Worauf wir uns verlassen wollen. Für eine neue Idee des Konservativen

 

 

Winfried Kretschmann, Worauf wir uns verlassen wollen. Für eine neue Idee des Konservativen, S. Fischer 2018, ISBN 978-3-10-397438-6

 

Die Zeiten sind hart. Alles ändert sich. Man hat den Eindruck, wenn man als kritischer Zeitgenosse die Nachrichten verfolgt, dass eine schlechte Meldung, eine katastrophale Nachricht die andere ablöst. Hoffnung auf Besserung ist rar, politische Arbeit scheint angesichts der riesigen Probleme hinsichtlich einer Sysyphosarbeit gleich.

Der Klimawandel bedroht unsere Zivilisation. Der internationale islamistische Terror rückt näher an uns heran. Und noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht. Diese Umbrüche verunsichern uns. Der gesellschaftliche Zusammenhang beginnt zu bröckeln.

 

Gleichzeitig feiern die, die mit den Ängsten der Bürger genau vor solchen unsicheren Zeiten für sich und ihre Nachkommen, spielen, einen Erfolg nach dem anderen. Sie gaukeln ihren Wählern auf dem Hintergrund des Angebots klarer Feindbilder und den Flüchtlingen als neuem Sündenbock vor, es könne alles so bleiben wie früher, wenn nur sie das Sagen hätten. Das verkaufen sie als konservativ, obwohl es rassistisch, fremdenfeindlich und reaktionär ist bis auf die Knochen.

 

Was es mit dem Konservativen wirklich auf sich hat, welche neue Ideen es braucht, um das zu erhalten, was wirklich wichtig ist und offen zu bleiben, für das, was da kommen will, das zeigt Winfried Kretschmann in seinem hier vorliegenden Essay „Worauf wir uns verlassen wollen“. Er sagt: „In Zeiten stürmischen Wandels braucht es Prinzipien und Haltungen, die den Tag überdauern.“

Fortschrittlichkeit und konservatives Denken verbinden –  das ist das Ziel, dem Winfried Kretschmann in seinem neuen Buch auf der Spur ist. Und dazu gehört vor allem, nach Aristoteles, auf den er sich neben etlichen anderen Philosophen sehr oft bezieht, das Maß zu halten. Er will Respekt vor dem, was die Menschheit schon immer für richtig gehalten hat, vor Werten und Tugenden, die uns Orientierung geben. Maß und Mitte, Vertrauen und Verlässlichkeit – diese Tugenden sind wichtig und müssen immer neu gesucht und bekräftigt werden, damit unser Zusammenleben weiter gut funktionieren kann. Rückbesinnung auf Bewährtes, um die drohende Spaltung der Gesellschaft aufzuhalten und ihre Risse zu heilen.

 

Solche Stimmen wie die von Kretschmann müsste es in der aktiven Politik mehr geben.

 

Sein Buch ist ein wichtiger und wertvoller Beitrag zur gegenwärtigen innenpolitischen Debatte und ein Vademecum gegen die AFD

 

 

Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft

 

 

 

 

Werner Bätzing, Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft, wbgTheiss 2018, ISBN 978-3-8062-3779-5

 

 

Schon in den achtziger Jahren habe ich als Leser der damaligen Frankfurter Zeitschrift „Kommune“ mit großem Interesse die Aufsätze des damals noch jungen Werner Bätzing verfolgt. Er verstand es, jenseits von Naturromantik und dem fundamentalistischen Teil der Ökologiebewegung dem Leser sowohl die Schönheit insbesondere der Alpenregion nahe zu bringen, als auch mit scharfer Feder ihre Bedrohung und Gefährdung zu beschreiben.

Ein Teil dieser Arbeiten für die „Kommune“ zusammen mit vielen anderen, zum Teil an entlegenen Orten erschienenen Aufsätzen von Werner Bätzing erschien 2009 in einem sehr lesenswerten und informativen Sammelband unter dem Titel: „Orte guten Lebens. Die Alpen jenseits von Übernutzung und Idyll“.

