{"id":1520,"date":"2016-03-17T15:41:06","date_gmt":"2016-03-17T13:41:06","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=1520"},"modified":"2016-03-17T15:41:06","modified_gmt":"2016-03-17T13:41:06","slug":"kommt-ein-pferd-in-die-bar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=1520","title":{"rendered":"Kommt ein Pferd in die Bar"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/44192531z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1521\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/44192531z-183x300.jpg\" alt=\"44192531z\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/44192531z-183x300.jpg 183w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/44192531z.jpg 290w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>David Grossman, Kommt ein Pferd in die Bar, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-25050-5<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon lange geh\u00f6rt der israelische Schriftsteller David Grossman nicht nur in Israel, sondern weltweit zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. F\u00fcr seinen Roman \u201eEine Frau flieht vor einer Nachricht\u201c 2010 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, hat er seitdem sich immer wieder zu der verzweifelten Lage seines Heimatlandes ge\u00e4u\u00dfert. Nun legt er mit dem Roman \u201eKommt ein Pferd in die Bar\u201c ein neues, ungew\u00f6hnliches Werk vor, in dem er auf eine intensive Weise, die mit jeder Seite mehr unter die Haut geht, Zuschauer und Leser an der tragischen Lebensgeschichte eines Comedians teilnehmen l\u00e4sst. An einer Stelle, die Vorstellung hat schon ihren Lauf genommen, beschreibt er das so:<\/p>\n<p>\u201eEr seufzt, kratzt sich das sp\u00e4rliche Haar an der Schl\u00e4fe. Nat\u00fcrlich merkt er, dass der ganze Abend in eine Schieflage geraten ist. Der Ast, auf dem er gerade sitzt, ist bereits schwerer als der ganze Baum. Auch das Publikum merkt es. Die Leute werfen sich Blicke zu, rutschen unruhig auf ihren St\u00fchlen herum. Sie begreifen immer weniger, in was sie hier wider Willen hineingezogen werden. Sie w\u00e4ren l\u00e4ngst gegangen oder h\u00e4tten ihn sogar von der B\u00fchne gepfiffen, wenn da nicht etwas Verlockendes w\u00e4re, dem man so schwer widerstehen kann: ein Blick in die H\u00f6lle von jemand anderem.\u201c<\/p>\n<p>Ort der Handlung ist das ganze Buch \u00fcber eine B\u00fchne in einem kleinen Kabarett in dem Ort Netanya. Die Zuschauer erwarten einen lustigen Abend. Sie wollen sich am\u00fcsieren und haben daf\u00fcr auch Eintritt entrichtet. Auf der B\u00fchne steht Dovele, an seinem 57. Geburtstag. Er hat zu diesem Auftritt einen Jugendfreund eingeladen, Avishai, einen pensionierten Richter. Der war damals vor Jahrzehnten auch in dem Zeltlager, aus dem eines Tages Dovele herausgerissen und zu einer Beerdigung gefahren wurde. Aus seiner Sicht beschreibt David Grossman einen Abend und eine Vorstellung, die nicht nur den Zuschauern unter die Haut geht, sondern auch dem Leser dieses Buches.<\/p>\n<p>Dovele beginnt, indem er ohne Unterlass Witze erz\u00e4hlt, gute und schlechte. Er ist grob, er ist zart, immer wieder spricht er Menschen aus dem Publikum schamlos an. Er spielt mit der Sprache und biegt sie sich zurecht. Er mutet dem Publikum eine gnadenlose Abrechnung zu mit der Welt und mit seinem Leben. Wie Ohrfeigen verpasst er dem Publikum die Revue seines eigenen Lebens, zuerst mit Scherzen, dann auch mit heftiger Gewalt gegen sich selbst. Man gewinnt den Eindruck, das wird seine letzte Vorstellung sein<\/p>\n<p>Da ist eine Frau im Publikum, die Dovele offenbar von fr\u00fcher kennt. Immer wieder versucht sie verzweifelt ihm klarzumachen, dass sie ihn doch als guten Menschen kennengelernt hat. Sie will ihn abhalten von