Klarissa von und zu Karies. Vom Leben und Wirken einer Bakterie

 

 

 

Martina Fuchs, Agnes Ofner, Klarissa von und zu Karies. Vom Leben und Wirken einer Bakterie, Tyrolia 2019, ISBN 978-3-7022-3739-4

 

Die meisten Kinder lernen wenn nicht schon Zuhause, dann doch bald im Kindergarten, wie man sich die Zähne putzt und auch, dass das sinnvoll ist, sollen die Zähne kräftig und gesund bleiben. Und auch den Begriff Karies kennen sie spätestens nach ihrem ersten Besuch beim Zahnarzt.

 

Aber wie und warum Karies entsteht, welche Rolle bestimmte Bakterien dabei spielen und was das alles mit dem Reinehalten der Zähne zu tun hat, bleibt in diesem Alter meist im Dunkel.

 

Martina Fuchs hat für dieses sehr schöne und lehrreiche Sachbilderbuch, das Agnes Ofner lustig und witzig illustriert hat, die Figur der Klarissa Kamilla Klementine von und zu Karies erfunden und erzählt in 12 klar strukturierten Kapiteln davon, wie Karies entsteht und welche Bakterien daran beteiligt sind.

 

Die Kinder werden in die faszinierende Welt der Bakterien eingeführt und in ihr herumgeführt und erfahren spannende Erkenntnisse, was sich auf und zwischen ihren Zähnen so alles abspielt und warum sie den Bakterien mittels ordentlichem und regelmäßigem Zähneputzen zu Leibe rücken müssen.

 

Ein gelungenes Sachbilderbuch.

 

 

 

 

Der Rattenfänger von Hameln

 

 

Lisbeth Zwerger, Brüder Grimm, Der Rattenfänger von Hameln, minedition 2019, ISBN 978-3-86566-360-3

 

Wenn Lisbeth Zwerger mit ihrer unnachahmlichen Kunst ein Bilderbuch illustriert, dann wird die Geschichte, die darin erzählt wird, auf eine ganz genuine Weise interpretiert.

 

So ist es auch bei dem vorliegenden Buch, in dem die alte Sage vom Rattenfänger von Hameln erzählt wird, aus der zweibändigen Sammlung der Brüder Grimm aus den Jahren 1816/18.

 

Die Geschichte, die sich zum Vorlesen, aber auch für Grundschüler hervorragend eignet, ist in der Originalfassung abgedruckt.

 

Lisbeth Zwerger hat die bis heute in ihrem Ursprung und ihrem möglicherweise tatsächlichen Hintergrund rätselhaft gebliebene Sage über den Rattenfänger von Hameln und den Auszug der Kinder aus der Stadt zauberhaft ins Bild gesetzt und mit ihren Bildern die Phantasie des Lesers beflügelt.

Dabei gilt ihre Aufmerksamkeit ebenso dem Handlungsverlauf der Geschichte wie den Gefühlen der Menschen, die in dieses nach wie rätselhafte Ereignis verstrickt sind.

 

Ein ausgesprochen schönes Bilderbuch.

 

Altern. Sterben. Tod. Die Vergänglichkeit des Menschen aus der Sicht der Naturwissenschaften

 

 

Oliver Müller, Altern. Sterben. Tod. Die Vergänglichkeit des Menschen aus der Sicht der Naturwissenschaften, Gütersloher Verlagshaus 2019, ISBN 978-3-579-01471-5

 

Mit dem eigenen Altern, erst recht mit dem eigenen Sterben und dem eigenen Tod beschäftigt sich niemand gerne. Es sind schon lange Fragen, die in den Gesprächen, die wir mit anderen, auch unseren nächsten Angehörigen, führen, mit hohen und starken Tabus belegt sind.

Erst dann, wenn wir persönlich damit konfrontiert werden, etwa durch das Sterben und den Tod von Freunden oder nahen Verwandten, rücken uns diese Themen auf den Leib und sickern in unsere Seele. Wir können ihnen dann nicht mehr ausweichen und verdrängen doch. Es ist ganz erstaunlich, wie sehr selbst im Falle persönlicher Betroffenheit Sterbende und Angehörige nicht über das sprechen, was gerade geschieht, wahrscheinlich aus Angst den anderen zu verletzen. Ich war als Pfarrer lange der Meinung, es sei auf jeden Fall besser, immer über alles zu sprechen. Doch mittlerweile bin ich mir nach Sterbefällen in der eigenen Familie nicht mehr so sicher.

