{"id":2873,"date":"2016-11-05T11:17:43","date_gmt":"2016-11-05T09:17:43","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=2873"},"modified":"2016-11-05T11:17:43","modified_gmt":"2016-11-05T09:17:43","slug":"selbstportraet-mit-flusspferd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=2873","title":{"rendered":"Selbstportr\u00e4t mit Flusspferd"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/44876798z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2874\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/44876798z-188x300.jpg\" alt=\"44876798z\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/44876798z-188x300.jpg 188w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/44876798z.jpg 298w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Arno Geiger, Selbstportr\u00e4t mit Flusspferd, DTV 2016, ISBN 978-3-423-14526-8<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der neue, lange erwartete Roman von Arno Geiger, der nun im Taschenbuch bei DTV vorliegt erz\u00e4hlt von einem jungen Mann, der sein Sohn sein k\u00f6nnte. Hatte Geiger sich in seinem 2011 erschienenen Buch \u201eDer alte K\u00f6nig in seinem Exil\u201c noch mit seinem alten Vater und dessen Demenz, mit der Hinf\u00e4lligkeit am Ende des Lebens und mit dem Sterben und dem Tod besch\u00e4ftigt, geht es in \u201eSelbstportr\u00e4t mit Flusspferd\u201c um die Sinn- und Identit\u00e4tsfragen am Beginn eines Erwachsenenlebens, ja, um das Erwachsenwerden insgesamt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn obwohl in unserem Land kaum eine Generation vorher so beh\u00fctet und mit so viel Bildungsangeboten aufgewachsen ist, wie die der heute 20-30 J\u00e4hrigen, tun sich viele junge Menschen schwer, ihren Platz zu finden in Beruf und Gesellschaft. Von der Gr\u00fcndung einer Familie und der Weitergabe ihres Potentials an eigene Kinder einmal ganz abgesehen. Allein in meiner direkten Nachbarschaft und Bekanntschaft in unserer kleinen Stadt kenne ich etwa ein halbes Dutzend junge Menschen, Frauen und M\u00e4nner, alle im Alter des Geiger`schen Protagonisten Julian, die zum Teil schon seit zwei Jahren nach abgeschlossenem und erfolgreichem Abitur oder Berufsausbildung immer noch \u201echillen\u201c. Das hei\u00dft, sie nehmen weder ein Studium noch eine regelm\u00e4\u00dfige Arbeit auf, leben nach wie vor zu Hause bei den Eltern, bzw. beim Vater oder der Mutter und lassen sich weiter von ihnen alimentieren. Wenn sie nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr diese \u201eAuszeit\u201c, wie sie das nennen, gefragt werden, geben sie an, noch nichts Passendes gefunden zu haben, sich noch orientieren zu wollen, oder auch ganz ehrlich, sie h\u00e4tten keinen Bock auf so einen Lebensentwurf wie ihre Eltern, mit Arbeit, Anstrengung und auch gelegentlichem Verzicht.\u00a0 Sie wollten ihr Leben genie\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Julian denkt an einer Stelle gegen Ende von \u201eSelbstportr\u00e4t mit Flusspferd\u201c \u00fcber diese Fragen an der schwierigen Schwelle zwischen Jugend und Erwachsenen nach: \u00a0\u201eGehe ich nach rechts oder links? Wird eine stabile Pers\u00f6nlichkeit aus mir oder ein Niemand, der nichts auf die Reihe kriegt? Finde ich meinen Platz oder gehe ich unter?\u201c<\/p>\n<p>Warum haben sich meine Eltern oder etwa meine Schwiegermutter in diesem Alter solche Fragen nie gestellt? Warum hat diese gegenw\u00e4rtige Generation, jedenfalls viele unter ihnen, solchew Probleme, in der Welt eine eigenen Platz zu finden? Das fragt sich auch Arno Geiger, der seinen Julian an einer Stelle sagen l\u00e4sst: \u201eIch hatte Angst, dass mein Leben im Sand verlief. Ich hatte Angst, dass alles sinnlos war. Ich wusste, was mir fehlte, war ein Mensch.