Experimente für Kinder

 

Charlotte Willmer-Klumpp, Experimente für Kinder, Ravensburger Verlag 2018, ISBN 978-3 473-55453-9

 

Warum kann ein  Wasserläufer auf dem Wasser quasi wie auf einer Haut kaufen ohne unterzugehen? Diese spannende Frage ist nur eine von vielen, der mit entsprechenden Experimenten in diesem hervorragenden Sachbuch für Kinder ab etwa 5 Jahren nachgegangen und beantwortet wird.

 

Acht große Kapitel behandeln Versuche zu den Themen Wasser und Eis, Luft, Hören und Musik, Temperatur und Wärme, Licht und Farben, Kraft und Bewegung sowie Magnete.

In einfachen Anleitungen wird schon Kindergartenkindern erklärt, wie sie zu Alltagsfragen forschen können. Abgestimmt auf die Bildungspläne der Kindergärten und Grundschulen, können Erzieherinnen und Lehrerinnen aus diesem Buch wichtige und hilfreiche Anregungen für ihre jeweilige Arbeit entnehmen. Es eignet sich aber hervorragend, um mit den Kindern zu Hause entsprechende Experimente zu machen und sie damit in eine spannende und geheimnisvolle Welt einzuführen.

 

 

 

Frühlings-Wörter-Wimmelbuch

 

 

Rotraut Susanne Berner, Frühlings-Wörter-Wimmelbuch, Gerstenberg 2018, ISBN 978-3-8369-5641-3

 

Viele Jahrgänge von Kindern sind seit etwa 2004 mit den schlussendlich fünf Bänden der Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner aufgewachsen, haben mit ihnen erkennen und benennen gelernt, konnten mit Hilfe der mit ihnen die großen Bücher immer wieder betrachtenden Eltern die in den Wimmelbüchern verborgenen Geschichten identifizieren und mit ihrer eigenen Phantasie weitererzählen.

Unser Sohn hat über viele Jahre, seit er etwa eineinhalb war, diese Bücher geliebt und kannte die Namen aller auftretenden Personen. Denen, die von Rotraut Berner ohne Namen gelassen worden waren, gab er welche und die Geschichten, die er um sie herum erfand, waren jedes Mal lustig und lebendig.

 

Als ich das neue Winter-Wörter-Wimmelbuch in die Hände bekam, habe ich mich gern an diese schöne Zeit erinnert. Berner hat aus dem alten Winterwimmelbuch ein hochkantiges Buch gemacht, das auf jeder Doppelseite verkleinert die alten Bilder zeigt, aber im unteren Fünftel ein kleines Wörterbuch gezeichnet mit den Objekten, die auf der jeweiligen  Seite zu sehen sind. Die Kinder können deshalb neben dem Betrachten der Bilder und dem Erfinden von Geschichten auch die Objekte und Dinge, die unten abgebildet und benannt sind, suchen, finden und ihren Namen aussprechen lernen.

 

Eine schöne Idee. Bei dieser ganz neuen Art, die Welt von Wimmlingen zu entdecken, lernen die Kinder spielerisch, wie die Dinge heißen und wie ihre Namen geschrieben werden.
 

 

 

Der längste Winter. Die vergessene Geschichte der Juden im besetzten Rom

 

 

Andrea Riccardi, Der längste Winter. Die vergessene Geschichte der Juden im besetzten Rom, Theiss 2017, ISBN 978-3-8062-3622-4

 

Nachdem die Herrschaft Mussolinis in Italien zusammengebrochen war, besetzten deutsche Truppen im September 1943 die Hauptstadt Rom. Für die römischen Juden, die bisher relativ sicher gelebt hatten begann nun ein schrecklicher, bis zur Befreiung im Juni 1944 dauernder „langer Winter‹“. In diesen Monaten versuchten die deutschen Besatzer ihre Politik der „Endlösung“ auch im bis dahin für die Juden sicheren Rom durchzusetzen. Etwa 2000-3000 römische Juden vielen dieser Politik zum Opfer. Riccardi erzählt in einem Interview:

„Die Juden und viele Römer konnten sich das nicht vorstellen, aber am Tagesanbruch des 16. Oktober kam es zu dieser schrecklichen Situation: Die Deutschen der SS gingen mit einer Liste, die sie von der Kultusgemeinde geholt hatten, von Haus zu Haus und suchten die Juden. Einige flüchteten, einige versteckten sich, viele wurden gefangen genommen. In diesem Moment fing der ‚längste Winter‘ an.“

Er zeigt in seinem Buch jedoch, dass etwa 10.000 römische Juden überlebten, hauptsächlich deshalb, weil sie in Klöstern, Pfarreien und Liegenschaften des Vatikanstaats sicheren Unterschlupf und Asyl fanden.

 

Dies war wohl auch einer mutigen Haltung von Papst Pius XII. zu verdanken, den der Dramatiker Rolf Hochhuth in seinem Stück „Der Stellvertreter 1960 schwer beschuldigte. Das Buch von Riccardi kann man als so etwas wie eine kleine Rehabilitation dieses Papstes verstehen, denn ohne die päpstliche Genehmigung  wäre das Asyl für tausende von Juden auf dem Gelände und in Gebäuden des Vatikanstaates nicht denkbar gewesen.

 

Riccardi erzählt mit vielen neuen Informationen und historischen Einschätzungen die Geschichte der kurialen Politik unter der deutschen Besatzung, vor allem aber die bewegende Geschichte der verfolgten Juden, ihrer kirchlichen Helfer und einer heute fast vergessenen, mutigen Rettungsaktion. Er erzählt meisterhaft ein historisches Ereignis mit dem Duktus eines Journalisten.

 

 

 

 

Sonne im Bauch. Eine Geschichte über die Liebe

 

Sybille Terrahe u.a., Sonne im Bauch. Eine Geschichte über die Liebe, Coppenrath 2017, ISBN 978-3-649-66930-2

 

Von Andrea Hebrock liebevoll und warmherzig illustriert, erzählen Sybille Terrahe und Christiane Paulsen eine zu Herzen gehende Geschichte über die Liebe.

Die Geschichte handelt von eine Eichhörnchenfamilie, die der Vater, als sie alle zusammen bei Tisch sitzen „meine Lieben“ nennt. Dem kleinen Toni gefällt das sehr, es macht ihm ein warmes Gefühl. Und er denkt an seine Mama, an die er sich immer so gerne rankuschelt. Doch gerade Als seinen Vater nach der Bedeutung des Wortes Liebe fragen will, beginnen seine kleinen Geschwister ihr übliches Theater mit viel Lärm.

 

So besucht Tino den alten Sokrates, eine weise Eule, in seinem Baumhaus. Und von Sokrates erfährt er, dass die Liebe ein großes Geheimnis und die stärkste Kraft der Welt ist. Und erklärt ihm mit vielen Bespielen die unterschiedlichen Formen der Liebe. Die Liebe zu den Geschwistern, die Liebe von zwei Erwachsenen untereinander und die Liebe zwischen  Freunden.

 

Klar, dass Toni danach sofort seine Freunde besuchen muss am Bach um genau das zu spüren und zu erleben. Und er ist glücklich.

 

Ein wunderschönes Bilderbuch über die verschiedenen Erscheinungsformen der Liebe, wie sie Kinder kennen und wahrnehmen können. Ein Bilderbuch über das wunderbarste und stärkste Gefühl der Welt

 

 

 

 

1968. Drei Generationen und eine Geschichte

 

 

Claus Koch, 1968. Drei Generationen und eine Geschichte, Gütersloher Verlagshaus 2018, ISBN 978-3-579-08655-2

 

