Ein Sohn ist uns gegeben. Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall (Hörbuch)

 

 

Donna Leon, Ein Sohn ist uns gegeben. Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall (Hörbuch), Diogenes 2019, ISBN 978-3-257-80399-0

 

Donna Leons Kriminalromane um den Commissario Guido Brunetti aus Venedig erfreuen mich jedes Jahr im Frühsommer aufs Neue.  Habe ich früher schon mal kritisiert, dass seine handelnden Personen, insbesondere Brunetti selbst und seine Familie, aber auch seine Kollegen und Kolleginnen und Vorgesetzten sich über all die Jahre nicht verändern, finde ich das mittlerweile fast angenehm. Das reale Venedig mit seinen Belastungen durch den Tourismus und die drastische Veränderung vieler alter Strukturen kommt seit vielen Jahren in Donna Leons Romane immer wieder kritisch zur Sprache, doch die Personen bleiben immer im gleichen Alter. Brunettis Kinder Chiara und Raffi gehen immer noch in die Schule, seine Frau Paolo lehrt Literatur an der Universität und ihr ganzes Familienleben ist wohltuend konfliktfrei.

 

Im neuen Buch beginnt die Handlung mit einem Gespräch Brunettis mit seinem adligen und schwerreichen Schwiegervater, dem Conte Falier, der sich Sorgen um einen alten Freund macht, den ehemaligen Galeristen und Kunstkenner Gonzalo Rodriguez de Tejeda. Dieser homosexuelle Mann ist mittlerweile schon 85 Jahre alt und will, wie der Conte erfahren hat, einen 40 Jahre jüngeren adligen Mann als seinen Sohn adoptieren. Dem Conte gefällt das gar nicht und er bittet Brunetti, ihn etwas abseits der normalen dienstlichen Wege dabei zu unterstützen, mehr über diesen jungen Mann herauszufinden, um seinen Freund von seinen Absichten abzubringen

 

Brunetti sieht sich schnell in der Zwickmühle. Einerseits will er seinem Schwiegervater helfen, andererseits seine dienstlichen Pflichten nicht verletzen. Doch es gelingt ihm, einen Mittelweg zu finden. Natürlich tauchen alle aus den früheren Romanen bekannten Charaktere aus seiner Dienststelle wieder auf, und Brunettis Chef Patta zeigt sich von einer bisher kaum an ihm wahrgenommenen menschlichen Seite, als er in einer Nebenhandlung, die andere zu einem ganzen Buch verarbeitet hätten, seinen Commissario mit einem eher privaten Auftrag konfrontiert.

 

Immer mehr wird in Leons letzten Romanen die philosophische Seite ihres aus einfachen Verhältnissen stammenden hochgebildeten und menschenfreundlichen Commissarios lebendig.  Seine Nachdenklichkeit und seine Gedanken, seine Art zu ermitteln und mit Menschen umzugehen, haben aus Leons Romanen eine ganz eigene spezifische Form des Kriminalromans gemacht, in dem das Verbrechen nur eine Variante möglicher seltsamer Verhaltensweisen ist, die Menschen an den Tag legen. Auch der vorliegende achtundzwanzigste (!) Fall kommt über lange Zeit ganz ohne ein klassisches Verbrechen aus. Der Mord am Ende kommt überraschend, führt aber letztendlich dazu, dass die vorher lange mit allen Hintergründen erzählte Geschichte von Gonzalo in ll seinen Verwicklungen und Geheimnissen klarer wird.

 

Der Roman war für mich eine unterhaltsame Lektüre, auf die ich mich schon seit der Verlagsankündigung gefreut habe. Ich lese Leons Bücher auch schon lange nicht mehr als Krimis, sondern als Milieustudien einer verfallenden Stadt und als Charakterstudien von interessanten Menschen.

 

Es scheint, als würden Leons Figuren mit jedem neuen Buch nachdenklicher und weiser. Vielleicht haben sie das mit ihrer Schöpferin gemeinsam.

 

Die hier vorliegende ungekürzte Lesung von Joachim Schönfeld besticht durch ihren ruhigen Duktus und einer Stimme, die sich hervorragend in die handelnden Personen hineinversetzt und das Hörbuch so zu einem wirklichen Erlebnis macht.

