Die einzige Geschichte (Hörbuch)

 

 

 

Julian Barnes, Die einzige Geschichte (Hörbuch), Argon 2019, ISBN 978-3-8398-1700-1

 

Julian Barnes neues Buch „Die einzige Geschichte“ ist ein sensibler und kunstvoller  Roman über eine sehr unkonventionelle erste Liebe, die für den jungen männlichen Ich-Erzähler Paul lebenslange Konsequenzen und Folgen haben wird und die ihn schließlich zu der an den Leser gerichteten Frage führt: “Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage.“

 

Paul ist gerade einmal 19 Jahre alt, als ihn seine Mutter Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den traditionsreichen und auf strenge Sitten achtenden Tennisclub des Ortes schickt in der Hoffnung, er könne dort eine geeignete Partnern für sein Leben finden. Paul, der schon lange angeödet ist von dem prüden und langweiligen bürgerlichen Milieu, in dem er aufwächst und das ihm nach seinem ersten Semester an der Universität noch mehr auf die Nerven geht, sucht aus diesen Verhältnissen auszubrechen und rebelliert gegen seine Eltern.

 

Genau in dieser Situation lernt er im Tennisclub Susan kenne, eine verheiratete Frau, die dreißig Jahre älter ist er. Dass er sich sofort in sie verliebt und eine mehr und mehr sehr schwierige und komplizierte Beziehung mit ihr aufnimmt, die insgesamt sich über zwölf harte und lange Jahre hinzieht, ist mehr als nur Teil seines Protestes gegen gesellschaftliche Konventionen. Paul liebt Susan wirklich. Er ist sicher, in ihr die Frau für sein Leben gefunden zu haben. Sie ist so etwas wie der Gegenpart zum Spießerleben seiner Umgebung. Auch Susan, die zwei Töchter hat, die älter sind als Paul, erwacht zu neuem auch sexuellen Leben und Erleben, als sie spürt, dass Paul sie anziehend und liebenswert empfindet und sich für sie verzehrt.

 

Doch diese ersten Schmetterlinge sind bald verschwunden, und die Geschichte der beiden verwandelt sich in die Existenz einer eher tragischen Lebensform. Das ist schon spürbar, als sich Susan von Mann und Töchtern trennt und mit Paul zusammenzieht. Paul schließt sein Jurastudium ab, die Leidenschaft der ersten Zeit ist der Langeweile gewichen, zumal sich bei Susan mehr und mehr eine innere Veränderung zeigt, die sie bald völlig dem Alkohol verfallen lässt. Julian Barnes spürt dieser Entwicklung genau nach, versucht herauszufinden, wie es zu diesem menschlichen Absturz kommen konnte, doch dem Leser wird sie sich nicht erschließen, genauso wenig wie dem tapferen, mittlerweile als Anwalt arbeitenden Paul, der gewissenhaft und treu noch lange hilft, wo er kann, doch irgendwann nach zwölf meist dunklen und traurigen Jahren aufgibt.

 

Julian Barnes reichert wie oft in seinen Büchern seine Geschichte immer wieder an mit Erkenntnissen, Weisheiten, Reflexionen und der genauen Darstellung von Gefühlen.  Poetische Stimmungsbilder beleuchten äußere und innere Befindlichkeiten seiner Figuren. Man ist tief bewegt und angerührt darüber, wie Lebenswege verlaufen können. Was ist vorherbestimmt, und was ist selbst verschuldet? Doch die Frage nach der Schuld stellt sich ihm nicht.  Die ernüchternde, gleichwohl aber befreiende Erkenntnis von Barnes und seinem Erzähler Paul ist die: Lebensläufe werden von unerwarteten äußeren und inneren Entwicklungen mitbestimmt. Entwicklungen indes, die wie diese erste Liebe Pauls sein Leben über eine lange Zeit bestimmen werden. Und so verlässt der Leser den Erzähler und seine Geschichte am Ende, ohne zu wissen, was aus ihm werden wird. Er hat aber die leise Hoffnung, dass es auch für Paul noch einmal möglich sein wird, Liebe zu empfinden und zu geben.

 

Wer selbst in seinem Leben schon einmal von einer außergewöhnlichen Liebe aus der Spur geworfen wurde, wird in diesem Roman vieles wiederentdecken.