 

Das hat vielleicht auch mit dem eigenen fortgeschrittenen Alter zu tun und der langsam sich bemerkbar machenden eigenen Angst davor, irgendwann nicht mehr da zu sein, die ich vorher niemals verspürt habe.

 

Wie auch immer: es ist diese mehr oder minder stark ausgeprägte Angst vor er eigenen Vergänglichkeit und die Angst um diejenigen, die ohne mich zurückbleiben werden, die die meisten Menschen vor den Themen Alter, Sterben und Tod zurückschrecken lässt.

 

Das vorliegende Buch des Theologen, Mediziners und Naturwissenschaftlers Oliver Müller möchte hier aufklärend und unterstützend helfen. Mit einer auch für wissenschaftliche Laien meist verständlichen Sprache beschreibt er naturwissenschaftlich, was eigentlich passiert mit uns, wenn wir Menschen alt werden, wenn wir sterben und dann, wenn wir tot sind.

 

Ohne große Sentimentalität wirft Oliver Müller einen nüchternen Blick auf die Biologie alles Lebendigen, erhellend und klug. Doch er tut es nicht ohne Empathie. Er will durch Wissensvermittlung das Tabu brechen und die Angst vor dem Thema lindern. Das wirkt auch deshalb tröstlich, weil er auch die spirituelle und theologische Dimension der beschriebenen biologischen Vorgänge im Auge behält.

 

Er geht davon aus, dass man sich vor dem, was man kennt, nicht mehr so sehr fürchten muss. Ich bin jedoch sicher, es gibt Menschen, bei denen genau das Gegenteil der Fall ist.

 

Seine Zusammenfassung jedoch sollten sich alle zu Herzen nehmen, weil sie meiner Meinung nach nicht nur richtig ist, sondern der einzige Weg, die quälenden Fragen nach dem Tod durch ein eigenes gelebtes Leben zu beantworten:

„Die jedem Menschen geschenkte Zeit … ist begrenzt. Deshalb ist das eigene Leben genau wie auch das Leben jedes anderen Menschen unschätzbar wertvoll. Konsequenz dieser Erkenntnis muss eine zu jedem Zeitpunkt bewusste Lebensführung zum eigenen Wohl und zum Wohl anderer Menschen sein.“

 

 

 

 

Sterben und lieben. Selbstbestimmung bis zuletzt

 

 

Dietmar Mieth, Irene Mieth, Sterben und lieben. Selbstbestimmung bis zuletzt, Herder Verlag 2019, ISBN 978-3-451-38315-1

 

 

Dieses sehr persönliche Buch, das der ehemalige Professor für theologische Ethik und Sozialethik an der Universität Tübingen Dietmar Mieth nach dem Tod seiner Frau Irene 2017 sich nun entschlossen hat zu veröffentlichen, ist ein bewegender Bericht und eine nachdenkliche Reflexion über die gemeinsame Zeit, die er mit seiner geliebten Frau Irene verbracht hat, nachdem diese eines Tages im Jahr 2016 die schockierende Diagnose erhält, dass sie an Krebs im fortgeschrittenen Stadium erkrankt ist.

 

Nach dieser für beide erschütternden Nachricht, scheint eine Operation die letzte Rettung zu sein, doch Irene Mieth entscheidet sich dagegen und stirbt 2017. Dietmar Mieth war anderer Meinung. Er hielt eine Operation für sinnvoll. Die beiden Eheleute führen lange Gespräche, diskutieren, streiten auch über Irenes Entscheidung. In dem nachdenklichen Bericht Dietmar Mieths über diese Gespräche wird deutlich, dass dies den beiden nur möglich war, weil sie schon ihr ganzes Eheleben lang eine innereheliche Gesprächskultur gepflegt und eingeübt hatten.