 

 

Angst essen Freiheit auf. Warum wir unsere Grundrechte schützen müssen

 

 

 

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Angst essen Freiheit auf. Warum wir unsere Grundrechte schützen müssen, wbg Theiss 2ß019, ISBN 978-3-8062-3891-4

 

Der aufrechte Journalist Heribert Prantl hat sie einmal die „Jeanne d`Arc der Bürgerrechte“ genannt, die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die 23 Jahre lang Mitglied des Deutschen Bundestags war und in dieser Zeit von 1992 bis 1995 und dann noch einmal zwischen 2009 und 2013 als Bundesjustizministerin amtierte.

 

Ihr ganzes politisches Leben lang war und ist ihr die Verteidigung der Grundrechte ein ganz großes Anliegen, denen sie sich als Liberale verpflichtet weiß. Zum 70. Jahrestag des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland legt sie nun ein wichtiges Buch vor, in dem sie nicht nur erläutert, wie und warum die im Grundgesetz verankerten Grundrechte das feste Fundament unserer Demokratie bilden, sondern auch, wie sie durch Ängste vor äußeren und inneren Bedrohungen immer wieder bedroht sind.

 

Ob es um die immer weitere Verschärfung des Asylrechts geht, den mangelnden Schutz personenbezogener Daten oder um die bedrohte freie Meinungsäußerung. Immer dort,  wo Sicherheitsgefährdungen behauptet werden, gleich von welcher Seite, scheint der Zweck offensichtlich  jedes Mittel zu heiligen. Und immer wichtiger wird: wo es um digitale Geschäfte geht, droht die informationelle Selbstbestimmung zu verkommen.

 

An folgenden Themenbereichen, die gegenwärtig von Bedeutung sind und debattiert werden,  zeigt sie überzeugend, wo aktuell Grundrechte bedroht sind und in Frage gestellt werden:

 

  • Schutz der Menschenwürde
  • Schutz der Privatsphäre
  • Persönlichkeitsrecht
  • Meinungs- und Pressefreiheit
  • Religionsfreiheit
  • Asylrecht

 
Immer wieder weist sie darauf hin, dass es auf jeden einzelnen Bürger ankommt, wenn es darum geht, unsere Grundrechte zu verteidigen:

„Wir brauchen einen neuen Grundrechtsstolz der Bürgerinnen und Bürger. Wir brauchen Verfassungspatrioten anstelle von Nationalisten. Niemand kann und darf sich mehr herausreden. Jeder ist gefordert und jeder kann etwas einbringen. Machen wir uns klar, was wir verlieren, wenn die Grundrechte schleichend ausgehöhlt werden. Wenn Angst die Freiheit isst.“

 

Das wichtige Buch ist ein  leidenschaftliches Plädoyer einer aufrechten Liberalen und Demokratin. Unser Land braucht mehr von ihnen.

 

 

 

 

PumaLand. Im wilden Patagonien

 

Ingo Arndt, PumaLand. Im wilden Patagonien, Knesebeck Verlag 2019, ISBN 978-3-95728-204-0

 

Ingo Arndt gehört zu den herausragenden Naturfotografen der Welt. Seine Bilder erscheinen in internationalen Magazinen und Zeitschriften wie GEO, Stern, National Geographic oder BBC Wildlife. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter einen »World Press Photo Award«. Zudem war er mehrfach Preisträger beim »Wildlife Photographer of the Year Award«.  Wie er in seinem Nachwort zu seinem neuen hier vorliegenden Bildband andeutet, ist ihm die Ambivalenz seiner Arbeit sehr wohl bewusst. Denn indem er die Pumas in dem Torres del Paine Nationalpark in Chile fotografiert, und die traumhaften Bilder aus diesem Reservat veröffentlicht, trägt er womöglich dazu bei, dass noch mehr Touristen diesen Nationalpark besuchen. Waren es 2001, als Arndt zum ersten Mal dort war, noch 25.000 Besucher pro Jahr, so sind es heute zehn Mal so viel.

