{"id":2419,"date":"2016-08-25T15:31:40","date_gmt":"2016-08-25T13:31:40","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=2419"},"modified":"2016-08-25T15:31:40","modified_gmt":"2016-08-25T13:31:40","slug":"die-schwedischen-gummistiefel-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=2419","title":{"rendered":"Die schwedischen Gummistiefel"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/44945364z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2420\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/44945364z-284x300.jpg\" alt=\"44945364z\" width=\"284\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/44945364z-284x300.jpg 284w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/44945364z.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 284px) 100vw, 284px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Henning Mankell, Die schwedischen Gummistiefel, Der H\u00f6rverlag 2016, ISBN 978-3-8445-2349-2<\/p>\n<p>Im Jahr 2007 ver\u00f6ffentlichte der mittlerweile verstorbene schwedische Schriftsteller Henning Mankell ein nachdenkliches, stellenweise schwerm\u00fctiges, aber absolut ehrliches Buch mit dem Titel \u201eDie italienischen Schuhe\u201c und zeigte mit ihm und anderen, die in diesem Zeitraum nach dem endg\u00fcltigen Abschluss seiner Wallander-Reihe erschienen sind, dass er viel mehr kann als engagierte Krimis zu schreiben und als einer der besten Schriftsteller der letzten 25 Jahre in Erinnerung bleibt.<\/p>\n<p>Es war ein Buch, in dem der ehemalige Chirurg Frederik Welin sich seiner Schuld und seiner Lebensl\u00fcge stellt und am Ende in sein Logbuch notiert:<br \/>\n&#8222;Bis hierher sind wir gekommen. Nicht weiter. Aber bis hierher.&#8220;<br \/>\nIch schrieb damals am Ende meiner Rezension:<\/p>\n<p>\u201eHenning Mankell hat ein stilles, aber nicht minder engagiertes und bewegendes Buch geschrieben \u00fcber Erfahrungen und Auseinandersetzungen des letzten Lebensabschnittes. Ob junge Menschen, die von seinen Wallanderromanen begeistert waren, die neue Stimme Mankells h\u00f6ren wollen, oder \u00fcberhaupt k\u00f6nnen, sei dahin gestellt.<br \/>\nAber wer bereit ist, sich ernst Fragen nach Schuld und Vergebung, Alter und Einsamkeit zu stellen, wird von diesem Roman au\u00dferordentlich f\u00fcr sich selbst profitieren.\u201c<\/p>\n<p>Als er im letzten Jahr mit \u201eTreibsand: Was es hei\u00dft, ein Mensch zu sein\u201c nach seiner Krebsdiagnose ein sehr pers\u00f6nliches und ehrliches Buch ver\u00f6ffentlichte, in dem er den Fragen \u201eWoher kommen wir? Wohin gehen wir? Welche Art der Gesellschaft will ich mitgestalten?\u201c nachging, \u00fcber Zukunftsfragen reflektierte, auf die Schl\u00fcsselszenen des eigenen Lebens zur\u00fcckblickte und \u00fcber die M\u00f6glichkeiten nachdachte, in dieser Welt ein sinnvolles Leben zu f\u00fchren, hatte man das f\u00fcr seine letzte literarische \u00c4u\u00dferung gehalten.<\/p>\n<p>Doch vor seinem Tod erinnert er sich noch einmal an seinen nach einem Kunstfehler gescheiterten Chirurgen Frederik Welin aus \u201eDie italienischen\u00a0 Schuhe\u201c und schreibt eine Art Fortsetzung, die acht Jahre sp\u00e4ter spielt und auch ohne die Kenntnis des ersten Romans gut verstanden werden kann, zumal Mankell den wieder ich-erz\u00e4hlenden alt gewordenen Frederik Welin immer wieder auf die Geschichte der \u201eitalienischen Schuhe\u201c zur\u00fcckkommen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Frederik Welins Haus in den Sch\u00e4ren ist durch eine Brandstiftung vernichtet worden. Was ihm geblieben ist, ist ein Wohnwagen, ein Zelt und zwei ungleiche Gummistiefel. Und ein nunmehr v\u00f6llig zerst\u00f6rtes Leben. Lohnt es sich, noch einmal neu anzufangen?<br \/>\nEin alter Mann, der alles verloren hat, was sein schon vorher br\u00fcchiges Leben ausgemacht hat, ringt um sein Leben, von der ersten bis zu letzten Zeile. Und er fragt sich:<br \/>\nWas wei\u00df ich eigentlich \u00fcber die Menschen, die mir nahestehen? In seinem Fall seine Tochter Louise, seinen Inselnachbarn Jansson, den mittlerweile pensionierten Postboten und die Journalistin Lisa Modin, die nach dem Brand recherchiert und in die sich Welin verliebt.