Glück ist was für Anfänger

 

 

 

 

Ortwin Ramadan, Glück ist was für Anfänger, Coppenrath 2017, ISBN 978-3-649-61765-5

 

Es ist eine durchaus gelungene Mischung zwischen einem Krimi-und Actionthriller und einem sozialkritischen Jugendroman, die der Schriftsteller Ortwin Ramadan in seinem neuen hier vorliegenden Buch versucht.

 

Es erzählt von zwei Jungs, die in absolut unterschiedlichen Welten leben. Da ist Oleg, kein Deutsch-Russe, wie er später betont. Seine Mutter lebt in einem Irrenhaus. Sie leidet an Schizophrenie. Sein Vater arbeitet zwar noch als Nachtportier, säuft sich aber ansonsten um sein armseliges Leben. Olegs Bruder Mark wandelt zusammen mit Digger, seinem Kumpel auf kriminellen Pfaden und steht immer mit einem Bein im Knast. Oleg ist unter der Kuratel des Jugendamtes, ihm droht die Einweisung in ein Jugendheim, nachdem er den Jugendarrest schon kennengelernt hat. Keine guten Perspektiven.

 

Die verbessern sich auch nicht, als Oleg nach einem versuchten Einbruch die zweite Hauptperson des Romans kennenlernt. Er heißt Maximilian von Steinberg, ist seit einem Flugzeugabsturz, bei dem seine Eltern ums Leben kamen, gelähmt und bewegt sich in einem Rollstuhl mit Unterstützung des alten Butlers der millionenschweren Bankiersfamilie in einer riesigen alten Villa.

 

Obwohl in vollkommen unterschiedlichen Umwelten lebend, verbindet die beiden Jungen, als sie sich kennenlernen, eine unglaubliche große Wut auf das Leben. Oleg träumt von dem einen großen Coup, der es ihm und seinem Bruder Mark ermöglichen wird, nach Australien auszuwandern und dort eine Autowerkstatt aufzumachen. Maximilian träumt davon, mit seiner riesigen Yacht zum Meer zu fahren und statt einer Weltumsegelung, die ihm sein Vater versprochen hatte, zusammen mit der Luxusyacht auf den Meeresboden zu sinken.

 

Als der Einbruch Olegs in Maximilians Villa misslingt,  sieht er sich plötzlich in dessen Hand und muss nach seiner Pfeife tanzen.  Der Millionenerbe lässt ihn für sich arbeiten und schließlich machen sie die Yacht für die große Reise flott. Doch zwischendurch droht eine von Mark und Digger initiierte Entführung von Maximilian alles zu zerstören. Oleg befreit ihn und sie kommen sich näher.

 

Und eine Wahnsinnstour und Verfolgungsjagd beginnt.

 

„Man kann sich sein Leben nicht aussuchen, aber man kann das Beste daraus machen“, sagt Oleg am Ende eines spannenden Buches, das zeigen will, dass auch feste soziale Grenzen zwischen Menschen sich aufweichen können und so etwas wie Veränderung tatsächlich möglich ist.

Die neue Türkei

 

 

 

 

 

Ali Cem Deniz, Die neue Türkei, Promedia 2016, ISBN 978-3-85371-412-6

 

 

Ali Cem Deniz, ein 1988 geborener und in Österreich lebender Türke versucht in seinem hier vorliegenden Buch für alle, die sich für die aktuellen Vorgänge in der Türkei interessieren bzw. besorgt darüber sind, zunächst einmal historische Informationen zu vermitteln und beschreibt die Geschichte der Türkei von der sogenannten „neuen Türkei“, wie sie in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts Kemal Atatürk vorschwebte mit seinem auf das Militär gestützten Laizismus bis hin zu der „neuen Türkei“, wie sie Recep Tayyip Erdogan schon vor und erst recht nach dem Putsch vom 15. Juli 2016 autoritär umsetzt.

 

Er verweigert sich den herkömmlichen Gegensätzen, mit denen die Türkei und ihre Gesellschaft auch bei uns oft beschrieben werden. Jenseits von rechts und links, laizistisch und islamistisch, modern und traditionell beschreibt er, sich auf viel türkische Quellen stützend, die Neuerfindung der Türkei unter Erdogan.

 

Wo er selbst dabei steht, ist mir allerdings nicht ersichtlich geworden. Die alevitischen Türken jedenfalls bei uns im Ort sind ausnahmslos der Meinung, der Putsch sei von Erdogan geplant worden, um seine schon lange vorbereiteten Säuberungen durchzuführen und ihm freie Bahn für seine Pläne zu geben.

