Oje, ein Buch

 

 

Lorenz Pauli, Miriam Zedelius, Oje, ein Buch, Atlantis Verlag 2018, ISBN 978-3-7152-0742-1

 

Dieses schöne und überaus originelle Bilderbuch von Lorenz Pauli mit kräftigen Illustrationen von Miriam Zedelius ist eine Hommage an das Bilderbuch und das gemeinsame Vorlesen.

 

Juri hat von Herrn Schnippel ein Bilderbuch geschenkt bekommen und zeigt es ganz begeistert Frau Asperilla, die es ihm vorlesen soll. Doch die gehört zur Generation Smartphone und hat schon fast verlernt, wie man mit einem Buch umgeht.  Sie versucht es mit dem gewohnten Wischen um zur nächsten Seite zu kommen und Juri muss ihr zeigen, wie man es richtig macht.

 

Zwei Geschichten werden in diesem Bilderbuch erzählt. Vordergründig geht es um Juri und Frau Asperilla, die gemeinsam versuchen ein Bilderbuch zu lesen. Die andere Geschichte ist die im Bilderbuch selbst und von der Rahmengeschichte in der Schrift und der farbigen Gestakten deutlich abgegrenzt.

 

Doch das Allerwichtigste, das Juri und Frau Asperilla beim Vorlesen erleben, passiert nicht in der Geschichte, sondern zwischen ihnen selbst, wie immer, wenn zwei, ein Großer und ein Kleiner, gemeinsam ein Bilderbuch anschauen.

 

Eine schöne Geschichte über Bücher, das Vorlesen und die dabei erwachende Phantasie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mia besucht Frau Turboschnecke. Ein Bilderbuch über Demenz

 

 

 

Martina Plieth, Mia besucht Frau Turboschnecke. Ein Bilderbuch über Demenz, Neukirchener Verlag 2018, ISBN 978-37615-6424-0

 

Martina Plieth, die Autorin dieser von Lena Miller illustrierten Geschichte für Kinder ab etwa sechs Jahren hat in der Zeit von 2005 bis 2010 als Pfarrerin in einem Altenheim gearbeitet und dabei viel Erfahrungen mit demenzkranken alten Menschen gemacht.

 

Im Rahmen ihrer heutigen Arbeit als Professorin für Gemeindepädagogik und Kirchlichen Bildungsarbeit an der Ev. Hochschule Nürnberg ist nun dieses Bilderbuch entstanden, das erfolgreich versucht, Kindern die Lebens- und Erfahrungswelt von demenzkranken Menschen zu vermitteln.

 

Es erzählt von der kleinen Mia und ihrer Oma. Die beiden verstehen sich sehr gut und verbringen sehr viel Zeit miteinander. Nur freitags ist das anders. Denn da hat Mias Oma immer etwas anderes vor. Dann packt sie drei Tafeln Schokolade und einige Erinnerungsstücke in ihre „Schätzetasche“, wie sie sie nennt.

 

Mit jeder Woche mehr wird Mia neugieriger, wo denn die Oma da freitags hin verschwindet.  Doch eines Tages darf sie das Geheimnis lüften, denn Oma erlaubt Mia, sie zu begleiten. Und so lernt sie in einem Altenheim nicht nur Frau Turboschnecke, Frau Anderland und die beste Hochstaplerin der Welt kennen, sondern erfährt so wie auch die jungen LeserInnen dieses schönen und wichtigen Buches viel über demente  Menschen und was dieses Krankheit mit ihnen macht.

 

Martina Plieth hat ein eindrückliches Buch geschrieben über Demenz und ihre Folgen  und auch darüber wie man in Freundschaft Menschen mit Demenz würdig und hilfreich begegnen kann.

 

Für Kinder, die demente Menschen zu ihrer Familie zählen ist das Buch nicht nur hilfreich sondern auch tröstlich.

 

 

 

 

Jetzt sind wir einfach glücklich. Vorlesegeschichten

 

 

 

 

Marjaleena Lembcke, Claudia Burmeister, Jetzt sind wir einfach glücklich. Vorlesegeschichten, Nilpferd 2019, ISBN 978-3-7074-5224-2

 

Ein wunderschönes Vorlesebuch mit kurzen Vorlesegeschichten für Kinder von Marjaleena Lembcke ist hier vorzustellen, das Claudia Burmeister zart und liebevoll illustriert und koloriert hat.

