Alles ist Windhauch

 

Ulrike Kriener, Alles ist Windhauch, Patmos 2019, ISBN 978-3-8436-1121-3

 

Als die bekannte Schauspielerin Ulrike Kriener, die selbst schon vor langer Zeit die Kirche verlassen, aber die Suche nach einer eigenen Spiritualität nie aufgegeben hat, in einem Schweigeseminar, in das sie sich zurückgezogen hat, Teile des uralten Textes des „Predigers“ (Kohelet) aus der Bibel kennenlernt, beginnt eine von der erfrischend nüchternen Weltsicht und der erstaunlichen Aktualität des Textes geprägte Faszination und Auseinandersetzung mit dem alttestamentlichen Weisheitstext, die schließlich zu dem vorliegenden Buch geführt haben.

Vorher schildert sie auf eine authentische Weise ihren Weg aus der katholischen Kirche und ihren Weg zurück, geprägt durch ihren gläubigen Ehemann

 

Dann erzählt und reflektiert Ulrike Kriener was diese Sprichwörter in ihr auslösen, wie Kohelets Lebensweisheiten sie berühren und  welche Impulse sie dem Text verdankt. Diese Reflexionen wechseln sich ab mit der beeindruckenden Lesung der biblischen Texte.

 

Der ehemalige Prior des Klosters Andechs,Anselm Bilgri, steuert Informationen bei über die Zeit, in der der Text entstand, und fragt, wie ein so wenig „frommer“ Text wohl Eingang ins Alte Testament finden konnte.

 

Die evangelische Theologin und Professorin am Institut für Praktische Theologie der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, Sabine Bobert, deren Schwerpunkte Mystik und postmoderne Spiritualität sind zeigt in ihrem Artikel „Der mit dem Wind tanzt“ ganz konkret, wie die biblische Lebensklugheit heutige Menschen, die Sinn in ihrem Leben suchen, inspirieren kann.

Die beigefügte  CD präsentiert die Lesung des kompletten biblischen Textes durch Ulrike Kriener. Stimmungsvoll begleitet wird diese von der Weltmusikgruppe Quadro Nuevo und dem Oud-Spieler Basem Darwisch, die ihre Musik exklusiv für diese CD komponiert und eingespielt haben.

 

Ein beeindruckendes spirituelles Gesamtwerk.

 

 

Der Sänger

 

 

 

Lukas Hartmann, Der Sänger, Diogenes 2019, ISBN 978-3-257-07072-1

 

Der Schweizer Schriftsteller Lukas Hartmann hat sich schon in vielen früheren Büchern als ein wahrer Meister des historischen Romans erwiesen. Immer hervorragend recherchiert, erzählt er spannend und unterhaltsam historische Begebenheiten, meist von Menschen, die wirklich gelebt haben.

 

So hat er es auch mit dem Stoff und dem Thema seines neuen, wieder bei Diogenes in Zürich erschienenen Romans gemacht. Im Anhang dokumentiert er ausführlich, welche Quellen er benutzt hat und von welchen anderen Büchern über seine Hauptfigur er sich hat inspirieren lassen. Ein Verfahren, das man sich manches Mal auch bei anderen Romanen mit historischen Stoffen wünschen würde.

 

„Der Sänger“ ist ein Roman über den lyrischen Tenor Joseph Schmidt, der als Sohn orthodoxer Juden in Czernowitz geboren wird und dort schon als Kind als Sänger in der Synagoge auf sich aufmerksam macht. Schon bald, sein großes Talent hat sich schnell überall in der Welt herumgesprochen,  füllt seine Stimme große Konzertsäle und er erobert in Deutschland, Europa und sogar in Amerika ein Millionenpublikum, ähnlich wie zu dieser Zeit nur noch Caruso oder der mit ihm befreundete Richard Tauber. Dem anderen Geschlecht nie abgeneigt, waren seine Frauenbeziehungen so vielfältig, wie es seine Stücke waren, die er schon früh auch auf Schallplatten aufnahm und die seinen Ruhm auch jenseits der großen Bühnen hauptsächlich in Europa verbreiteten.

Im Jahr 1942, in dem der mit vielen Rückblicken gespickte Roman spielt, hat es Joseph Schmidt auf einer langen Flucht vor den Nazis nach Südfrankreich verschlagen.

