{"id":1641,"date":"2016-04-01T15:22:36","date_gmt":"2016-04-01T13:22:36","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=1641"},"modified":"2016-04-01T15:22:36","modified_gmt":"2016-04-01T13:22:36","slug":"unterleuten-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=1641","title":{"rendered":"Unterleuten"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/44123560z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1642\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/44123560z-284x300.jpg\" alt=\"44123560z\" width=\"284\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/44123560z-284x300.jpg 284w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/44123560z.jpg 340w\" sizes=\"auto, (max-width: 284px) 100vw, 284px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Juli Zeh, Unterleuten, Der H\u00f6rverlag 2016, ISBN 978-3-8445-2133-7<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie selbst ist vor vielen Jahren aus der Stadt in ein kleines Dorf in Brandenburg gezogen, die Schriftstellerin Juli Zeh, die f\u00fcr ihren neuen Roman ihren bisherigen kleinen Verlag Sch\u00f6ffling &amp; Co. verlassen hat und unter den gro\u00dfen Schirm eines Randomhouse &#8211; Verlages geschl\u00fcpft ist. Eine ganze Menge an Erfahrungen, die sie in ihrem Dorf gemacht hat, ist sicher in den Roman \u201eUnterleuten\u201c eingeflossen. Diesen Namen hat sie dem fiktiven Dorf gegeben und er ist sozusagen die Summe dessen, was \u00fcber es sagen kann. Denn dort ist man andauernd \u201eunter Leuten\u201c, hier gibt es keine Anonymit\u00e4t, hier kennt jeder jeden. Es gibt eine ganz besondere W\u00e4hrung in diesem Dorf, das s\u00e4mtliche Umbr\u00fcche seit dem Zweiten Weltkrieg seltsam unver\u00e4ndert \u00fcberstanden hat. Es wird bezahlt mit Hilfestellungen und Dienstleistungen. Dann hat man bei dem oder dem \u201eetwas gut\u201c. Und das kollektive Ged\u00e4chtnis es Dorfes bilanziert besser als jeder Buchhalter.<\/p>\n<p>Das m\u00fcssen auch die neuen Bewohner des Dorfes erst lernen, so wie es sicher auch die Autorin selbst \u00fcber die Jahre erfahren hat. Da sind zun\u00e4chst einmal Jule und Gerhard Flie\u00df. Nach einem eher entt\u00e4uschenden Berufsleben als wissenschaftlicher Assistent ist er ausgestiegen und hat die Stelle eines Vogelsch\u00fctzers in der Unterleutner Heide \u00fcbernommen. Ein Naturschutzgebiet, in dem die letzten 32 gesch\u00fctzten Kampfl\u00e4ufer (einer von Ihnen ziert das Cover des Buches), \u201efleckige V\u00f6gel von Gr\u00f6\u00dfe und Statur einer M\u00fcllt\u00fcte\u201c, leben und j\u00e4hrliche tausende von Vogelkundlern anziehen. Den Auseinandersetzungen an der Uni und auch der sonstigen Realit\u00e4t eher nicht gewachsen, versucht Gerhard Flie\u00df mit seiner Frau und dem Baby sich in dem Haus, das sie liebevoll restaurieren, eine Idylle zu schaffen. Doch da gibt es einen skurrilen Nachbarn namens Schaller auf dem Nachbargrundst\u00fcck, der dort einen Schrottplatz und eine Autowerkstatt betreibt und dessen komplizierte, mit der Geschichte des Dorfes eng verwobene Geschichte Juli Zeh \u00fcber die 640 Seiten\u00a0 des Buches langsam aufbl\u00e4ttert. Er setzt Juli und Gerhard immer wieder unter Qualm, indem er alte Reifen auf seinem Grundst\u00fcck verbrennt.<\/p>\n<p>Der Zweck ist offensichtlich. Man will Flie\u00df weghaben. Der sucht, ganz der Analytiker, nach Gr\u00fcnden, weil er bald eingesehen hat, dass die Polizei Teil des komplizierten Sozialgeflechtes in Unterleuten ist, das sich ihm und dem Leser langsam aufschl\u00fcsselt. Da gibt es alte Streitigkeiten und Feindschaften zwischen den alten Einwohner, die bis weit in die Zeit der Bodenreform in der DDR zur\u00fcckreichen. Insgesamt elf echte Hauptfiguren hat Juli Zeh in diesem Roman eingef\u00fchrt und jeder von ihnen bringt Kinder, Verwandte und Freunde mit in die Handlung ein.