 

Inspiriert von ihrer eigenen Enkeltochter Charlotte hat die Autorin insgesamt 11 kurze Geschichte aus der Lebenswelt eines kleinen Mädchens aufgeschrieben. Besuche im Zoo, bei den Nachbarn und bei der Oma werden ähnlich schön und mit einfacher Sprache beschrieben wie die Erfahrung leichter und  auch schwerer Krankheit des Kindes.

 

Die Erfahrung, wenn die Eltern für eine kurze Zeit nicht zu Hause sind, wenn Oma zu Besuch kommt oder wenn das Mädchen Lotti traurig ist oder fröhlich lachen kann, weil es ihm gut geht.

 

Besonders gut hat mir die Geschichte gefallen, in der Lotti zusammen mit ihrem Bruder ins sogenannte Lachland fährt, wenn zu Hause durch launige Eltern mal schlechte Stimmung ist. Und da lachen auch die Eltern plötzlich wieder.

 

Kinder lernen durch diese schönen Vorlesegeschichten, dass es auch in ihrem Leben und Alltag immer etwas zu beobachten und zu erfahren gibt. Leichte Geschichten sind das, denen es  gelingt, mitten hinein in den Alltag so etwas wie Poesie zu zaubern, und von kleinen Schwächen und großen Freuden erzählt.

 

 

Gott wohnt im Wedding (Hörbuch)

 

 

Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding (Hörbuch), der Hörverlag 2019, ISBN 978-3-8445-3265-4

 

Schon zuvor sei es gesagt: der neue Roman von Regina Scheer ist meiner Meinung nach ein Meisterwerk. Noch besser als in ihrem ersten Roman „Machandel“ gelingt es ihr, Gegenwart und  Vergangenheit auf dem Hintergrund deutscher Geschichte am Beispiel von Einzelschicksalen miteinander zu verknüpfen.

 

Auf über 400 Seiten geht es um ein Haus im Berliner Stadtteil Wedding und seine Geschichte im 20. Jahrhundert und in den ersten 15 Jahren des 21. Jahrhunderts. Die Lebensgeschichten der Menschen, die mit diesem Haus verknüpft sind, sind alle quasi schicksalhaft miteinander verbunden und erzählen eindrucksvoll von deutscher, jüdischer und ziganer Vergangenheit und Gegenwart.

 

Leo Lehmann kehrt nach 70 Jahren, die er in Israel in einem Kibbuz gewohnt hat, zusammen mit seiner Enkel Nira nach Berlin zurück, um mit seinem Anwalt Ansprüche nach Rückgaben von Eigentum zu klären, das seiner Familie von den Nazis gestohlen wurde. Eigentlich wollte er nie wieder zurückkehren, doch nun steht er vor dem Haus in der Utrechter Straße im ehemals roten Wedding und erinnert sich. Während die Autorin Leo während seines Aufenthaltes seine ehemalige Heimat erkunden lässt und in vielen Rückblicken nicht nur seine Geschichte erzählt, sondern auch die seines ebenfalls jüdischen Freundes Manfred, verliebt sich seine Enkelin Nira in Amir und wird am Ende ihren Großvater nicht mehr zurück nach Israel begleiten.

 

In dem alten Haus, das von Spekulanten heruntergewirtschaftet wurde, wohnt noch die über neunzigjährige Gertrud, die mit der Geschichte von Manfred und Leo während der Nazizeit eng verbunden ist. Auch sie wird sich in vielen Rückblicken erinnern. Der Roman ist so konstruiert, dass sich Leos und Gertruds Erinnerungen fast zwangsläufig aufeinander zu bewegen.

 

Doch nicht nur dieser Strang jüdischer Verfolgungsgeschichte durchzieht das Buch, sondern auch die der Sinti und Roma. Laila, die seit einiger Zeit in dem verfallenden Haus wohnt, lernt erst im Laufe des Buches, dass ihre Sintifamilie einst auch in diesem Haus gewohnt hat.

Regina Scheer ist deren Verfolgungsgeschichte bis auf den heutigen Tag (in dem Haus wohnen aktuell viele Sinti und Roma aus Rumänien und Bulgarien, die sich in Berlin ein bessere Leben erhoffen und schamlos ausgebeutet werden) sehr wichtig und sie nimmt neben den Erinnerungen von Leo und Gertrud sehr viel Platz ein. Tatsächlich ist dieser Roman der erste dieser Art, der mir zur Kenntnis gelangt ist, der den Sinti und Roma in Vergangenheit und Gegenwart eine angemessene Würdigung zukommen lässt.