Die Texte aus mehr als zwei Jahrzehnten des mittlerweile als Professor für Kulturgeographie an der Universität Erlangen-Nürnberg arbeitenden Werner Bätzing drehen sich allesamt um die wichtige Frage, wie unter den heutigen Rahmenbedingungen ein lebenswertes Leben in den Alpen möglich ist, ein Leben, das sich dessen bewusst ist, seine eigenen Lebensgrundlagen nicht zerstören zu wollen.

Der berühmte Reinhold Messner schreibt in seinem Geleitwort zu diesem kulturgeschichtlichen Buch:
„Es war Werner Bätzing, der mein Interesse, das lange Zeit auf den Gipfel fokussiert war, auf die Menschen in den Alpen gelenkt hat. Seine Forschungsergebnisse, seine Bücher und vor allem sein Einsatz vor Ort haben ihn zum bedeutendsten Sprecher jener Bergkultur gemacht, von der die Zukunft der Alpen abhängt.“

 

Auch in seinem neuen Buch mit vielen eindrucksvollen Fotografien für den wbgTheiss Verlag führt Bätzing seine fundamentale Kritik fort. Der Erhalt des Kulturraums Alpen steht in Frage durch Massentourismus, Autobahnen, Stauseen und jede Menge neuer Gewerbegebiete. All das verändert den Alpenraum in den letzten Jahren immer mehr und so droht die Natur- und Kulturlandschaft dort gänzlich zu verschwinden.

 

Nach wie vor gilt: „Weil die Alpen in der europäischen Kulturgeschichte das zentrale Symbol für fremde, bedrohliche Natur darstellen, können sie besser als andere europäische Regionen erklären, wie heute eine nachhaltige Entwicklung in Europa aussehen kann, die gerade in einer extrem schwierigen Umwelt ökologische Stabilität mit kultureller Lebendigkeit verbinden kann.“

Der vorliegende Band verbindet eine Zusammenfassung von Sachwissen über die bedrohte Alpenlandschaft und deren Ursachen und  mögliche Auswege mit wunderbaren Bildern, die anschaulich belegen, was da auf dem Spiel steht.

Gefährliche Toleranz. Der fatale Umgang der Linken mit dem Islam

 

 

 

Samuel Schirmbeck, Gefährliche Toleranz. Der fatale Umgang der Linken mit dem Islam, Orell Füssli 2018, ISBN 978-3-280-05687-5

 

Samuel Schirmbeck, ehemaliger ARD-Korrespondent in Algerien, der der die islamischen Länder und den Islam von innen kennt wie kaum ein zweiter, hat schon im vergangene Jahr in seinem Buch „Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen“  in vielen Beispielen aus den letzten Jahren und mit einer beißenden Kritik an führenden Politikern der Linken und der Grünen in Deutschland, nachgewiesen, wie ratlos und verharmlosend diese die wahren Absichten der Islamisten verkennen.

 

Damals schon betonte er gegen seine Kritiker: „Islamkritik bedeutet mitnichten, Muslime anzugreifen, sondern Schutz vor seinen menschenverachtenden Auswüchsen, die sich gegen Frauen, Homosexuelle, gegen eigenständig Denkende und sogenannte Ungläubige richten – also auch gegen Millionen von Musliminnen und Muslimen.“

 

Nun legt er in einem weiteren Buch nach, das sich mit der seiner Meinung „gefährlichen Toleranz“ der Linken im Umgang mit dem Islam richtet. Zur Linken insbesondere in Deutschland zählt er nicht nur die Politiker und Anhänger der gleichnamigen Partei, sondern auch weite Teile der Grünen und SPD-Linken.

 

Wie kann  es möglich sein, fragt Schirmbeck noch drängender und anklagender als im letzten Jahr, dass diese Linken die  sich doch selbst als emanzipatorisch verstehen und alle möglichen Formen der Unterdrückung und Auswüchsen von Religionen kritisieren und verabscheuen – ausgerechnet die kritische Auseinandersetzung mit dem Islam einer Rechten überlässt, die eine offene und liberale Gesellschaft ohnehin ablehnt? Stattdessen ist an die Stelle linker Islamkritik vielerorts eine linke Tabuisierungskultur getreten.

