Birkenhauer aus dem Hebräischen ins Deutsche übertragen.

David Grossmann, neben dem gerade verstorbenen Amos Oz für mich der größte Schriftsteller Israels der letzten 50 Jahre, sagt zu seinen Geschichten und zu den Wesen, für er sie geschaffen hat:
„Diese Energie, die Welt zu erforschen – ich liebe es, für Kinder zu schreiben.“

Das letzte Buch, das er für Erwachsene vorlegte, war das Buch „Kommt ein Pferd in die Bar“ aus dem Jahr 2016, dessen Sog, Dramatik und Emotionalität ich mich damals nicht entziehen konnte. Nun wo die Stimme von Amos Oz fehlt, erhoffe ich mir bald einen neuen Roman von Grossman.

Verwirrnis

 

 

 

 

Christoph Hein, Verwirrnis, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-51842822-1

 

Der neue Roman von Christoph Hein erzählt auf dem Hintergrund der Nachkriegsgeschichte der DDR die Geschichte zwei homosexueller Freunde.

Friedeward Ringeling und Wolfgang Zernick wachsen beide in Heiligenstadt im streng katholischen Eichsfeld auf. In beiden Elternhäusern spielt die Religion auch im neuen sozialistischen Staat eine große Rolle. Friedewards Vater ist ein strenger Lehrer, der ihn und seinen Bruder Hartwig bei jedem möglichen Vergehen mit dem Siebenstriemer schlägt. Wolfgangs Vater ist Kantor der örtlichen Kirchengemeinde und regiert in seiner Familie weitaus weniger streng.

 

Friedewald und Wolfgang lieben sich und erleben auf vielen Zelturlauben an der Ostsee ihr Coming-Out. Natürlich darf keiner im katholischen Heiligenstadt von ihrer verbotenen Liebe erfahren. Würde ihre Beziehung entdeckt, würden die beiden in der Schule sehr erfolgreichen jungen Männer alles verlieren.

 

Nach ihrem erfolgreichen Abitur gehen beide nach Leipzig zum Studium. Während Friedeward nach einem Semester in Jena schon sein Fach wechselt, nach Leipzig zieht und schließlich mit wachsender Begeisterung und großem Erfolg Germanistik studiert, widmet sich Wolfgang dem Studium der Musik und wird später mit wechselndem Erfolg als Kantor arbeiten.

 

In Leipzig entfliehen sie der Enge des Eichsfelds, tauchen ein in eine Welt von berühmten und gefeierten Intellektuellen und erleben eine vorher nicht gekannte Freiheit. Sie lernen die sympathische Jacqueline kennen, die eine heimliche Beziehung zu einer älteren Dozentin namens Herlinde hat, die sie ein Leben lang führen wird. Diese Freundschaft zu Jacqueline wird Friedeward lange schützen und auch die junge Frau hat mit ihrer Beziehung zu dem bald zum Assistenten aufsteigenden Friedeward ein willkommenes Alibi.

 

Später, als nach dem 17. Juni 1953 und erst recht nach dem Mauerbau 1963 die Verhältnisse rigider werden und auch der berühmte Hans Mayer, der bald schon zum väterlichen Mentor von Friedeward geworden ist, seine Privilegien verliert und schließlich in den Westen flieht, kann nur noch die Heirat Friedewards mit Jacqueline ihn in der Fakultät weiter schützen.

 

Christoph Hein nimmt seinen Leser mit in die Geschichte Leipzig zwischen 1950 und 1993, seine berühmte Universität und ihre auch im Westen bekannten und anerkannten Gelehrten, „auf die ganz Leipzig stolz war und die überall in der Stadt, in jedem Café mit bewundernden Blicken bedacht wurden und deren Namen selbst den Taxifahrern vertraut waren…, die heimlichen, die eigentlichen Fürsten von Leipzig“.

