{"id":2516,"date":"2016-09-06T15:54:45","date_gmt":"2016-09-06T13:54:45","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=2516"},"modified":"2016-09-06T15:54:45","modified_gmt":"2016-09-06T13:54:45","slug":"neuland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=2516","title":{"rendered":"Neuland"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/43901945z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2517\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/43901945z-188x300.jpg\" alt=\"43901945z\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/43901945z-188x300.jpg 188w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/43901945z.jpg 298w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Eshkol Nevo, Neuland, DTV 2016, ISBN 978-3-423-145107<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man wird diesen monumentalen neuen Roman des israelischen Schriftstellers Eshkol Nevo nicht ganz verstehen bzw. ihn auf eine reine romantische Liebesgeschichte oder einen dramatischen Familienroman reduzieren ohne den Hinweis auf die gewollte N\u00e4he zu Theodor Herzls utopischem Roman \u201eAltneuland\u201c, der im Jahr 1902 erstmals erschien und in dem er sechs Jahre nach seinem sachlich-konzeptuellen Buch \u201eDer Judenstaat\u201c \u00a0seine Utopie einer j\u00fcdischen Gesellschaftsordnung in Pal\u00e4stina beschrieb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun ist seit 1948 der Staat Israel ein zwar von vielen seiner Nachbarn nach wie vor bek\u00e4mpftes Faktum, doch von den urspr\u00fcnglichen Utopien oder Ideen, wie sie in der Kibbuzbewegung lebendig wurden, ist im heutigen Staat Israel nicht mehr viel zu sp\u00fcren. Nicht nur durch die Besetzungspolitik, auch durch viele Kriege ist die israelische Demokratie angeschlagen. Viele israelische Schriftsteller haben in ihren Romanen der letzen Jahre immer wieder dieses Thema behandelt und versucht, neue Szenarios zu entwerfen, wie Juden und Pal\u00e4stinenser ohne den religi\u00f6sen Einfluss der Orthodoxen auf beiden Seiten in Zukunft friedlich miteinander leben k\u00f6nnten. Dieser Rekurs auf die Vergangenheit und ihre Bedeutung f\u00fcr die Zukunft einzelner Menschen und Familien, aber auch des ganzen Landes zieht sich durch Eshkol Nevos Buch wie ein roter Faden. Der Roman \u00fcberspannt mehrere Generationen, von der Flucht Lillis, die jetzt eine alte, von Demenz bedrohte Frau ist, 1939 aus Warschau, wo sie ihren Vater zur\u00fccklassen musste, was sie nie verwunden hat, \u00fcber Rum\u00e4nien bis nach Pal\u00e4stina, bis zu einer eher freiwilligen Flucht im Jahr 2006, als der etwa sechzig Jahre alte Meni Peleg, ein ehemaliger, im Jom Kippur Krieg dekorierter Offizier pl\u00f6tzlich seinen Rucksack packt, und seinem Sohn Dori und seiner Tochter Zeela mitteilt, er wolle nun eine l\u00e4ngere Zeit in S\u00fcdamerika verbringen. \u00c4hnlich wie die vielen jungen Israelis, die, nicht selten an ihrer Seele verwundet, nach ihrem Milit\u00e4rdienst, sich eine Auszeit nehmen und als Backpacker in exotische Gegenden, oft nach S\u00fcdamerika gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Berater war Meni Peleg nicht nur sehr erfolgreich, sondern auch in Israel ein sehr bekannter Mann. Als seine Frau stirbt, mit der er gl\u00fccklich verheiratet war, kommt er aus der Spur, zumal sich \u00fcber Jahrzehnte verdr\u00e4ngte und vergessene Traumata aus dem Krieg bemerkbar machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seine Familie akzeptiert notgedrungen diesen Entschluss, doch als\u00a0 kurz nach seiner Abreise seine Telefonate immer merkw\u00fcrdiger werden und er schlie\u00dflich mitteilt, er werde sich nun eine lange Zeit nicht mehr melden, bricht sein Sohn Dori mit der Unterst\u00fctzung seiner Frau auf, um seinen Vater mit Hilfe eines professionellen einheimischen Vermisstensuchers, den sie im Internet entdeckt haben, zu finden und nach Hause zu holen. Dori ist ein sehr engagierter Geschichtslehrer und ein liebevoller Vater dem es schwer f\u00e4llt, seinen sehr auf ihn\u00a0 fixierten Sohn zur\u00fcckzulassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Peru, nicht