Mein Bruder aus dem Gurkenglas

 

 

 

 

 

Emilie Chazerand, Aurelie Guillerey, Mein Bruder aus dem Gurkenglas, Knesebeck 20187, ISBN 978-3-86873-938-1

 

Er heißt Hieronymus, der Erzähler des vorliegenden Bilderbuches aus Frankreich.  Er ist ein Einzelkind. Darunter und unter seinem hässlichen Vornamen leidet er. Natürlich hat das Einzelkinddasein seine Vorteile, unbestritten. Seine Eltern schenken ihm ihre volle Aufmerksamkeit und er muss nie etwas teilen. Dennoch schaut er neidisch auf die Familien seines Freundes Balduin. Der hat sechs Schwestern, über die er sich zwar ständig beklagt, aber mit denen er auch viel Spaß hat.

 

Sein Freund, Herr Colori, der Gemischtwarenhändler hat ein offenes Ohr für seine Sorgen und verkauft ihm für 1,28 Euro einen  Bruder aus dem Gurkenglas. Hieronymus fühlt sich veräppelt, glaubt die Sache nicht, nimmt das Glas aber dennoch mit, zu verlieren hat er ja nichts, schüttet es wie angewiesen in die Badewanne und tatsächlich kommt ein Bruder herausherauskommt namens Archibald. Die Mutter benimmt sich, als wäre der Bruder schon immer da gewesen, liebt ihn und kümmert sich ebenso um ihn wie um Hieronymus.

 

Auch in der Schule ist Archibald bald sehr beliebt. All das gefällt Hieronymus überhaupt nicht. Wie er das Problem wohl löst?

 

Eine wunderbar verrückte und liebenswerte Geschichte über Familienzuwachs, Wünsche und Sehnsüchte.

 

 

Flucht

 

 

 

 

 

Niki Glattauer, Verena Hochleitner, Flucht, Tyrolia 2017, ISBN 978-3-7022-3560-4

 

Es ist eine Katze namens E.T., die Niki Glattauer in dem von Verena Hochleitner eindrucksvoll illustrierten Bilderbuch die Geschichte der Flucht einer Familie erzählen lässt. Sie darf nämlich mit auf die lange Reise, weil Katzen sieben Leben haben.

 

Es geht in diesem durchaus für Kindergartenkinder geeigneten Buch um die Frage, warum Eltern gemeinsam mit ihren Kindern ihre angestammte Heimat verlassen. Warum sie sich auf eine gefährliche Reise über das Meer begeben und all ihre Hoffnungen auf eine Zukunft in einem neuen Land richten.

 

Dass eine Katze erzählt aus ihrem Blickwinkel, ist der eine Kunstgriff. Der andere ist, dass Niki Glattauer die Flucht nicht von Süd nach Nord schildert, sondern umgekehrt. Im reichen Norden gibt es keinen Strom mehr, kein Wasser, kein Internet, keine Schule. Damit spricht er kleine Kinde ran, sodass sie verstehen was es bedeutet, seine Heimat zu verlassen.

 

Dem Text und den Bildern ist es gelungenen, Kindern keine Angst zu machen. Verlust, Angst, Spannung, Verlorenheit und Verletzlichkeit stehen  gleichberechtigt neben Hoffnung, Erleichterung und Zuversicht.

 

Eine bemerkenswerte und preisverdächtige Umsetzung eines auch Kinder bewegenden Themas.
 

 

 

Plötzlich war Lysander da

 

 

 

Antje Damm, Plötzlich war Lysander da, Moritz Verlag 2017, ISBN 978-3-89565-344-5

 

Der lange Luis, die dicke Dora und die kleine Kathinka sind Mäuse, die in einer Höhle unter der Erde leben. Als eines Tages der Briefträger einen Brief durch das Loch an die drei herunterlässt, sind sie sehr überrascht. Der Bürgermeister hat ihnen geschrieben, dass jemand bei ihnen einziehen soll, er kein zu Hause mehr hat. Die drei sind ganz aufgeregt, weil sie glauben, sie hätten keinen Platz und auch die Kartoffeln würden nicht reichen.

Doch sie trauen sich nicht, ihr Mäuseloch zu verrammeln und so steht am nächsten Tag ein Lurch namens Lysander aus dem weit entfernten Moor bei ihnen. Während er erschöpft auf der Bank schläft, finden die drei Mäuse in seinen Rucksack eine Tüte voller Körnchen.

 

Sie überlassen ihm ihre nie genutzte Badewanne und Lysander macht aus ihr etwas zunächst sehr seltsam Anmutendes, was sich aber bald als ein Segen entpuppen wird.