 

Lukas Hartmann erzählt, wie Joseph Schmidt, wie Tausende anderer Juden, krank und total erschöpft (später stellt sich heraus, dass er nicht nur seine Stimme nicht mehr nutzen kann, sondern schwer herzkrank ist), an der Schweizer Grenze, die 1942 schon total dicht gemacht worden ist (die Argumente der Regierung und von großen Teilen der Bevölkerung, die er immer wieder beschreibt, kommen einem seltsam aktuell vor) ausharrt, bis er mit Hilfe eines Schleppers und seinem letzten Geld auf die andere Seite an den Genfer See gelangt. Dort werden ihm einige aufrechte Schweizer Menschen helfen und ihn aus dem Lager, im dem er unter fürchterlichen Bedingungen mit Hunderten von anderen Juden ausharren muss (unter anderem trifft er dort den Philosophen Manes Sperber) holen und ihn zunächst in einem Krankenhaus und wenige Tage später, weil der judenfeindliche Arzt ihm nicht hilft,  in einem Gasthaus unterbringen.

 

Doch alles ist vergeblich. Der große und lange sehr wohlhabende Sänger Joseph Schmidt stirbt an einem Herzversagen und wird auf einem jüdischen Friedhof in der Nähe bestattet. Heute erinnern Erinnerungstafeln daran, dass er seine letzten Lebenswochen dort verbrachte.

 

Eine großartige literarische Hommage an einen lange vergessenen Künstler.

 

 

 

 

Das Mädchen auf dem Eisfeld

 

 

 

Adelaide Bon, Das Mädchen auf dem Eisfeld, Hanser Berlin 2019, ISBN 978-3-446-26203-4

 

Dieses Buch ist mir wie wenige zuvor unter die Haut gegangen. Die 1981 geborene französische Schauspielerin Adelaide Bon hat in ihrem literarischen Debüt ihre eigene Missbrauchsgeschichte auf eine beeindruckende und bewegende Weise beschrieben, in einem Buch, in dem Gefühle und emotionale Distanz, die direkte Beschreibung eigener Erfahrung (zum Teil in der Ich-Form) und deren nüchterne Analyse eine homogene Mischung bilden, die den Leser von der ersten Seite bis zum Ende an sich bindet und ihn nicht mehr loslässt.

 

Sie ist gerade einmal neun Jahre alt, als sie von einem fremden Mann am Hauseingang angesprochen wird. Er gibt vor, im Haus als Handwerker etwas reparieren zu müssen. Deshalb will sie nicht unhöflich sein, will ihm den Weg zeigen und wird von ihm im Treppenhaus vergewaltigt.

 

Ihr Vater spürt sofort, dass etwas nicht stimmt, als er nach Hause kommt und seine Tochter verstört vorfindet. Sie kann es ihm in Ansätzen erzählen, was der fremde Mann mit ihr gemacht hat. Der Vater geht sofort zur Polizei und zeigt den Vorfall an. Doch niemand kann etwas herausfinden.

 

Adelaide Bon beschreibt die Leere und den wachsenden Selbsthass, die das langsam erwachsen werdende Kind über viele Jahre quälen. Die Eltern sorgen dafür, dass sie über ihre ganze Kindheit und Jugend hindurch in einer Therapie langsam lernt, darüber zu sprechen. Sie beginnt Theater zu spielen und hat erste Beziehungen, doch immer wenn sie versucht mit einem Mann zu schlafen, kehrt der Ekel zurück. Erst als erwachsene Frau bringt sie den Begriff Vergewaltigung mit dem Erlebnis in Verbindung, das sie so perfekt von sich abgekapselt hat und das doch ihr Leben so radikal bestimmt.

 

Und als sie dann eines Tages einen Anruf von der Polizei bekommt, die nach vielen Jahren einem Mann auf die Spur gekommen ist, der über die Jahre viele Mädchen so missbraucht hat wie Adelaide muss sie sich darauf vorbereiten. Mit der Vorstellung ihrem Peiniger in einem Prozess tatsächlich gegenüber zu treten, kann die endgültige Heilung einsetzen. Kraftvoll und getragen von einer großen Lebenslust erzählt Adelaide Bon furchtlos und voller Mitgefühl für das Kind und die Heranwachsende, die sie einmal war, von der zerstörerischen Kraft sexueller Gewalt und von der schwierigen und schmerzvollen Rückeroberung ihres Lebens.

 

„Das Mädchen auf dem Eisfeld“ ist ein aufrichtiges und auch poetisches Buch. In ihrem literarischen Debüt zeigt sich Adelaide Bons große Erzählkunst, von der ihre Leser hoffentlich bald mehr erfahren können.