Sein Roman ist eine berührende Geschichte zweier homosexueller Männer, die sich später trotz verschiedener Wege nie aus den Augen verlieren und gleichzeitig ein lebendiges Panorama deutschen Geisteswesens.

 

Er wirft, wenn er die Zeit nach der Wende beschreibt, einen sehr kritischen Blick darauf, wie nach der Wende auch die Universitäten abgewickelt und unzählige wissenschaftliche Existenzen für immer zerstört wurden. Gleichzeitig ist es eine Hommage an den unvergessenen Germanisten Hans Mayer, in dessen geistige Nähe Hein seinen Protagonisten Friedeward angesiedelt hat.

 

Friedewards trauriges Lebensende 1993 zeigt nicht nur die persönlichen Folgen einer rigiden Wendepolitik, sondern auch, wie noch vor 25 Jahren bei aller Liberalität Homosexuelle ihre Sexualität und Liebe verstecken mussten.

 

„Verwirrnis“ ist deshalb ein doppeldeutiger Titel eines Buches, das nüchtern erzählt ist und doch zu seinen Figuren eine große Nähe spüren lässt.

 

Nicht nur wegen diesem neuen Buch zählt Christoph Hein zu den wichtigsten Zeitzeugen der Geschichte der DDR und der Wendezeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

Und jeden Morgen das Meer

 

Karl-Heinz Ott, Und jeden Morgen das Meer, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-25995-9

 

In seinem neuen kleinen aber inhaltlich und stilistisch schwergewichtigen Roman erzählt der Schriftsteller Karl-Heinz Ott die Geschichte der in der Jetztzeit des Romans 62-jährigen Sonja. Über dreißig Jahre lang war sie Chefin eines altehrwürdigen Familienhotels am Bodensee. Und jetzt führt sie eine abgetakelte Pension in einem Dorf am Meer in einer der einsamsten Gegenden des ansonsten schon hinterwäldlerischen Wales. Jeden Morgen hört sie das Meer und geht auch zu einem Felsen, voller Gedanken an ihren eigenen Tod, den sie imaginiert und manchmal regelrecht herbeisehnt. Nur ein Sprung und sie wäre erlöst von einem Schicksal, das sie hart getroffen hat.

 

Doch Sonja gibt nicht auf. Immer zwischen der Gegenwart im verlassenen Wales, wo sie sich um die wenigen Gäste der heruntergekommenen Pension eines Onkels von Mister Pettibone kümmert – die einzige Zuflucht, die sie nach dem Debakel mit dem eigenen Hotel gefunden hat – und den Stationen ihre Lebens wechselnd, setzt Karl-Heinz Ott nicht immer chronologisch die Bruchstücke eines im Grunde genommen traurigen Lebens zusammen.

 

Dieser Mister Pettibone hat über die ganzen dreißig Jahre auch in den letzten, als die Schwierigkeiten des Hotels nicht mehr zu übersehen waren, ihr als Gast die Treue gehalten und hat jedes Jahr auf dem Weg in die Schweiz bei ihr Station gemacht. Er hat ihr nach dem großen Debakel diesen zugigen und öden Ort vermittelt.

 

Und nun steht sie am Meer und blickt zurück. Auf ihre schwere Kindheit, als sie die unfähigen und überforderten Eltern als kleines Mädchen in ein katholisches Internat stecken. Bei aller Strenge der dortigen Schwestern, ist Sonja nach dem Ende der Schulzeit doch froh, dass sie von diesen nach St. Moritz auf eine Leerstelle in einem Hotel vermittelt wird. Dort lernt sie auch den begabten Koch Bruno kennen, der es schon bald zum Souschef des großen Hauses schafft, wo auch Sonja arbeitet. In Liebesdingen ist er allerdings nicht nur ungeschickt, sondern auch uninteressiert. Das wird leider so bleiben über Jahrzehnte hinweg und so manches Mal wird sich Sonja nach einer auch nur kurzen Umarmung ihres Mannes sehnen. In dieser Beziehung bleibt sie ihr ganzes Leben lang unglücklich

 

Denn als dessen Vater stirbt, verlangt die Mutter, dass Bruno das familieneigenen Hotel am Bodensee übernimmt. Gegen deren Widerstand bauen Sonja und Bruno das Hotel und das angeschlossene Restaurant innerhalb weniger Jahre in eine auch überregional bekannte Location, die schon bald zum Geheimtipp für Gourmets wird.