 

Dennoch sind die außergewöhnlichen Bilder, die er über einen langen Zeitraum und zu verschiedenen Jahreszeiten in diesem  bedrohten Lebensraum gemacht hat eine Augenweide. Bei vielen anstrengenden und abenteuerlichen Expeditionen hat er zum Teil mit Hilfe von einheimischen Fährtenlesern sich auf die Spuren der scheuen Pumas begeben. Einzigartige Bilder dieser selten gewordenen Tiere in  freier Wildbahn, bei der Paarung, der Jagd und der Aufzucht ihrer Jungen sammeln sich mit wunderbaren Fotografien von Landschaften und anderen tierischen Bewohnern dieser Landschaft zu einem atemberaubenden Bildband über eine der beeindruckendsten Landschaften dieser Erde.

 

 

Deutschland verdummt. Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut

 

Michael Winterhoff,  Deutschland verdummt. Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut, Gütersloher Verlagshaus 2019, ISBN 978-3-579-01468-5

 

Der Titel des neuen Buches des Bestsellerautors und Psychotherapeuten Michel Winterhoff erinnert ein wenig an Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Da rechnet jemand ab mit einer Politik, die er für verhängnisvoll hält. Beide Autoren werden für ihre Kritik heftig kritisiert, aber ihre Bücher werden gekauft und gelesen. Eben weil sie entgegen dem herrschenden Meinungsmainstream etwas aussprechen, was der Erfahrung vieler Menschen entspricht.

 

Michael Winterhoff  hält unser heutiges Bildungssystem für eine Katastrophe, sowohl für die Kinder als auch für deren Eltern, aber auch für die Erzieherinnen und Lehrer. An vielen Beispielen, in denen sich Eltern, die in den letzten 10-15 Jahren eigene Kinder in der Ausbildung hatten, sehr oft wiedererkennen werden, macht er deutlich, was in den Kitas und Schulen unseres Landes falsch läuft und warum deshalb die Zukunft unseres Landes gefährdet ist. Bei allem identifiziert er die Kinder, besonders die aus bildungsfernen Schichten, die unter diesem System leiden, das sie letztlich völlig sich selbst überlässt und jegliche Leitung und Führung vermissen lässt.

 

Er bleibt aber nicht nur bei der notwendigen Kritik des Bildungssystems stecken, sondern zeigt, wie in seinen anderen Büchern auch, Lösungsansätze. Hier im neuen Buch skizziert er eine groß angelegte Bildungsoffensive, die sich folgenden Zielen verpflichtet weiß: der kompletten Abkehr von der sogenannten Kompetenzorientierung und den zu bloßen Lernbegleitern herabgestuften Lehrern und der Hinwendung zu echter Bildung und zu Pädagogen, die den Kindern wieder ein tatsächliches Gegenüber sind, denen man Respekt entgegenbringt.

 

Wenn seine jahrzehntelange Arbeit als Psychotherapeuten eines gezeigt hat, dann dieses: nur die Orientierung an Bezugspersonen ermöglicht die Entwicklung von emotionaler und sozialer Psyche.

 

Man müsste einmal Thilo Sarrazin und Michael Winterhoff in einer Gesprächsrunde zusammenbringen, nachdem sie jeder das jeweils letzte Buch des anderen gelesen haben und schauen, ob es da Schnittmengen gibt.

 

 

Leben in schwierigen Zeiten

 

 

 

 

Florentijn van Rootselaar, Leben in schwierigen Zeiten, wbgtheiss 2019, ISBN 978-3-8062-3876-1

 

Der niederländische Philosoph und Journalist Florentijn van Rootselaar, Herausgeber der niederländischen Zeitschrift „Filosofie Magazine“, hat für das vorliegende von Bärbel Jänicke aus dem Niederländischen übersetzte Buch insgesamt 15 bedeutende Gegenwartsphilosophen überall auf der Welt besucht und lange Gespräche mit ihnen geführt. Gespräche über „Klimawandel, Fake News und andere Dinge, die uns den Schlaf rauben“.

 

Alle diese Gespräche drehen sich um die Frage, ob es in diesen schwierigen Zeiten neue Weisen gibt, die Welt wahrzunehmen und trotz aller Bedrohungen unsere Zukunft zu gestalten.

In drei Kapiteln sind die vom Autor beschriebenen und interpretierten Gespräche geordnet:

 

  • Flüchtige Welt
  • Welt in der Krise
  • Verzauberte Welt

 

Zygmunt Bauman, Martha Nussbaum, Alain Finkielkraut, Jacques Rancière, Michael Sandel, Susan Neiman, Hartmut Rosa, Bernard Stiegler, Bruno Latour, Peter Sloterdijk, Charles Foster, Roger Scruton, Terry Eagleton, Michael Puett und Tu Weiming  äußern sich zu den wichtigsten Themen unserer Zeit.