Der Psychologe und Psychoanalytiker Claus Koch, selbst ein engagierter Teil der 1968- er Bewegung, nimmt die 50. Wiederkehr jenes die Republik nachhaltig verändernden Jahres zum Anlass, nicht nur, wie so viele andere vor 10 Jahren und auch nun 2018, über die Studentenbewegung und ihre Folgen nachzudenken und ihre Bedeutung zu reflektieren, sondern er geht in seiner Darstellung, die sich spannend liest wie ein Roadmovie, auch in die 50- er Jahre zurück, zu der Elterngeneration der 68 er und in die Gegenwart, in der die Kinder der 68er leben. Über sie sagt er an einer Stelle:

„Es ist nun an unseren Kindern, die Kämpfe für eine gerechtere Welt auszutragen.“ Doch wie das gehen kann, ist durchaus fraglich, und diesen ragen gehrt Koch in seinem Buch sehr überzeugend nach:

„Die Eltern legten das Land in Schutt und Asche. Dann bauten sie es wieder auf, bis ihre Kinder 1968 in Berlin und anderswo es noch einmal anzünden wollten. Um damit die Vergangenheit endlich zum Schweigen zu bringen. Und ihre Kinder? Können sie, jenseits von Stillstand und trügerischer Ruhe das Land noch einmal zu neuem Leben erwecken?“

 

Wir haben sich diese drei Generationen, um die es hier geht, gegenseitig beeinflusst, welche Spuren haben sie beim jeweils anderen hinterlassen?

 

In einer interessanten, informativen und sozialpsychologisch tiefgehenden Zeitreise führt Claus Koch seine hoffentlich auch jüngeren Leser durch die hellen und  dunklen Jahre der 68er, erzählt die Geschichte von Träumen, aber auch die eines grandiosen Scheiterns. Denn die herbeigewünschte Allianz von Utopie und Revolte zerbrach sehr schnell. Die Bewegung spaltete sich auf und verlor sich in der Bedeutungslosigkeit und im Terrorismus.

 

Dennoch hat diese Zeit unsere Gesellschaft geprägt bis in die aktuelle Gegenwart. Nach einer gelungenen und faszinierenden Mischung aus persönlicher Erzählung und historischem Bericht, stellt Koch am Ende die Frage, wie die Kinder der damals Aufständischen mit diesem Erbe umgehen werden. Denn die Welt hat sich in den letzten 50 Jahren nicht zum  Besseren gewandelt. Im Gegenteil. Die Phantasie und die Kraft der jungen Generation, in die Koch viel Hoffnung setzt, wird nötig sein, diese Welt besser zu machen und die Hoffnung darauf nicht aufzugeben.

A Tribute to Flowers

 

 

 

 

Richard Fischer, A Tribute to Flowers, teNeues 2018, ISBN 978-3-96171-107-9

 

50 Prozent der Blumenarten weltweit sind vom Aussterben bedroht. Zahlreiche Blumen verschwinden jedes Jahr endgültig von unserem Planeten, ohne dass es registriert wird, ja, viele dieser Schönheiten sind dem Menschen bisher völlig unbekannt.

 

Der Fotograf Richard Fischer versteht sich als so etwas wie der Anwalt besonders der bedrohten Blumen. Seit vielen Jahren schon setzt er die grazilen, bedrohten Schönheiten in seinem Fotoatelier in Szene, jede Blume für sich in ihrer vergänglichen Einmaligkeit. In Zusammenarbeit mit international führenden Botanischen Gärten gibt er den Blumen in seinen einzigartigen Aufnahmen einen ästhetischen Raum, der uns ihre Ausdruckskraft und Würde unverstellt vor Augen führt. Seine einzigartigen Fotos wurden in Ausstellungen rund um die Welt gezeigt, in Paris, London und Tokio, im Palais des Nations in Genf und in der renommierten Akademie der Künste Hangzhou in China.

 

Erstmals vereinigt er nun seine besten Bilder aus 15 Jahren in einem Band, stellt seine Arbeit und die unbekannten Exoten der Öffentlichkeit vor. Spannende und informative Texte nehmen den Leser zusätzlich an die Hand und führen ihn durch eine unbekannte, aussterbende Welt der Blumen.