 

Gleichzeitig werden von derselben Linken Menschen, die weite Teile des gegenwärtigen Islam als eine frauenfeindliche, doktrinäre und rassistische Ideologie mit tödlichen Folgen für Andersdenkende bezeichnen und anklagen, unter den Generalverdacht des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit gestellt.

Indem sie solcherart jede Menge Rede-und Denktabus aufstellen, bis hinein in die liberalen Medien, tragen sie, sicher ungewollt, aber wirksam zum Aufstieg rechter Grupperungen bei. Warum, so fragt Schirmbeck, stellt eine Linke, die sich doch in ihrer langen Tradition der Religionskritik verpflichtet fühlt, solche Tabus auf?

Eine linke Tabuisierungskultur, die nur dazu auffordert, den Islam als eine Bereicherung der „bunten Republik“ Deutschland anzusehen, belässt die zugewanderten Muslime in ihrem Identitätsgefängnis aus Religion, Tradition und antimodernen Reflexen.

„Insgesamt kann man sagen – und das erlebe ich nun seit meiner Rückkehr aus Nordafrika, nach diesen zehn Jahren, und ich reise ja auch immer wieder dorthin, gibt es überhaupt keine wirkliche Auseinandersetzung mit der Frage des Islam. Ich habe das erlebt seit 2001, seit 9/11, gibt es zwei Worte: Die Verbände sagen ‚islamophob‘, wenn man kritische Fragen stellt, und die Grünen und Linken sagen ‚Rassismus‘. Damit ist die Diskussion gekillt.“

 

Möge dieses Buch dazu beitragen, dass Tendenzen der Enttabuisierung, die Cem Özdemir bei den Grünen etwa schon gezeigt hat nach den Anschlägen von Paris, sich verstärken, und die Linke ihr kritisches Potential auch am Islam sich abarbeiten lässt.

 

 

 

 

Das Leben in einem Atemzug

 

 

 

Neel Mukherjee, Das Leben in einem Atemzug, Kunstmann Verklag 2018, ISBN 978-3-95614-254-3

 

Neel Mukherjee, britischer Schriftsteller indischer Herkunft, hat mit seinem schwergewichtigen Familienepos “In anderen Herzen“ vor einigen Jahren die Literaturkritik nicht nur in England begeistert.

 

In seinem neuen Roman „Das Leben in einem Atemzug“, weniger umfangreich als sein Vorgänger, steht nicht mehr wie ehedem eine ganze Familie in all ihren Verästelungen im Vordergrund, sondern es geht um einzelne Menschen. Alle sehnen sie sich nach einem besseren Leben, sie streben mit ihrer ganzen Kraft danach, wollen ausbrechen aus einem Leben, das ihnen unveränderlich vom Schicksal vorgegeben scheint.

 

Was geschieht, wenn Menschen ihr Leben, ihr Zuhause verlassen um für sich und ihre Familie nach etwas Besserem zu suchen?

 

Fünf unterschiedliche Lebensschicksale hat der Autor erfunden, die in ihrer Summe ein beeindruckendes Bild der gegenwärtigen indischen Gesellschaft vermitteln. Da beschreibt er eine Köchin in Mumbai, die in sechs Haushalten kochen muss, um ihren Lebensunterhalt einigermaßen zu sichern. Oder der Mann, der einen Tanzbär besitzt und mit ihm von Ort zu Ort zieht und auf die Almosen der Zuschauer seiner Künste angewiesen ist. Beeindruckend auch das Mädchen, das vor den Terroristen, die ihr Dorf mit Gewalt bedrohen, flieht, um in der Stadt einen neuen Anfang zu wagen.

 

Sie alle machen die Erfahrung vom Alleinsein, von Fremdsein, müssen sich damit auseinandersetzen, kein Zuhause mehr zu haben. Und immer scheint in allen Geschichten durch, dass eine alte, überwunden geglaubte Gesellschaftsform noch mächtiger ist, als man offiziell zugeben mag. Das alte Kastensystem, obwohl abgeschafft, ist im Alltag der Menschen immer gegenwärtig. Nach wie vor ist es sehr schwer, aus seinem Stand in eine höhere Gesellschaftsschicht aufzusteigen.