 

Dem Regisseur, Schauspieler und Dramaturg Frank Arnold, der für seine Lesung von Barnes` letztem Buch „Der Lärm der Zeit“ herausragende Kritiken erhielt, gelingt es auch in dieser ungekürzten Hörbuchfassung von „Die einzige Geschichte“, die Faszination und die Tragik der Liebesgeschichte zwischen Paul und Susan auf eine Weise hörbar und spürbar zu machen, die den Hörer tief bewegt.

 

Seine Einspielung ist ganz große Hörbuchkunst, wie man sie selten findet.
 

 

 

 

Karo Kanonenkugel und der Löwe

 

 

Grace Easton, Karo Kanonenkugel und der Löwe, Knesebeck 2019, ISBN 978-3-95728-234-7

 

Diese schöne und originelle Bilderbuch von Grace Easton, das Kathrin Köller aus dem Englischen übersetzt hat, verbindet mit kräftigen und außergewöhnlichen Illustrationen zwei Themen, die insbesondere für Mädchen interessant sein können. Zum entführt das Buch die es betrachtenden Kinder in die fantastische Welt des Zirkus und zum anderen ist es die Mut machende und anrührende Geschichte eines Mädchen, das in Vielem anders ist als die anderen Mädchen.

 

Karo, so heißt das Mädchen, ist besonders. Sie ist lustig und mutig, verrückt und auch ein bisschen komisch. Sie lebt im Wald, mag keine Regeln, und kann viele außergewöhnliche Kunststücke. Das Problem ist nur, dass es niemand gibt, der ihr dabei zuschauen könnte.

 

Eines Tages ziehen Akrobaten, Trompetenspieler, Trommler und Jongleure durch den Wald und sie haben auch einen Löwen dabei. Sie werben für einen Zirkus und Karo beschließt spontan, sich ihnen anzuschließen.

 

Am Zirkuszelt angekommen, freundet sie sich mit dem Löwen an, ganz ohne Worte. Auch mit einem Mann, der aussieht, als wäre er der Chef, redet sie ohne Scheu, sagt ihm, dass sie jede Menge Kunststücke könne und gerne mit dem Löwen befreundet wäre.

 

Sie darf ihre Kunststücke vorführen, der Löwe ist sprachlos begeistert, nicht so aber der Mann mit dem großen Hut. Er mag nicht, wenn andere Gefühle füreinander haben. Doch er kann sich Karo für eine ganz besondere Attraktion vorstellen. Sie soll als menschliche Kanonenkugel herhalten. Sie fürchtet sich ein wenig, doch mit dem Trost des Löwen wagt sie es. Es gelingt gut, doch der Mann mit Hut ist nicht zufrieden mit ihrem Auftritt, meckert rum und schickt sie weg.

 

Doch die anderen Künstler des Zirkus lassen sich das nicht gefallen und der Löwe pustet mit seinem Brüllen den strengen Direktor weg. Er zeigt Karo, dass sie genau so perfekt ist, wie sie ist. Und dann ziehen alle in den Wald. „Jetzt gibt es eine Gruppe von Freunden, die im Wald lebt und keine Regeln mag.“

 

Ein lustiges, leicht anarchistisches Bilderbuch aus der faszinierenden Welt des Zirkus, in dem ein Löwe und seine Freunde das Selbstbewusstsein eines Mädchens stärken.

 

 

 

 

50 Jahre Porsche 914

 

 

 

Jürgen Lewandowski, 50 Jahre Porsche 914, Delius Klasing 2019, ISBN 978-3-667-11586-7

 

Fünfzig Jahre ist es nun her, dass der erste der legendären Porsche 914 gebaut wurde. Seit dieser Zeit hat dieses außergewöhnliche Sportauto viele seiner Besitzer über die Jahrzehnte stolz über die Straßen fahren lassen, oft beneidet von den Nachbarn, bei denen nur ein VW oder ein Opel in oder vor der Garage stand. Ich habe Menschen kennengelernt, die sich ein solches Auto eigentlich nicht leisten konnten, die aber auf anderes verzichteten, nur um sich diesen kleinen Luxus zu gönnen.

 

Von diesen und von anderen Menschen berichtet dieses schöne Buch von Jürgen Lewandowski, das die gesamte Produktions- und Produktgeschichte des 914 er nachzeichnet. Mittlerweile wird dem zunächst eher belächelten 914 er die verdiente Anerkennung zuteil, auch als Design-Ikone.