 

Ein schönes Buch, wie aus der zunächst vorherrschenden Angst vor einem Fremden so etwas wie Gemeinschaft entsteht.

Mikas Himmel

 

 

 

Bibi Dumon Tak, Annemarie van Haeringen, Mikas Himmel, Gerstenberg 2017, ISBN 978-3-8369-5939-1

 

Mika ist der geliebte Hund der Familie. Wie lange er schon bei der Familie lebt, wird nicht erwähnt, nur dass er eines Tages in seinem Körbchen liegt und während der Himmel grollt und der Regen rollt, er in der Gegenwart der Familie seinen letzten Atemzug macht. Offenbar hatten sie seinen Tod erwartet, vermutlich war Mika krank.

 

Die beiden großen Geschwister, ein Mädchen und ein Junge, legen Mika in ein großes Tuch und bringen ihn nach draußen, wo sie im Regen ein großes Loch im Garten ausheben. Der Kleiner Bruder hat vorher ganz sicher zum wolkenverhangenen Himmel gezeigt, um deutlich zu machen, wo er Mika jetzt geborgen weiß.

 

Er ist es auch, der, als Mika in einem Grab liegt, seine kleine Jacke über ihn ausbreitet und sich nicht davon abhalten lässt. Und weil er im Himmel etwas zum Spielen haben soll, holt er einen  Ball und legt ihn ebenfalls in das Loch.

 

Und dann löchert er seine beiden großen Geschwister mit Fragen. Fragen, die den Alltag seines geliebten Hundes betreffen und die ihm helfen, Abschied von ihm zu nehmen. Und als er am nächsten ersten Morgen ohne Mika vorgibt ein Bellen zu hören aus dem Himmel, geben die beiden Großen zunächst vor, es auch zu hören.  Und dann hören sie es wirklich …

 

„Mikas Himmel“, von Meike Blatnik gefühlvoll übersetzt aus dem Niederländischen, ist ein warmherziges, sehr tröstliches Buch über das Abschiednehmen. Durch den durchgehenden schwarzen Hintergrund der Seiten ist Schrift nicht leicht zu lesen, aber die dunkle Gestaltung entspricht der Stimmung der die Kinder, die von ihrem geliebten Hund Abschied nehmen.

Felix fährt Eisenbahn

 

 

 

Sharon Rentta, Felix fährt Eisenbahn, Gerstenberg 2017, ISBN 978-3-8369-5976-6

 

Sharon Rentta hat ein unnachahmliches Talent, mit lustigen Tierfiguren und sich um sie rankende Geschichten, mit denen sich die ihre Bilderbücher betrachtenden Kinder gleich identifizieren können, etwas zu beschreiben und zu erklären, wofür sich alle Kinder interessieren, nicht nur die kleinen Jungen. So hat sie etwa in ihrem Buch „Tobis Tierklinik“ 2011 Kindern einen wunderbaren und anschaulichen Überblick über das Innenleben eines Krankenhauses verschafft und in drei anderen Büchern mit männlichen Protagonisten erklärt, wie es auf einer Baustelle, bei der Feuerwehr und in einer Autowerkstatt zugeht.

 

In ihrem neuen Buch erzählt sie, wie der kleine Kater Felix mit seinem unternehmensfreudigen Großvater (so etwas lieben Kinder!) sich mit Zügen befasst. Beide lieben sie es, die unterschiedlichsten Züge zu beobachten und vor allen Dingen mit ihnen zu fahren. Lange Züge, schnelle Züge, langsame Züge, Personen-und Güterzüge – einfach alles wird in diesem Bilderbuch gezeigt und erklärt, was es an verschiedenen Züge gibt, wer sie im Stellwerk steuert und wie die Gleise und Weichen gewartet werden.

 

Als am Ende der Großvater als ehemaliger Lokführernach dem Ausfall eine schusseligen Lokführers. Der seine Brille kaputt gemacht hat, den Zug übernimmt, da ist nicht nur Felix froh und stolz, sondern die vielen anderen Tiere im Zug richtig erleichtert.

 

Ein schönes Bilderbuch für alle kleinen Eisenbahnfreunde.

Wie man es vermasselt (Hörbuch)

 

 

 

 

George Watsky, Wie man es vermasselt (Hörbuch) Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-80386-0

 

1986 geboren, ist der Rapper, Hip-Hop-Musiker und Slam Poet George Watsky in den USA schon lange ein bekannter Künstler, der 2006 zum ersten Mal auf sich aufmerksam machte.