 

Lange bleibt unklar, ob sich die Schicksale der beschriebenen fünf Menschen am Ende in irgendeiner Form berühren werden.

 

„Das Leben in einem Atemzug“ ist ein sensibler, nachdenklicher Roman, der seinen Leser schnell in den Bann zieht und ihm einen ganz hervorragenden Einblick zu geben vermag in die moderne indische Gesellschaft im Umbruch

 

 

 

 

 

 

 

Licht in der Landschaft 2019

 

 

 

Frank Krahmer, Licht in der Landschaft 2019, Dumont Kalenderverlag 20918, ISBN 978-3-8320-3907-3

 

Hatten an dem letztjährigen Kalender des Dumont Verlags „Licht in der Landschaft“ noch mehrere verschiedene Fotografen mitgewirkt, wird die Ausgabe 2019 ausschließlich aus Fotografien von Frank Krahmer, der noch den Kalender „Orte der Stille 2019“ gestaltet hat.

 

Die Bilder dieses Kalenders stammen aus aller Welt mit dem Schwerpunkt in Deutschland. Sie spielen, meist mit Wasser im Vordergrund mit dem natürlichen Licht und öffnen durch ihre Perspektive alle den Blick ins Weite.

 

Deshalb eignet sich dieser Kalender ähnlich wie „Orte der Stille“ hervorragend als täglicher Anlass, einen Moment innezuhalten in der Freude an der Schönheit der Natur.

Mein Ein und Alles

 

 

 

Gabriel Tallent, Mein Ein und Alles, Penguin 2018, ISBN 978-3-328-60028-2

 

„Mein Ein und Alles“ ist ein Romandebüt, das in den USA eine gespaltene Rezeption erfahren hat, denn in einem solchen Ton wurde so vorher dort noch nie über Gewalt und Kindesmissbrauch geschrieben.

 

Es ist ein Roman voller wunderbarer und sprachlich in einer solchen Form noch nie gelesenen Beschreibungen der nordkalifornischen Natur, die der Autor jahrelang als Guide durchstreift und kennengelernt hat.

 

Der wirklich unter die Haut gehenden Roman erzählt die Befreiungsgeschichte der 14-jährigen Julia Alveston, genannt Turtle, die  seit dem frühen Tod ihrer Mutter allein mit ihrem waffennarrigen Vater Martin zusammenlebt. Sie wächst in einem heruntergekommenen Männerhaushalt auf und teilt die Vorstellung ihres Vaters, dass man mit der Waffe in der Hand jeden Tag um sein Überleben kämpfen muss. Der Vater übt schon von früh auf mit Turtle den Umgang mit Waffen und sie ist auch eine hervorragende Schützin.

 

Doch so sehr sie ihren Vater liebt, so sehr fürchtet sie seine sexuellen Übergriffe und die fast täglichen Vergewaltigungen. In stundenlangen Märschen durch die Natur, wo sie jede Pflanze und jedes Lebewesen genau mit Namen kennt, sucht sie vor diesen Übergriffen Zuflucht.

 

Die Beschreibungen dieses permanenten physischen und psychischen Missbrauchs und wie sie Turtle in eine Hölle sich widersprechender Gefühle stürzen, sind schwer zu ertragen weil sie ähnlich genau und differenziert formuliert sind wie Tallents außergewöhnliche Naturbeschreibungen. Ich nehme an, es waren diese Szenen und die Kritik an dem Waffenfetischismus des Vaters, die das Buch in den USA so umstritten machten.

 

Turtles Schicksal scheint aussichtslos. Auch der in der Nähe wohnende Großvater, der seinen Sohn genau kennt und offenbar ahnt, was sich in dessen Haus abspielt, kann dem Mädchen nicht helfen.