 

Die spannende und mit vielen technischen Details versehene Geschichte eines Auto-Mythos.

 

Warum merke ich nicht, dass die Erde sich dreht

 

 

 

James Doyle, Warum merke ich nicht, dass die Erde sich dreht, Knesebeck 2019, ISBN 978-3-95728-253-8

 

Mit dem vorliegenden von Claire Goble witzig illustrierten Sachbuch für Kinder ab dem Grundschulalter, das Johanna Ellsworth aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt hat, gelingt es James Doyle auf eine interessante und lockere Weise, Kindern 22  spannende Fragen aus unterschiedlichen Bereichen der Naturwissenschaften zu stellen und sie zu beantworten.

 

Viele Fragen sind dabei, die sich das eine oder andere Kind, aber auch der interessierte Erwachsene schon gestellt hat. Etwa wie die Berge entstanden sind, warum das Meer blau ist oder woher das Internet kommt und wie es funktioniert.

Das empfehlenswerte Buch deckt auf lustige und interessante Weise alle wichtigen Gebiete der Wissenschaft ab, einschließlich Biologie, Chemie, Physik, Geografie, Technik und Psychologie und es gelingt ihm so, schon Grundschulkinder zu motivieren, die eher ungeliebten naturwissenschaftlichen  Fächer ernst zu nehmen und sich für die spannenden Fragen, die sie beantworten können und sich für die faszinierende Welt, die sie eröffnen, zu begeistern.

 

Auch für die Erwachsenen in der Familie bietet das Buch erstaunliche bisher unbekannte Einsichten.

 

Es zeigt, dass und wie man auch an Naturwissenschaften einen großen Spaß haben kann.

 

40 Supertrails in den Alpen. Epische Pfade für Mountainbiker

 

 

Gitta Beimfohr, Markus Greber, 40 Supertrails in den Alpen. Epische Pfade für Mountainbiker, Delius Klasing 2019, ISBN 978-3-667-11468-6

 

Während drei langen Sommern waren die Journalistin Gitta Beimfohr und ihr Fotograf Markus Greber mit ihren Mountainbikes in den Alpen unterwegs, haben unzählige Naturtrail-Abfahrten zwischen den Dolomiten und den Seealpen bei Nizza getestet und dann die 40 landschaftlich schönsten und fahrtechnisch aufregendsten Abfahrten für das vorliegende Buch ausgesucht. Beraten wurden sie dabei von prominenten  Fahrern der europäischen Enduro – Elite.

 

Für erfahrene Mountainbiker, aber auch für Durchschnittsfahrer ist in diesem Buch etwas dabei. Es enthält auf insgesamt 160 Seiten mit unzähligen traumhaften Fotografien:

  • Kulttrails für Mountainbiker in Österreich, Frankreich, Italien und der Schweiz
    • Mit einer Einstufung zu Kondition, Fahrtechnik, Landschaft und EMTB-Tauglichkeit
    • Höhenprofile, 3D-Karten und GPS-Daten erleichtern die Planung der MTB-Tour
    • Infos zur Anreise, Übernachtung und Tipps zum Einkehren

 

Für alle passionierten Mountain-Biker sind diese Kulttrails eine echte Versuchung. Auch für die erfahrenen unter ihnen bietet dieses Buch mit Sicherheit neue Strecken, die sie noch nicht kennen und die die Anschaffung des Buches rechtfertigen.

 

 

 

All das zu verlieren (Hörbuch)

 

 

Leila Slimani, All das zu verlieren (Hörbuch),  der Hörverlag 2019, ISBN 978-3-8445-3299-9

 

Nach ihrem großen Erfolg „Dann schlaf auch du“ hat sich der Luchterhand Verlag in München entschlossen, nun auch Leila Slimanis ersten in Frankreich schon 2015 erschienenen Roman unter dem deutschen Titel „Alles zu verlieren“ zu veröffentlichen. Schon in diesem Erstling zeigt sich die enorme erzählerische Kraft der 1981 in Rabat in Marokko geborenen und nun mit ihrer Familie in Paris lebenden Schriftstellerin.