 

 

 

Lernen muss nicht Scheisse sein

 

 

 

Titus Dittmann, Lernen muss nicht Scheisse sein, Benevento 2019, ISBN 978-3-7109-0068-6

 

Immer mehr Eltern müssen beide vollzeit berufstätig sein. Entweder ist sonst das Leben in einer Familie nicht zu finanzieren, oder aber beide wollen nach einer langen Ausbildung arbeiten und sich weiterentwickeln. Außerdem drängen ein leergefegter Arbeitsmarkt und ein immenser Fachkräftemangel die Politik zu Maßnahmen, die es insbesondere Frauen erleichtern, schon bald nach der Geburt ihres Kindes wieder ganz oder teilweise berufstätig zu sein.

Das hat zu veränderten Nachfragen nach der Betreuung der Kinder im Kindergarten oder in der Schule geführt. Durch verlängerte Öffnungszeiten in den Kindertagesstätten, durch Ganztagsschule, Förderunterricht und Ferienbetreuung hat sich der Alltag unserer Kinder so entwickelt, dass er oft einem strengen Stundenplan folgt. Raum für jugendlichen Übermut, für kindliche Neugier, für ein zielloses Sich-treiben-Lassen bleibt kaum. Gleichzeitig werden Selbstbestimmung und persönliche Freiheit in der Erwachsenenwelt noch nie so großgeschrieben wie heute. Doch unsere Kinder haben nichts davon.

 

Durch den Stress der Arbeit und die lange Zeit, die Kinder in Kindergarten und Schule verbringen wird auch eine Tendenz bei vielen Eltern unterstützt, ihre Kinder in der restlichen Zeit  vom Sandkasten bis zum Abitur zu kontrollieren zu korrigieren und zu zensieren. Bekannt geworden als Helikopterphänomen.

 

Der Autor des vorliegenden Buches, Titus Dittmann,  tritt dafür ein, dass wir generell unseren Kindern wieder mehr Freiräume im Alltag zugestehen und ermöglichen.  Denn, davon ist er überzeugt:  zu viel Eltern ist für die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes genauso katastrophal wie zu viel Schule.

 

Unsere Kinder brauchen, bei aller notwendiger elterlichen Fürsorge viel mehr Freiraum, Kreativität und schon früh geübte Eigenverantwortung.

 

In diesem locker geschriebenen Buch können Eltern unter anderem erfahren

– wie Lernen auch ohne den negativen Beigeschmack von Langeweile und Zwang funktioniert
– wie Skateboarden Eigenverantwortung fördert und Orientierung gibt
– warum Kinder erwachsenenfreie Räume brauchen, um stark und selbstbewusst zu werden

Eine Bemerkung des Rezensenten: all das kann natürlich auch ohne Skateboard funktionieren. Es gibt Kinder, wie etwa meinen Sohn, die mit so einem Brett nie etwas anfangen konnten, aber dennoch zu sportlichen, bewegungsfreudigen, selbstbewussten und kritischen jungen Menschen herangewachsen sind.

Geschwister der Bibel. Geschichten zwischen Zwist und Liebe

 

 

Margot Käßmann, Geschwister der Bibel. Geschichten zwischen Zwist und Liebe, Herder 2019, ISBN 978-3-451-39414-0

 

Mit den Geschwistern ist das eine Sache für sich. Manche haben zu ihrer Schwester oder ihrem Bruder eine warme und enge Beziehung weit über den Tod der gemeinsamen Eltern hinaus, bei anderen setzt sich eine konkurrenz- oder neidbetonte Beziehung aus der Kindheit bis ins hohe eigene Erwachsenenalter fort, bei wieder anderen zerbricht eine lange relativ normale Beziehung wegen eines Konflikts, an dessen Ursache sich Jahrzehnte später keiner mehr erinnern kann und wird dann ein Leben lang nicht mehr geheilt. Manche Menschen leiden darunter, anderen ist es eher gleichgültig. Wahrscheinlich war dann schon in der Kindheit die Beziehung brüchig. Oft ist auch die Gründung einer eigenen  Familie der Grund dafür, dass ein bisher guter Verständnis füreinander zerbricht, weil sich die jeweiligen Ehepartner nicht riechen können.

 

Die Theologin Margo Käßmann erzählt in ihrem neuen Buch von insgesamt zwanzig Geschwistern in der Bibel und ihre jeweilige Geschichte. Erstaunlich aktuell gelingt es ihr nicht nur, diese Geschwisterpaare wie Jakob und Esau, Lea und Rahel und viele mehr lebendig zu machen, sondern sie in ihren ihnen innewohnenden Konflikten auch für die heutige Zeit aufzuschließen und zu interpretieren.