 

All diese Geschichten bündeln sich in einem Haus, das Regina Scheer durch einen literarischen Kunstgriff immer wieder selbst von seiner bewegten Geschichte und die ihrer unterschiedlichen Bewohner in Vergangenheit und Gegenwart erzählen lässt. All diese Leben hat Regina Scheer zu einem großen literarischen Epos verwoben, ein Epos voller Wahrhaftigkeit und menschlicher Wärme.

 

Es sind diese vielen unterschiedlichen Menschen, die sich trotz allem etwas bewahrt haben von ihrer tiefen Menschlichkeit, die den Leser berühren und bewegen.

 

Ein großer Roman, vielschichtig konstruiert und mit viel Herzblut geschrieben. Mit diesem Buch empfiehlt sich Regina Scheer schon jetzt für eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2019.

 

Der Schauspieler Johannes von Bülow hat diese sehr gelungen gekürzte Hörbuchfassung eines großen Romans auf eine bewundernswerte Weise eingelesen, die allen Figuren, und es gibt ja wahrlich viele in diesem Buch eine einzigartige und authentische Stimme gibt.

 

Beim Hören fühlt man sich bald wie ein stiller, unsichtbarer Bewohner dieses Hauses , in dem sich die Lebenswege von Einheimischen und  Zugezogenen, von Verfolgten, Verlierern und Verachteten kreuzen, alle miteinander auf der Suche nach einem kleinen Stückchen Glück.

 

 

 

 

 

 

 

 

Geistergeschichte

 

 

 

Laura Freudenthaler, Geistergeschichte, Droschl 2019, ISBN 978-3-99059-025-6

 

Zu ihrem mit dem Bremer Literaturpreis 2018 augezeichneten letzten 2017 erschienenen Roman „Die Königin schweigt“ schrieb die Jury vor einem Jahr:

„Mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises wird Laura Freudenthaler für „Die Königin schweigt“ ausgezeichnet. Ein stiller, konzentrierter Roman, der eine alte Frau, die sich gegen das Erinnern und das Erzählen sperrt, auf ihr von Verlusten bestimmtes Leben zurückblicken lässt. Freudenthaler zeichnet das eindringliche Porträt einer Generation, die ein scheinbar unspektakuläres Dasein führte, in dem sich aber tatsächlich die große Geschichte verbirgt.“

 

Auch der neue Roman von Laura Freudenthaler, der wieder beim kleinen ambitionierten Droschl Literaturverlag in Österreich erschienen ist, entzieht sich auffallend deutlich dem literarischen Mainstream der Gegenwartsliteratur.

 

„Geistergeschichte“ erzählt von der etwa 50 -jährigen Klavierlehrerin Anne. Sie hat beschlossen, sich ein Freijahr, andernorts auch „Sabbatjahr“ genannt, zu gönnen und während dieser Zeit sich ohne Unterrichtsverpflichtungen ausschließlich dem eigenen Klavierspiel zu widmen und nebenbei ein Lehrbuch zu verfassen.

 

Doch bald schon kommt sie von dem vorgezeichneten Weg ab und sie gerät in einen Sog, in dem sie sich regelrecht aufzulösen droht und in den die Autorin den Leser auf eine Weise mitnimmt, der er sich nicht entziehen kann. Ihre üblichen Gewohnheiten vernachlässigend und ihr Vorhaben aus den Augen verlierend, streift Anne tagsüber durch die Stadt und überschreitet die Grenzen des ihr bisher Bekannten. Nachts hält sie ihre Beobachtungen in einem Notizheft fest. Diese Auflösung der  bisher für sie gewohnten Struktur hat auch Folgen für das Leben mit ihrem Partner Thomas, mit dem Anne seit zwanzig Jahren schon in einer gemeinsamen Wohnung lebt. Über diese lange Zeit sind zu einem Paar zusammengewachsen, das viele gemeinsame Erinnerungen teilt und den anderen perfekt zu lesen weiß.

Doch mit Annes Verwandlung werden sie sich immer fremder. Das was Anne schon seit einiger Zeit vermutet, dass Thomas eine Affäre hat, wird für sie nun  zur Gewissheit.  Ihre Wahrnehmung verändert sich mit jedem Tag mehr, für den Leser eine ebenso interessante wie irritierende Wendung. Immer mehr (ver)führt Laura Freudenthaler ihre Leser hinein in eine verfremdete Welt voller Spiegelungen und doppelten Bedeutungen, eine Wahrnehmungswelt von Anne, in der ihre Wirklichkeit und ihre Phantasie (oder soll man es anders nennen?) mehr und mehr sich vermischen. Zwischendrin taucht das Mädchen, mit dem Thomas sie angeblich betrügt, wie ein Geist auf, Anne hört Geräusche und nimmt Dinge wahr, die sie (und auch der Leser) nicht mehr eindeutig zuordnen kann.