 

Neben den Bildern benennt er die Blumen mit ihren lateinischen Namen, gibt aber leider keine weiteren  Details, warum und wie sie etwa wirklich bedroht sind und was dagegen von wem unternommen wird.

 

Das schränkt die Bedeutung des vorliegenden Werkes leider etwas ein, nimmt ihm aber nichts von seiner für Blumenfreunde faszinierenden Schönheit.

 

 

Oh Schreck, oh Schreck, der Strom ist weg

 

 

Catharina Westphal, Annette Langen, Oh Schreck, oh Schreck, der Strom ist weg, Ravensburger Verlag 2018, ISBN 978-3-473-44702-2

Was passiert eigentlich, wenn etwas so Alltägliches und Gewohntes wie der Strom aus der Steckdose ausfällt? Was passiert in der Wohnung einer normalen Familie mit Kindern, die sich morgens in aller Eile und Hektik auf ihren Tag vorbereitet, was passiert bei den anderen Bewohnern des Hauses? Und was ist mit der Straßenbahn, mit Papas Computer auf der Arbeit, mit den elektrischen  Kassen der Geschäfte wenn auf der Straße und vor allen Dingen, was macht der Eisverkäufer, wenn er sein kaltes Gut nicht mehr kühlen kann?  Und was macht die alte Nachbarin Frau Oje-Oje mit ihren Würstchen, die sie gerade einfrieren wollte?

 

Die bekannte Kinder- und Jugendbuchautorin Annette Langen lässt ihre sympathische Hauptfigur, die kleine Maxi, auf eine witzige Weise erleben, wie sie die  ersten Stunden nach einem großräumigen Stromausfall im Stadtteil wahrnimmt und welche beachtlichen Vorgänge sie beobachtet.  Neben aller Aufregung erlebt sie, wie sich Menschen plötzlich helfen, wie sie improvisieren und wie sie sich sogar so näherkommen, dass so etwas wie eine Freundschaft bleibt, auch lange nachdem der Strom wieder da ist.

 

Catharina Westphal hat dieses schöne Bilderbuch auf eine lustige und ansprechende Weise illustriert.

 

 

 

 

Einschlafen für Anfänger. Ein Buch übers Schnarchen und Schlummern

 

 

 

Kristina Dumas, Ina Worms, Einschlafen für Anfänger. Ein Buch übers Schnarchen und Schlummern, Annette Betz 2018, ISBN 978-3-21911750-9

In ihren Schlafgewohnheiten sind Kinder sehr unterschiedlich. Das erfahren auch die beiden Geschwister Emil und Anna, als sie eines Tages bei ihrer besten Freundin Marie übernachten. Während der Frühaufsteher (man nennt sie Lerchen) Emil schon früh müde ist und noch seine Luftmatratze sucht, wollen die beiden Mädchen (sie sind Eulen, weil sie die Nacht zum Tage machen können) noch eine Party feiern.

 

Das Schaf, das die Kinder durch das interessante und lehrreiche Buch führt, weiß sehr viel über den Schlaf (deshalb zählt man sie auch, wenn man nicht Einschlafen kann!) und erklärt den kleinen Betrachtern dieses Sachbilderbuchs an viele Beispielen, was man alles über den Schlaf weiß, was dabei im Gehirn passiert und wieviel unterschiedliche Art und Weise des Schlafen und Einschlafens es bei Mensch und Tier gibt.

 

Jedes Kind wird in diesem Buch sich und seinen Schlafmodus erkennen und damit auch anerkennen lernen. Empfehlenswert.

 

 

 

Am Biberteich

 

 

Eva Sixt, Am Biberteich, Atlantis 2018, ISBN 978-3-7152-0744-5

Diese wunderschöne Sachbilderbuch erinnert ein wenig an die bisher fünf Bücher, die Thomas Müller in den letzten Jahren bei Gerstenberg über den Jahreslauf von verschiedenen Vogelarten veröffentlicht hat.