 

 

 

 

 

Sag mal DANKE, du Frosch!

 

 

 

 

 

 

Werner Holzwarth, Daniela Kulot, Sag mal DANKE, du Frosch, Thienemann 2017, ISBN 978-3-522-45841-2

 

 

Zu diesem neuen Bilderbuch haben sich mit Werner Holzwarth und Daniela Kulot zwei ausgewiesene Experten für originelle und freche Bilderbücher für Kinder zusammengetan. Sie lieben es beide, Gewohnheiten und Sprachhülsen von Erwachsenen aufs Korn zu nehmen, sie zu relativieren und die Kinder zu eigenem kritischen Denken und Verhalten einzuladen.

 

Hier in diesem Bilderbuch geht es um das Dankesagen. „Wie sagt man?“  Diese oft mit vorwurfsvollem Blick und spitzem Ton gestellte Frage von Eltern, Großeltern oder (un)geliebten Tanten kann jeder Erwachsene noch unangenehm in seinen Ohren rauschen hören, wenn er sich nur deutlich erinnert.

 

Während der Elefant und Maus sich jeweils freundlich bedanken, wenn sie etwas geschenkt bekommen, bleibt der Frosch stumm. Auch an seinem Geburtstag bedankt er sich trotz Aufforderung seiner Mutter nicht für das Geschenk der Tante. Da versuchen es der Elefant und die Maus, als Frosch ihr gemeinsames Geschenk auspacken will, mit einer paradoxen Intervention: „Du musst nicht danke sagen!“

Schaut selbst, ob sie damit Erfolg haben.

 

Guck mal, wie die gucken!

 

 

 

 

 

 

 

Werner Holzwarth, Stefanie Jeschke, Guck mal, wie die gucken, Thienemann 2017, ISBN 978-3-522-45835-1

 

Werner Holzwarth und Stefanie Jeschke wechseln in diesem originellen und lustigen Bilderbuch die Seiten. Denn als eine Familie mit zwei kleinen Kindern eines Tages in den Zoo kommt, um sich die verschiedenen Affengehege anzuschauen, da lassen sie die Affen und die Affenkinder ihre Eindrücke formulieren von den seltsamen Wesen, die da vor ihrem Käfig stehen und gaffen.

 

Herauskommen witzige Sätze und Beobachtungen, die sich genauso anhören, wenn Besucher im Zoo über Affen reden. Oder ist es etwa genau umgekehrt?

 

Die Illustrationen von Stefanie Jeschke geben ebenso wenig klare und eindeutige Hinweise zur Beantwortung dieser Frage wie die witzigen Texte von Werner Holzwarth. Nur am Ende wird es klarer, als die Affenmutter zu ihren Kindern sagt: „Nicht traurig sein, ihr Liebe. Morgen kommen wieder neue Menschen. Die sind bestimmt genauso lustig, glaubt es mir!“

 

Witzig und originell mit Spiegelvorhalteeffekt.

Leopanther

 

 

 

 

 

 

Piotr Wilkon, Jozef Wilkon, Leopanther. Eine Liebesgeschichte, Bohem 2017, ISBN  978-3-85581-539-5

 

Dieses zauberhaft illustrierte Bilderbuch handelt von einer eigentlich unmöglichen Liebe.  Die von Ulrike Herbst-Rosocha  aus dem Polnischen ins Deutsche übertragene Geschichte erzählt von dem kleinen Leoparden Bruno, der zu seiner ersten Jagd aufbricht. Da sieht er nach Kurzem schon zwei riesige Augen vor ihm aufleuchten. Er faucht furchterregend, doch eine lustige Stimme sagt: „Willst du mich etwa fressen? Ich heiße Lisa. Und du?“

 

Lisa ist ein schwarzes Panthermädchen, schwarz wie die Nacht und wunderschön. Bruno ist hingerissen und deshalb vergisst er nach einer ersten zarten Unterhaltung und der Verabredung sich morgen wieder zu treffen, einen Treffpunkt auszumachen. Schnell findet er sie am nächsten Tag und eine wunderbare Zeit beginnt für die beiden, mit treffen an jedem Abend. Bruno sehnt sich danach, Lisa einmal zu berühren doch er traut sich nicht. Als er andere Freunde erwähnt, ist Lisa eingeschnappt und verschwindet mit den Worten: „Dann lass mich doch in Ruhe und geh zu deinen Panther-Freunden!“