 

Selten zuvor hat eine Schriftstellerin die weibliche Perspektive einer destruktiven und gewaltbreiten Sexualität mit ihren selbstzerstörerischen Folgen so überzeugend, aber schockierend zu Papier gebracht und beschrieben. Zu lesen, was sich die Protagonistin Adele in ihrem suchthaften Begehren, das man kaum mehr als solches akzeptieren mag, antut, ist  über weite Strecken verstörend.

 

Adele ist eine Journalistin, die den Job in ihrer Redaktion durch Beziehungen ihres Ehemannes bekommen hat. Ihr Arbeitsleben und auch ihr Ehe- und Familienleben öden sie an. In einer ärmlichen Arbeiterfamilie aufgewachsen, hat sie immer von dem geträumt, was sie jetzt hat. Einen erfolgreichen Arzt als Ehemann, einen süßen und gesunden kleinen Sohn und genug Geld, sich alle Träume zu erfüllen.

 

Doch sie langweilt sich hier wie dort und gibt sich einer selbstzerstörerischen Sexsucht hin. Sie muss zwanghaft mit möglichst vielen, oft ihr auch völlig fremden Männern schaffen, nicht selten brutal und ungeschützt und meist unter erheblichem Konsum von Alkohol. Sie tut das alles hinter dem Rücken ihres Mannes während dessen Nachtdiensten und unter erheblicher Vernachlässigung ihres kleinen Sohns. Was sie da treibt ist abstoßend und man fragt sich, wieso sie so geworden ist. Etliche Rückblicke in ihre Kindheit und Jugend geben aber für die Entstehung ihrer Sucht kaum Aufschluss.

 

Während Adele regelrecht läufig durch Paris streift auf der Suche nach dem nächsten beliebigen Mann, der sie benutzen darf, träumt ihr als Arzt sehr erfolgreicher Mann Richard davon, aufs Land zu ziehen und sich in eine Klinik einzukaufen und mit Adele ein weiteres Kind zu haben. Es ist ihm nicht klar, dass er seine Frau mit diesen immer wieder verbindlich vorgetragenen Plänen immer weiter in die Einsamkeit ihrer Sucht drängt.

 

Die Sucht wird stärker und stärker, der Sohn und die Arbeit lästig, das Lügenkonstrukt immer brüchiger und irgendwann  bricht es in sich zusammen. Alles fliegt auf.

 

Dann macht Leila Slimani in der Handlung einen radikalen Schnitt. Wo der Leser erwartet hatte, der Arzt hätte Adele den Laufpass gegeben, leben sie jetzt alle in einem schönen Haus auf dem Land und Adele bemüht sich, eine ordentliche Ehefrau zu sein. Er kontrolliert sie Tag und Nacht, was sie akzeptiert, weil sie Angst hat, „all das zu verlieren“, was ihr eben auch wichtig ist, ihren Sohn und ihre Familie.

 

Als ihr Vater stirbt, erlaubt Richard Adele, alleine zu dessen Beerdigung zu reisen. Schon als sie aufbricht, ahnt man, dass nichts vorbei ist, dass sie wieder rückfällig werden und den lange erfolgreichen Kampf gegen ihre Sucht verlieren wird.

 

Der Schluss des Buches lässt offen, wie das Leben von Adele weitergehen wird und deutet an, dass es auch in dieser Form der Sexsucht eine Co-Abhängigkeit gibt.

 

Zurückbleibt ein erschütterter Leser, der angesichts der Ausweglosigkeit des Schicksals der Protagonistin und ihrer Familie sich fragt, ob es für eine solche Sucht wirklich keine Heilung gibt.

 

Leila Slimani jedoch enthält sich jeglichen Urteils. Nüchtern und schmerzhaft beschreibt sie Adeles Schicksal aus einer streng weiblichen Perspektive. Das Porträt einer zerrissenen Frau. Wie viele von mögen unsichtbar unter uns leben?

 

Nora von Waldstätten hat das im Hörverlag erschienene Hörbuch dieses dramatischen Buches in einer vollständigen Lesung eingespielt. Ihre Interpretation von Adele und Richard ist überzeugend und zeigt dem Hörer sehr eindrücklich die Ausweglosigkeit eines Ehepaars, das alles hat und doch alles zu verlieren droht. Eine Frau, die nur in anonymem Sex mit fremden Männern ihre innere Leere für Minuten füllen kann und ein Mann, für den Sex keine große Rolle spielt und der nachdem die Sucht seiner Frau offenbar geworden ist, alles daran setzt, seine kranke Frau zu heilen.  Ob er Adele zu ihrem (Familien)glück zwingen kann, bleibt offen.

