Schlagwort-Archiv: Bilderbuch

Fisch!

 

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Linda Wolfsgruber, Fisch, NordSüd Verlag 2016, ISBN 978-3-314-314-1039-1

 

Die bekannte und erfolgreiche, immer wieder mit Preisen dekorierte Künstlerin Linda Wolfsgruber hat mit „Fisch!“ ein neues Bilderbuch vorgelegt, das dem Rezensenten nur allmählich zugänglich geworden ist. Es hat Zeit gebraucht um seinen Hintersinn herauszufinden.

Da sind fünf Ottern. Ottern ernähren sich von Fischen. Und als auf der ersten Seite der Otteranführer die Flosse ausstreckt und zu den anderen vier sagt „Fisch!“, da denkt man sofort, jetzt machen sie sich auf einen großen Fang, um ihren Hunger zu stillen. Auch als sie auf den nächsten Seiten mit Töpfen und Kochbesteck bewaffnet sich weiter auf den Weg zum See machen, Wasser in die Töpfe füllen und dann für entsprechende Gewürze sorgen (Salbei, Thymian, Rosmarin) denkt man, da sind aber Feinschmecker am Werk, die alles vorbereiten, noch bevor sie den Fisch haben.

Doch dann klärt sich alles auf, und der angebliche Hunger erweist sich als Bluff. Sie schütten das Wasser und die Pflanzen in einen großen Glasbehälter, fangen dann den Fisch (er sieht wie ein ungenießbarer Goldfisch aus), setzen ihn in das Aquarium und betrachten ihn unter dem Titel „Kino unter Sternen“.

Witzig, aber ob sich dieser Witz kleinen Kinder erschließt, weiß ich nicht.

Wie die Zeit vergeht

 

 

 

 

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Jose Sanabria, Wie die Zeit vergeht, NordSüd Verlag 2016, ISBN 978-3-314-10294-3

 

Wie vergänglich ist alles, was existiert, wie zerbrechlich ist das Leben, das zunächst blüht und dann vergeht.

Der kolumbianische Autor und Illustrator Jose Sanabria, der seit 1992 in Buenos Aires lebt und dort neben einem Cafe eine Ilustratorenschule betreibt, hat in diesem von Gabriela Stöckli ins Deutsche übertragenen Bilderbuch in einer wunderbaren dreiteiligen Geschichte erzählt von einer Reise durch die Zeit. Diese Reise und die einfachen, märchenhaften Worte, die er dafür wählt, sind gleichzeitig eine Metapher für die Vergänglichkeit des Glücks.

In einer ersten Geschichte wird ein Schiff beschrieben. Zunächst transportiert es als Passagierdampfer wichtige Menschen. Später wird es Transportmittel für verschiedene Waren benutzt, und als es auch dafür nicht mehr reicht, als Fischerboot. Doch bald ist das ehedem stolze Schiff zu einem Wrack geworden, das verlassen und verrostet vergessen am Ufer liegt. Seine Lebenszeit ist vorbei.

In der zweiten Geschichte geht es um Menschen. Doch ihnen ist ein ähnliches Schicksal beschieden wie dem Schiff aus der ersten. Zunächst reich und mit einem schönen Leben beschenkt, lebt eine Familie in einem großen Haus. Doch Leichtfertigkeit und Verschwendungssucht machen die Familie ärmer und sie muss in ein kleines Haus ziehen. Nach einem weiteren Abstieg in ein noch kleineres Haus verlieren sie auch dieses und landen im Hafenviertel, wo die wirklich armen Leute leben.

Von dort werden sie irgendwann vertrieben und landen genau dort, wo das Schiff aus der ersten Geschichte vor sich hin rostet. In einer dritten Geschichte, die von Aufbruch und Solidarität handelt richten sie und andere Menschen ohne Obdach das Schiff wieder her, und sie schaffen es tatsächlich mit ihm dorthin zu fahren, wo die Sonne scheint.

Und wieder hat das Schiff Menschen an Bord, die wichtig sind.

Ein schönes poetisches Bilderbuch über das Auf und Ab des Lebens, die Vergänglichkeit von Glück und die Kraft die jedem gemeinschaftlichen Neuanfang innewohnt.

 

 

 

 

Der Fluss

 

 

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Michael Roher, Der Fluss, Jungbrunnen 2016, ISBN 978-3-7026-5896-0

 

Ein anspruchsvolles philosophisches und bezaubernd poetisches Bilderbuch hat Michael Roher da erschaffen und ihm den Titel „Der Fluss“ gegeben.