 

Es geht unter anderem um Nachhaltigkeit und Verantwortung, die Veränderung der Konsumgesellschaft und den Aufbau einer neuen Beziehung zur Natur.

 

Aber auch die durch viele rechtspopulistische Parteien und Bewegungen aufgeworfene Frage nach der Bedeutung eines Nationalgefühls und einer kulturellen Identität werden gestellt und versucht zu beantworten. Zentral ist bei vielen Gesprächen die Gefahr der Unterminierung unseres Grundvertrauens in die Welt angesichts von Fake News und unendlich vielen falschen Behauptungen in den sozialen Medien.

 

Es sind aufschlussreiche Gespräche, die hier dokumentiert werden. Alle miteinander fragen sie nach dem Sinn des Lebens, begeben sich auf die Suche nach Transzendenz und beschreiben den Wert von Achtsamkeit, Muße und Ritualen. So zeigen sie, wie die Philosophie nach wie vor auch in einer schwierigen Welt in schwierigen Zeiten Orientierung für das Leben geben kann.

 

Das Buch ist auch für philosophische Laien  sehr gut verständlich, und gibt einen guten Einblick in die Person und das Denken der beteiligten Philosophen.

Artus. König auf Camelot

 

 

 

Ilka Sokolowski, Helmut Dohle, Artus. König auf Camelot, Gerstenberg 2019, ISBN 978-3-8369-5613-0

 

Die in dem vorliegenden Buch wunderschön nacherzählte Sage von König Artus und dem runden Tisch seiner Tafelrunde konnte trotz vielfältiger Suche und Forschung nie verifiziert werden. Dennoch lieferte sie die Vorlage für unzählige Bücher und Filme.

 

Die unsterblich scheinende Geschichte von Liebe und Verrat, Intrigen und Macht und die Suche nach dem Heiligen Gral hat Menschen, Schriftsteller und andere Kulturschaffende quer durch die Jahrhunderte immer wieder in Atem gehalten und fasziniert.

 

Das vorliegende Buch für Kinder ab 10 Jahren erzählt diese Sage lebendig nach. Immer wieder zwischendrin und besonders am Ende des Buches gibt es nähere Erläuterungen und die Illustration von Helmut Dohle entführen den jungen Leser in eine wahrhaft fantastische Welt.

 

Auch für Erwachsene bietet das Buch eine gute und knappe Einführung in diese klassische Sage und ihre Welt.

 

 

 

 

 

Walter Knoll. Möbelmarke der Moderne

 

 

Bernd Polster, Walter Knoll. Möbelmarke der Moderne, teNeues 2019, ISBN 978-3-96171-098-0

 

Den Kennern und Kulturhistorikern, den Innenarchitekten und den Freunden gehobenen Wohnens gilt der Name Walter Knoll als die klassische Möbelmarke der Moderne. Eine Marke, die unter verschiedenen Eigentümern nichts weniger als Klassiker und Ikonen der Avantgarde geschaffen hat. Diese Möbelfirma ist eine der erfolgreichsten der letzten 150 Jahre, auch und gerade weil ihre Möbelstücke sehr oft stilbildend wirkten und das Lebensgefühl der Menschen nachhaltig geprägt haben.

 

Das vorliegende schwergewichtige und reich illustrierte Buch des bekannten Sachbuchautors Bernd Polster schafft es auf unterhaltsame und informative Weise, dass der Leser die Geschichte des Unternehmens von 1865 bis heute nachvollziehen und auf diese Weise auch ein wichtiges Stück Zeit- und Kulturgeschichte nachvollziehen kann.

Über anderthalb Jahrhunderte wird die Entstehung dieser Möbeldynastie geschildert und eine umfassende Designgeschichte der Marke in Beziehung zu wichtigen kulturhistorischen Entwicklungen dargestellt.