lange nachdem er zusammen mit Alfredo, dem menschlichen Sp\u00fcrhund, seine Suche begonnen hat, trifft Dori auf die junge Israelin Inbar. Die erfolgreiche Radiomoderatorin ist, nachdem sie ihre Mutter in Berlin besucht hat, die dort mit einem Deutschen zusammenlebt, kurz entschlossen nicht nach Israel zur\u00fcckgekehrt, sondern hat den erstbesten Flug nach Lateinamerika gebucht. Auch sie ist \u201everwundet\u201c, wie Meni Peleg das sp\u00e4ter beschreiben wird. Sie hat den Tod (war es ein Selbstmord?) ihres j\u00fcngeren Bruders beim Milit\u00e4r nicht verwunden. Inbar ist die Enkeltochter jener oben erw\u00e4hnten Lilli, die sich auf dem Schiff, das sie 1939 von der Schwarzmeerk\u00fcste nach Pal\u00e4stina brachte, in einen Mann namens Jizchak Fimstein verliebte, der sp\u00e4ter der Gro\u00dfvater von Dori Peleg werden sollte. Und sie ist zusammen mit Eijtan, einem Mann, der in der Folge ein ungew\u00f6hnliches und beeindruckend liebevolles Verst\u00e4ndnis aufbringen wird f\u00fcr die Flucht seiner Partnerin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch all das erfahren Dori und Inbar erst zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt ihrer gemeinsamen Reise. Denn Inbar schlie\u00dft sich Dori und Alfredo an bei der Suche nach Meni Peleg. Eine abenteuerliche Reise wird dort geschildert \u00fcber mehrere lateinamerikanische L\u00e4nder. Immer wieder unterbrochen durch R\u00fcckblicke in das schwierige Beziehungsgeflecht der beiden Familien und ihrer Geschichte, die eng bezogen wird auf die bis in den fr\u00fchen Zionismus reichende Geschichte Israels. Dori und Inbar n\u00e4hern sich einander an, ohne dass es zu einer von beiden phantasierten Liebesbeziehung kommt.\u00a0 Als sie schlie\u00dflich in Argentinien erfahren, wo der Vater steckt, was mit ihm geschehen ist und was ihn bewegt, da wird die Bezugnahme von Eshkols \u201eNeuland\u201c zu Herzls \u201eAltneuland\u201c \u00fcberdeutlich, ohne die man den ganzen Roman nicht verstehen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eNeuland\u201c ist ein Roman \u00fcber Israel, seine Kriege und die vielen Wunden seiner B\u00fcrger. Alte aus der Shoah und viele neue aus den zahlreichen Kriegen, ohne die Israel l\u00e4ngst nicht mehr existierte. Ein Roman, der zeigt, wie diese Wunden schw\u00e4ren und schmerzen und wie sie rufen nach einer Alternative f\u00fcr die Zukunft, f\u00fcr das Land und f\u00fcr seine Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eNeuland\u201c ist ein gro\u00dfer Roman, der wie kaum ein anderer Roman zuvor mit deutlicher Stimme den Ruf\u00a0 nach einer Erneuerung der israelischen Gesellschaft erschallen l\u00e4sst. Es ist ein sehr j\u00fcdisches Buch, trotz seiner un\u00fcbersehbaren israelischen Z\u00fcge, weil es seine Figuren um keinen Preis entkommen l\u00e4sst. Dabei geht es Eshkol Nevo niemals um richtig oder falsch, sondern immer um menschliches Empfinden. Eine wunderbare poetische Fiktion.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; Eshkol Nevo, Neuland, DTV 2016, ISBN 978-3-423-145107 &nbsp; Man wird diesen monumentalen neuen Roman des israelischen Schriftstellers Eshkol Nevo nicht ganz verstehen bzw. ihn auf eine reine romantische Liebesgeschichte oder einen dramatischen Familienroman reduzieren ohne den Hinweis auf die gewollte N\u00e4he zu Theodor Herzls utopischem Roman \u201eAltneuland\u201c, der im Jahr 1902 erstmals erschien &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=2516\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Neuland<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2516","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2516","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2516"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2516\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2518,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2516\/revisions\/2518"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2516"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2516"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2516"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}