<br \/>\nWas wei\u00df ich \u00fcber mich selbst? Der ganze Roman ist von der ersten bis zur letzten Zeile einer der ehrlichsten und schmerzhaftesten Selbstreflexionen, die ich je gelesen habe.<\/p>\n<p>Als Welin in Paris, wohin er gerufen wurde, weil seine schwangere Tochter Louise dort wegen eines Taschendiebstahls verhaftet wurde, am Telefon erf\u00e4hrt, dass ein weiteres Haus in den Sch\u00e4ren in Flammen aufgegangen ist, f\u00e4hrt er nach erfolgreichen Verhandlungen \u00fcber Louises Freilassung wieder nach Hause zur\u00fcck. Dieser zweite Brand, der genau wie der erste mit Brandbeschleunigern gelegt wurde, veranlasst die Polizei, die Ermittlungen gegen Frederik Welin, die ihm schwer zu schaffen gemacht haben,\u00a0 einzustellen.<\/p>\n<p>Doch wer war es? Wer hat so etwas getan? In den Begegnungen von Frederik Welin mit seiner Tochter, dem Vater des werdenden Kindes, der Journalistin, mit Jansson und anderen Sch\u00e4renbewohner beschw\u00f6rt Mankell immer wieder die M\u00f6glichkeit, aber auch Notwendigkeit menschlicher N\u00e4he angesichts der Einsamkeit, des Alters und dem nahen Tod.<\/p>\n<p>Irgendwann erh\u00e4rtet sich ein bisher unvorstellbarer Verdacht und das R\u00e4tsel der Br\u00e4nde scheint gel\u00f6st.\u00a0 Doch die Beziehungen der Menschen untereinander bleiben ungekl\u00e4rt und im geheimnisvollen Dunkel.<br \/>\nFast erwartet man, dass Welin wie am Ende der italienischen Schuhe auch hier sagt:<br \/>\n&#8222;Bis hierher sind wir gekommen. Nicht weiter. Aber bis hierher.&#8220;<br \/>\nDoch er blickt dem eigenen Tod ins Auge und sagt n\u00fcchtern:<br \/>\n\u201eBald w\u00fcrde der Herbst kommen. Aber die Dunkelheit schreckte mich nicht mehr.\u201c<\/p>\n<p>Ein lesenswertes, ber\u00fchrendes und unter die Haut gehendes literarisches Verm\u00e4chtnis. Henning Mankell war ein Schriftsteller, der durch die Qualit\u00e4t seiner verschiedenen Romane zu Lebzeiten sicher den Nobelpreis verdient h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Seine B\u00fccher werden noch in Jahrzehnten aufgelegt und gelesen werden. Seine kritische und nachdenkliche Stimme allerdings wird fehlen.<\/p>\n<p>Die hier im H\u00f6rverlag vorliegende gek\u00fcrzte Lesung von Axel Milberg (er hatte auch schon die italienischen Schuhe beeindruckend eingelesen) besticht durch ihre Pr\u00e4gnanz. Milbergs Stimme geht unter die Haut, man meint den alten Frederik Welin selbst sprechen zu h\u00f6ren. Die H\u00f6rfassung ist noch einmal schwerer zu ertragen &#8211; stellenweise jedenfalls &#8211; als das Buch. Sich auf die Schilderung von Einsamkeit, Alter und nahem Tod einzulassen, erfordert vom H\u00f6rer Einiges.<br \/>\nWenn er sich jedoch f\u00fcr diese Fragen \u00f6ffnet beim vielleicht manchmal ersch\u00fcttert unterbrochenen H\u00f6ren, wird es ein auch pers\u00f6nlicher Gewinn sein. Ein Sinngeschenk, das ihm Mankell und Milberg da machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; Henning Mankell, Die schwedischen Gummistiefel, Der H\u00f6rverlag 2016, ISBN 978-3-8445-2349-2 Im Jahr 2007 ver\u00f6ffentlichte der mittlerweile verstorbene schwedische Schriftsteller Henning Mankell ein nachdenkliches, stellenweise schwerm\u00fctiges, aber absolut ehrliches Buch mit dem Titel \u201eDie italienischen Schuhe\u201c und zeigte mit ihm und anderen, die in diesem Zeitraum nach dem endg\u00fcltigen Abschluss seiner Wallander-Reihe erschienen &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=2419\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Die schwedischen Gummistiefel<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2419","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2419","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2419"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2419\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2421,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2419\/revisions\/2421"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2419"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2419"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2419"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}