 

Nächtelang durchstreift Bruno den Dschungel auf der Suche nach Lisa und wird dabei von anderen Tieren unterstützt. Seine Mutter spürt, dass ihn etwas quält und sie erklärt ihm das für ihn unverständliche Verhalten Lisas: „Weil sie dich mag.“

 

Als sie sich wieder begegnen tut sich ein tiefer Abgrund zwischen ihnen auf, doch mit einem mutigen Sprung überwindet Bruno dieses Hindernis. Als Lisa zu weinen beginnt, weil sie glaubt, schwarze Panther und Leoparden seine zu unterschiedlich um sich liebzuhaben, da „drückte Bruno sie, ohne lange nachzudenken fest an sich. Und sie spürten, wie lieb sie sich hatten.“

 

Wie die Geschichte wohl weitergeht? Am Ende des berührenden Bilderbuchs werden die Kinder eingeladen, sie weiter zu erzählen.

 

 

 

The Great Beauty

 

 

 

 

 

Federico Pignatelli della Leonessa, The Great Beauty, Te Neues 2016, ISBN 978-3-8327-3359-9

 

Der Fotograf und Gründer der Pier 59 Studios Federico Pignatelli della Leonessa widmet seinen Bildband der „natürlichen Pracht von allem was lebt und der Schönheit des Lebens selbst“. Was er sich wünscht: Dass wir durch das Erwachen unser aller Leidenschaft niemals die Lebensfreude aus den Augen verlieren. In Harmonie der Liebe und Kreativität sollen wir das Leben voll und ganz genießen – so die einleitenden Worte des Fotografen.

 

Dier Models haben alle Traummaße und legen so Zeugnis ab für das eingeschränkte Schönheitsverständnis des Fotografen. Dennoch ist das fotografisch-künstlerische Buch eine bildliche Hymne an den weiblichen Körper. Die Bilder haben nie auch nur den Anschein des Zwielichtigen.

 

 

 

Der kleine Bär braucht eine Brille

 

 

 

 

 

 

 

Bernd Penners, Christine Faust, Der kleine Bär braucht eine Brille, Ravensburger Verlag 2017, ISBN 978-3-473-43610-1

 

Dem kleinen Bär in diesem schönen Bilderbuch, zu dem Bernd Penners den Text und Christine Faust lustige Illustrationen beigesteuert haben geht es so, wie so manchem Kind in frühem Alter. Er kann nicht gut sehen und damit das irgendwann wieder besser wird mit seinen Augen muss eine Brille her. Doch die Brille des Hundes, der ihm helfen will, ist ihm zu bunt und die der ebenfalls hilfsbereiten Maus viel zu klein.

 

Er braucht also eine eigene. Hase, Kuh und Schwein wollen helfen, aber irgendwas passt dem Bär immer nicht. Da kommt das kleine Kind ab zwei Jahren, dem dieses schöne Buch vorgelesen wird gerade recht und kann dem kleinen Bär mit den dem Buch beiliegenden abwaschbaren und immer wieder verwendbaren Spielbrillen helfen und ausprobieren, wem welche Brille nach seinem Geschmack am besten steht.

 

Ein lustiger Spielspaß auch für Kinder ab zwei Jahren, die (noch) keine Brille tragen müssen.

Guten Morgen, kleine Straßenbahn!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Julie Völk, Guten Morgen, kleine Straßenbahn, Gerstenberg 2016, ISBN 978-3-8369-5912-4

 

Vor zwei Jahren hat sie das preisgekrönte Buch „Das Löwenmädchen“ von Kim Fupz Aakeson illustriert. Nun legt Julie Völk ein eigenes Bilderbuch vor, das ganz auf die Ausdruckskraft und die in den Bildern versteckten Geschichten ihrer Illustrationen vertraut und ganz ohne Worte auskommt.

 

Es erzählt den Tagesablauf einer Straßenbahn. Wer steigt da alles zu? Wer kommt mit wem in Kontakt?  Wer hat welches Ziel? Durch welche Straße und Gegenden führt der Weg der Straßenbahn und ihres Fahrers?

 

Kinder, die dieses Buch betrachten, können ähnlich einem Wimmelbuch zahlreiche Geschichten entdecken und selbst weiterspinnen.

 

Ein schönes Bilderbuch mit Illustrationen im Retrostil. So sah die Welt vor fünfzig oder sechzig Jahren aus.