Nun hat er sich in einem Buch mit biographisch geprägten Erzählungen aus seiner Jugend versucht und es ist ihm hervorragend gelungen. Witzig, frech und extrem unterhaltsam berichtet er in insgesamt 13 kürzen Erzählungen von Erfahrungen, die er gemacht hat mit Baseball, mit Frauen, als Bewohner einer WG und ganz zu Beginn des Buches mit dem Schmuggeln eines Stoßzahns eines Narwals für seine uralte Großmutter.

 

Selbstironisch, wie man es selten findet bei Schriftstellern, authentisch und scheinbar absolut ehrlich erzählt er in einer frischen Sprache und einem eigenen Stil, von dem man sicher bald noch mehr zu lesen bekommen wird, von persönlichen und intimen Erfahrungen, die ihn nicht immer im besten Licht dastehen lassen.

 

Ein junger Mann, der sich dem Leben aussetzt, seine eigenen Schwächen und Behinderungen (Epilepsie) annimmt und immer versucht, das Beste daraus zu machen.

 

Eine neue Stimme in der amerikanischen Literatur, die Diogenes durch die Übersetzung von Jenny Merling dem deutschsprachigen Publikum zugänglich macht.

 

Man mag gerne bald mehr davon.

 

Für die Einspielung von vier ausgewählten Stories aus dem Buch für das vorliegenden Hörbuch hätte man keinen geeigneteren Sprecher finden können als den genialen Robert Stadlober, dessen Stimme und dessen Performance den Texten Watsky auf eine Weise gerecht wird, die fast perfekt genannt werden muss. Man bedauert regelrecht, dass das Hörbuch nach vier Geschichten schon zu Ende ist.

 

 

 

Wiener Straße (Hörbuch)

 

 

 

Sven Regener, Wiener Straße (Hörbuch), RoofMusic 2017, ISBN 978-3-86484-449-2

 

Nicht ganz chronologisch entführt Sven Regener in seinem neuen Roman den Leser seiner bisherigen Lehmann-Romane ins das Berlin im Jahr 1980. Frank Lehmann ist noch neu in Berlin, erinnert sich oft an seinen bisherigen Wohnort in der Neuen Vahr Süd. Irgendwie muss er sich durchschlagen und schließt sich einer verrückten Truppe an, die in der Zukunft sein Leben weiter beeinflussen wird.

 

Im Cafe Einfall in der Wiener Straße begegnen wir einer Gruppe von eigenwilligen Menschen und Charakteren, die Regener so überzeichnet,  dass sich das Buch liest, wie man eine Sitcom anschaut. Man hört beim Lesen quasi die eingeblendeten Lacher. Die in der Nachbarschaft in einem besetzten Haus lebende Kunsttruppe ArschArt ist da keinen  Deut besser.  Ihr Boss P.Immel und der Aktionskünstler H.R. Ledigt halten, was ihre lustigen Namen versprechen.

 

Allesamt sind sie schräge Vögel, die sich in einer schrägen Welt zu behaupten wissen. Die permanent überzeichnete Sprache Regeners ist genauso derb, witzig und bizarr wie seine vielen beschriebenen seltsamen Protagonisten.

 

Das Buch stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017 und hat es aber nicht auf die Shortlist geschafft. Vielleicht den Kritikern zu schräg ?

 

Die hier vom Autor selbst eingespielte ungekürzte Hörbuchfassung besticht durch ihren trockenen Witz. So kann nur der Erfinder all dieser skurrilen Figuren diese in Szene setzen. Besonders die Dialoge sind ein Genuss. Wer sich zwischen dem Buch und dem Hörbuch entscheiden will, sollte auf jeden Fall das Hörbuch wählen.

 

Zum Weglachen.

 

 

 

 

 

Frida Kahlo und ihre Tiere

 

 

 

Monica Brown, John Parra, Frida Kahlo und ihre Tiere, NordSüd Verlag 2017, ISBN 978-3-314-10411-4

 

In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag der Künstlerin Frida Kahlo zum 110. Mal. Aus diesem Anlass hat die amerikanische Künstlerin mit peruanischen Wurzeln Monica Brown zusammen mit dem Illustrator John Parra ein Bilderbuch gemacht, das unter dem Titel „Frida Kahlo und ihre Tiere“ Kindern Frida Kahlos Kunst und Leben näher bringen soll.

 

Tatsächlich sind auf vielen Bildern, die Frida Kahlo gemalt hat, Tiere zu sehen. Schon in ihrer Kindheit hatte sie zu ihren Tieren eine ganz besondere Beziehung. Zwei Affen waren darunter, ein Papagei, drei Hunde. Zwei Truthähne, ein Adler, ein schwarzer Kater und ein Rehkitz.