 

Am Ende, nach langem innerem Kampf kann Dietmar Mieth die Entscheidung seiner Frau akzeptieren und begleitet sie dann bis zu ihrem Ende. Das Buch, das voller theologischer Reflexionen und Einsichten steckt, von der erlittenen und durchlebten Erfahrung erzählt, ist auf eine sehr direkte Art persönlich. Dietmar Mieth denkt über das Leben und das Sterben nach, reflektiert über Schmerz und die Zerbrechlichkeit unserer Existenz und spricht als gläubiger Christ über die Erfahrung von Hoffnung mitten in schrecklicher Ungewissheit.

 

Er hat seine Überlegungen ergänzt durch Auszüge aus dem Tagebuch seiner Frau, das sie während ihrer ganzen Krankheit führte, eine Fortsetzung ihres jahrzehntelangen Dialogs auf andere Weise.  Immer respektvoll und zutiefst getragen von ihrem gemeinsamen Glauben, ihrer Suche und der tiefen Verbundenheit mit der Mystik Meister Eckharts gehen sie miteinander durch die schweren letzten Tage und Wochen.

Und noch nach ihrem Tod ist der tief trauernde und getroffene Dietmar Mieth mit seiner Frau im Gespräch. Und er spürt: „Lieben, auch in der Schwachheit, ist immer wieder ein zu spürender warmer Mantel, den Hoffnung und Glaube uns um die Schultern legen.“

 

Am Ende eines berührenden und selten authentischen Buches formuliert er eine erstaunliche theologische Erkenntnis: „Die Intensität der Liebe nimmt im Glauben das Reich Gottes vorweg. Das Reich Gottes ist die Ausbreitung der Leichtigkeit der Liebe ohne Verlust der Intensität. Dafür gibt es keine Vorstellungen, aber intensive Hoffnungen. Der Glaube, den wir so in eine Gefühlssprache übersetzen, bleibt in der Schwebe. Er ist kein Standbild, er schwingt und fliegt. Ich will nur mitschwingen und mitfliegen.“

 

Ein ganz erstaunliches Buch über Leben und Sterben und die Hoffnung über den Tod hinaus.

 

 

.

Thorwald Spangenberg, Leonardos Flugmaschinen. Anselmo und das Vermächtnis des Meisters

 

 

 

Stephan Martin Meyer, Thorwald Spangenberg, Leonardos Flugmaschinen. Anselmo und das Vermächtnis des Meisters, Gerstenberg 2019, ISBN 978-3-8369-5656-7

 

Mit ihren beiden Büchern „Mit dem Zeppelin nach New York“ und „Mit dem Orient-Express nach Paris“ haben die beiden Autoren des vorliegenden Buches schon erfolgreich gezeigt, wie man mit einer erfundenen Rahmengeschichte, in der Kinder die Hauptrolle spielen, ein historisches Geschehen spannend und informativ vermitteln kann.

 

In ihrem neuen Buch rechtzeitig zum 500. Todestag von Leonardo d Vinci erschienen widmen sie sich dessen Flugmaschinen.

 

Sie erzählen die Geschichte des vierzehnjährigen Anselmo, der nach dem Pesttod seiner ganzen Familie 1539  von seinem Onkel Giovanni, eine Kapuzinerbruder, in ein Konvent in Assisi gebracht und dort aufgenommen wird. Das karge und arbeitssame Leben der Mönche gefällt Anselmo zunächst überhaupt nicht. Doch eines Tages stößt er bei seinen Erkundungen auf geheimnisvolle Zeichnungen von Leonardo da Vinci, die dieser von ganz besonderen Flugapparaten gemacht hat und die auf ungeklärte Weise in das Kloster gelangt sind.

 

Diese Zeichnungen wecken den Eifer und den Forschergeist von Anselmo und er spürt nur noch den Wunsch endlich selbst zu fliegen. Doch nicht allen Mönchen im Konvent gefällt dieser Wunsch und sie beäugen das Tun ihres Schützlings mit Argwohn.

 

Das Buch ist eine sehr informative und spannende Reise in die Zeit des berühmtesten Erfinders und Künstlers der Welt, der im Mai vor 500 Jahren gestorben ist.

 

Gleichzeitig vermittelt es seinen jungen Lesern viel von dem Leben in einem Kloster und den Vorstellungen und dem Glauben der Mönche.

