{"id":1956,"date":"2016-06-01T08:20:04","date_gmt":"2016-06-01T06:20:04","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=1956"},"modified":"2016-06-01T08:20:04","modified_gmt":"2016-06-01T06:20:04","slug":"traurige-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=1956","title":{"rendered":"Traurige Freiheit"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/44145962z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1957\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/44145962z-185x300.jpg\" alt=\"44145962z\" width=\"185\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/44145962z-185x300.jpg 185w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/44145962z.jpg 260w\" sizes=\"auto, (max-width: 185px) 100vw, 185px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Friederike G\u00f6sweiner, Traurige Freiheit, Droschl 2016, ISBN 978-3-85420-976-8<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eTraurige Freiheit\u201c ist das Romandeb\u00fct der 1980 geborenen Tirolerin Friederike G\u00f6sweiner. Mit ihrer Protagonistin Hannah, in deren Charakterisierung und Schicksal offenbar viel pers\u00f6nliche Erfahrungen und Reflexionen eingeflossen sind, schildert sie die Lebenswelt von vielen gut ausgebildeten Frauen und M\u00e4nnern aus der Generation der etwa Drei\u00dfigj\u00e4hrigen. Zwischen Hoffnungen, die oft zerplatzen wie Seifenblasen, Resignation und immer wieder versuchtem Aufbruch als lebendig gewordener Freiheit, wechselt ihr Leben hin und her. Dass diese Freiheit im Falle Hannahs bis zum Ende eine eher \u201etraurige Freiheit\u201c ist, l\u00e4sst nicht nur den Leser dar\u00fcber nachdenken, ob sich das alles gelohnt hat und vielleicht etwas mehr Konvention und Kompromissbereitschaft, was das Leben und die Karriere angeht, den Menschen gl\u00fccklicher gemacht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Hannah hat studiert, lebt seit vielen Jahren mit dem angehenden Arzt Jakob zusammen und h\u00e4lt sich mit freiberuflicher Journalistent\u00e4tigkeit mehr schlecht als recht \u00fcber Wasser. Sie ist ungl\u00fccklich und niedergeschlagen:<\/p>\n<p>\u201eAls Hannah j\u00fcnger war, hatten alle Erwachsenen immer gesagt, sie sei gl\u00fccklich, geh\u00f6re zu der Generation, der alle Wege offen st\u00fcnden, man k\u00f6nnen alles werden, alles sein, hie\u00df es, alles sei m\u00f6glich, das sei die totale Freiheit. Aber das stimmte nicht (\u2026) ihr standen keine Wege offen. Niemand brauchte sie. Niemand wollte sie. Sie war zu nichts nutze.\u201c<\/p>\n<p>Schon hier fragt sich der Leser, warum Hannah so fest an ihrer Wunscht\u00e4tigkeit festh\u00e4lt, obwohl sie wei\u00df, dass die echten Stellen knapp sind und die dann auch noch sehr prek\u00e4r. Doch als sie endlich nach zahllosen Bewerbungen ein Volontariat in Berlin, wo sie immer schon hin wollte, angeboten bekommt, glaubt sie durchzustarten. Sie trennt sich von Jakob, weil der lieber in seiner geliebten Provinz leben m\u00f6chte und mit seiner Stelle im Krankenhaus sehr zufrieden ist. Das zu lesen tut geradezu weh. Wie sich eine Frau ein wesentliches St\u00fcck ihrer bisherigen Existenz abklemmt, in der ungewissen Hoffnung auf eine bessere berufliche Zukunft.<\/p>\n<p>Sie kommt bei einer Freundin unter, Miriam, die eine angebliche Traumstelle als Korrespondentin in Moskau ergattert hat, und mit der sie das ganze Buch \u00fcber immer wieder \u00fcber Skype sich austauscht. Das Volontariat ist kurz und\u00a0 erfolglos und nach dessen Ende rutscht Hannah in eine echte Lebenskrise.<\/p>\n<p>\u201eAlles war m\u00f6glich, immer wieder hatte sie das geh\u00f6rt. Aber nie hatte sie daran gedacht, dass das auch das Scheitern implizierte. Niemand dachte daran, dass auch das Scheitern eine M\u00f6glichkeit war.<br \/>\nWie hatte sie nur nicht daran denken k\u00f6nnen? Wenn alles m\u00f6glich war, war eben auch das Verlieren m\u00f6glich. Wie konnten das alle nur vergessen? Wie konnte man denken, dass es immer nur die anderen treffen w\u00fcrde?\u201c<\/p>\n<p>Sie arbeitet als Bedienung in einem Cafe, trifft dort auf einen sehr bekannten \u00e4lteren Journalisten, macht sich Hoffnungen, doch irgendwann l\u00e4sst der zun\u00e4chst so zugewandte Mann nichts mehr von sich h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Als sie dann noch von der Vaterschaft Jakobs erf\u00e4hrt, f\u00e4llt Hannah ins Bodenlose. Das Ende des Buches signalisiert einen Aufbruch, der aber bleibt ungewiss und angedeutet und nicht sehr verhei\u00dfungsvoll. Freiheit, die sich anf\u00fchlt wie ein endloser Fall in die Tiefe \u2013 ein erstrebenswertes Lebensziel?<\/p>\n<p>Ich glaube, die Autorin wei\u00df es auch nicht genau. Sie hat das Scheitern, den Absturz und die Einsamkeit sehr einf\u00fchlsam beschrieben. Sie schildert ihre Hauptfigur drastisch, gleichzeitig aber mit gro\u00dfer Sensibilit\u00e4t, viel sprachlichem Geschick ohne sentimental zu werden.<\/p>\n<p>Und mit der Autorin fragt man sich, in welcher Welt wir mittlerweile leben, wo junge Menschen sich glauben entscheiden zu m\u00fcssen zwischen ihrer Arbeit und ihrer Beziehung.<\/p>\n<p>Den Rezensenten hat das Buch unendlich traurig zur\u00fcckgelassen mit viel Mitgef\u00fchl f\u00fcr diese Generation. Ich glaube, die nachfolgenden, zu denen auch mein Sohn geh\u00f6rt, werden es nicht sehr viel besser haben.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr zu den alten Rollenbildern geht nicht, alleinige Orientierung an Job und Beruf macht ungl\u00fccklich. Wer zerschl\u00e4gt diesen gordischen Knoten? Eine unheimliche Anstrengung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; Friederike G\u00f6sweiner, Traurige Freiheit, Droschl 2016, ISBN 978-3-85420-976-8 &nbsp; \u201eTraurige Freiheit\u201c ist das Romandeb\u00fct der 1980 geborenen Tirolerin Friederike G\u00f6sweiner. Mit ihrer Protagonistin Hannah, in deren Charakterisierung und Schicksal offenbar viel pers\u00f6nliche Erfahrungen und Reflexionen eingeflossen sind, schildert sie die Lebenswelt von vielen gut ausgebildeten Frauen und M\u00e4nnern aus der Generation der etwa &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=1956\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Traurige Freiheit<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1956","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1956","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1956"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1956\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1958,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1956\/revisions\/1958"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1956"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1956"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1956"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}