 

Eine sehr gelungene und auch stimmlich sehr überzeugende Hörbucheinspielung eines verstörenden Romans.

 

 

 

 

Ich umarme den Tod mit meinem Leben

 

 

Marianne Sägebrecht, Ich umarme den Tod mit meinem Leben, Gütersloher Verlagshaus 2019, ISBN 978-3-579-07319-4

 

Es ist schon ein sehr eigenwilliges und ungewöhnliches Buch, das die Autorin und Schauspielerin Marianne Sägebrecht hier im Gütersloher Verlagshaus als eine Art persönliches und spirituelles Vermächtnis vorlegt.

 

Erwachsen ist es unter anderem aus ihrer langjährigen ehrenamtlichen Arbeit in der Hospizbewegung und ihrem erstaunlich leidenschaftlichen Interesse für andere Menschen. So wie sie in vielen Filmen ungewöhnliche Rollen verkörperte und ihnen einen unverwechselbaren und nachdrücklich im Zuschauer nachwirkenden Charakter gab, so erzählt sie auch in diesem Buch in direktem Dialog mit ihren Lesern von ihren Erfahrungen, ihrer sehr spirituell geprägten Sicht auf das Leben und die Dinge.

 

Hat man sich einmal auf ihren eigenwilligen Stil eingelassen, wird man von Sägebrechts Worten regelrecht verzaubert. Wenn man offen dafür ist. Denn sie vertritt warmherzig und offen ihren unerschütterlichen Glauben an Gott, an die Unsterblichkeit der Seele, an das Gute im Menschen und an die große Kraft der Liebe.

 

 

Das Glück des Augenblicks. Liebeserklärung an den Moment

 

 

Marc Auge, Das Glück des Augenblicks. Liebeserklärung an den Moment, C.H. Beck 2019, ISBN 978-3-406-73135-8

 

Die Menge der in jedem Jahr zuverlässig erscheinenden Glücksratgeber ist unüberschaubar. Ihre schiere Zahl und die Tatsache, dass sehr viele Verlage solche Bücher in ihrem Programm haben (manche bestreiten es ausschließlich mit solchen Büchern), zeigt ein Bedürfnis vieler Menschen an, über ihr von Hektik und Stress geprägtes Leben nachzudenken und zeigen ihre Hoffnung, in den Ratgebern einen Hinweis dafür zu finden, wie sie aus dem Hamsterrad ihres Alltags aussteigen und wieder einen Sinn für ihr Leben finden können.

 

Der französische Intellektuelle Marc Auge gilt als Begründer einer Ethnologie des Nahen. Er ist sozusagen ein Anthropologe des Augenblicks, der in kurzen Momenten, flüchtigen Sinneseindrücken und allzu zerbrechlichen Erinnerungen Zeitfenster des Lebens sucht und entdeckt, die den Widrigkeiten des Lebens und der menschlichen Existenz Widerstand bieten und um derentwillen, so ist er überzeugt, es sich zu leben lohnt.

 

Mit seinem auch stark biographisch geprägten Essay, den er eine „Liebeserklärung an den Moment“ nennt, decouvriert der altersweise Marc Auge die herkömmlichen Glücksversprechen der mannigfaltigen Ratgeber und sonstiger „Glücksverwalter“  als leer und ohne wirkliche Substanz.

 

In insgesamt 11 Teilen seines Essays spürt Marc Auge sensibel und aufmerksam den großen und den kleinen Momenten der Menschlichkeit nach. Oft sind es unscheinbare, nicht selten Sekundenaugenblicke währende Situationen und Wahrnehmungen, die uns als Menschen glücklich machen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie, anders als die unzähligen Werbeversprechen für persönliches Glück, immateriell sind.

