{"id":2020,"date":"2016-06-14T11:42:18","date_gmt":"2016-06-14T09:42:18","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=2020"},"modified":"2016-06-14T11:42:18","modified_gmt":"2016-06-14T09:42:18","slug":"tagesanbruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=2020","title":{"rendered":"Tagesanbruch"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/44111017z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2021\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/44111017z-180x300.jpg\" alt=\"44111017z\" width=\"180\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/44111017z-180x300.jpg 180w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/44111017z.jpg 285w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hans-Ulrich Treichel, Tagesanbruch, Suhrkamp 2016, ISBN 978-3-518-42525-1<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist mitten in der Nacht. Der Tag hat noch nicht begonnen. Eine alte Frau h\u00e4lt ihren erwachsenen Sohn in den Armen. Seit Monaten hat die verwitwete Frau ihn gepflegt, nachdem er schwer erkrankt wieder nach Hause zur\u00fcckgekehrt war. Nun ist er tot, wie sie schon registriert hat.<\/p>\n<p>Noch vor Tagesanbruch f\u00fchrt sie mit ihrem Sohn ein langes Gespr\u00e4ch, und erst nachdem die Sonne schon lange aufgegangen ist, wird sie den Arzt anrufen. Zuvor f\u00fchrt sie einen Monolog, der ihr sowohl dazu dient, sich zu erinnern als auch zum ersten Mal dem Sohn ein lange geh\u00fctetes Geheimnis zu offenbaren:<\/p>\n<p>\u201eMan muss alles aussprechen. Und wenn man es nicht aussprechen\u00a0 kann, dann muss man es aufschreiben. Ich habe alles aufgeschrieben. Auch wenn die Hand zittert. Auch wenn es nur ein paar Seiten in meinem Spiralblock sind.\u201c<\/p>\n<p>Sie erinnert sich an ihr Leben im Nachkriegsdeutschland. Ein Leben mit einem Ehemann, der als Versehrter aus dem Krieg heimkehrte, an den Aufbau eines gemeinsamen Textilgesch\u00e4ftes, an die Arbeit und das Streben nach Anerkennung im Dorf. Wie sie alles f\u00fcr ihren einzigen Sohn taten, ihm sogar ein schwarzes Klavier kauften. Der Versuch ihm zu helfen, sozial aufzusteigen. In einer kurzen Bemerkung erfahren wir, dass er das sp\u00e4ter wohl auch schaffte. \u00dcber sein sonstiges Leben erfahren wir nichts.<\/p>\n<p>Die Frau, der die wohl seit langem in ihrer Kehle und im Herzen steckenden Worte nur so heraussprudeln, hat ihren Sohn \u00fcber alles geliebt, und doch ist er ihr immer fremd geblieben. Denn sein Leben verdankt sich m\u00f6glicherweise einer traumatischen Gewalterfahrung, die die Frau auf der Flucht vor den Russen machen musste, ohne dass ihr Mann eingreifen und ihr helfen konnte. F\u00fcr die Ehe hatte das Folgen:<\/p>\n<p>\u201eObwohl mein Mann und ich uns seit diesem Ereignis n\u00e4her denn je waren, geradezu miteinander verschwei\u00dft, sind wir uns seit diesem Tag im Januar 1945 zugleich auf schmerzliche Weise fremd geworden, um nicht zu sagen: verloren gegangen. Miteinander verschwei\u00dft und f\u00fcreinander verloren. Wir haben es beide gesp\u00fcrt und nie dar\u00fcber gesprochen. Weder damals noch sp\u00e4ter. Man kann nicht alles aussprechen.\u201c<\/p>\n<p>Und so erz\u00e4hlt sie sich, sich endlich befreiend von dem, was sie jahrzehntelang gedr\u00fcckt hat, durch die Nacht hinein in den Tagesanbruch. Der erste Tag eines Lebens, das sie von nun an ganz allein f\u00fchren wird. Ob sie wagt, noch einmal neu anzufangen mit dem Leben, das ihr bleibt? Ob es ihr gelingt, ihren Sohn und die dramatische Geschichte seiner Entstehung loszulassen und sich trotz ihres Alters noch einmal zu \u00f6ffnen f\u00fcr andere Menschen?<\/p>\n<p>Als ich das schmale B\u00e4ndchen mit dieser ber\u00fchrenden Novelle ausgelesen hatte, habe ich es mit diesen Fragen\u00a0 im Herzen beiseitegelegt, sp\u00fcrend, dass ich seine Geschichte noch lange in Erinnerung behalten werde.<\/p>\n<p>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; Hans-Ulrich Treichel, Tagesanbruch, Suhrkamp 2016, ISBN 978-3-518-42525-1 &nbsp; Es ist mitten in der Nacht. Der Tag hat noch nicht begonnen. Eine alte Frau h\u00e4lt ihren erwachsenen Sohn in den Armen. Seit Monaten hat die verwitwete Frau ihn gepflegt, nachdem er schwer erkrankt wieder nach Hause zur\u00fcckgekehrt war. 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