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Buch spielt im Sommer 2004 in Wien und erz\u00e4hlt, wie der 22-j\u00e4hrige Student der Tiermedizin Julian nach dem Scheitern seiner Beziehung mit Judith und seinem Rauswurf aus deren Wohnung durch die Hilfe seines Freundes Tibor einen Sommerjob und eine damit verbundene Unterkunft findet. Der an Krebs erkrankte emeritierte Professor Beham, der im Rollstuhl sitzt, hat einem Zwergflusspferd eine vor\u00fcbergehende Heimat gegeben, und die Aufgabe von Julian ist es, sich um dieses Tier zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit im Haus ist \u00fcber den Sommer die Tochter des Professors, Aiko, die aus Paris nach Hause gekommen ist. Diese Frau, zu der sich Julian hingezogen f\u00fchlt, ist mindestens so ungew\u00f6hnlich und eigenwillig wie ihr Name. Langsam nehmen sie miteinander eine Beziehung auf, die Geiger seinen Ich-Erz\u00e4hler in alle Schattierungen beschreiben l\u00e4sst. Doch die beiden leben auch in einer Welt, in der einiges passiert. In Athen finden die Olympischen Spiele statt, in Beslan sterben bei einem Attentat hunderte von Kindern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch anders als vielleicht zu fr\u00fcheren Zeiten, von denen so mancher klassischer Bildungsroman berichtet, kann Julian seine Erfahrung der Welt nicht verarbeiten und integrieren. Sie wirkt auf ihn nur extrem verst\u00f6rend. Zwischen seinen Zweifeln an sich selbst und den barbarischen Bildern im Fernsehen kann er keine sinnvolle Verbindung finden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Geigers Roman liest sich leicht, doch er wirkt tief. Denn das, was Julian 2004 so irritiert, was seine Zukunft in einen undurchsichtigen Nebel h\u00fcllt, das ist f\u00fcr viele junge Menschen im Jahr 2014, als er das Buch schrieb, noch viel dr\u00e4ngender geworden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das H\u00e4ngen zwischen den Zeiten und Identit\u00e4ten, die Lethargie, die dennoch keine Ruhe kennt, ist f\u00fcr nicht wenige zwischen 20 und 30 ein gro\u00dfes Problem. Es ist ein Ph\u00e4nomen, von dessen Wahrheit man nicht loskommt, und die einen das angebliche \u201eChillen\u201c vielleicht noch einmal in einem anderen Licht betrachten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe daraus gelernt, dass unsere Kinder, die erst in einem oder zwei Jahrzehnten in dieses Alter kommen (was wird dann sein, wie wird die Welt, wie wird unser Land dann aussehen? \u2013 niemand wei\u00df das wirklich) uns Erwachsene brauchen, als Vorbilder, als Menschen, die sich selbst diesen schwierigen Fragen stellen und ab einem bestimmten Alter mit ihnen dar\u00fcber ins Gespr\u00e4ch kommen. Wir d\u00fcrfen sie nicht im Netz allein lassen, sondern k\u00f6nnen ihnen zeigen, dass auch wir um Orientierung ringen. Erziehung zur Selbst\u00e4ndigkeit, fr\u00fche \u00dcbernahme von Verantwortung, Verzicht auf Helikopterelternschaft, die ja nur ein Ausdruck ist der Angst der Eltern davor, dass es ihren Kindern irgendwann so geht wie Julian, und viel, viel Zuwendung und Zeit. Das ist meine bescheidene Hoffnung. Das, woran ich mich festhalte und orientiere. Ob das hilft, wei\u00df ich auch nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; Arno Geiger, Selbstportr\u00e4t mit Flusspferd, DTV 2016, ISBN 978-3-423-14526-8 &nbsp; Der neue, lange erwartete Roman von Arno Geiger, der nun im Taschenbuch bei DTV vorliegt erz\u00e4hlt von einem jungen Mann, der sein Sohn sein k\u00f6nnte. 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