 

Eine fragile Welt ist das, in der sich Freudenthalers Protagonistin da zunehmend bewegt. Die Grenzen von Wirklichkeit und Traum, das was Realität ist und was Einbildung, verschwimmen auch für den irritierten Leser, dem zwischendurch immer erschreckender deutlicher wird und werden soll, wie zerbrechlich und knapp von einer fürchterlich Grenze entfernt sein eigenes Leben und seine eigene Existenz verläuft. Das Lesen dieses Buches ist eine fast körperliche und auf jeden Fall seelische Grenzerfahrung.

 

Wer hätte eine solche Entfremdung, wie sie Anne erlebt, nicht schon einmal selbst erfahren, oder hat zumindest Angst davor?

 

 

 

 

 

 

Ich auch

 

 

 

Daniela Kulot, Ich auch, Gerstenberg 2019, ISBN 978-3-8369-5684-0

 

Daniela Kulot ist bekannt für ihre lustigen und meist witzig gereimten Bilderbücher. Auch ihr neues im Gerstenberg Verlag erschienenes kleines Buch für Kinder ab etwa 18 Monaten reiht sich in die Riege ihrer erfolgreichen und beliebten Kinderbücher ein.

 

Es geht darum, zusammen mit den kleinen Kindern den Spaß und die Freude am eigenen Körper zu entdecken. Mit lustigen Reimen wird daraus ein tierisch guter Mitmachspaß, denn die eigenen Körperteile werden mit denen von Tieren verglichen. Beispiel gefällig: „Das Schwein hat einen runden Bauch. Ich auch !“

 

Ein wunderschönes Buch zum gemeinsamen Anschauen, Vorlesen, Mitreimen und miteinander spielen!

 

 

Warum ich Christ bin. 26 Antworten von Persönlichkeiten der Gegenwart

 

 

 

Predrag Bukovec, Christoph Tröbinger (Hg), Warum ich Christ bin. 26 Antworten von Persönlichkeiten der Gegenwart, Patmos 2019, ISBN 978-38436-1126-8

 

Waren die Christen vor wenigen Jahrzehnten noch in unserem Land die zahlenmäßig dominierende Bevölkerungsgruppe, so ist die Zahl der Kirchenmitglieder heute stark geschrumpft, und bald wird es weniger als die Hälfte der Bevölkerung sein, die noch einer christlichen Kirche angehören.

 

Noch stärker ist die Zahl der Menschen gesunken, die heute noch an Gott glauben und ihr Leben als Christ oder Christin bewusst gestalten und leben. Die Herausgeber des vorliegenden Bandes sind der Frage nach der Relevanz des christlichen Glaubens dadurch nachgegangen, dass sie insgesamt 26 Persönlichkeiten der Gegenwart aus Politik, Kirche und Gesellschaft um Auskunft über den Grund ihres Glaubens gebeten haben.

 

In ihren sehr unterschiedlichen, aber ausnahmslos interessanten Antworten wird genau die Spannung deutlich, die auch in vielen religionssoziologischen Untersuchungen schon beschrieben wurde. Neben viele Aspekten, die das Christentum wesentlich ausmachen und die sich über die Zeiten nicht verändert haben, auch wenn sie durchaus unterschiedlich und persönlich konnotiert gedeutet werden, ist auch bei den um einen Beitrag gebetenen Personen der Glaube durchweg und oft sehr stark von sehr persönlichen und biografischen Erfahrungen und Erlebnissen geprägt.

 

Deutlich wird immer wieder: Christsein ist nicht subjektiv, aber es kann nur subjektiv ins eigene Leben übersetzt werden. In dieser Spannung befinden sich alle Menschen, die bewusst als Christin oder Christ leben wollen.  Als Christ ist man heute gefragt, den eigenen Glauben und die eigene vom Glauben geprägte Lebenspraxis bis ins Politische hinein vor der eigenen Vernunft, aber auch vor den Anfragen und Herausforderungen der Gesellschaft und der anderen Religionen zu verantworten.

 

Die Auswahl der an diesem aufschlussreichen Stimmungsbild teilnehmenden Persönlichkeiten ist vielfältig und hat mich in den unterschiedlichen Beiträgen selbst sehr bereichert.