 

Bernd Polster tut das in drei Abschnitten:

 

  • Erste Moderne 1865 bis 1945
  • Zweite Moderne 1945 bis 1993
  • Dritte Moderne 1993 bis heute

 

 

Das Buch ist für alle Menschen von Interesse, die sich für Möbel und Inneneinrichtungen aller Art begeistern können. Sie werden ihre Freude an den unzähligen Bildern und Zeichnungen haben. Menschen, die über Möbel hinaus ein kulturgeschichtliches Interesse an der Avantgarde der letzten 150 Jahre, insbesondere aber seit Ende des Zweiten Weltkrieges haben, finden in den hohen wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden und dennoch spannenden Texten von Bernd Polster eine anregende und informative Lektüre.

 

Das Buch lässt den Leser ein Stück Zeit-und Designgeschichte miterleben.

 

 

Die Frau im Musee d` Orsay, (Hörbuch)

 

 

 

David Foenkinos, Die Frau im Musee d` Orsay, (Hörbuch), Steinbach Sprechende Bücher 2019, ISBN 978-3-86974-364-6

 

Der neue Roman von David Foenkinos schließt sich in seiner literarischen Qualität nahtlos an seine Vorgänger und zeigt ihn nicht nur als einen der erfolgreichsten zeitgenössischen französischen Schriftsteller, sondern auch als einen besten. In einer dramatischen Liebesgeschichte, die er so geschickt aufgebaut hat, dass eine den Leser an das Buch fesselnde Spannung bis zum Ende erhalten bleibt, erzählt er feinfühlig und vollen Herzenswärme davon, wie ein Mensch selbst im tragischen Scheitern seinem Leben eine neue Wendung geben kann.

 

Zunächst wird der Leser mit dem unter seinen Studenten sehr beliebten Antoine Duris bekannt gemacht. Er ist die leidende und dennoch mutige Hauptfigur in einem sehr unterhaltsamen und auch bewegenden Roman, dessen Unterthema die Faszination und Schönheit der Kunst ist.

 

Denn Antoine Duris ist Professor für Kunstgeschichte an der Hochschule der Schönen Künste in Lyon. Seine abwechslungsreichen und originellen Vorlesungen und Seminare sind überlaufen und dennoch hat er ein Ohr für jeden einzelnen seiner Studenten.

 

Deshalb versteht es niemand, als Antoine sozusagen über Nacht eines Tages seine Stelle an der Hochschule kündigt, seine Wohnung auflöst und sein Hab und Gut einlagert. Hat es damit zu tun, dass seine Beziehung nach nur sieben Jahren gescheitert ist und seine Partnerin Louise ihn verlassen hat?

 

Nur mit einem Koffer bestückt, reist er nach Paris und bewirbt sich am dortigen Musee d`Orsay als Wärter. Als die Personalchefin des Museums, Mathilde, ihn trotz seiner Überqualifizierung einstellt, da spürt der Leser schon, dass zwischen diesen beiden Menschen sich im Verlauf der Handlung noch eine ganz besondere Beziehung anbahnen wird. Sie hat auch den deutschen, etwas unglücklich gewählten, Titel inspiriert, während es im französischen Original treffender um „Schönheit“ geht.

In vielen Rückblicken entfaltet David Foenkinos nun die genaue Vorgeschichte der dramatischen Entscheidung, die ihn nach Paris geführt hat. Nachdem Antoine am Ende des ersten Kapitels zusammen mit Mathilde, die sich da schon sehr angenähert haben, nach Lyon gefahren war, und ihr dort einen  Grabstein zeigte mit der Aufschrift „Camille Perrotin, 1997-2017“, wird in der Folge die Geschichte dieser überaus talentierten jungen Kunststudentin erzählt. Sie ist neben Antoine die eigentliche  Hauptfigur des Buches. Nachdem sie einer Vergewaltigung durch ihren privaten Kunstlehrer zum Opfer gefallen ist, versucht sie sich durch ihre Kunst von den furchtbaren seelischen Folgen dieser Tat zu befreien. Niemand, auch Antoine nicht, dem die Studentin schon lange in seinen Vorlesungen aufgefallen ist, ahnt, was geschehen ist und unter welchen Ängsten Camille leidet.

 

E stellt sich heraus, dass es letztlich Camilles Schicksal war, das er nicht verhindern konnte, dass Antoine letztlich aus der Bahn geworfen hat und ihn nach Paris gehen ließ.