 

Wieder ein sehr gelungenes Werk von Stephan Martin Meyer und Thorwald Spangenberg.

 

 

Zorilla

 

 

Jutta Bücker, Zorilla, Kunstanstifter Verlag 2019, ISBN 978-3-942795-71-5

 

In diesem nachdenklichen Bilderbuch, dessen erste Entwürfe die Illustratorin Jutta Bücker schon vor zehn Jahren gezeichnet hat, geht es um den vernünftigen und menschlichen Umgang mit dem, was uns fremd ist.

 

Die Geschichte erzählt von einem Zorillamarder, der seit kurzem in der Stadt lebt und die ganze Nachbarschaft am Hafen in große Aufregung und Besorgnis gestürzt hat. Woher kommt er eigentlich?  Und was will er hier? Die Leute haben Angst vor ihm und entwickeln hinter seinem Rücken wilde Fantasien über ihn die jeglichen Realitätsbezug vermissen lassen. Wie das halt oft so ist, wenn die Leute mit etwas Fremden oder Fremden konfrontiert sind.

 

Irgendwann hat sich negative Energie so weit aufgeschaukelt, dass eine aufgebrachte Meute zum Haus des Zorillas zieht und eine große Überraschung erlebt.

 

„Zorilla“ ist eine zeitlos wichtige Bildergeschichte, die Mut machen soll, sich unbefangen und neugierig aufeinander einzulassen.

 

 

Sing mit mir. Meine allersten Kinderlieder

 

 

 

Katja Senner, Sing mit mir. Meine allersten Kinderlieder, Ravensburger Verlag 2019, ISBN 978-3-473-31761-5

 

Für die erfolgreiche Ravensburger Bilderbuchreihe „Ministeps“ für Kinder ab dem ersten Lebensjahr, die in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift „Eltern“ erscheint, hat Katja Senner insgesamt 17 Kinderlieder aus dem Volksgut ausgewählt und sie mit einfühlsamen und kleine Kinder ansprechenden Illustrationen versehen.

 

Jedermann weiß, dass gemeinsames Singen nicht nur eine ganz eigene Form von Gemeinschaft stiftet, sondern auch das Sprachvermögen der Kinder fördert.

 

Die Auswahl für dieses Buch gelungen und hat mir in seiner Vielfalt sehr gefallen und die Bilder mit vielen den Kindern bekannten Kuscheltieren sind wunderbar.

 

Wie die ganze Reihe sehr empfehlenswert.

Leonardo da Vinci

 

Isabel Thomas, Katja Spitzer, Leonardo da Vinci , Laurence King Verlag 2019, ISBN 978-3-96244-061-9

 

In seiner Reihe „Kleine Bibliothek Großer Persönlichkeiten“ in der schon Bücher über Nelson Mandela und Marie Curie erschienen sind, versucht der Laurence King Verlag in Berlin Kindern im Grundschulalter kindgerecht und verständlich die Lebensgeschichte berühmter und einflussreicher Menschen, die ihnen Vorbilder werden können, nahezubringen.

 

In dem vorliegenden kleinen Buch, das Katja Spitzer eindrucksvoll illustriert hat, erzählt Isabel Thomas, die Geschichte von Leonardo da Vinci, dessen Todestag sich in diesem Mai zum 500. Mal jährt. Sehr behutsam bringen Bilder und Text den Kindern die Geschichte und die Erfindungen dieses Mannes bei.

 

Mit einer gelungenen  Mischung aus informativer und berührender Erzählung mit eindrucksvollen Illustrationen lässt dieses kleine Buch Kinder die Welt von Leonardo verstehen.

Ein Glossar am Ende hilft beim Verstehen  einiger schwieriger Wörter und Sachverhalte und die vier zum Weiterlesen genannten Bücher sind alle zu empfehlen.