 

Als Bruno sich dann seinen ersten Michelin-Stern erkocht, kommen sie vor lauter Arbeit kaum mehr zu sich. Sie werden so berühmt, dass sogar Helmut Kohl mit den französischen Präsidenten Chirac bei ihnen absteigt.

 

Sie sind auf dem Höhepunkt. Jeden Tag werden sie vom Pariser Fischmarkt beliefert, aber obwohl sie über Wochen im Voraus ausgebucht sind, bliebt wegen der enormen Kosten, die eine solche Sterneküche verschlingt und die der exquisite Weinkeller verschlingt kaum etwas übrig. Auf der Höhe des Erfolgs haben sie kaum Mittel, das Haus immer wieder auf den neuesten Stand zu bringen., Die Qualitätsanforderungen haben sich seit sie das Hotel übernahmen extrem erhöht und bald schon ist es eigentlich nur das Sternerestaurant, das die Hotelgäste über die zunehmenden Mängel hinwegsehen lässt.

 

Doch als Bruno nach langen  erfolgreichen Jahren plötzlich der Stern wieder weggenommen wird, bleiben Kreti und Pleti, die sich all die Jahre die Klinke in die Hand gegeben haben, über Nacht weg. Sonja und Bruno müssen ihre Karte anpassen, doch der Weg in den langsamen Untergang ist schon vorgezeichnet. Bruno findet in seiner Verletzung über den verlorenen Status keine Kraft zu einem Neuanfang und die beiden Eheleute kein gemeinsames Zentrum mehr, dass sie außerhalb ihrer Arbeit auch nie besaßen und fängt an nachts im Keller zu trinken, ein Selbstmord auf Raten, den er eines Tages, die Bank gibt schon lange kein Geld mehr, auch mit Tabletten abschließt.

 

Die ehemals so resolute Sonja ist am Boden zerstört. Sie versucht in der nahen Schweiz eine Arbeit zu finden, doch niemand ist bereit, einer offensichtlich gescheiterten älteren Frau noch einmal eine Chance zu geben.

 

Brunos Bruder Arno bietet ihr eine Schuldumschreibung gegen Aufgabe aller Ansprüche an und ihr bleibt nichts anderes übrig, als sich darauf einzulassen und sich in das öde und nasse Wales zurückzuziehen, wo sie allerdings im Laufe ihres Nachdenkens ober die Stationen ihre Lebens langsam stärker wird und sie denkt: „Vielleicht musste alles so kommen, wie es gekommen ist. Vielleicht hat alles seine Richtigkeit gehabt. Vielleicht gibt es doch eine Vorsehung. Vielleicht erledigt das Schicksal einfach sein Geschäft.“

Und jeden Morgen geht sie ans Meer, „und immer denkt sie, ich könnte springen…“

 

Karl-Heinz Ott hat einen ganz besonderen Roman geschrieben, in dem sogar noch das Unglück seine ganz eigene Poesie entfaltet. Sehr geschickt, unaufdringlich und kunstvoll, fügt er die einzelnen Lebensbruchstücke einer absolut zerstörten Existenz zu einem bewegenden und traurigen Psychogramm zusammen.