 

Als Turtle in der Schule einen Jungen namens Jacob kennenlernt und in einer langsamen Annäherung erfährt, wodurch sich wahre Freundschaft auszeichnet, findet sie schrittweise den Mut, sich gegen den Vater aufzulehnen. Ihre zuvor enge Welt öffnet sich und viele neue, aber angsterregende Möglichkeiten liegen offen vor ihr.

 

Martin spürt sehr schnell, das seine Tochter sich von ihm absetzt: Mit brutaler Gewalt versucht er Turtle wieder in die Zucht zu nehmen. Er kann und will seine Tochter nicht loslassen. Als er eines Tages ein jüngeres Mädchen mitbringt, die er genauso missbraucht, da fallen Turtle alle Schuppen von den Augen und es beginnt ein langer Kampf um Leben und Tod.

 

Das Buch schildert, mit Wucht und Zartheit gleichermaßen, den Befreiungskampf eines zuvor in der Hölle der väterlichen Macht und Begierde gefangenen Mädchens. Gabriel Tallent tut das als Romandebütant in einer so vorher noch nie gelesenen Sprache, einer Sprache, die einen nicht loslässt, regelrecht überwältigend und trotz aller furchtbaren Gewalt, die beschrieben wird, mit einer zärtlich-poetischen Schönheit. Sie aus dem Amerikanischen zu übersetzen war sicher nicht leicht ist aber Stephan Kleiner hervorragend gelungen.

 

Wer solch einen Erstling vorlegt, dem traut man viel zu. Doch nach einem solchen „Meisterwerk“ (Stephen King) einen Nachfolger zu präsentieren, wird nicht leicht werden. Ich jedenfalls warte gespannt darauf.

 

 

 

 

 

Eines Tages in der Provence (Hörbuch)

 

 

 

Karine Lambert, Eines Tages in der Provence (Hörbuch), Random House Audio 2018, ISBN 978-3-8371-4286-0

 

Ihren letzten Roman „Und jetzt lass uns tanzen“, in dem sie eine späte Liebe zweier zuvor allein lebenden alten Menschen warmherzig und liebevoll beschreibt, habe ich im vergangenen Jahr mit großer Begeisterung gelesen. In einer Rezension schrieb ich über die beiden:

„Gegen alle Widerstände der jüngeren Mitglieder ihrer beiden Familien führen sie ihre Beziehung nach der Kur weiter und sie öffnen sich wieder dem Leben und der Liebe. Sie wagen es, sich neu auf einen anderen Menschen einzulassen. Sie schaffen es, sich ihr bisheriges Leben zu lassen und es zu würdigen und können so miteinander etwas völlig Neues erleben. Ja, auch im Alter geht das, sich neu einzulassen und trotz knapper Zukunft noch einmal neu zu beginnen.“

 

Auch in ihrem neuen Roman beschreibt Karine Lambert, wie Menschen gegen alle Widerstände sich zusammentun und etwas nicht für möglich Gehaltenes erreichen. Sie entführt in diesem kleinen Roman ihre Leser in ein kleines Dorf in der Provence. Dort steht auf dem Marktplatz ein prächtiger über einhundert Jahre alter Baum, eine Platane, die schon Generationen im Sommer ihren Schatten  gespendet hat, unter dem Markttage stattfinden und ausgelassene Feiern. Ein wunderbarer Ort der Kommunikation und Gemeinschaft. Suzanne, die Besitzerin der Bar serviert dort ihren Gästen vom Frühjahr bis in den späten Herbst Pastis und andere Leckereien, Manu verkauft seine Artischocken, der junge Clement liebt es in seinen Ästen herumzuklettern, wie so viele Kinder vor ihm und die beiden uralten Schwestern Adeline und Violette erinnert er an ihre Jugend, als sie in zwei junge Männer verliebt waren, die aber dann im Krieg gefallen sind.

 

Nun hat der Bürgermeister beschlossen, dass der alte Baum gefällt werden soll und seinen Mitarbeiter Francois Lebrun damit beauftragt, eine entsprechende Ankündigung mit dem Datum der Fällung an den Stamm des Baumes zu hängen.