 

Unter anderen geht es um:

  • Jakob und Esau: Zwillinge – eine ganz besondere Beziehung
    • Dina und ihre Brüder: Ein Mädchen unter so vielen Jungs!
    • Absalom, Amnon und Tamar: Von der großen Liebe zur kleinen Schwester
    • Judas, Simon und Jonatan: Drei Brüder, die im Leben nur Krieg kennen
    • Jesus und seine Geschwister: Der Älteste nervt irgendwie – und ist doch besonders
    • Die Schwester von Paulus: Von Entfremdung und Annäherung

 

 

Sie selbst sagt in ihrem Vorwort dazu: „Je älter ich werde, desto spannender finde ich das Thema Geschwister. Das ist offensichtlich kein individuelles, sondern ein verbreitetes Phänomen. Freundinnen und Freunde gehen, Geschwister bleiben, es ist in der Tat die längste Beziehung des Lebens. Sie prägt unsere gesamte Kindheit. Da gibt es große Liebe zueinander und große Konkurrenz, Solidarität und Abgrenzung, Zusammengehörigkeitsgefühl und Auseinandersetzung“.

 

Auch für wenig bibelfeste Menschen kann dieses Buch zu einer Offenbarung werden, sie können aus mindestens einer der erzählten Geschichten, vielleicht auch aus mehreren etwas erkennen und lernen über ihre eigene vielleicht brachliegende Beziehung zu Schwester oder Bruder. Auf jeden Fall, da bin ich sicher, wird der Leser nach der Lektüre dieser auch spannenden Geschichten seine eigene Geschwisterbeziehung in einem anderen Licht sehen und wertschätzen.

 

 

Wie groß, wie weit, wie schnell. Die Welt und ich

 

 

 

Jun Cen, Wie groß, wie weit, wie schnell. Die Welt und ich, Kleine Gestalten 2018, ISBN 978-3-89955-811-1

 

In diesem großformatigen und mit beeindruckenden Illustrationen von Jun Cen ausgestatteten Sachbilderbuch für Kinder ab etwa fünf Jahren unternehmen die Macher des Kleinen Gestalten Verlags in Berlin eine spannende Reise durch die Natur und die Welt der Tiere. Indem sie immer wieder Größe und Entfernungen verständlich machen und vergleichen, wecken sie in den kleinen Lesern große Neugier, sich selbst auf Entdeckungsreise nach den Wunder dieser Welt zu begeben.

Wie groß etwa sind die Augen eines Tintenfischs? Wie viele Zähne hat der weiße Hai und wie alt ist der älteste Baum? Wie groß, wie weit, wie schnell? „Die Welt und ich“ nimmt neugierige Kinder mit auf eine spannende Reise durch Flora und Fauna.

 

Gegenüberstellungen und auch für erwachsene Mit- und Vorleser originelle Vergleiche vermitteln allerhand spannende Tatsachen über unseren Planeten. Die Illustrationen von Jun Cen veranschaulichen mit viel Liebe zum Detail unterschiedliche Maßeinheiten und helfen kleinen Lesern dabei, ihre Umwelt besser zu begreifen.

 

 

Niemals ohne sie

 

 

 

Jocelyne Saucier, Niemals ohne sie, Insel Verlag 2019, ISBN 978-3-458-17800-2

 

Die kanadische Schriftstellerin Jocelyne Saucier hatte schon 2015 mit ihrem ebenfalls bei Insel erschienenen Roman „Ein Leben mehr“ ein außergewöhnliches Buch vorgelegt. Der hier vorliegende Roman „Niemals ohne sie“, der in Kanada schon im Jahr 2000 erschien und ihr insgesamt zweiter Roman ist, zeigt, dass Jocelyne Saucier schon sehr früh über jene poetische Sprachmacht verfügte, die „Ein Leben mehr“ zum internationalen Bestseller machte. Mit Sicherheit werden bald auch ihr erster 1996 erschienener Roman und weitere Werke aus den Jahren zwischen 2000 und 2011 ins Deutsche übersetzt werden.

Der Roman erzählt mit verschiedenen, wechselnden und aufeinander aufbauenden Stimmen der Kinder von den Cardinals, einer wahrhaft ungewöhnlichen Familie, die am Ende aus insgesamt 23 Mitgliedern bestehen wird.

