{"id":288,"date":"2015-07-02T15:10:33","date_gmt":"2015-07-02T13:10:33","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=288"},"modified":"2015-07-02T15:10:33","modified_gmt":"2015-07-02T13:10:33","slug":"im-fruehling-sterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=288","title":{"rendered":"Im Fr\u00fchling sterben"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/41839814n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-289\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/41839814n.jpg\" alt=\"41839814n\" width=\"150\" height=\"250\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ralf Rothmann. Im Fr\u00fchling sterben, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42475-9<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In seinem neuen Roman \u201eIm Fr\u00fchling sterben\u201c erz\u00e4hlt Ralf Rothmann die Geschichte von zwei siebzehnj\u00e4hrigen Jungen, Walter und Fiete, die Anfang 1945 noch zur Waffen-SS eingezogen werden und in Ungarn auf eine dramatische Weise sich ein letztes Mal gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Ralf Rothmann hat die Geschichte von Walter und Fiete in eine Rahmenhandlung gekleidet, die zu der Vermutung Anlass gibt, dass der Roman den einen oder anderen autobiographischen Hintergrund hat.<\/p>\n<p>Er stellt seinen Roman unter ein biblisches Motto aus dem Buch des Propheten Ezechiel: \u201eDie V\u00e4ter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Z\u00e4hne davon stumpf geworden.\u201c<\/p>\n<p>Wir befinden uns zu Beginn der Erz\u00e4hlung Anfang des Jahres 1945 auf einem gro\u00dfen Bauernhof in Schleswig-Holstein. Walter (ist in ihm die Vaterfigur Rothmanns versteckt?) und Fiete, beide gerade mal 17 Jahre alt, arbeiten dort als Melker, als sie bei einem geschickt getarnten Fest der NS- Bauernorganisation quasi gezwungen werden, sich freiwillig zum Kriegsdienst zu melden. Die Ausbildung erleben sie noch zusammen, doch dann werden sie an getrennte Einsatzorte geschickt. Walter arbeitet als Ungarn als Fahrer, immer hinter der Front. Was er dort allerdings sieht und erlebt, ist ersch\u00fctternd und wird ihn sp\u00e4ter sein ganzes Leben lang stumm machen und verschlossen und seinem Sohn ein R\u00e4tsel, das er damit zu l\u00f6sen versucht, indem er sich schreibend dem Schicksal seines Vaters n\u00e4hert.<\/p>\n<p>H\u00f6hepunkt des Dramas ist die Wiederbegegnung Walters und Fietes auf dem Richtplatz, nachdem Fiete wegen eines im betrunkenen Zustand versuchten Fluchtversuchs exekutiert wird. Vorher hatte Walter noch unter Lebensgefahr seinen Vorgesetzten, der ihm etwas schuldig war, um Gnade f\u00fcr seinen Freund gebeten.<\/p>\n<p>Wie Ralf Rothmann sich diesem Schicksal n\u00e4hert, ist gro\u00dfe Literatur. Mit einer einf\u00fchlsamen und poetischen Sprache gelingt es ihm, die letzten Monate des Krieges zu beschreiben und die erste Zeit nach dem Krieg, als Walter \u00fcber mehrere Stationen gl\u00fccklich wieder nach Hause kommt (ohne Verletzung und Behinderung) und seine Freundin seinen Heiratsantrag annimmt. Doch auch ihr gegen\u00fcber und erst recht sp\u00e4ter seinem eigenen Sohn gegen\u00fcber, dessen Erz\u00e4hlung diesen beeindruckenden Roman umschlie\u00dft, kann er sich nicht \u00f6ffnen, und wie so viele andere aus dem Krieg an Leib und Seele Versehrten schweigt er sein ganzes Leben lang, bis auf sein Totenbett.<\/p>\n<p>Indem Ralf Rothmann den Sohn sich in die Geschichte seines Vaters erz\u00e4hlend hineinversetzen l\u00e4sst, verschafft er nicht nur ihm eine literarische Art von Befreiung, sondern gibt auch vielen \u00e4lteren Lesern, die wie der 1954 geborene Rezensent in ihrer Kindheit und Jugend lange mit dem Schweigen der Gro\u00dfv\u00e4ter und V\u00e4ter leben mussten, so etwas wie eine sp\u00e4te Antwort.<\/p>\n<p>Walters Freund Fiete l\u00e4sst er an einer Stelle, als Walter in ihn der Todeszelle besucht, etwas sagen, was die Situation dieser Nachgeborenen gut beschreibt. Fiete erw\u00e4hnt seinen Vater, einen Arzt:<\/p>\n<p>\u201eUnd einmal, als ich meine Tr\u00e4ume erw\u00e4hnte, sagte er mir, dass es ein Ged\u00e4chtnis der Zellen in unserem K\u00f6rper gibt, auch den Samen- und Eizellen also, und das wird vererbt. Seelisch oder k\u00f6rperlich verwundet zu werden macht etwas mit den Nachkommen. Die Kr\u00e4nkungen, die Schl\u00e4ge oder die Kugeln, die dich treffen, verletzen auch deine ungeborenen Kinder, sozusagen. Und sp\u00e4ter, wie liebevoll beh\u00fctet sie auch heranwachsen m\u00f6gen, haben sie panische Angst davor, gekr\u00e4nkt, geschlagen oder erschossen zu werden. Jedenfalls im Unterbewusstsein, in den Tr\u00e4umen.\u201c<\/p>\n<p>Das lange qu\u00e4lend Unausgesprochene bekommt mit diesem Roman Ausdruck und Form. Auf eine so \u00fcberzeugende Weise, dass dieses Buch f\u00fcr mich ein Anw\u00e4rter auf den Deutschen Buchpreis 2015 ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; Ralf Rothmann. Im Fr\u00fchling sterben, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42475-9 &nbsp; In seinem neuen Roman \u201eIm Fr\u00fchling sterben\u201c erz\u00e4hlt Ralf Rothmann die Geschichte von zwei siebzehnj\u00e4hrigen Jungen, Walter und Fiete, die Anfang 1945 noch zur Waffen-SS eingezogen werden und in Ungarn auf eine dramatische Weise sich ein letztes Mal gegen\u00fcberstehen. 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