 

Alle regen sich furchtbar auf, scheinen aber das Schicksal des Baumes für besiegelt zu halten und zu resignieren. Doch Clement ist nicht bereit, das hinzunehmen und er beginnt Zettel aufzuhängen, die auf die Fällung hinweisen und zum Protest auffordern. Selbst einen Brief an den Staatspräsidenten schreibt er. Schon nach wenigen Tagen hat er viele Menschen aus dem Dorf überzeugt und sie formieren ihren Widerstand für die Rettung des Baumes.

 

Liebevoll werden die Anwohner rundum den Marktplatz von Karine Lambert proträtiert und ihre Geschichte wird erzählt. Beginnend mit dem 1, März, als Francois Lebrun die Ankündigung an den Baum hängt bis zum 21. März, als sich alles aufklärt, schildert die Autorin durchaus spannend, mit welchen tiefen Emotionen die Bewohner um den Erhalt ihres Baumes kämpfen. Der, und das ist das Fantasyelement in dem Buch, selbst mit seinen Erinnerungen zu Wort kommt.

 

Warmherzig und voller Poesie wird hier eine Geschichte erzählt von den großen und kleinen  Wahrheiten und Weisheiten des Lebens und von der tiefen Verbindung von Menschen mit der sie umgebenden Natur.

 

Die hier bei Random House Audio veröffentlichte ungekürzte Lesung des Buches hat Sascha Rotermund sehr gefühlvoll eingelesen. Auf eine angenehme Weise schafft er es mit seiner Stimme und seiner Interpretation das provenzalische Dorf und seine Atmosphäre und seine sympathischen Bewohner lebendig werden zu lassen.

 

 

 

 

Oskar

 

 

 

 

Max Bronski, Oskar, Droemer 2018, ISBN 978-3-426-30610-9

 

Die Titelfigur des neuen Romans von Max Bronski, der durch seine Serie über den Antiquitätenhändler Gossec sich in Krimikreisen einen Namen machte heißt Oskar. Er hat keine Ahnung wer er wirklich ist, als er in einem durch München fahrenden Leichenwagen aufwacht. Er ist offenbar Teil eines kriminellen Deals geworden, bei dem Papiere von Toten gefälscht werden und diese dann im Krematorium entsorgt werden.

Doch der aschentote Oskar erwacht rechtzeitig und kann sich aus dem Leichenwagen befreien. Als der Wagen an einer Ampel halten muss, ergreift er die Flucht und findet sich, nur mit einer Boxershort bekleidet im Englischen Garten wieder.

Oskar versucht herauszufinden, was da eigentlich mit ihm geschehen ist und wer er überhaupt ist. Mit zwei Stimmen im Kopf, die sich ständig in seine Gedanken mischen und einigen Typen, die offenbar hinter ihm her sind, stellt sich das als gar nicht so einfach heraus.

 

So witzig das Buch anfangen mag, es geht ziemlich ernsthaft weiter. Mit der langsamen Rückkehr von Oskars Erinnerung gerat man als Leser mitten hinein in eine dramatische Familientragödie in der es geht um Freundschaft und Verrat, um Schuld und Sühne.

 

„Oskar“ ist kaum einzuordnen in irgendein klassisches Genre, entwickelt aber schon bald eine Anziehung, die den Leser nicht mehr los lässt bis zu einem Ende, das man genau lesen sollte, so überraschend ist es.

 

 

Kleiner Bruder 2019. C.H. Beck Gedichtekalender

 

 

 

Dirk von Petersdorff (Hg.), Kleiner Bruder 2019. C.H. Beck Gedichtekalender, C.H. Beck 2018, ISBN 978-3-406-72219-6

 

Insgesamt 34 Jahrgänge diese traditionsreichen Kalenders hat der auf Sylt wirkende Pfarrer und Dichter Traugott Giesen zwischen 1985 und 2018 herausgegeben. Zunächst unter dem Namen „Kleiner Bruder“ im kleinen Verlag Langewiesche-Brandt, später dann ab 2011 nach dem Wechsel zu C.H. Beck unter seinem jetzigen Titel.  Neben den von ihm ausgewählten Gedichten gehörten sehr lange die Pinsel-Vignetten von Ina Seeberg zu seinem beliebten Erscheinungsbild.