 

Neben dem ernsten Thema des Buches baut Foenkinos aber auch immer wieder humorvolle Szenen ein und meldet sich oft in ironisch-hintergründigen Fußnoten zu Wort. Leicht und elegant geschrieben gelingt es David Foenkinos auch in diesem Buch wieder, eine Liebesgeschichte voller Schönheit und Tiefe zu erzählen, die den Leser von Beginn an in ihren Bann zieht und ihn mit ihrem Ende seltsam beglückt zurücklässt.

 

Der TV-Sprecher Erich Wittenberg hat mit der hier bei Steinbach Sprechende Bücher vorliegenden ungekürzten Hörbuchfassung David Foenkinos` Geschichte von der Kunst, dem Leben eine neue Wendung zu geben auf eine sehr ansprechende und fesselnde Art interpretiert. Seine ruhige und nachdenkliche Stimme lädt den Hörer vom ersten Ton an ein, einer wunderbaren Liebesgeschichte und eine dramatischen Schicksal einer jungen talentierten Künstlerin zu folgen.

 

Eine gelungene Hörbuchfassung eines Buches voller Herzenswärme.

 

 

 

 

 

 

 

Die einzige Geschichte (Hörbuch)

 

 

 

Julian Barnes, Die einzige Geschichte (Hörbuch), Argon 2019, ISBN 978-3-8398-1700-1

 

Julian Barnes neues Buch „Die einzige Geschichte“ ist ein sensibler und kunstvoller  Roman über eine sehr unkonventionelle erste Liebe, die für den jungen männlichen Ich-Erzähler Paul lebenslange Konsequenzen und Folgen haben wird und die ihn schließlich zu der an den Leser gerichteten Frage führt: “Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage.“

 

Paul ist gerade einmal 19 Jahre alt, als ihn seine Mutter Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den traditionsreichen und auf strenge Sitten achtenden Tennisclub des Ortes schickt in der Hoffnung, er könne dort eine geeignete Partnern für sein Leben finden. Paul, der schon lange angeödet ist von dem prüden und langweiligen bürgerlichen Milieu, in dem er aufwächst und das ihm nach seinem ersten Semester an der Universität noch mehr auf die Nerven geht, sucht aus diesen Verhältnissen auszubrechen und rebelliert gegen seine Eltern.

 

Genau in dieser Situation lernt er im Tennisclub Susan kenne, eine verheiratete Frau, die dreißig Jahre älter ist er. Dass er sich sofort in sie verliebt und eine mehr und mehr sehr schwierige und komplizierte Beziehung mit ihr aufnimmt, die insgesamt sich über zwölf harte und lange Jahre hinzieht, ist mehr als nur Teil seines Protestes gegen gesellschaftliche Konventionen. Paul liebt Susan wirklich. Er ist sicher, in ihr die Frau für sein Leben gefunden zu haben. Sie ist so etwas wie der Gegenpart zum Spießerleben seiner Umgebung. Auch Susan, die zwei Töchter hat, die älter sind als Paul, erwacht zu neuem auch sexuellen Leben und Erleben, als sie spürt, dass Paul sie anziehend und liebenswert empfindet und sich für sie verzehrt.

 

Doch diese ersten Schmetterlinge sind bald verschwunden, und die Geschichte der beiden verwandelt sich in die Existenz einer eher tragischen Lebensform. Das ist schon spürbar, als sich Susan von Mann und Töchtern trennt und mit Paul zusammenzieht. Paul schließt sein Jurastudium ab, die Leidenschaft der ersten Zeit ist der Langeweile gewichen, zumal sich bei Susan mehr und mehr eine innere Veränderung zeigt, die sie bald völlig dem Alkohol verfallen lässt. Julian Barnes spürt dieser Entwicklung genau nach, versucht herauszufinden, wie es zu diesem menschlichen Absturz kommen konnte, doch dem Leser wird sie sich nicht erschließen, genauso wenig wie dem tapferen, mittlerweile als Anwalt arbeitenden Paul, der gewissenhaft und treu noch lange hilft, wo er kann, doch irgendwann nach zwölf meist dunklen und traurigen Jahren aufgibt.