 

Nachdem Eva Sixt in ihrem Sachbilderbuch „Das Eichhörnchenjahr“ im letzten Jahr das Leben der Eichhörnchen beschrieben hat, die sie über ein ganzes Jahr begleitete und vom Bau des Kobels, über die Aufzucht der Jungen, die Nahrungssuche  und die natürlichen Feinde in wunderbaren und kindgerechten Bildern erzählte, legt sie nun ein weiteres sehr empfehlenswertes Sachbilderbuch mit dem Titel „Am Biberteich“ vor, das nicht nur das Familienleben, die Baukünste, den Körperbau und die Schwimmtechnik der Biber beschreibt. Es wird auch durchaus kritisch nachgedacht darüber, wie und wo die nach langer Bedrohung durch das Aussterben bedrohten Biber nach ihrer erfolgreichen Wiederansiedlung ein Problem nicht nur für die Bauern darstellen

 

Das schöne Sachbilderbuch bietet mit relativ viel Text vielfältige Informationen über den Biber seinen Lebensraum und Lebensweise,  ihre erfolgreiche Ansiedlung überall im Land und die umstrittene Frage, ob es nicht wieder zu viele von ihnen gibt.

 

Ein vorbildliches Sachbilderbuch für  Kinder im Grundschulalter. Doch auch zum Vorlesen für die Kleineren ist es gut geeignet.

 

 

Kühn hat Ärger (Hörbuch)

 

 

Jan Weiler, Kühn hat Ärger (Hörbuch), der Hörverlag 2018, ISBN 978-3-8445-2554-0

Nachdem sich der Schriftsteller Jan Weiler, einer der erfolgreichsten seiner Zunft in Deutschland, nach seinem ersten Roman über den Münchner Kommissar Martin Kühn, den er 2015 veröffentlichte, in den letzten beiden Jahren vorwiegend mit seinem „Pubertier“ und anderen literarischen Projekten beschäftigte, legt er nun mit „Kühn hat Ärger“ seinen zweiten und hoffentlich nicht letzten Roman über das Leben und die Arbeit eines ganz besonderen Kommissars vor, mit dem er wie beim ersten auch sehr subtile und kluge Beobachtungen gesellschaftlicher Phänomen literarisch gekonnt verknüpft mit Einsichten in menschliche Innenwelten ( nicht nur die des Kommissars selbst).

 

In der letzten Zeit ist es Martin Kühn nicht eben gut gegangen. Nachdem er seinem ungesunden Lebensstil und den immer stärker werdenden Anstrengungen seines Berufs Tribut zollen musste und nach einem Zusammenbruch sich in einem Reha-Zentrum für Beamte mehr oder weniger gut erholt hat, kann er sich nach seiner Heimkehr nicht lange mit der ich n nach wie vor quälenden Frage auseinandersetzen, ob er in seinem Leben eher Opfer oder Täter ist.

 

Nachdem sie direkt nach seiner Rückkehr aus der Reha eine recht gute Zeit miteinander hatten, muss Martin Kühn nun wieder seiner Arbeit nachgehen und feststellen, dass seine Frau Susanne sich merkwürdig verhält. Das wird in der Folge der Handlung so weit gehen, dass Martin sie unter dem Verdacht hat, mit seinem rechtsradikalen Nachbarn ein Verhältnis zu haben und er selbst auf ihm bisher unbekannte Weise versucht ist, selbst einen intimen Fehltritt zu begehen.

 

Und die früher eher gelöste Stimmung unter seinen Kollegen ist angespannt, seit eine neue Leitungsstalle ausgeschrieben worden ist, und jeder den anderen unter den Bewerbern vermutet.