 

 

Aller Anfang

 

 

 

 

J.Courtney Sullivan, Aller Anfang, Deuticke 2019, ISBN 978-3-552-06395-2

 

Dieser im Frühjahr 2019 bei ihrem Schweizer Stammverlag Deuticke erschienene neue Roman von J. Courtney Sullivan wurde im Original unter dem Titel  „Commencement“ schon 2009 bei A. Knopf in New York veröffentlicht. Ich finde ihn, das möchte ich zu Anfang bemerken, literarisch und thematisch viel anspruchsvoller als die beiden Romane „Sommer in Maine“ (2013) und „All die Jahre“ (2018), die mich in diesen Jahren schon begeistert haben.

 

„Aller Anfang“ ist die Geschichte von vier jungen Frauen namens Celia, Bree, Sally und April. Sie alle beginnen zu Beginn des Romans im Jahr 2002 ein College Studium am berühmten Smith-College, auf dem nur Frauen zugelassen sind. Aus dem Nachwort von J. Courtney Sullivan wird deutlich, dass sie selbst über vier Jahre ihres Lebens Studentin dieses außergewöhnlichen College gewesen ist. Möglicherweise versteckt sich hinter einer der vier im Roman porträtierten Frauen auch sie selbst.

 

Die vier jungen Frauen, die im ersten Studienjahr in einem alten Wohngebäude des Colleges als Zimmernachbarinnen untergebracht sind, könnten unterschiedlicher nicht sein und freunden sich gerade deshalb eng miteinander an. Celia ist streng katholisch erzogen, die schöne Bree ist schon verlobt, die zwanghaft ordentliche Sally hat vor kurzem ihre Mutter verloren und die rothaarige April, eine radikale Feministin, verdient sich ihr Studium selbst, während die anderen drei aus wohlhabenden Familien kommen, die sich so ein College leisten können.

 

  1. Courtney Sullivan erzählt nun zunächst aus wechselnden Perspektiven der vier jungen Frauen von deren vier Jahren auf dem College, von der Entwicklung ihrer Freundschaft. Sie vermittelt so dem schnell faszinierten Leser einen Einblick in die unterschiedlichen Lebensgeschichten der vier Freundinnen und ihre unterschiedliche Gefühle, Gedanken und Lebensträume.

 

Sie behandelt Themen, die den Protagonistinnen begegnen und sie als Autorin wohl auch selbst immer wieder beschäftigt haben. Ungewollte Schwangerschaft, weibliche Homosexualität, radikale politische Positionen zu fast alle Fragen, Gleichberechtigung und – immer wieder und sehr ausführlich- feministische Debatten, Positionen und ihre teils berühmten Vertreterinnen werden ausführlich thematisiert und debattiert.

 

Ich habe, je länger je mehr, den Roman auch gelesen als ein Buch über verschiedene Lebensentwürfe von Frauen auf dem Hintergrund unterschiedlicher feministischer Diskurse und der Kritik an ihnen.

 

Nach dem Studium vertreibt es die vier ungleichen Freundinnen in alle möglichen Windrichtungen. Doch sie bleiben in Kontakt. Nachdem die Collegezeit den umfangreichen ersten Teil des Romans umfasst, erzählt die Autorin in einem kürzeren zweiten Teil davon, wie es mit den vier weiter gegangen ist.

 

Sally steht kurz vor ihrer Hochzeit und hat die anderen drei dazu eingeladen. Als die vier am Abend vor der Hochzeit zusammen feiern wollen, kommt es zu einem riesigen Streit untereinander, der die Vier erneut trennt. Wahrscheinlich für immer, so sieht es zunächst aus. Doch dann  gerät April durch eine radikale Feministin, deren Vorbild sie fast verfallen scheint, in wirkliche Lebensgefahr. Langsam, aber erfolgreich stehen die Frauen zueinander, setzen in vielen Rückblicken die Scherben ihrer intensiven Freundschaft wieder zusammen, stehen zusammen und bewahren April vor Schlimmerem. Und bescheren dem gebannten Leser so etwas wie ein Happy End, auch wenn man weiß, dass für jede der vier das Leben erst richtig losgeht.

 

Ich habe, je länger je mehr, den Roman auch gelesen als ein Buch über verschiedene Lebensentwürfe von Frauen auf dem Hintergrund unterschiedlicher feministischer Diskurse und der Kritik an ihnen.

 

J.