Mit zarten Bildern und lyrischen Worten begleitet er ein Mädchen bzw. eine Frau vom Anfang ihres Lebens bis zu ihrem Ende. Wo fängt alles an, wo hört es auf? Und was erlebt man im Fluss des Lebens alles zwischendurch?

„Wo fängst du an?“ fragt das kleine Mädchen das Leben und den Fluss, der im ganzen Buch als ein Sinnbild des Lebens verstanden wird. Vielleicht im Himmel, denkt es. Als kleines Kind kann es nicht aufhören, es zu erkunden. Als Mädchen spürt sie schon die zarten Spuren, die der Lebensfluss in ihr hinterlässt und sie erkundet die Abenteuer des Lebens zunächst in vielen Büchern, und später dann in realen Begegnungen mit anderen Menschen. Sie lernt die Liebe kennen und sieht staunend und schwanger zu, wie immer wieder Neues entsteht.

Später lernt sie auch die dunklen Seiten kennen, wo das Leben unklar ist und sie den Grund nicht mehr sehen kann und auch nicht, wo der Fluss weitergeht. Und dann ist sie wieder oben auf dem Berg und später, etwas älter schon, still und nachdenklich, voller Erinnerungen, schaut sie auf seinen Grund hinab und was da alles abgesunken ist.

„Und wo endest du?“ fragt sie am Ende als alte gebrechliche Frau, die einen toten Vogel in ihrem Händen hält. „Im Himmel vielleicht, denke ich … und endest doch nie.“

Ein wunderbares, preisverdächtiges Bilderbuch voller Lebensweisheit und Poesie. Und wie alle wirklich guten Kinderbücher – es ist auch für Erwachsene eine berührende und tröstliche Lektüre.

Badetag für Hasenkind

 

 

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Jörg Mühle, Badetag für Hasenkind, Moritz Verlag 2016, ISBN 978-3-89565-315-5

 

Im vergangenen Jahr hat der Kinderbuchautor Jörg Mühle im Moritz Verlag ein sehr erfolgreiches und originelles Bilder- und Einschlafbuch für Kinder ab etwa zwei Jahren vorgelegt. Ein kleines sympathisches Hasenkind muss ins Bett und die Kinder sind eingeladen durch Berührungen und eigene Aktivitäten sich das Buch anzueignen. Da muss der Schlafanzug angezogen werden, das Kissen wird zurecht geklopft. Und dann – wunderbar: noch kurz die Ohren kraulen und ganz sanft den Rücken streicheln.

Das Hasenkind zudecken und ihm einen Gute-Nacht-Kuss geben und nicht vergessen: das Licht ausschalten.

Es war wohl der große Erfolg und vielleicht auch die Freude an weiteren Geschichten mit seinem Hasenkind, die Jörg Mühle bewegte, einen Nachfolgeband zu zeichnen, in dem das Hasenkind gebadet wird. Und wieder sind die das Buch betrachtenden Kinder eingeladen, das Hasenkind bei der ganzen Prozedur, die sie ja selbst allzu gut kennen, zu begleiten. Sie sollen ihm das Shampoo auf den Kopf machen, dann den Schaum vom Kopf abbrausen und die entsprechenden Geräusche dazu machen, ihm dann die Nase abtupfen, es trocken rubbeln, nachdem es aus der Wanne herausgeklettert ist und zum guten Ende, weil der Fön defekt ist, es trocken pusten.

Und bitte nicht am Ende die Creme vergessen für das zarte Gesicht. Ein Buch, das ähnlich wie das erste ein Einschlafritual, nunmehr ein hilfreiches Baderitual begründen kann. Kinder und Eltern werden es schätzen und lieben.

 

 

Keiner gruselt sich vor Gustav

 

 

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Guido van Genechten, Keiner gruselt sich vor Gustav, Annette Betz 2015, ISBN 978-3-219-11657-1

 

Schon bei seiner Geburt war Gustav anders. Nicht wie die anderen Gespenster seiner großen Familie, weiß, sondern rosa kam er auf die Welt. Seine Eltern sind dennoch sehr stolz auf ihn, und geben ihm den Namen Gustav, weil der so gut zu einem besonderen Gespenst passt.

Als Gustav in die Gespensterschule kommt, macht er gerne bei vielen Sachen mit den anderen kleinen Gespenstern mit. Er liebt den Schwebe-Unterricht und die Geistergeschichtsstunden. Doch den Direktor bringt er zur Weißglut, denn statt eines richtigen Geisterrufs kommt bei Gustav nur ein unsicheres „Bahu!“ heraus.

Die anderen Geisterschüler lachen ihn aus und der strenge Direktor schickt Gustav in den Verlassenen Turm. Dort soll er bleiben, bis er richtig spuken kann. Da schweigen auch die anderen Geisterschüler betroffen.