<\/p>\n<p>Frederik, einer der Zugezogenen, sagt an einer Stelle, wenn er unter der Woche in Berlin sei, \u201everwandele sich das Dorf in einen Dostojewski-Roman, bei dem jede Figur von der Frage begleitet werde: Wer war das denn noch mal?\u201c. Frederik ist der Partner von Linda, einer Frau deren Mover-Qualit\u00e4ten (davon sp\u00e4ter noch mehr) es Juli Zeh offenbar besonders angetan haben und die auf dem gekauften Hof eine Pferdezucht begr\u00fcnden will.<\/p>\n<p>Den aus dem Bayrischen stammenden Investor Meiler, der, nachdem er eher zuf\u00e4llig etwas zwanzig Hektar Land um Unterleuten herum gesteigert hat, und dann, als dort Windr\u00e4der gebaut werden sollen, diese auf seinem Land bauen will und daf\u00fcr zwei Hektar von Linda braucht, l\u00e4sst Juli am Beispiel von Frederik und Linda seine Sicht eine ganzen Generation beschreiben:.<\/p>\n<p>\u201eDie beiden geh\u00f6rten zu einer fremden Spezies. Nichts an ihnen war ged\u00e4mpft. Nichts an ihnen war unsicher, zur\u00fcckhaltend, zweiflerisch oder bescheiden. Diese jungen Menschen, in Meilers Augen halbe Kinder, agierten als Repr\u00e4sentanten eines neuen Jahrhunderts. Sie arbeiteten nicht mehr f\u00fcr Vorgesetzte. Sie kannten keine \u00fcberheizten B\u00fcros, keine grauhaarigen Sekret\u00e4rinnen und keine Telefone, die \u00fcber Kabel mit der Wand verbunden waren (\u2026) Sie waren selbstst\u00e4ndig, selbstsicher, selbsts\u00fcchtig, wandelnde Selfies, zwei dauerbewegte Selbstportr\u00e4ts. Wenn sich Meiler die neue Genration vorstellte, sah er eine Armee von jungen Leuten mit ausgestrecktem rechten Arm, nicht zum F\u00fchrergru\u00df, sondern um das eigene Gesicht mit dem Smartphone aufzunehmen.\u201c<\/p>\n<p>Solche luziden Beobachtungen und Analysen \u00fcber Menschen und soziale Ph\u00e4nomene gibt es massenhaft in einem Roman, in dem Juli Zeh im ersten Drittel nicht nur das Thema einf\u00fchrt, um das alles kreist, den geplanten Bau der Windr\u00e4der, sondern auch kapitelweise die Hauptpersonen und ihre jeweilige Vorgeschichte.<\/p>\n<p>Alles kreist um zwei Hauptantipoden, die seit Jahrzehnten einen erbitterten Kampf gegeneinander f\u00fchren. Der ehemaligen Gro\u00dfgrundbesitzer Gombrowski, der das Land seines Vaters in die neue LPG \u00fcberf\u00fchrt hat und schon lange vor der Wende davon getr\u00e4umt hat, es wieder eigenst\u00e4ndig zu bewirtschaften. Gegen die Interessen der Treuhandanstalt schafft er es, alle davon zu \u00fcberzeugen ihr Land in eine GmbH namens \u201e\u00d6kologica\u201c einzubringen, als deren Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer er fungiert bis zum Jahr der Handlung des Buches 2010. Und da ist sein Erzfeind Kron. Er hat damals den Hof des Vater von Gombrowski angez\u00fcndet und\u00a0 war Brigadef\u00fchrer in der LPG, die Gombrowski leitete.<\/p>\n<p>Doch was hier durch die vielen Figuren, eine komplizierte und bis in den aktuellen Streit um die Windr\u00e4der hineinragende vielfach vernetzte Vorgeschichte nach gro\u00dfer Un\u00fcbersichtlichkeit aussieht, entwickelt sich durch Juli Zeh literarisches und dramaturgisches Geschick zu einem spannenden Thriller, einem packenden Roman \u00fcber menschliche Konflikte um altes und neues Unrecht, um Untreue, Eifersucht und verpasstes Gl\u00fcck und \u00fcber Tr\u00e4ume und Phantasien von neuem Gl\u00fcck und Idylle.\u00a0 F\u00fcr letzteres stehen eher die neu Zugezogenen wie Jule\u00a0 und Gerhard und Frederik und Linda.