Tugend. Über das, was uns Halt gibt

 

 

 

Reimer Gronemeyer, Tugend. Über das, was uns Halt gibt, Edition Körber 2019, ISBN 978-3-89684-269-5

 

Über viele Jahrzehnte hat der Theologe und Soziologe Reimer Gronemeyer nicht nur den Rezensenten in seiner Ausbildung, seinem Studium, seiner pfarramtlichen und beraterischen Praxis und seinem politischen Engagement geprägt und ermutigt.

 

Eine ganze Generation von jungen Menschen glaubte an die Möglichkeit einer besseren Welt, einer gerechteren Gesellschaft und einem schonendem Umgang mit der Schöpfung. Doch dieser Glaube scheint bei vielen verflogen, die Hoffnung geschrumpft auf die reine Bewältigung des täglichen Alltags, und das politische Engagement von einer schleichenden, das eigene Leben seltsam enteignenden Resignation abgelöst.

 

So jedenfalls geht es angesichts der gegenwärtigen Nachrichtenlage über den Zustand und die Zukunft der Welt an nicht wenigen Tagen dem ansonsten immer optimistischen und dem Leben zugewandten Rezensenten.  Doch eine solche Resignation führt nicht weiter. Das betont auch der Autor des vorliegenden Buches in allen seinen letzten Büchern, die er meist mit einer zornigen Sprachgewalt formuliert hat.

 

„Die Tugenden ( ergänze „die Hoffnung“) sind wie die glühenden Kohle, die man neu anfachen muss. Dazu bedarf es der Übung, der Einübung auch in die rettende Freundschaft, den Respekt, das Verzeihen und das großherzige Geben.“

 

Dieses Zitat aus dem Buch steht auf der Umschlagseite und benennt schon, woran es einer hartherzig gewordenen Gesellschaft, einer Gesellschaft, die ihren inneren Zusammenhalt zu verlieren droht, fehlt.

„Tugenden“ ist eine Rückbesinnung und Neubesinnung auf Werte und Tugenden, die eben nicht überholt sind, sondern die wieder neu angefacht und belebt werden müssen, wie die Glut aus der Asche, wenn unsere Gesellschaft eine menschliche Zukunft behalten soll. Am Ende seines Vorwortes schreibt der unermüdlich hoffende und zuversichtliche Gronemeyer:

„Dieses Buch will sich auf die Suche nach den neuen Tugenden machen, die imstande sein müssen, drohender Verwüstung mit Liebe zu begegnen. Tugenden, die mit kluger Selbstbegrenzung auf die entfesselte Konsumgesellschaft reagieren. Die der Egomanie tapfer das Du entgegensetzen, um den anderen nicht aus dem Auge zu verlieren. Die gegen alle Trends eine gerechte Lebenswelt einfordern. So wachsen in der Anknüpfung an die alten christlichen Tugenden die neuen, die gebraucht werden, auf dem Boden der freundschaftlichen Begegnungen zwischen Menschen. Sie leben aus dem Glauben an die Kraft des hoffenden Menschen. Und diese Tugenden sind so alt und so neu wie die Liebe und so uneingelöst wie die Sehnsucht der Menschen nach Liebe.“

 

Ein leidenschaftliches, kämpferisches und mit Mut und Hoffnung den Leser ansteckendes und infizierendes Buch. Ein Buch, das jeden einzelnen einlädt und auffordert, in seiner eigenen Umgebung, mit den Menschen, die ihm begegnen, diese Tugenden lebendig und wahrnehmbar und spürbar werden zu lassen. Gegen alle Fakten der Zerstörung, gegen alle Prognosen des drohenden Untergangs, gegen das Gift der Resignation und der Hoffnungslosigkeit hofft der Autor auf ein Morgen, das uns allen eine lebenswerte Perspektive bietet.

 

Jeder einzelne wird dazu gebraucht. Jeder einzelne wird ermutigt, jedem einzelnen wird zugemutet, dass er seinen wichtigen Beitrag dazu leisten kann und soll.

 

Ein Buch, das an die Kraft des hoffenden Menschen  glaubt, ein Buch, das Mut macht. „Der Egomanie tapfer das Du entgegensetzen, um den anderen nicht aus dem Auge zu verlieren.“ Dieser Satz lässt mich nicht los.