Fräulein Hicks und die kleine Pupswolke

 

 

 

 

 

 

Eva Dax, Sabine Dully, Fräulein Hicks und die kleine Pupswolke, Oetinger 2016, ISBN 978-3-7891-0368-1

 

Kennt ihr die unaufhaltsamen fünf?  Nein ?  Sie sind mitten in dir drin, und sie wettstreiten darum wer von ihnen am unaufhaltsamsten ist.  Darf ich vorstellen: Professor Hatschi, der Gähn-Män, Fräulein Hicks, der Rülps und die kleine Pupswolke.

 

Eva Dax und Sabine Dully lassen sie einen verrückten Wettstreit miteinander ausfechten, lustig dargestellt in Wort und Bild.

 

Doch als sie sich, müde geworden durch den Eifer, darauf einigen:

„Keiner ist besser oder unaufhaltsamer als der andere, Jeder von ihnen ist auf seine eigene Weise unaufhaltsam. Jeder ist anders. Und das ist auch gut so.“

 

Da taucht noch einer auf und stört ihren Schlaf. Wer das wohl ist und wie er heißt?

 

Auf der letzten Seite können die Kinder nachlesen, wie die offizielle Erklärung für die Unaufhaltsamen lautet.

 

Ein lustiges Bilderbuch mit einer verrückten Reise durch den Körper.

 

 

 

Elefant

 

 

 

 

 

Martin Suter, Elefant, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-86310-9

 

Als der obdachlose Schoch an einem Junitag des Jahres 2016 aus seinem Rausch in seiner Höhle am Ufer der Limmat in Zürich erwacht, sieht er etwas leuchten. Ein kleines rosa Wesen, das aussieht wie ein Spielzeugelefant, streckt seinen Rüssel ihm entgegen. Er denkt, er habe einen Drehrausch und wendet sich um, um noch einmal einzuschlafen. Als er wieder aufwacht, liegt einer seiner beiden Schuhe außerhalb der Höhle und nicht an dem Platz, wo er sie immer hinstellt, und sei er noch so betrunken. Er bringt den rosa Elefanten zu Valerie, einer Tierärztin , die sich kostenlos um die Tiere der Obdachlosen kümmert, weil er, wohl durch die Butterblumen, die er ihm gefüttert hat, fürchterlichen Durchfall bekommen hat und zu sterben droht.

 

Schnitt. Im April, 2013 entnimmt der heruntergekommene Tierarzt Harris einem Elefantenbaby im Busch von Ceylon die Ovarien und bringt sie in einer Kühlbox auf einer langen Flugreise in die Schweiz.

 

Dort will der Genforscher Roux in einem Experiment einen kleinen rosa leuchtenden Elefanten züchten, mit dem er das große Geld machen will. Gut recherchiert und auf dem Stand der Wissenschaft, erzählt Martin Suter nun die spannende Geschichte, wie mit Hilfe eines Zirkus und dem dort arbeitenden burmesischen Elefantenflüsterer Kaung ein solches Wesen durch eine künstliche Befruchtung zur Welt kommt.

 

Er ist der Meinung, etwas so Besonderes habe etwas Göttliches und müsse unbedingt versteckt werden. Nun erzählt Martin Suter gekonnt eine immer stärker werdende Spannung aufbauend, die Geschichte, wie Sabu Barisha, wie der Elefant genannt wird, zwischen 2013 und Juni 2016 seinen Weg zu dem Obdachlosen Schoch und der Ärztin Valerie gefunden hat. Als sich die beiden Zeitstränge treffen in der Gegenwart, ist die Geschichte aber noch lange nicht zu Ende, sondern nimmt erst richtig Fahrt auf.

 

Martin Suter berichtet in einem Nachwort, wie ihn  ein Satz des Hirnforschers Mathias Juncker nicht mehr losgelassen habe, den er vor zehn Jahren bei einem Kongress zum Thema Alzheimer traf und der ihm sagte, es wäre gentechnisch möglich, einen winzigen rosaroten Elefanten zu erzeugen. Suter hat weiter recherchiert, sich über das Phänomen des primordialen Zwergwuchses informiert und sich über das Wesen und Verhalten von  Elefanten im Zoo Zürich kundig gemacht.

 

Herausgekommen ist ein typischer Suterroman, spannend geschrieben, mit einer hintergründigen Botschaft (Gentechnik und ihre Möglichkeiten), ganz besonderen Charakteren und deren Lebensgeschichte und einem überraschenden Ende.

 

Eine wunderbare Lektüre.