 

Die 21 Kinder der Familie bezeichnen sich als  „Die Könige von Norco“. Sie stammen alle von den gleichen beiden Eltern, die beide wenig Zeit für ihre Kinder haben. Während die Mutter von morgens bis abends mit der Versorgung der Familie und dem Haushalt beschäftigt ist, ist der Vater permanent unterwegs, um als Erzsucher die Familie irgendwie finanziell über Wasser halten. Die Kinder sind sich selbst überlassen, wachsen mit großen Freiheiten, aber ohne viel Zuwendung auf, kümmern sich um sich selbst, die Großen um die Kleinen. Rau und oft auch brutal geht es unter ihnen zu, Machtkämpfe sind ihr täglicher Alltag.

 

Sie ziehen durch die Gegend und tyrannisieren jeden, der ihnen begegnet. Sie haben vor nichts und niemand Angst und die Wildheit von antiken Helden. Als das Bergbauunternehmen Northern Consolidated eine sehr ergiebige Erzmine in Norco, die den Cardinals das Einkommen sicherte, wegen eines Preissturzes auf dem Weltmarkt aufgibt, fühlt sich die ganze Familie betrogen und sie fassen den Entschluss sich zu wehren. Eine Entscheidung mit fürchterlichen Folgen, wie sich erst am Ende zeigen wird.

 

Man hat als Leser nach den ersten vier bis fünf Kapiteln alle entscheidenden Figuren kennengelernt, Menschen die man nicht immer sympathisch finden muss. Doch die Beschreibung ihrer gegenseitigen Beziehungen und die Schilderung der innerfamiliären Dynamik haben mich von Beginn an gefesselt. Wie die einzelnen Kinder, auch lange nachdem sie sich schon von der Familie gelöst und selbstständig gemacht haben, in ihren Lebensgeschichten miteinander verstrickt sind, wird erst Zug und Zug im Laufe des Romans deutlich, in einem Fall erst ganz am tragischen Ende.

 

Mit der Familie Cardinal und ihren 21 Kindern (kann eine Frau wirklich so viele Kinder bekommen?) hat Jocelyne Saucier eine ganz erstaunliche Familie aus den unterschiedlichsten Menschen und mit ihnen eine Welt geschaffen, die aller Rauheit und allem Kampf zum Trotz den Glauben an ein selbstbestimmtes, freies und gemeinschaftliches Leben aufrechterhält.

„Niemals ohne sie“ ist ein überwältigender Roman, der den Leser in seinen Bann zieht und ihn tief berührt mit Figuren, die ihn lange nicht loslassen.

 

In der Rahmenhandlung, die in der Gegenwart, also Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts spielt, kommt die ganze Familie (alle leben noch, auch die Mutter) nach Jahrzehnten wieder zusammen, weil der Vater eine Ehrung erhalten soll. Und an diesem Tag muss sich die Familie einem Vorkommnis stellen, wegen dem sie sich seit Jahrzehnten aus dem Weg gegangen sind. Aus verschiedenen Erinnerungen wechselnder Familienmitglieder im Rahmen dieses Treffens ist das Buch aufgebaut. Jeder erzählt aus seiner Sicht nicht nur die Geschichte der Familie und einzelner ihrer Mitglieder, sondern vor allem auch das lange mysteriös bleibende Schlüsselereignis, das alles verändert hat. Dass erst ganz am Ende offenbar wird, was damals geschehen ist, bevor sich die Familie in alle Winde zerstreute, ist spannend konstruiert.

 

Ein Buch, das mit seiner rauen Poesie und seiner sprachlichen Macht und Vielfalt fesselt von der ersten bis zur letzten Seite.

 

 

Welches Tier ist anders hier. Mein allererstes Such-Buch

 

 

 

Bernd Penners, Henning Löhlein, Welches Tier ist anders hier. Mein allererstes Such-Buch, Ravensburger Verlag 2019, ISBN 978-3-473-43758-0

 

Ein schönes und lustiges Such-Bilderbuch für kleine Kinder ab etwa 2 Jahren ist hier anzuzeigen, für das Bernd Penners lustige Zweizeilenreime verfasst und Henning Löhlein witzige Bilder gezeichnet hat.

 

Auf jeder Doppelseite sind jeweils etwa zwanzig identische Tiere zu sehen. Doch jeweils eines unterscheidet sich von den anderen durch ein besonderes Merkmal. Dieses einzelne Tier sollen die Kinder finden und beschreiben.