 

Indem er seine Hauptfigur Sonja ehrlich und selbstkritisch die Trümmer ihrer Existenz auflesen und beschreiben lässt, deutet er bei allem Unglück und aller Hoffnungslosigkeit ganz leise und zart so etwas wie einen Neuanfang an. Vielleicht, so der bewegte Eindruck des Rezensenten, hat diese einsame und ungeliebte Frau doch noch eine Zukunft. Vielleicht gibt es doch irgendwann irgendjemand, mit dem sie so etwas wie Rettung und späte Erfüllung findet.

 

Und es bleibt der Eindruck des gewaltigen Meers und seiner auch zerstörerischen Kräfte, die daran erinnern, dass in unserem Leben nichts sicher ist. Jederzeit kann in ein normales Leben etwas treten, was es in seine Grundfesten erschüttert und manchmal auch zerstört.

 

Und es bleibt die Warnung: wer nur in der Arbeit seinen Lebenssinn sucht, der wird irgendwann scheitern.

 

Karl-Heinz Otts kleiner Roman zeigt seine große sprachliche Kunst und man wartet gespannt auf ein neues Buch bei seinem neuen Verlag.

 

 

 

Zuhause

 

Marilynne Robinson, Zuhause, S. Fischer 2018, ISBN 978-3-10-002458-9

 

 

Marilynne Robinson, geboren 1943, gilt seit langem als eine der besten Schriftstellerinnen Amerikas. Die Protagonisten ihrer Bücher zeichnen sich durchweg aus durch eine Fähigkeit zur Empathie, die selten ist, und wie nicht von dieser Welt.

Marilynne Robinsons erst sehr spät in einer deutschen Übersetzung bei S. Fischer erschienene Romantrilogie um den erfundenen Ort Gilead zählt zu dem besten, was die zeitgenössische amerikanische Literatur zu bieten hat. Sie hat, ein Buch nach dem anderen, mit Gilead und seinen Menschen einen Kosmos geschaffen, der seine Leser mit jedem Buch mehr gefangen nimmt. In den USA erschienen die drei Romane in der Reihenfolge „Gilead“, „Zuhause“ und „Lila“.

In Deutschland hat S. Fischer 2018 mit dem letzten Roman begonnen, vielleicht weil die berührende Geschichte der ehemaligen Wanderarbeiterin Lila, die während des Koreakriegs nach Gilead kommt und den kongregationalistischen Prediger John Ames heiratet, dem schon über siebzigjährigen Mann einen Sohn schenkt und mit ihm herrliche und tiefsinnige theologische Debatten führt, auf dem deutschen Markt zunächst mehr Erfolg versprach.

 

Tatsächlich schrieb neben anderen lobenden Rezension die Autorin Zsuzsa Bank schon bald nach Erscheinen des Buches begeistert:

„Etwas zutiefst Tröstliches liegt in dem Wissen, das zwei sich nicht nur finden können – sondern auch schützen und halten. Diese Annäherung wird so zurückgenommen, so tastend behutsam erzählt, dass man sich ein wenig schämt, wenn man Lila und John weiter beobachtet, während sie reden, sich öffnen und bekennen.“

 

Ähnlich wie auch in „Lila“ ging es in dem zweiten bei S. Fischer erschienenen Band „Gilead“ um viel Theologie und Glauben. Immer wieder ist bei Marilynne Robinson  die Rede davon und der Bedeutung des Glaubens dabei, die Ungeheuerlichkeit des Lebens zu begreifen, was allerdings immer nur in der Rückschau funktioniert. Beide Romane atmen eine tiefe Glaubensgewissheit, die tröstet.

 

Tröstend und sehr bewegend ist auch der hier vorliegende Band „Zuhause“, der wie eine Fortsetzung zu „Gilead“ gelesen werden kann.

In diesem Buch kehrt die Tochter des presbyterianischen Predigers Robert Boughton im Alter von vierzig Jahren mit relativ leeren Händen und alleinstehend nach Gilead zurück, um dort ihren mittlerweile verwitweten sterbenden Vater zu pflegen und ihm beizustehen.