Im Verlassenen Turm lernt Gustav Miau kennen, eine kleine schwarze Katze, und miteinander machen sie den Turm zu einem wohnlichen Ort, in dem sie sich pudelwohl fühlen und dicke Freunde werden.

Die anderen haben mittlerweile alle das Spuken gelernt, doch sie kommen gerne in den Verlassenen Turm und genießen die gemütliche Gastfreundschaft der beiden Außenseiter.

Ein schönes, von Meike Blatnik aus den Niederländischen ins Deutsche übertragenes Bilderbuch über das Anderssein, und wie schön es ist, so zu bleiben wie man ist.

 

 

 

 

 

 

Heule Eule. Ich will mein Bumm

 

 

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Paul Friester, Philippe Goossens, Heule Eule. Ich will mein Bumm, Nord-Süd Verlag 2016, ISBN 978-3-314-10324-7

Das vorliegende Bilderbuch von Paul Friester und Philippe Goosens ist das nunmehr dritte über die kleine Eule, die gerne mal heftig und laut heult. Hatten die beiden Autoren in den beiden ersten Büchern noch die besondere Beziehung der kleinen Eule zu seiner Mutter in den Vordergrund gestellt, ist die kleine Eule nun etwas größer geworden, und verbringt viel Zeit mit seinen verschiedenen Freunden im Wald.

Und mit seinem Spielzeug, das es in Ermangelung ausgefeilter Sprachkenntnisse „Bumm!“ nennt. Bumm ist ein roter Luftballon, den sie eines Tages vorbeifliegen sieht, und dem sie zunächst vergeblich folgt.
Sie fragt ihre Freunde im Wald, zunächst den Igel, dann das Eichhörnchen, den Maulwurf und den Hirschkäfer. Alle vier versuchen, aus der unvollständigen Beschreibung der kleinen Eule (natürlich heult sie auch mal zwischendurch) klug zu werden und ihr zu helfen.

Erst der Rabe erinnert sich bei der Beschreibung (rund, rot, kann fliegen) an etwas, was er unterwegs gesehen hat. Und tatsächlich, auf einem Baum hängt der rote Luftballon. Die Eule fliegt hoch, mit dem Schnabel zuerst. Und dann wissen die anderen Tiere auch, warum das runde Ding „Bumm“ heißt.

Wenn sie dieses schöne Bilderbuch kaufen und vorlesen wollen, besorgen sie am besten gleich ein Tüte roter Luftballons mit. Denn es wird bald so gehen wie bei der kleinen  Eule am Ende des Buches: „Noch mal!“

Zusammen

 

 

 

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Daniela Kulot, Zusammen, Gerstenberg 2016, ISBN 978-3-8369-5878-3

Nach ihren ebenfalls bei Gerstenberg in Hildesheim erschienenen Reim-Bilderbüchern „Reim dich ins Bett“ und „Zähl dich ins Bett“ legt Daniela Kulot in  gleicher Aufmachung in diesem Frühjahr ein witziges und lustiges, natürlich wieder gereimtes Bilderbuch vor, das über Unterschiede handelt und wie sie mit freundschaftlicher Haltung ,mit Toleranz und mit Zusammenhalt untereinander überwunden oder überbrückt werden können.

Ein schwarzes Kind und ein weißes, „ob dunkel oder hell – beide sind schnell“.
Ein nicht-behindertes Kind und ein Kind im Rollstuhl: „ob Rolli oder nicht – Äpfel klaun ist Pflicht“. Und sie zeichnet ein Bild, in dem der Rollstuhl mit Backsteinen angewinkelt gegen den Apfelbaum lehnt, und das behinderte Kind dem anderen ermöglicht, kletternd an den ersehnten Apfel zu kommen.

Wie oft bei Daniela Kulot geht es nicht immer politisch korrekt zu. Da werden, wie gesehen, Äpfel geklaut, und Große und Kleine, Junge und Alte mischen zusammen die Welt auf und haben Spaß miteinander.

Man kann dieses Buch vorlesen, immer wieder und mit täglich wachsender Begeisterung, die Kinder ab etwa zwei Jahren können die Reime entweder mitsprechen, aber auch mit ihrer Phantasie neue erfinden, und das alles so lange, bis ihnen die kleinen Augen zufallen.

Eine schöne Idee, die Daniela Kulot mit lustigen und pfiffigen Illustrationen und witzigen und phantasievollen Reimen umgesetzt hat.