 

Nun hat, auf Empfehlung der ausscheidenden Macher des Kalenders der Verlag den Schriftsteller und Dichter Dirk von Petersdorff als neuen Herausgeber gewonnen, der mit dem 2019 er Kalender hier sein erste Auswahl vorlegt. Chris Kempe ist ab diesem Jahr für die Gestaltung des Kalenders mit ansprechenden Pinsel-Vignetten verantwortlich.

 

Die erste Auswahl von Dirk von Petersdorff, der im Beck Verlag Romane und Lyrikbände publiziert hat, überzeugt durch eine gelungene Mischung  von modernen und klassischen Autoren und Gedichten. Für mich im Zentrum steht das Gedicht „Ermutigung“ von Wolf Biermann, das er selbst vertont hat, und das schon vielen engagierten Menschen in den vergangenen Jahrzehnten Kraft und Mut gegeben hat.

Nach vorn

 

 

 

Elisabeth Etz, Nach vorn, Tyrolia 2018, ISBN 978-37022-3700-4

 

„Nach vorn“, das neue Buch der schon mehrfach für ihre Jugendbücher ausgezeichneten Schriftstellerin Elisabeth Etz hat es in sich. In diesem Jugendroman erzählt die 17-jährige Helene ihre Geschichte.

 

Als sie vor 18 Monaten mit der Diagnose Krebs konfrontiert wurde, da drohte ihre Welt, die gerade erst so richtig Gestalt annahm, schon wieder zusammenzubrechen.

Nun schicken sie ihre Ärzte, die sich lange um sie gekümmert haben, mit dem Hinweis in dieses Leben zurück, sie sei geheilt. Das Wort endgültig nehmen sie nicht in den Mund. Bei Krebs weiß man nie. Dennoch: der Port ist draußen, der die Chemo in ihren Körper leitete. Der Krebs gibt Ruhe. Keine Metastasen. Die lange Zeit im Krankenhaus, die Zeit des Bangens von einer Behandlung zur anderen, von einer Untersuchung zur nächsten, die Zeit des Kämpfen und des Ertragens des Unsäglichen, das alles scheint vorbei.

 

Und dennoch hat der Krebs bei Helene tiefe Spuren hinterlassen, nicht nur die Narbe seitlich am Oberkörper. Spuren, die kein MRT abbildet, Spuren in der Seele. Denn was sie nach der Rückkehr in ihr normales Leben feststellen muss: man kann nicht einfach weitermachen, wo man vor der schrecklichen Diagnose aufgehört hat.

 

Helene kann kein normaler Teenager mehr sein. Sie stößt mit ihrem Verhalten auf viel Unverständnis und Ablehnung, verliert alte und gute Freundinnen und Freunde. Sie hat sich verändert. Auch an ihrem Namen will sie das deutlich machen. Statt Lene will sie jetzt Hel genannt werden. Die Assoziationen zum englischen hell für Hölle sind von ihr bewusst gewählt.

 

Doch an Orten, wo sie nicht damit rechnet, findet sie neue Freunde und lernt auch die Liebe kennen. Überall muss sie neue Wege gehen, sich mit Neuem zurechtfinden. Nicht immer leicht für sie. Doch irgendwann erkennt sie, dass sie beim Blick in die Zukunft, in ihre Zukunft, nicht allein da steht, wie sie die ganze Zeit immer dachte.

Doch ein Gedanke wird sie weiter beschäftigen und auch den von diesem Buch bewegten Leser: was ist eigentlich mit all denen, denen sie in der Klinik- und Therapiezeit begegnet ist? All denen, die es nicht geschafft haben, die früher oder später gestorben sind, obwohl auch sie gekämpft haben? Waren die nicht tapfer genug, oder was?

 

„Nach vorn“ ist ein Buch, das mit seinem Thema und seiner direkten Sprache unter die Haut geht. Es ist für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen zu empfehlen.