 

Das Buch reflektiert die Verschiedenartigkeit heutigen gelebten Christseins im deutschsprachigen Raum. Für jeden motivierten Leser werden seine Beiträge so zu wichtigen Impulsen, sein eigenes Christsein zu reflektieren und sich darüber mehr Klarheit zu verschaffen.

 

 

Gott wohnt im Wedding

 

 

 

Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding, Penguin 2019, ISBN 978-3-328-60016-9

 

Schon zuvor sei es gesagt: der neue Roman von Regina Scheer ist meiner Meinung nach ein Meisterwerk. Noch besser als in ihrem ersten Roman „Machandel“ gelingt es ihr, Gegenwart und  Vergangenheit auf dem Hintergrund deutscher Geschichte am Beispiel von Einzelschicksalen miteinander zu verknüpfen.

 

Auf über 400 Seiten geht es um ein Haus im Berliner Stadtteil Wedding und seine Geschichte im 20. Jahrhundert und in den ersten 15 Jahren des 21. Jahrhunderts. Die Lebensgeschichten der Menschen, die mit diesem Haus verknüpft sind, sind alle quasi schicksalhaft miteinander verbunden und erzählen eindrucksvoll von deutscher, jüdischer und ziganer Vergangenheit und Gegenwart.

 

Leo Lehmann kehrt nach 70 Jahren, die er in Israel in einem Kibbuz gewohnt hat, zusammen mit seiner Enkel Nira nach Berlin zurück, um mit seinem Anwalt Ansprüche nach Rückgaben von Eigentum zu klären, das seiner Familie von den Nazis gestohlen wurde. Eigentlich wollte er nie wieder zurückkehren, doch nun steht er vor dem Haus in der Utrechter Straße im ehemals roten Wedding und erinnert sich. Während die Autorin Leo während seines Aufenthaltes seine ehemalige Heimat erkunden lässt und in vielen Rückblicken nicht nur seine Geschichte erzählt, sondern auch die seines ebenfalls jüdischen Freundes Manfred, verliebt sich seine Enkelin Nira in Amir und wird am Ende ihren Großvater nicht mehr zurück nach Israel begleiten.

 

In dem alten Haus, das von Spekulanten heruntergewirtschaftet wurde, wohnt noch die über neunzigjährige Gertrud, die mit der Geschichte von Manfred und Leo während der Nazizeit eng verbunden ist. Auch sie wird sich in vielen Rückblicken erinnern. Der Roman ist so konstruiert, dass sich Leos und Gertruds Erinnerungen fast zwangsläufig aufeinander zu bewegen.

 

Doch nicht nur dieser Strang jüdischer Verfolgungsgeschichte durchzieht das Buch, sondern auch die der Sinti und Roma. Laila, die seit einiger Zeit in dem verfallenden Haus wohnt, lernt erst im Laufe des Buches, dass ihre Sintifamilie einst auch in diesem Haus gewohnt hat.

Regina Scheer ist deren Verfolgungsgeschichte bis auf den heutigen Tag (in dem Haus wohnen aktuell viele Sinti und Roma aus Rumänien und Bulgarien, die sich in Berlin ein bessere Leben erhoffen und schamlos ausgebeutet werden) sehr wichtig und sie nimmt neben den Erinnerungen von Leo und Gertrud sehr viel Platz ein. Tatsächlich ist dieser Roman der erste dieser Art, der mir zur Kenntnis gelangt ist, der den Sinti und Roma in Vergangenheit und Gegenwart eine angemessene Würdigung zukommen lässt.

 

All diese Geschichten bündeln sich in einem Haus, das Regina Scheer durch einen literarischen Kunstgriff immer wieder selbst von seiner bewegten Geschichte und die ihrer unterschiedlichen Bewohner in Vergangenheit und Gegenwart erzählen lässt. All diese Leben hat Regina Scheer zu einem großen literarischen Epos verwoben, ein Epos voller Wahrhaftigkeit und menschlicher Wärme.

 

Es sind diese vielen unterschiedlichen Menschen, die sich trotz allem etwas bewahrt haben von ihrer tiefen Menschlichkeit, die den Leser berühren und bewegen.

 

Ein großer Roman, vielschichtig konstruiert und mit viel Herzblut geschrieben. Mit diesem Buch empfiehlt sich Regina Scheer schon jetzt für eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2019.

