{"id":1649,"date":"2016-04-04T11:33:43","date_gmt":"2016-04-04T09:33:43","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=1649"},"modified":"2016-04-04T11:33:43","modified_gmt":"2016-04-04T09:33:43","slug":"september","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=1649","title":{"rendered":"September"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/44099061z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1650\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/44099061z-183x300.jpg\" alt=\"44099061z\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/44099061z-183x300.jpg 183w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/44099061z.jpg 257w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jean Mattern, September, Berlin Verlag 2016, ISBN 978-3-8270-1293-7<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im\u00a0 Jahr 2010 deb\u00fctierte der in Paris lebende Verlagslektor Jean Mattern in Deutschland mit einem Roman, der damals leider kaum beachtet wurde.\u00a0 \u201eIm Kiraly-Bad\u201c erz\u00e4hlte von dem etwa drei\u00dfigj\u00e4hrigen in London lebenden \u00dcbersetzer Gabriel, der an einer doppelt schweren Vergangenheit tr\u00e4gt. Als Sohn einer ungarisch- j\u00fcdischen Einwandererfamilie in der franz\u00f6sischen Provinz aufgewachsen, leidet er unter dem absoluten Schweigen seiner Familie \u00fcber alles Vergangene. Ein Ph\u00e4nomen, das schon viele Kinder von \u00dcberlebenden beschrieben haben.<\/p>\n<p>Matterns Erstling war ein beeindruckendes Werk \u00fcber die Identit\u00e4tssuche eines Juden und seine Auseinandersetzung mit seiner Herkunft.<\/p>\n<p>Nachdem sein zweiter und dritter Roman offenbar keinen deutschen Verleger gefunden haben, erscheint sein vierter Roman unter dem Titel \u201eSeptember\u201c\u00a0 in der \u00dcbersetzung von Holger\u00a0 Fock und Sabine M\u00fcller nun im Berlin Verlag.<\/p>\n<p>Darin erz\u00e4hlt Jean Mattern auf beeindruckende und dichte Weise die Geschichte des Attentats des pal\u00e4stinensischen Kommandos \u201eSchwarzer September\u201c auf die israelische Delegation bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Hauptperson und Ich-Erz\u00e4hler ist der erfolgreiche Journalist Sebastian. Er soll im Auftrag der BBC \u00fcber die Sommerspiele in London berichten, lehnt aber den Auftrag ab, als das IOC eine Schweigeminute f\u00fcr die 40 Jahre zuvor in M\u00fcnchen ermordeten israelischen Athleten ablehnt. Stattdessen entschlie\u00dft er sich, \u00fcber die damaligen Vorkommnisse zu erz\u00e4hlen und vor allem das zu berichten, wor\u00fcber er nie auch nur ein Wort gegen\u00fcber einem anderen erw\u00e4hnt hatte.<\/p>\n<p>1972 wird Sebastian, damals noch junger, frisch verheirateter Journalist damit beauftragt, w\u00e4hrend der Olympischen Sommerspiele in M\u00fcnchen Hintergrundberichte \u00fcber die Atmosph\u00e4re im Olympischen Dorf und auch in Deutschland zu liefern. Er begegnet dort Sam Cole, einem j\u00fcdischen Journalisten aus den USA. Bisher ohne jegliche sexuelle Erfahrung mit dem gleichen Geschlecht, ist Sebastian schon im ersten Moment der Begegnung mit Sam klar, dass es zu einer intimen Begegnung kommen wird. Eine Beziehung entwickelt sich zwischen den beiden w\u00e4hrend der Tage in M\u00fcnchen, die zwischen Verf\u00fchrung und kalter Nichtbeachtung von Sam gepr\u00e4gt ist. Und Sebastian ist klar, er wird als ein anderer nach Hause zur\u00fcckkehren:<\/p>\n<p>\u201eIch wusste, dass ich f\u00fcr immer ver\u00e4ndert sein w\u00fcrde durch diese Reise, die mich viel weiter gef\u00fchrt hatte als nur bis M\u00fcnchen, durch diese Begegnung, die mich endlich die Bedeutung des oft gelesenen, aber nie verstandenen Wort <em>Raptus<\/em> erfassen lie\u00df.\u201c<\/p>\n<p>Das h\u00e4ngt auch damit zusammen, dass am 5. September ein pal\u00e4stinensisches Kommando die israelische Olympiamannschaft \u00fcberf\u00e4llt, sie als Geiseln nimmt und schlie\u00dflich nach einer schlecht geplanten und noch schlechter durchgef\u00fchrten Rettungsaktion alle umbringt. Sebastian findet heraus, warum die Geiseln sterben mussten. Doch wie \u00fcber seine intimen Erlebnisse, schweigt er 40 Jahre lang auch dar\u00fcber.<\/p>\n<p>F\u00fcr sich selbst notiert er nach dem gescheiterten Befreiungsversuch der deutschen Polizei:<\/p>\n<p>\u201eIst es denn zu fassen, dass man in Deutschland noch einmal Juden ermordet? Vor drei\u00dfig Jahren gehorchten die Deutschen, wenn man ihnen auftrug, uns zu t\u00f6ten. Und jetzt gehorchen sie nicht, wenn man ihnen auftr\u00e4gt, das Leben der unseren zu retten.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Mischung zwischen einer homoerotischen amour fou und der Dokumentation eines historischen Geschehens, die Mischung aus Fiktion und Realit\u00e4t ist Jean Mattern sehr gut gelungen. Er hat das Drama des 5. September ausf\u00fchrlich recherchiert und erg\u00e4nzt die offizielle Geschichtsschreibung durch etliche f\u00fcr Deutschland unangenehme Fakten, \u00fcber die nach wie vor nicht gerne geredet wird.<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; Jean Mattern, September, Berlin Verlag 2016, ISBN 978-3-8270-1293-7 &nbsp; Im\u00a0 Jahr 2010 deb\u00fctierte der in Paris lebende Verlagslektor Jean Mattern in Deutschland mit einem Roman, der damals leider kaum beachtet wurde.\u00a0 \u201eIm Kiraly-Bad\u201c erz\u00e4hlte von dem etwa drei\u00dfigj\u00e4hrigen in London lebenden \u00dcbersetzer Gabriel, der an einer doppelt schweren Vergangenheit tr\u00e4gt. 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