 

Kurze Zeit später kehrt auch ihr Bruder Jack nach 20 Jahren in der Fremde heim. Jack ist ein Mann, der schon früh bei allen angeeckt ist, viel trinkt und mit nichts richtig Erfolg hat. Dennoch war und ist er den Liebling seines Vaters, der ihn deshalb aber zeitlebens nicht weniger streng angefasst hat.

 

Geschickt mit dem biblischen Thema des verlorenen Sohnes spielend, erzählt Robinson davon, wie sich Glory und Jack langsam annähern und wie auch der Vater versucht, trotz all seiner Enttäuschung wieder einen Draht zu seinem Sohn  zu finden. Doch was ist, wenn der verloren Sohn sich selbst für verloren hält, weil er eben schon immer so ist wie er ist, schlecht und verdorben. Die calvinistische Lehre von der Prädestination, mit der als Kind eines Predigers aufgewachsen ist, hat hier wohl volle Wirkung gezeigt. Alle Liebe seiner Schwester und alle Vergebungsbereitschaft des Vaters scheinen vergeblich.  Und auch dem Vater Robert Boughton scheint so etwas wie ein theologischer Lebensirrtum zu dämmern, als er in einem der zahlreichen theologischen Debatten mit seinem Freund John Ames, die man mit großer Lust in allen drei Romanen verfolgen kann sagt:

„Ja, ich habe lange gegrübelt, wie sich das Rätsel der Prädestination mit dem Rätsel der Erlösung in Einklang bringen lässt.“

 

Wahrscheinlich gar nicht, insinuiert Robinson, die nicht müde wird, in der Liebe und der Vergebung jenes Tor zu sehen, durch das die Menschen gehen müssen, um ihre alte Lasten abzulegen und neu mit ihrem Leben zu beginnen.

Robinsons Romane haben über ihre hohe literarische Qualität hinaus wie nur wenige Bücher eine große visionäre Kraft. Und das hängt mit der Zeitlosigkeit oder Ewigkeit des Glaubens an einen Schöpfer zusammen, aus dem ihre Protagonisten ihr ganzes Leben ihre Kraft und ihren Trost gezogen haben und von dem auch die Autorin tief durchdrungen scheint.

 

Nicht ohne Grund endet dieser ursprünglich zweite Teil der Trilogie mit den Worten „Groß sind die Wunder des Herrn.“ In „Lila“ wird diese Gnade noch einmal aus der Sicht von John  Ames und seiner jungen Frau erzählt.

 

Welche Reihenfolge man wählt bei der Lektüre dieser wunderbaren Bücher, man wird den Eindruck haben, den die jeder religiösen Überzeugung  unverdächtige Carolin Emcke so beschrieben hat:

„Was für ein Geschenk. Marilynne Robinsons Texte üben eine magische Wirkung aus.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die geheime Bibliothek von Daraya

 

 

 

Delphine Minoui, Die geheime Bibliothek von Daraya, Benevento 2018, ISBN 978-3-7109-0042-6

Delphine Minoui ist eine französisch-iranische Journalistin, die sich seit langem für die Situation im Nahen Osten interessiert und mit vielen Artikeln in französischen Magazinen engagiert. Eines Tages entdeckt sie bei ihren regelmäßigen Recherchen auf Facebook ein Bild:

„Es ist ein ungewöhnliches Bild. Eine rätselhafte Aufnahme aus der syrischen Hölle, ohne jede Spur von Blut oder Kugeln. Zwei Männer im Profil, umgeben von Wänden aus Büchern. Der eine beugt sich über einen in der Mitte aufgeschlagenen Band. Der andere blickt suchend in ein Regal. Sie sind jung, um die zwanzig, der erste trägt eine Trainingsjacke, der zweite eine Baseballkappe. Das künstliche Licht, das in dem fensterlosen Raum auf ihre Gesichter fällt, verstärkt noch den befremdlichen Eindruck der Szene. Wie ein vorsichtiges Atemholen in den Zwischenräumen des Krieges.“