seinem Weg, sich auf der B\u00fchne immer weiter die Seele blutig zu rei\u00dfen. Und zu schreien. Denn Dovele wird immer lauter, immer h\u00e4rter und brutaler werden seine Witze und seine Sprache. Da legt David Grossman Wesensschichten frei eines durch seine Vergangenheit gebeutelten Menschen (es stellt sich heraus, dass die Mutter \u201edort\u201c war, im KZ) und r\u00fchrt damit Wesensschichten in der Seele des Lesers an, die dieser vielleicht lange nicht (mehr) wahrgenommen hat. Das macht die Lekt\u00fcre dieses au\u00dfergew\u00f6hnlichen Buches so emotional und mitrei\u00dfend im wahrsten Sinne des Wortes. Avishai beschreibt das so: &#8222;Wie hat er das geschafft, frage ich mich, wie hat er uns so schnell umgedreht, sein Publikum und in gewisser Weise auch mich? Wie hat er uns dazu gebracht, uns in seiner Seele zu Hause zu f\u00fchlen und uns zu seinen Geiseln gemacht?! Die meisten G\u00e4ste im Saal sitzen gebeugt da und starren ihn an, wie von einem Zauber gebannt.\u201c<\/p>\n<p>Als deutlich wird, dass Dovele all diese Scherze und Slapsticks schon seit seiner Kindheit einge\u00fcbt hat, um seiner vom Holocaust in der Seele gezeichneten Mutter auch nur ein einziges L\u00e4cheln abzuringen, konnte ich beim Lesen meine Tr\u00e4nen nicht zur\u00fcckhalten.<\/p>\n<p>Und es wird klar, es geht nicht nur im Comedy, gegen\u00fcber der Avishai bei dem Telefonat mit Dovele, als der ihn zur der Vorstellung einl\u00e4dt, wie um ein Zeuge aus seiner Vergangenheit dabei zu haben, seine mir zun\u00e4chst sympathischen Vorbehalte so formuliert:<\/p>\n<p>&#8222;Pl\u00f6tzlich, aus dem Nichts, war ich auf ihn losgegangen, als sei er der Stellvertreter schlechthin f\u00fcr die Leichtfertigkeit des Menschen in allen ihren Ausdrucksformen: F\u00fcr euch, polterte ich los, ist doch im Grunde alles nur Stoff, aus dem man Witze machen kann, jede Sache, jeder Mensch, alles ist erlaubt, warum nicht. Wer nur ein bisschen improvisieren und schnell genug denken kann, darf alles l\u00e4cherlich machen, ob mit Parodie oder Karikatur, Krankheiten, Kriege, Tod, alles ist lachbar, warum nicht?&#8220;<\/p>\n<p>Doch es wird viel mehr als Comedy. Es wird nackter, schmerzhafter Lebensernst. Und es wird ein Zeugnis, wie bis weit in die zweite Generation hinein der Holocaust Seelen von Menschen zerst\u00f6rt und ganze Lebensentw\u00fcrfe atomisiert.<\/p>\n<p>Auf eine faszinierende, stellenweise auch bedr\u00fcckende Weise gelingt es David Grossman, den Leser zum Teil eines Publikums zu machen, das sich zun\u00e4chst \u00fcber die Witze Doveles am\u00fcsiert, dem mehr und mehr aber das Lachen auf den Lippen gefriert. Immer mehr Menschen aus dem Publikum verlassen den Raum, weil sie es nicht mehr ertragen, was sie da sehen. Ich kann mir auch vorstellen, dass viele Leser mehrfach \u00fcberlegen, die Lekt\u00fcre des Buches abzubrechen, weil es ihnen entweder zu nahe kommt, oder ihre inneren Schutzmechanismen so hoch sind, dass es sie nicht dort erreicht, wo es wirken will.<\/p>\n<p>Als Leser, der nicht flieht, geh\u00f6rt man pl\u00f6tzlich zu den wenigen Zuschauern, die sich von Dovele&#8217;s Geschichte fesseln und ber\u00fchren lassen. Ich konnte mich dem Sog, der Dramatik und der Emotionalit\u00e4t dieser Geschichte nicht entziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Roman, ein Buch wie ein \u201eversteckter Sprengk\u00f6rper\u201c(Ha\u00b4aretz).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; David Grossman, Kommt ein Pferd in die Bar, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-25050-5 &nbsp; Schon lange geh\u00f6rt der israelische Schriftsteller David Grossman nicht nur in Israel, sondern weltweit zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. 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