 

Julian Barnes reichert wie oft in seinen Büchern seine Geschichte immer wieder an mit Erkenntnissen, Weisheiten, Reflexionen und der genauen Darstellung von Gefühlen.  Poetische Stimmungsbilder beleuchten äußere und innere Befindlichkeiten seiner Figuren. Man ist tief bewegt und angerührt darüber, wie Lebenswege verlaufen können. Was ist vorherbestimmt, und was ist selbst verschuldet? Doch die Frage nach der Schuld stellt sich ihm nicht.  Die ernüchternde, gleichwohl aber befreiende Erkenntnis von Barnes und seinem Erzähler Paul ist die: Lebensläufe werden von unerwarteten äußeren und inneren Entwicklungen mitbestimmt. Entwicklungen indes, die wie diese erste Liebe Pauls sein Leben über eine lange Zeit bestimmen werden. Und so verlässt der Leser den Erzähler und seine Geschichte am Ende, ohne zu wissen, was aus ihm werden wird. Er hat aber die leise Hoffnung, dass es auch für Paul noch einmal möglich sein wird, Liebe zu empfinden und zu geben.

 

Wer selbst in seinem Leben schon einmal von einer außergewöhnlichen Liebe aus der Spur geworfen wurde, wird in diesem Roman vieles wiederentdecken.

 

Dem Regisseur, Schauspieler und Dramaturg Frank Arnold, der für seine Lesung von Barnes` letztem Buch „Der Lärm der Zeit“ herausragende Kritiken erhielt, gelingt es auch in dieser ungekürzten Hörbuchfassung von „Die einzige Geschichte“, die Faszination und die Tragik der Liebesgeschichte zwischen Paul und Susan auf eine Weise hörbar und spürbar zu machen, die den Hörer tief bewegt.

 

Seine Einspielung ist ganz große Hörbuchkunst, wie man sie selten findet.
 

 

 

 

Karo Kanonenkugel und der Löwe

 

 

Grace Easton, Karo Kanonenkugel und der Löwe, Knesebeck 2019, ISBN 978-3-95728-234-7

 

Diese schöne und originelle Bilderbuch von Grace Easton, das Kathrin Köller aus dem Englischen übersetzt hat, verbindet mit kräftigen und außergewöhnlichen Illustrationen zwei Themen, die insbesondere für Mädchen interessant sein können. Zum entführt das Buch die es betrachtenden Kinder in die fantastische Welt des Zirkus und zum anderen ist es die Mut machende und anrührende Geschichte eines Mädchen, das in Vielem anders ist als die anderen Mädchen.

 

Karo, so heißt das Mädchen, ist besonders. Sie ist lustig und mutig, verrückt und auch ein bisschen komisch. Sie lebt im Wald, mag keine Regeln, und kann viele außergewöhnliche Kunststücke. Das Problem ist nur, dass es niemand gibt, der ihr dabei zuschauen könnte.

 

Eines Tages ziehen Akrobaten, Trompetenspieler, Trommler und Jongleure durch den Wald und sie haben auch einen Löwen dabei. Sie werben für einen Zirkus und Karo beschließt spontan, sich ihnen anzuschließen.

 

Am Zirkuszelt angekommen, freundet sie sich mit dem Löwen an, ganz ohne Worte. Auch mit einem Mann, der aussieht, als wäre er der Chef, redet sie ohne Scheu, sagt ihm, dass sie jede Menge Kunststücke könne und gerne mit dem Löwen befreundet wäre.

 

Sie darf ihre Kunststücke vorführen, der Löwe ist sprachlos begeistert, nicht so aber der Mann mit dem großen Hut. Er mag nicht, wenn andere Gefühle füreinander haben. Doch er kann sich Karo für eine ganz besondere Attraktion vorstellen. Sie soll als menschliche Kanonenkugel herhalten. Sie fürchtet sich ein wenig, doch mit dem Trost des Löwen wagt sie es. Es gelingt gut, doch der Mann mit Hut ist nicht zufrieden mit ihrem Auftritt, meckert rum und schickt sie weg.

 

Doch die anderen Künstler des Zirkus lassen sich das nicht gefallen und der Löwe pustet mit seinem Brüllen den strengen Direktor weg. Er zeigt Karo, dass sie genau so perfekt ist, wie sie ist. Und dann ziehen alle in den Wald. „Jetzt gibt es eine Gruppe von Freunden, die im Wald lebt und keine Regeln mag.“

 

Ein lustiges, leicht anarchistisches Bilderbuch aus der faszinierenden Welt des Zirkus, in dem ein Löwe und seine Freunde das Selbstbewusstsein eines Mädchens stärken.