 

Unter dem Bild ist die Rede von einer geheimen Bibliothek im Untergrund Darayas, einem Vorort von Damaskus, der von den Regierungstruppen permanent bombardiert und dem Erdboden nahezu gleichgemacht wurde. Minoui ist fasziniert und es gelingt ihr unter sehr schwierigen Umständen mit den Gründern dieser „Bibliothek als Waffe gegen die Diktatur“ Kontakt aufzunehmen und diesen zu halten. Über etwa zwei Jahre begleitet sie über das Internet die Gründer dieser Bibliothek durch alle ihre Erlebnisse, bei allen Wendepunkten und Tiefschlägen, die der Krieg ihrem wunderbaren Projekt zufügt.

 

Der faszinierte und sehr berührte Leser begegnet Einzelschicksalen, die durch Bücher verbunden werden und sich so gegen Verzweiflung und Resignation stemmen. Es ist eine Mut machende Geschichte von der Macht des Lesens und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

 

 

 

Der unterlegene Mensch

 

 

 

Armin Grunwald, Der unterlegene Mensch, Riva 2018, ISBN 978-3-7423-0718-7

 

Der Autor des vorliegenden Buches  Armin Grunwald ist Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung (ITAS) in Karlsruhe und berät den Deutschen Bundestag in Fragen des wissenschaftlich-technischen Wandels. In diesem Bundestag konnte man in den Debatten des letzten Jahres, wenn es um die Digitalisierung ging, beides hören, um was es in dem Buch geht. Zum einen war da die begeisterte Rede von den Chancen der Digitalisierung und dass man auf keinen Fall den internationalen Anschluss verpassen dürfen. Um anderen aber mischten sich mehr und mehr Stimmen und den Kanon der Begeisterten, die warnten vor den Folgen dieser scheinbar unaufhaltsamen Entwicklung. Denn die angeblich wunderbaren Zukunftsperspektiven dieser Entwicklung sind nur eine Seite der Medaille. Zunehmende Abhängigkeit von digitalen Technologien, das Risiko totaler Überwachung, massenweise Übernahme menschlicher Arbeitsplätze durch Roboter, die Manipulation öffentlicher Meinung, der drohende Kontrollverlust des Menschen über die Technik – diese andere Seite zeigt bedrohliche Züge.

 

Armin Grunwald plädiert in diesem Buch dafür, dass Politik und Einzelne die Digitalisierung bewusst gestalten sollten. Der Mensch sollte nicht komplett ersetzbar werden. Er darf seine Souveränität nicht immer mehr an die digitale Technik abgeben.

Ob  die ganze Entwicklung noch aufzuhalten ist? Der Titel des Buches „Der unterlegene Mensch“ spielt mit dem Gedanken, der Zug sei schon längst angefahren. Bei aller kritischen Analyse und allen Warnungen, die der Fachmann da ausspricht, liest sich seine Zusammenfassung aber eher optimistisch: „Unsere Aufgabe ist es, die digitalen Technologien so zu entwickeln und einzusetzen, dass wir ein möglichst gutes analoges Leben führen können.“

 

So richtig das sein mag, für so unwahrscheinlich halte ich es angesichts internationaler Tendenzen, dass dies so gelingt, wie Grunwald sich das wünscht. Einsatz digitaler Techniken zum Wohl des Menschen: was da wohl so mancher Autokrat (sie werden immer zahlreicher auch in ehedem westlichen Ländern) dazu sagen wird, die profitorientierten Global Players und die Digitalkriminellen, die kaum noch mit herkömmlichen Methoden aufzuspüren sind?

 

„Der unterlegene Mensch“ ist ein gutes, informatives und aufklärendes Buch, das mich aber eher skeptisch zurückgelassen hat, was die Zukunft betrifft.