 

 

 

 

Schluss mit everbodys Darling

 

 

Carsten K. Rath, Schluss mit everbodys Darling, Goldegg Verlag 2019, ISBN 978-3-99060-105-1

 

In den Zeiten, in denen der Autor dieser Rezension aufgewachsen ist, da war es gängige Erziehungspraxis von Eltern und Großeltern, den Kindern immer wieder zu vermitteln, dass „das, was die Leute denken“ eine Größe ist, die man nur selten ungestraft missachtet. Erst in meiner Jugend, auch unterstützt von Studenten- und Schülerbewegung gelang es mir teilweise, mich von dieser Maxime zu lösen.

 

Wie so vielen anderen Menschen, denen diese neue Zeit geholfen hat, ihren eigenen Weg zu gehen. Doch auch der war damals oft bestimmt durch andere. Die „Leute“ der fünfziger Jahre wurden abgelöst durch so manche Ideologie, so manche hegemoniale Bestrebungen bestimmter Gruppen, die immer schon genau wussten, wie „richtiges, freies“ Leben geht und wie nicht.

 

Und so kamen neue Zwänge über die Menschen.  Heute ist es so, dass im Zeitalter der Likes und die das Selbstbewusstsein vieler Menschen bestimmende Zahl der „Freunde“ in den angeblich „sozialen“ Medien viele Menschen vielleicht noch nie so fremdbestimmt  waren wie nie zuvor.

 

Beliebt sein, erfolgreich sein, Geld haben, mehrmals im Jahr in Urlaub fahren, schön und fit daher kommen, das sind die modernen Fremdbestimmer.

 

Oft ist es durchaus so, dass der Einzelne durchaus spürt, wenn er gegen seine Prinzipien, gegen seine Werte, seine Überzeugung und sein Bauchgefühl handelt. Andere gehen sogar noch weiter um beliebt zu sein. Sie geben sich und ihr Selbst zeitweise oder ganz auf, verbiegen sich bis zur Selbstverleugnung, nur um bei anderen beliebt zu sein und deren Bewunderung zu bekommen. Kurzfristig erreichen sie dadurch Zuspruch. Auf lange Sicht verlieren sie sich aber selbst.

 

Der Autor des vorliegenden Buches Carsten K. Rath betont immer wieder, dass Erfolg viel damit zu tun hat, dass man seinen eigenen Weg geht.  Dazu gehört notwendigerweise, dass man endlich damit aufhört, sich mit anderen zu vergleichen. Meine Erfahrung ist es, dass der Vergleich, wo und wann immer er angestellt wird, der Tod nicht nur  jeder Individualität. sondern auch jeder Beziehung ist.

 

Sein Leben selbst aktiv zu leben, sich nicht verstellen, mutig den eigenen Weg gehen, gegen alle meist erziehungsbedingte Widerstände, um sein eigenes persönliche Glück zu finden, dazu ermutigt der Autor in seinem Buch seine Leser mit vielen aufschlussreichen Beispielen.

 

Dass der Weg zum eigenen Selbst auch ein spiritueller Weg ist, habe ich vor langer Zeit schon im wunderbaren immer noch lieferbaren Buch von Ulrich Schaffer gelernt, dass ich in diesem Zusammenhang immer noch empfehlen kann: „GrundRechte- Ein Manifest.“

 

 

 

 

Hinten und vorn. Alles, was krabbelt und fliegt

 

 

 

John Canty, Hinten und vorn. Alles, was krabbelt und fliegt, Hanser 2019, ISBN 978-3-446-26208-9

 

Mit diesem einzigartigen und von der Hanser Lektorin Christiane Schwabbaur aus dem Englischen übersetzten Sachbilderbuch für  Kinder ab etwa 2-3 Jahren des australischen Künstlers John Canty zeigt sich Hanser erneut als Verlag, der seine Kinderbuchabteilung nicht nur nebenher betreibt, sondern mit sehr viel Sorgfalt pflegt.

 

In diesem Buch können die Kinder nicht nur Insekten und ihr unterschiedliches Aussehen kennenlernen, sondern sie können es auf eine Art tun, die Kindern gefällt, mit kleinen Rätseln nämlich.

 

Zunächst sieht man nur das Hinterteil, dann folgen drei Hinweise, und schon können auch kleine Leser das richtige Insekt erraten. Spielerisch und mit wunderbar zarten Bildern lenkt Canty die Aufmerksamkeit der Kinder auf bekannte Krabbeltiere mit und ohne Flügel.

 

Auf diese Weise können schon die Kleinsten die Wunderwelt der Insekten kennenlernen.

 

Ein sehr empfehlenswertes und künstlerisch gelungenes Sachbilderbuch.