 

Zart und vorsichtig deutet die erzählte Geschichte auch ihre schwere Krankheit an und ihre Beziehung zu  Diego Rivera. Das, was Monica Brown und die wunderbar gelungenen Illustrationen von John Parra intendieren, kommt beim Betrachten und Vorlesen kindgerecht rüber:  dass die Kunst auch ein Geschenk ist an diejenigen, die mit einer Krankheit zu kämpfen haben. Aus Schmerz Schönheit machen und mitten im Leid Kraft finden.

Hallo, Karlchen!

 

 

 

 

 

 

Rotraut Susanne Berner, Hallo, Karlchen, Hanser 2017, ISBN 978-3-446-25524-1

 

Über ein Dutzend Bilderbücher über ihre Lieblingsfigur Karlchen hat die auch durch ihre Wimmelbücher bekannte Autorin und Illustratorin Rotraut Susanne Berner in den letzten 15 Jahren veröffentlicht und vielen Kindern und den vorlesenden Eltern damit viel Freude gemacht.

 

Karlchen heißt eigentlich Karl Nickel, ist drei bis vielleicht sechs Jahre alt und geht in den Kindergarten. Er lebt mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Klara in einem kleinen Ort, wo auch seine Oma Nickel, sein Freund Ole und seine Cousine Käthe wohnen.

 

In diesem neuen Sonderband zu einem ermäßigten Preis präsentiert Rotraut Susanne Berner vier der bisher beliebtesten Karlchen-Geschichten:

  • Guten Morgen, Karlchen
  • Wo ist Karlchen?
  • Karlchen geht einkaufen
  • Gute Nacht, Karlchen!

 

Ein wahrer Hausschatz für Eltern, Großeltern und Kinder. Ein Muss für alle Karlchenfans und ein wunderbarer Einstieg für die, die ihn noch nicht kennen.

 

Ein schönes Geschenk übrigens für Nikolaus oder Weihnachten.

Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

 

 

 

 

 

Ingo Schulze, Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst, S. Fischer 2017, ISBN 978-3-10-397204-7

 

Einen richtigen Schelmenroman hat Ingo Schulze da geschrieben, fast 600 spannende und absolut unterhaltsame Seiten lang über einen Menschen namens Peter Holtz, der, 1962 geboren, als Waisenkind in der DDR aufwächst und seine von ihm selbst erzählte Geschichte im Juli 1974 beginnen lässt, als er als Gast in einem Ausflugslokal in der Nähe seines Heimes bei Waldau eine Kellnerin und auch andere Gäste verblüfft, indem er sie um kostenloses Essen bittet. Seine Begründung ist so naiv wie verblüffend: im Sozialismus gehört doch allen alles und Geld sollte doch in der neuen Gesellschaftsordnung keine Rolle spielen.

 

Auch im weiteren Verlauf seiner Geschichte bleibt Peter Holtz seinen Überzeugungen treu. Obwohl oder vielmehr gerade weil er einer christlichen Gemeinde beitritt und überzeugter Christ wird, will er ein richtiger Soldat werden und sein sozialistisches Land verteidigen. Auch seine Berufswahl, als er Maurer wird und alte Häuser zum Wohle der Gesellschaft saniert, ist an dieser Überzeugung orientiert.

 

Als er dann nach der Wende im Westen eine erstaunliche Karriere macht, geraten ihm seine früheren Überzeugungen manchmal aus dem Blick. Er wird sehr reich, wird Unternehmer, kauft eine Kunstgalerie und sieht sich plötzlich auf der anderen Seite stehen. Seine Arbeiter kämpfen gegen ihn.

 

In einzelnen kurzen Episoden erzählt, kommt der Roman sehr witzig daher, mit Dialogen, die manchmal zum Brüllen sind, doch immer sehr hintergründig , konfrontiert Ingo Schulze mit seinem Protagonisten den Leser immer wieder mit der Frage, was denn nun richtig oder falsch ist.

 

Wenn man sich mit den ziemlich sonderbaren Ansichten von Peter Holtz über die unterschiedlichsten Dinge und Phänomen auseinandersetzt, fragt man sich immer wieder, ob vielleicht das, was für uns heute so absolut selbstverständlich ist, nicht auch oder vielleicht noch mehr hinterfragt werden muss.

 

Es geht im Grunde in diesem Schelmenroman um die Grundlagen und Prinzipien einer möglichen gerechten Gesellschaft. Wie kann sie erreicht werden und: sind wir bereit dafür uns einzusetzen?

 

Bei aller belletristischen Phantasie, der Ingo Schulze in seinem Roman freien Lauf lässt – sein Buch hat eine grundlegende sozialpolitische Botschaft.

 

 

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