 

Da ist der tiefe Eindruck einer wunderbaren Landschaft, ein Lied, ein geschmackvolles Gericht, da ist das unvergessene Wort oder die Umarmung eines lieben Menschen. Für mich persönlich etwa wird das Erlebnis der Geburt meines Sohnes solch eine Erfahrung bleiben, die mich bis zu meinem Tod beglücken wird. Viele solcher kleinen Schätze können wir in der Kammer unserer Erinnerung sammeln und sie immer wieder wachrufen. Denn erst wenn diese flüchtigen Augenblicke des Glücks vergangen sind, wird uns klar, wie notwendig und wertvoll sie sind.

 

Ein nachdenkliches Buch, das den kleinen unscheinbaren Dingen des Lebens und der Welt ihre wahre Bedeutung zurückgibt.

All das zu verlieren

 

 

 

 

 

Leila Slimani, All das zu verlieren, Luchterhand Verlag 2019, ISBN 978-3-630-87553-8

 

Nach ihrem großen Erfolg „Dann schlaf auch du“ hat sich der Luchterhand Verlag in München entschlossen, nun auch Leila Slimanis ersten in Frankreich schon 2015 erschienenen Roman unter dem deutschen Titel „Alles zu verlieren“ zu veröffentlichen. Schon in diesem Erstling zeigt sich die enorme erzählerische Kraft der 1981 in Rabat in Marokko geborenen und nun mit ihrer Familie in Paris lebenden Schriftstellerin.

 

Selten zuvor hat eine Schriftstellerin die weibliche Perspektive einer destruktiven und gewaltbreiten Sexualität mit ihren selbstzerstörerischen Folgen so überzeugend, aber schockierend zu Papier gebracht und beschrieben. Zu lesen, was sich die Protagonistin Adele in ihrem suchthaften Begehren, das man kaum mehr als solches akzeptieren mag, antut, ist  über weite Strecken verstörend.

 

Adele ist eine Journalistin, die den Job in ihrer Redaktion durch Beziehungen ihres Ehemannes bekommen hat. Ihr Arbeitsleben und auch ihr Ehe- und Familienleben öden sie an. In einer ärmlichen Arbeiterfamilie aufgewachsen, hat sie immer von dem geträumt, was sie jetzt hat. Einen erfolgreichen Arzt als Ehemann, einen süßen und gesunden kleinen Sohn und genug Geld, sich alle Träume zu erfüllen.

 

Doch sie langweilt sich hier wie dort und gibt sich einer selbstzerstörerischen Sexsucht hin. Sie muss zwanghaft mit möglichst vielen, oft ihr auch völlig fremden Männern schaffen, nicht selten brutal und ungeschützt und meist unter erheblichem Konsum von Alkohol. Sie tut das alles hinter dem Rücken ihres Mannes während dessen Nachtdiensten und unter erheblicher Vernachlässigung ihres kleinen Sohns. Was sie da treibt ist abstoßend und man fragt sich, wieso sie so geworden ist. Etliche Rückblicke in ihre Kindheit und Jugend geben aber für die Entstehung ihrer Sucht kaum Aufschluss.

 

Während Adele regelrecht läufig durch Paris streift auf der Suche nach dem nächsten beliebigen Mann, der sie benutzen darf, träumt ihr als Arzt sehr erfolgreicher Mann Richard davon, aufs Land zu ziehen und sich in eine Klinik einzukaufen und mit Adele ein weiteres Kind zu haben. Es ist ihm nicht klar, dass er seine Frau mit diesen immer wieder verbindlich vorgetragenen Plänen immer weiter in die Einsamkeit ihrer Sucht drängt.

 

Die Sucht wird stärker und stärker, der Sohn und die Arbeit lästig, das Lügenkonstrukt immer brüchiger und irgendwann  bricht es in sich zusammen. Alles fliegt auf.

 

Dann macht Leila Slimani in der Handlung einen radikalen Schnitt. Wo der Leser erwartet hatte, der Arzt hätte Adele den Laufpass gegeben, leben sie jetzt alle in einem schönen Haus auf dem Land und Adele bemüht sich, eine ordentliche Ehefrau zu sein. Er kontrolliert sie Tag und Nacht, was sie akzeptiert, weil sie Angst hat, „all das zu verlieren“, was ihr eben auch wichtig ist, ihren Sohn und ihre Familie.

 

Als ihr Vater stirbt, erlaubt Richard Adele, alleine zu dessen Beerdigung zu reisen. Schon als sie aufbricht, ahnt man, dass nichts vorbei ist, dass sie wieder rückfällig werden und den lange erfolgreichen Kampf gegen ihre Sucht verlieren wird.