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Dämmer und Aufruhr. Roman der frühen Jahre

 

 

 

 

 

 

Bodo Kirchhoff, Dämmer und Aufruhr. Roman der frühen Jahre, Frankfurter Verlagsanstalt 2018, ISBN 978-3-627-00253-4

 

Bodo Kirchhoff ist ein Sprachkünstler und gehört seit vielen Jahren nicht nur zu den hervorragendsten Schriftstellern deutscher Sprache, sondern spätestens seit seinem Freundschaftsroman „Eros und Asche“ auch zu meinen Lieblingsautoren.

 

Sein letztes Buch, die Novelle „Widerfahrnis“ wurde 2016 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet und danach warteten viel Freunde der Kirchhoff`schen Sprachkunst gespannt auf sein nächstes Werk.

 

In „Dämmer und Aufruhr“, einem im Verhältnis zu seinen letzten Büchern sehr umfangreichen Roman reflektiert Bodo Kirchhoff in einer wunderbaren und poetisch reichen Sprache, die den Leser von der ersten Seite an gefangen nimmt, seine eigene Lebensgeschichte. Dämmer und Aufruhr bezeichnen dabei die beiden Pole, zwischen denen sich sein Leben „der frühen Jahre“ bewegte.

 

Es geht dabei um seine Jahre in einem Internat, wo er einen sexuellen Missbrauch durch einen Lehrer beschreibt, der für die Entwicklung seiner sexuellen Identität und sein Leben als Schriftsteller eine Bedeutung hatte, die ihm selbst wohl erst richtig durch das Schreiben dieses Buches deutlich geworden ist.

 

Auch seine Beziehung zu seiner Mutter ist ein zentraler Moment in seinem Leben. Bodo Kirchhoff gelingt es, dem Leser Einblicke in sein intimstes Leben zu geben ohne sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Er nähert sich seinen Erfahrungen diskret und dennoch offen und ehrlich und ohne Scham. Sein Buch ist stellenweise verstörend und macht angesichts des Lebensschicksals des jungen Bodo Kirchhoff betroffen.

 

In dieses Schicksal und seine sprachmächtige Beschreibung einmal eingetaucht, konnte ich das Buch über Tage nicht aus der Hand legen und konnte an vielen Stellen die Befreiung , die es für seinen Autor mit Sicherheit bedeutete, nachspüren.

 

Ein lesenswertes, wertvolles Buch.

 

 

 

Der naive Krieg. Kunst. Trauma, Propaganda

 

 

ATAK (Hg.), Der naive Krieg. Kunst. Trauma, Propaganda, Kunstmann Verlag 2018, ISBN 978-3-95614-267-3

 

Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts haben nicht nun im kollektiven Gedächtnis der europäischen Völker bleibende Spuren hinterlassen, sondern auch in der Kunst. Während jedes Jahr Hundertausende in den Museen der europäischen Großstädte diese vom Grauen des Kriegs inspirierten Werke anschauen und sie in zahlreichen prachtvollen Bildbänden auch jenen zur Verfügung stehen, die nicht in Museen gehen oder dorthin fahren können, sind jene unzähligen Artefakte und Werke aus der Laien- und Volkskunst nur schwer zugänglich. Der Künstler ATAK (Professor Georg Barber) zeigt in dem vorliegenden Buch seine beeindruckende Sammlung solcher Erinnerungskultur. An vielen Beispielen zeigt er auf, welch unterschiedlichen Zwecken diese Werke dienten: der Verarbeitung, der Verharmlosung, der Heroisierung oder der Propaganda.

 

Er konfrontiert diese Laienwerke mit Werken zeitgenössischer Künstler und gibt so beiden ihren Stellenwert.

