{"id":1835,"date":"2016-05-09T12:07:12","date_gmt":"2016-05-09T10:07:12","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=1835"},"modified":"2016-05-09T12:07:12","modified_gmt":"2016-05-09T10:07:12","slug":"geteiltes-vergnuegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=1835","title":{"rendered":"Geteiltes Vergn\u00fcgen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/44193066z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1836\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/44193066z-183x300.jpg\" alt=\"44193066z\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/44193066z-183x300.jpg 183w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/44193066z.jpg 290w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Johanna Adorjan, Geteiltes Vergn\u00fcgen, Hanser Berlin 2016, ISBN 978-3-446-25071-0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;Dieses Buch erz\u00e4hlt die Geschichte von Vera und Istvan, die als ungarische Juden den Holocaust \u00fcberlebten, 1956 w\u00e4hrend des Aufstandes von Budapest nach D\u00e4nemark flohen und sich 1991 in Kopenhagen das Leben nahmen. Man fand sie Hand in Hand in ihrem Bett. Es ist die Geschichte einer ungew\u00f6hnlichen Liebe. Die Geschichte meiner Gro\u00dfeltern.&#8220;<\/p>\n<p>Mit diesen Worten begann die Journalistin Johanna Adorjan, die unter anderem f\u00fcr das Feuilleton der FAS schreibt, 2011 ihren Deb\u00fctroman, der von zahlreichen Kritiker sehr gelobt wurde. Ich selbst nannte es in einer Rezension \u201edas Portr\u00e4t eines exzentrischen Liebespaares und eine Liebesgeschichte, die aufw\u00fchlt und betroffen macht &#8211; ein Buch voller Poesie und Kraft\u201c.<\/p>\n<p>Ich gab damals der Hoffnung Ausdruck, \u201edass Johanna Adorjan nach diesem wirklich bemerkenswerten Buchdeb\u00fct ihre erz\u00e4hlerische Kraft noch zu weiteren belletristischen B\u00fcchern nutzt.\u201c<\/p>\n<p>Nun, f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter, ist diese Hoffnung in Erf\u00fcllung gegangen. Mit \u201eGeteiltes Vergn\u00fcgen\u201c pr\u00e4sentiert sie einen Roman \u00fcber eine Journalistin namens Jessica mit j\u00fcdischen Wurzeln, die in der Ich-Form von einer amour fou erz\u00e4hlt, die sie \u00fcber etwa ein Jahr mit einem Mann namens Tom hat, einem Musiker, der sie gleich beim ersten Zusammentreffen durch seine Manieren beeindruckt: \u201eEr war \u00fcberhaupt wahnsinnig h\u00f6flich. Zuvorkommend. Gut erzogen, k\u00f6nnte man auch sagen. Nie zuvor hatte mir ein Mann nicht nur in\u00a0 den Mantel geholfen, sondern mir anschlie\u00dfend auch noch den Schal umgelegt (\u2026) Er behandelte mich, als w\u00e4re allein die Tatsache, dass ich eine Frau war, etwas unerh\u00f6rt Besonderes und Kostbares.\u201c<\/p>\n<p>Sie f\u00fchlt sich nicht nur wieder richtig als Frau, sondern sie kleidet sich auch so. Und sie hat noch nie so guten und leidenschaftlichen Sex gehabt, wie mit diesem Mann. Doch so nah er ihr dabei kommt, so z\u00e4rtlich und kr\u00e4ftig zugleich er sie begehrt, so schnell ist er danach wieder verschwunden, zieht sich manchmal f\u00fcr Tage zur\u00fcck und antwortet nicht auf ihre Nachrichten. Dann\u00a0 ist er wieder da, als w\u00e4re er nie weg gewesen. Jessica beginnt sich daran zu gew\u00f6hnen. Sie akzeptiert auch Toms r\u00e4tselhafte Beziehung zu einem \u00e4lteren Freund, in dessen Haus er wohnt und mit dem er sich nicht nur kulinarische Gen\u00fcsse teilt, sondern auch Frauen.<\/p>\n<p>Als sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Kinderwunsch versp\u00fcrt, setzt sie die Pille ab, l\u00e4sst es darauf ankommen, wird aber nicht schwanger von Tom. Der wiederum schl\u00e4ft nicht nur mit wechselnden Frauen bei Partys, die sein Freund ausrichtet, sondern auch mit seiner ehemaligen Partnerin. Verst\u00e4ndlicherweise ist Jessica durcheinander. Hin- und hergerissen zwischen Anziehung und Emp\u00f6rung.<\/p>\n<p>Sie macht erneut eine Therapie bei einer offenbar mit medialen F\u00e4higkeiten ausgestatteten etwas skurrilen Psychologin, die unter anderem einen Satz von sich gibt, der mich begeistert hat: \u201eMan muss wollen, was man hat, bevor man bekommt, was man will.\u201c<\/p>\n<p>Man ist als Leser \u00fcber eine lange Zeit irritiert, warum Jessica an der Beziehung zu Tom so lange festh\u00e4lt, warum sie sich im Namen der Liebe sozusagen selbst aufgibt.\u00a0 Aber Johanna Adorjan erz\u00e4hlt die Geschichte als Befreiungsgeschichte, als eine Entwicklung hin zu sich selbst. Als Tom zu seiner sterbenden Mutter, einer ber\u00fchmten Musikerin, nach New York eilt, bekommt Jessica den n\u00f6tigen Abstand, all das, was sie erlebt und gef\u00fchlt hat, zu sortieren.<\/p>\n<p>Johanna erz\u00e4hlt diese amour fou von Jessica und Tom auf eine Weise, als h\u00e4tte sie es in einer \u00e4hnlichen Form so erlebt. Vielleicht hat sie das ja auch.<\/p>\n<p>Der Roman spielt mit dem Thema, warum Frauen (aber auch M\u00e4nner) so lange an Beziehungen festhalten, die offensichtlich nicht gut f\u00fcr sie sind. Und obwohl Jessica am Ende feststellt: \u201e \u201aVerlass mich nicht\u2018, sagte ich nicht\u201c, ist anzunehmen, dass sie noch lange daran zu knabbern hat. An der Erfahrung, dass aus der zun\u00e4chst genossenen Spannung zwischen Freiheit und Liebe etwas ganz Dunkles wird.<\/p>\n<p>Ich halte Johanna Adorjans zweiten Roman f\u00fcr ein gelungenes Buch und freue mich auf ihr n\u00e4chstes Buch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; Johanna Adorjan, Geteiltes Vergn\u00fcgen, Hanser Berlin 2016, ISBN 978-3-446-25071-0 &nbsp; &#8222;Dieses Buch erz\u00e4hlt die Geschichte von Vera und Istvan, die als ungarische Juden den Holocaust \u00fcberlebten, 1956 w\u00e4hrend des Aufstandes von Budapest nach D\u00e4nemark flohen und sich 1991 in Kopenhagen das Leben nahmen. Man fand sie Hand in Hand in ihrem Bett. 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