<\/p>\n<p>Ich halte \u201eUnterleuten\u201c f\u00fcr einen gelungenen Roman. Als \u201eGesellschaftsroman \u00fcber die wichtigsten Fragen unserer Zeit\u201c wird er im Klappentext beworben. Eher w\u00fcrde ich ihn ein komplexes und sensibles Kaleidoskop menschlicher Konflikte, Hoffnungen und Charaktere in diesen Zeiten beschreiben.<\/p>\n<p>Ich konnte mit dem Lesen nicht aufh\u00f6ren. Das Buch hat \u00fcber drei Tage mein Leben bereichert.<\/p>\n<p>Etwas liegt mir allerdings noch auf der Seele zu erw\u00e4hnen. Schon zu Beginn sozusagen als Prolog zitiert Juli Zeh einen Satz von Manfred Gortz. \u201eAlles ist Wille\u201c. Immer wieder kommt sie in Kapitel\u00fcberschriften und im Text auf diesen Manfred Gortz zur\u00fcck und seine Unterscheidung der Menschen in Killjoys und Mover. Wobei Gerhard Flie\u00df als der idealtypische Killjoy und Linda als echte Moverin beschrieben wird.<\/p>\n<p>Nirgends wird ein Hinweis auf diesen Manfred Gortz gegeben. Ich habe nachgesehen und ein kleines Buch entdeckt mit dem Titel \u201eDein Erfolg\u201c (Portobello Verlag 2015), das Juli Zeh wohl sehr genau gelesen hat.<\/p>\n<p>Denn dort trifft der Berater Manfred Gortz nicht nur die von Juli Zeh immer wieder zitierte Unterscheidung, sondern sondert auch irritierende S\u00e4tze ab wie: \u201eGro\u00df ist es, Gro\u00dfes zu wollen. Und wer nichts will, bekommt auch nichts.\u201c Oder: \u201eMoral war schon immer ein Herrschaftsmittel, und heute liegt sie in\u00a0 den H\u00e4nden von Leuten, die f\u00fcr den echten Erfolg zu faul zu schwach oder zu feige sind.\u201c<\/p>\n<p>Als ich \u201eDein Erfolg\u201c las, war ich sehr erstaunt, die Vorlage f\u00fcr fast ein halbes Dutzend Hauptfiguren aus Juli Zeh Roman zu finden. Frederik, Linda, Gerhard Flie\u00df und der junge Agent der Windradbetreibergesellschaft sind dort beschrieben. Menschen, von denen sich Juli Zeh hat inspirieren lassen.<\/p>\n<p>Dass sie es nicht in einem Nachwort erw\u00e4hnt hat, hat mich irritiert. Ich wei\u00df nicht, wie ich diesen Vorgang bewerten soll. Der Qualit\u00e4t des Buches jedoch tut das keinen Abbruch.<\/p>\n<p>Die hier anzuzeigende H\u00f6rbuchfassung wurde von der Schauspielerin Helene Grass (Tochter des Literaturnobelpreistr\u00e4gers)\u00a0 auf eine Weise eingespielt, die das Buch, trotz der im \u00dcbrigen gelungenen K\u00fcrzungen zu einem echten H\u00f6rerlebnis macht.\u00a0 Die Einspielung l\u00e4sst den H\u00f6rer quasi zum Mitbewohner von Unterleuten werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; Juli Zeh, Unterleuten, Der H\u00f6rverlag 2016, ISBN 978-3-8445-2133-7 &nbsp; Sie selbst ist vor vielen Jahren aus der Stadt in ein kleines Dorf in Brandenburg gezogen, die Schriftstellerin Juli Zeh, die f\u00fcr ihren neuen Roman ihren bisherigen kleinen Verlag Sch\u00f6ffling &amp; Co. verlassen hat und unter den gro\u00dfen Schirm eines Randomhouse &#8211; Verlages &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=1641\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Unterleuten<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1641","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1641","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1641"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1641\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1643,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1641\/revisions\/1643"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1641"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1641"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1641"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}