 

Ein treuer Freund

 

 

 

 

Jostein Gaarder, Ein treuer Freund, DTV 2018, ISBN 978-3-423-14664-7

 

Dieser neue Roman von Jostein Gaarder ist wie so viele seiner Vorgänger auch ein Buch das inhaltlich und stilistisch aus dem Rahmen fällt. Es erzählt von dem Norweger Jakop Jacobsen. Nachdem er eine eher freudlose Ehe beendet hat, lebt er zusammen mit seinem Freund Pelle und geht einem tatsächlich außergewöhnlichen Hobby nach, das ihn in so manche heikle Situation führt und von dem niemand wirklich weiß, was es für Jakop eigentlich bedeutet. Sein Hobby besteht darin, dass er immer wieder zu Beerdigungen geht, obwohl, ihm die Verblichenen völlig fremd waren.

 

Jedes Mal bereitet er sich auf die Beerdigungen  akribisch vor, recherchiert über den Verstorbene, seinen beruflichen Werdegang und seine Hobbys und sein Leben, auch über seine Verwandten. Solcherart vorbereitet gelingt es ihm immer wieder, sich während und nach der Beisetzung unter die Trauergesellschaft zu mischen und wird dann auch zum Leichenkaffee ins Restaurant eingeladen. Dort bringt er sich bald für alle hörbar ein und erlebt sich als so lebendig wie sonst nie. Er erzählt, wie gut er sich einst mit dem Verstorbenen verstand und hebt die Erinnerung an ihn hoch in den Himmel zur Freude und leichten Verwunderung der Angehörigen die ihn noch nie gesehen oder von ihm gehört haben.

In diesen Stunden im Kreis einer fremden Familie erlebt Jakop ein Gefühl der Zugehörigkeit und Verbundenheit, die er aus seinem eigenen Leben nicht kennt.

 

Als er eines Tages von unendlichen Wanderungen mit einer Verstorbenen erzählt, wird deren Verwandte Agnes stutzig, denn ihre Verwandte saß ihr ganzes Leben lang in einem Rollstuhl, was Jakop nicht wissen konnte. Doch anstatt in öffentlich bloßzustellen ist sie von diesem Mann angerührt und beschließt herauszufinden, was es mit ihm auf sich hat.

 

Jostein Gaarder hat eine wunderbare Geschichte geschrieben, die handelt von Einsamkeit, dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und von der Brüchigkeit vorschneller Urteile über andere, vielleicht seltsam daherkommende Menschen.

 

 

 

Zur Nacht. Traumhaft schöne Märchen für Erwachsene

 

 

 

 

Isabella Farkasch, Zur Nacht. Traumhaft schöne Märchen für Erwachsene, Goldegg Verlag 2017, ISBN 978-3-99060-041-2

 

Irgendjemand hat einmal Märchen  als Streicheleinheiten für die Seelen bezeichnet. Über ihre Bedeutung für Kinder ist viel und auch kontrovers geschrieben worden, wobei der Rezensent sich aufgrund seiner langen Erfahrung als Vorleser im Kindergarten eher an Bruno Bettelheims Diktum hält, dass Kinder Märchen brauchen.

 

Doch das, was für Kinder gilt, dass Märchen verzaubern können, den Leser oder Hörer eintauchen lassen in andere Welten und zu magischen Fantasiereisen einladen, das gilt nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. In ihrem hier bei Goldegg vorliegenden Band „Zur Nacht. Traumhaft schöne Märchen für Erwachsene“ versammelt Isabella Farkasch bunte, fantasievolle Geschichten über elfenhafte Wesen, mystische Tiere, Zauberer, Drachen und geheimnisvolle Sagengestalten.

 

Wie sie schon in etlichen  anderen Büchern gezeigt hat, zuletzt in dem 2015 erschienen Buch „Raunächte“, ist Isabella Farkasch eine begnadete Märchenerzählerin, die es sehr schnell schafft, ihre Leserinnen und Leser in eine zauberhafte anderen Wirklichkeit zu entführen. Wann haben sie zuletzt einem anderen Erwachsenen einmal etwas vorgelesen? Diese hier versammelten  Märchen laden dazu ein.