 

Auf solch doppelte Weise verunsichert, wird Kühn zusammen mit seinem Kollegen Steierer mit den Ermittlungen im Todesfall eines aus Libanon stammenden Jugendlichen namens Amir beauftragt. Er wurde nachts an einer Bushaltestelle von einer Gruppe anderer Jugendlicher brutal erschlagen, so jedenfalls ist die erste Vermutung. Amir war befreundet mit Julia, Tochter aus guten Hause. Die Familie van Hauten ist durch zweifelhafte Patentgeschäfte der Vorfahren sehr reich geworden. Neben der Tochter Julia gibt es noch den etwas älteren Sohn Florin, von dem sich herausstellen wird, dass sich hinter seiner freundlichen Fassade etwas verbirgt, was seine Eltern schon seit seiner Geburt übertünchen wollen.

 

Als Kühn die Familie zum ersten Mal besucht, ist er sehr angetan von dem Umgangsformen und der wohltuenden Freundlichkeit der Familie, die er als echt wahrnimmt. Er erfährt, dass der ehemals kleinkriminelle Amir, kaum hat er Julia kennengelernt, eine wahre Metamorphose in seinem verhakten und seinem Auftreten durchläuft,. Er geht wieder in die Schule, lernt, schreibt gute Noten und erfolgreiches Abitur liegt zum ersten Mal in seinem bisher verkorksten Leben im Rahmen des Möglichen. Das legt auch an der überaus freundlichen Aufnahme, die Amir durch Julias Familien erfährt, die ihn sogar im Sommer für drei Wochen mit in den Familienurlaub nimmt.

 

Doch warum und von wem wurde Amir dann ermordet, brutal erschlagen und dann auf der Straße liegen gelassen? Mit aller seiner Kraft hängt sich Kühn in diesen Fall, versucht die geheimnisvolle Dynamik der Familie van Hauten  zu verstehen, die er schon beim  allerersten Besuch gespürt hat.

 

All das natürlich auf dem Hintergrund des unterschwellig gärenden Konkurrenzkampfes im Dezernat, der so jedenfalls neu ist für Kühn und ihm genauso zusetzt, wie die Diagnose seines Amtsarztes, den er erst nach wochenlangen Erinnerungen seiner Vorgesetzten endlich aufsucht und der ihm einen extrem hohen PSA-Wert bei der letzten Blutprobe offenbart, die Vermutung einer ernsten Erkrankung der Prostata äußert und sofort weitere Untersuchungen fordert.

 

Doch dafür hat Kühn zunächst genauso wenig Zeit, wie dafür, sich um eine sich ihm entfremdenden Frau zu kümmern. Immer Zeit aber hat für seine ausufernden philosophischen Gedanken über Gott und die Welt und vor allen seine eigenen Platz darin. Diese Überlegungen sind neben den ironischen und bissigen Hieben Weilers auf die Gesellschaft und der eigentlichen Krimihandlung so etwas wie das literarische Salz in diesem spannenden und unterhaltsamen Roman.

 

Die Beschreibung von Martin Kühns eigenbrötlerischen und außergewöhnlichen Verhörmethoden, die seine Gegenüber, ohne dass sie es merken, zu den entscheidenden Aussagen bringen, ist für jeden Krimiliebhaber ein besonderer Genuss.

 

Weiler hat mit Martin Kühn wieder eine hoffentlich bald wiederkehrende Figur erfunden, die dem Leser menschlich ganz nahe kommt, er hat seine Geschichte eingebunden in den normalen Alltag von Kleinbürgern in einer Münchener Vorstadt und Megareichen außerhalb und seinen ermittelnden Kommissar mit einer Täterstruktur konfrontiert, die ihn alle ihm zu Verfügung stehende Intuition abfordert und ihn dennoch an die Grenze bringt.

 

Ob und wie er diese Grenze überwindet, wird hier nicht verraten. Vieles wird auch erst der dritte Kühn-Roman ans Licht bringen, den wir hoffentlich schon nächstes Jahr werden lesen können.

 

Die vom Autor selbst eingelesene ungekürzte Hörbuchfassung gibt dem Hörer nicht nur einmal das bestimmte Gefühl,  dass mehr von Jan Weiler in Martin Kühn drin steckt, als der vielleicht selbst weiß.