Alles würd ich für dich tun

 

 

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Helmut Walch, Angela Holzmann, Alles würd ich für dich tun, Patmos 2015, ISBN 978-3-8436-0584-7

 

Paul ist ein großer brauner Bär und bei allen anderen Tieren, die er kennt, sehr beliebt. Nun aber hat er sich gestern an der Pfote verletzt und liegt mit großen Schmerzen im Bett. Als seine Freude davon hören komm en sie alle und wollen ihn besuchen. Der Igel, der Rabe, das Kamel, der Elefant, der Löwe und das Pferd, aber auch das schüchterne Schaf machen sich auf den Weg zu ihm.

Einer nach dem anderen möchte ihn mit den unterschiedlichsten Dingen aufheitern. „Alles würd ich für dich tun“, sagt der Löwe und spricht damit allen anderen Tieren aus dem Herzen. Doch all ihre gut gemeinten Vorschläge sind nichts für einen Bären, der krank im Bett legt und dem alles weh tut.

Als sie alle schon ganz ratlos wieder gehen wollen, hat das kleine Schaf, das sich bisher nicht gemeldet hat, eine Idee. Es legt seine wollige Hufe auf die mächtige Pranke des Bären und sagt: „Du sollst fühlen, wie leid du uns tust. Und wie sehr wir uns alle wünschen, dass du schnell wieder gesund wirst!“

Die Wärme dieser liebevollen Berührung steigt im Arm des Bären hoch und gleichzeitig sein Vertrauen, dass seine Wunde bald wieder heilen wird.

Ein schönes Bilderbuch darüber, was kranke Wesen wirklich brauchen.

 

 

 

 

Die Bremer Stadtmusikanten

 

 

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Gerda Muller, Die Bremer Stadtmusikanten, Moritz 2016, ISBN 978-3-89565-320-9

Alle haben sie an ihrem jeweiligen Ort für die Menschen, denen sie dienten über viele Jahre ausgedient und sollen getötet werden: zuerst der Esel, der beschließt, zu fliehen und in Bremen Stadtmusikant zu werden. Dann nacheinander die Katze, der Hund und der Hahn, die sich dem Esel anschließen, weil sie es für eine gute Idee halten, ein besseres Ziel als den Tod zu haben.

Wie sie dann mit ihrer „Musik“ die Räuber in einem Haus im Wald vertreiben und schlussendlich darauf verzichten, nach Bremen zu gehen, sondern in ihrem neuen Haus glücklich miteinander leben – all das hat Gerda Muller mit zarten und farbenfrohen Bildern für ein in der Form fast quadratisches Bilderbuch in Szene gesetzt und illustriert.

Gerda Muller ist 1926 in den Niederlanden geboren, lebt in Paris und hat im Moritz Verlag in den letzten Jahren zwei schöne Spuren-Bilderbücher veröffentlicht.

 

Nur ein Tag

 

 

 

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Martin Baltscheit, Nur ein Tag, Dressler 2016, ISBN 978-3-7915-2702-4

Nachdem „Nur ein Tag“ mehrfach als Theaterstück aufgeführt wurde und auch als Hörbuch großen mit Preisen ausgezeichneten Erfolg hatte, erscheint es nun endlich mit wunderbaren Illustrationen von Wiebke Rauers bereichert im Dressler Verlag als Buch. Es ist ein Buch für Erwachsene und Kinder zugleich und es erzählt von Freundschaft, dem Reichtum und dem Glück des Lebens und seiner unbändigen Kraft.

Voller Poesie und mit unvergesslichen Formulierungen (Beispiel: „Der Stundenplan des Lebens füllt sich von selbst.“) erzählt der erfolgreiche Kinder- und Bilderbuchautor Martin Baltscheit die Geschichte von einem Fuchs und einem Wildschwein, die einer Eintagsfliege beim Schlüpfen zusehen. Sie ist von so großer Anmut und Schönheit, dass sich beide sofort in sie verlieben. Sie wissen, dass sie nur einen Tag zu leben hat, aber sie trauen sich nicht der Fliege das zu sagen. Stattdessen behauptet das Wildschein, es sei der Fuchs, der nur einen Tag zu leben hat.

Wie die Eintagsfliege dann mit all ihrer Kraft, Liebe und Phantasie versucht, den Tag für den Fuchs zu seinem allerschönsten Tag zu machen, ist berührend und treibt einem beim Lesen abwechselnd die Tränen in die Augen und ein Lächeln ins Gesicht. Sie gibt alles, denn „wer nur einen Tag, der braucht das ganze Glück in 24 Stunden.“

Ein wunderbares, absolut preisverdächtiges Buch, eine Ode an das Leben, an jedes Leben, und sei es auch noch so kurz. Beim Lesen sind mir Menschen präsent gewesen, die ich in der Vergangenheit oder ganz aktuell in ihrem Sterben begleite. Und es hat mir so viel Kraft gegeben.