 

Es beginnt mit Kühen: „Alle Kühe tragen Glöckchen, außer einer, die trägt Söckchen.“ Es treten weiter auf: Hasen, die alle Möhren essen (bis auf einen), Gänse, Küken, Hunde, Hühner, Schweinchen, Pferde, Mäuse und Frösche.

 

Auf jeder Seite tanzt eines der gezeigten Tier aus der Reihe. Die kleinen Kinder werden einen großen Spaß daran haben, dieses eine jeweils zu finden.  Und sie werden eine lange Zeit immer wieder Freude empfinden dabei, auf den jeweiligen Einzelgänger zu deuten und zu zeigen, dass sie sich etwas gemerkt haben.

Oje, ein Buch

 

 

Lorenz Pauli, Miriam Zedelius, Oje, ein Buch, Atlantis Verlag 2018, ISBN 978-3-7152-0742-1

 

Dieses schöne und überaus originelle Bilderbuch von Lorenz Pauli mit kräftigen Illustrationen von Miriam Zedelius ist eine Hommage an das Bilderbuch und das gemeinsame Vorlesen.

 

Juri hat von Herrn Schnippel ein Bilderbuch geschenkt bekommen und zeigt es ganz begeistert Frau Asperilla, die es ihm vorlesen soll. Doch die gehört zur Generation Smartphone und hat schon fast verlernt, wie man mit einem Buch umgeht.  Sie versucht es mit dem gewohnten Wischen um zur nächsten Seite zu kommen und Juri muss ihr zeigen, wie man es richtig macht.

 

Zwei Geschichten werden in diesem Bilderbuch erzählt. Vordergründig geht es um Juri und Frau Asperilla, die gemeinsam versuchen ein Bilderbuch zu lesen. Die andere Geschichte ist die im Bilderbuch selbst und von der Rahmengeschichte in der Schrift und der farbigen Gestakten deutlich abgegrenzt.

 

Doch das Allerwichtigste, das Juri und Frau Asperilla beim Vorlesen erleben, passiert nicht in der Geschichte, sondern zwischen ihnen selbst, wie immer, wenn zwei, ein Großer und ein Kleiner, gemeinsam ein Bilderbuch anschauen.

 

Eine schöne Geschichte über Bücher, das Vorlesen und die dabei erwachende Phantasie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mia besucht Frau Turboschnecke. Ein Bilderbuch über Demenz

 

 

 

Martina Plieth, Mia besucht Frau Turboschnecke. Ein Bilderbuch über Demenz, Neukirchener Verlag 2018, ISBN 978-37615-6424-0

 

Martina Plieth, die Autorin dieser von Lena Miller illustrierten Geschichte für Kinder ab etwa sechs Jahren hat in der Zeit von 2005 bis 2010 als Pfarrerin in einem Altenheim gearbeitet und dabei viel Erfahrungen mit demenzkranken alten Menschen gemacht.

 

Im Rahmen ihrer heutigen Arbeit als Professorin für Gemeindepädagogik und Kirchlichen Bildungsarbeit an der Ev. Hochschule Nürnberg ist nun dieses Bilderbuch entstanden, das erfolgreich versucht, Kindern die Lebens- und Erfahrungswelt von demenzkranken Menschen zu vermitteln.

 

Es erzählt von der kleinen Mia und ihrer Oma. Die beiden verstehen sich sehr gut und verbringen sehr viel Zeit miteinander. Nur freitags ist das anders. Denn da hat Mias Oma immer etwas anderes vor. Dann packt sie drei Tafeln Schokolade und einige Erinnerungsstücke in ihre „Schätzetasche“, wie sie sie nennt.

 

Mit jeder Woche mehr wird Mia neugieriger, wo denn die Oma da freitags hin verschwindet.  Doch eines Tages darf sie das Geheimnis lüften, denn Oma erlaubt Mia, sie zu begleiten. Und so lernt sie in einem Altenheim nicht nur Frau Turboschnecke, Frau Anderland und die beste Hochstaplerin der Welt kennen, sondern erfährt so wie auch die jungen LeserInnen dieses schönen und wichtigen Buches viel über demente  Menschen und was dieses Krankheit mit ihnen macht.

 

Martina Plieth hat ein eindrückliches Buch geschrieben über Demenz und ihre Folgen  und auch darüber wie man in Freundschaft Menschen mit Demenz würdig und hilfreich begegnen kann.

 

Für Kinder, die demente Menschen zu ihrer Familie zählen ist das Buch nicht nur hilfreich sondern auch tröstlich.