 

Der Schluss des Buches lässt offen, wie das Leben von Adele weitergehen wird und deutet an, dass es auch in dieser Form der Sexsucht eine Co-Abhängigkeit gibt.

 

Zurückbleibt ein erschütterter Leser, der angesichts der Ausweglosigkeit des Schicksals der Protagonistin und ihrer Familie sich fragt, ob es für eine solche Sucht wirklich keine Heilung gibt.

 

Leila Slimani jedoch enthält sich jeglichen Urteils. Nüchtern und schmerzhaft beschreibt sie Adeles Schicksal aus einer streng weiblichen Perspektive. Das Porträt einer zerrissenen Frau. Wie viele von mögen unsichtbar unter uns leben?

 

 

Lieber woanders

 

 

Marion Brasch, Lieber woanders, S. Fischer 2019, ISBn 978-3-10-397413-3

 

Marion Braschs neuer Roman „Lieber woanders“  erzählt auf knappem Raum eine intensive, den Leser sofort auf seltsam persönliche Weise packende Geschichte zweier Menschen, die handelt von Zufall und Schicksal, eine bewegende Geschichte über Schuld und Verluste. Eine Geschichte auch über schmerzhafte Abschiede – alles Erfahrungen, die jeder Mensch, auch der vom Buch sofort gefesselte Leser, in seinem Leben macht und auf die er eine persönliche Antwort finden muss.

 

Das Buch erzählt von der 28-jährigen Toni, die irgendwo in ihrem Wohnwagen auf dem Land lebt. Eines Tages macht sie sich auf den Weg in die Stadt, wo sie für ihre Bildergeschichten von einem Verlag zu Verhandlungen eingeladen ist. Mit dem ersehnten Geld will sie in Neuseeland einen alten Schulfreund wiedersehen.

 

Alex hat Autoklempner gelernt, als LKW-fahrer gearbeitet und ist zurzeit als Roadie mit einer Band unterwegs. Er ist verheiratet und hat eine neunjährige Tochter, aber seit etlichen Jahren betrügt er seine Frau mit einer anderen. Als er erfährt, dass seine Tochter ins Krankenhaus gekommen ist, macht er sich auf den Weg nach Hause.

 

Die beiden Hauptpersonen, die sich in der Handlung des Buches nun innerhalb von 24 Stunden aufeinander zubewegen werden, kennen sich nicht, sind aber dennoch auf eine verhängnisvolle Weise miteinander verbunden, denn sie tragen beide an einer Schuld. Toni macht sich für den Tod ihres kleinen Bruders verantwortlich und Alex leidet in seinem Doppelleben an einer Schuld, über die er noch nie gesprochen hat.

 

Irgendwann kreuzen sich ihre Wege, nachdem sie viele Umwege gemacht, Hindernisse überwunden und komische Zufälle erlebt haben. Und der Leser erinnert sich an eine Bemerkung der Autorin in einem kurzen Prolog, dass sich Toni und Alex schon einmal begegnet sind. Diese Begegnung hat das Leben beider beeinflusst. Sie haben es nicht vergessen, obwohl sie damals „lieber woanders“ gewesen wären.

 

Das, was Marion Brasch in ihrem Roman beschreibt, kann jedem von uns geschehen. Auch deshalb ist die Geschichte so nachvollziehbar und berührt den Leser persönlich, weil es ihn erinnert an Szenen und Menschen in seinem eigenen Leben und dessen Weggabelungen.

 

Marion Brasch will deutlich machen, dass wir Menschen das, was wir in der Vergangenheit erlebt haben, was uns geprägt und auch verändert hat, was wir an Schuld auf uns geladen haben, indem wir uns entschieden oder eben nicht entschieden haben, was wir getan oder unterlassen haben, eben nicht ändern können. Es bleibt nur, all das zu akzeptieren und zu lernen damit weiterzuleben.

 

Sie hat ihre Geschichte sehr warmherzig erzählt und mit einem feinfühligen Gespür für jene kurzen Augenblicke, die für ein ganzes Leben entscheiden können.

 

Ein starkes und sehr intensives Buch, das den Leser nicht immer angenehm mit sich selbst und seinem Leben konfrontiert.