{"id":3064,"date":"2016-11-23T10:04:17","date_gmt":"2016-11-23T08:04:17","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=3064"},"modified":"2016-11-23T10:04:17","modified_gmt":"2016-11-23T08:04:17","slug":"muttermale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=3064","title":{"rendered":"Muttermale"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/45002760z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3065\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/45002760z-183x300.jpg\" alt=\"45002760z\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/45002760z-183x300.jpg 183w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/45002760z.jpg 290w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Arnon Gr\u00fcnberg, Muttermale, Kiepenheuer &amp; Witsch 2016, ISBN 978-3-462-04925-1<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der neue Roman von Arnon Gr\u00fcnberg ist entstanden nach zwei sehr pers\u00f6nlichen Erfahrungen des Autors. Zum einen war er sozusagen als Vorbereitung zu dem einen das Buch durchziehenden Themenstrang im vergangenen Jahr freiwilliger Patient einer psychiatrischen Anstalt in Belgien, um dort Erfahrungen f\u00fcr sein Buch sammeln. Er hat schon etliche solcher Feldversuche unternommen, was seinen B\u00fcchern immer eine durch pers\u00f6nlich erlebte Realit\u00e4t gewonnene Authentizit\u00e4t gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die andere pers\u00f6nliche Erfahrung war die Pflege seiner eigenen Mutter, deren Erinnerungen etwa zeitgleich mit \u201eMuttermale\u201c unter dem Titel \u201eIch denke oft an den Krieg, denn fr\u00fcher hatte ich keine Zeit\u201c bei Kiepenheuer &amp; Witsch erschienen sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Hauptfigur des von Rainer Kersten und Andrea Kluitmann aus dem Niederl\u00e4ndischen \u00fcbersetzten Romans ist Otto Kadoke. Er ist etwa Mitte vierzig (so wie Gr\u00fcnberg selbst) und arbeitet als Psychiater in einem Krisenzentrum. Dort ist es seine Aufgabe, auch immer wieder in langen Nachtdiensten, Menschen vom Selbstmord abzuhalten, d.h. in der Regel zu entscheiden, ob in einem konkreten, meist von\u00a0 der Polizei gemeldeten Fall eine Zwangseinweisung in eine Psychiatrie angezeigt ist oder nicht. Arnon Gr\u00fcnbergs Beschreibung dieser Kontakte zwischen Therapeut und Patient sind meisterhaft und charakterisieren den professionell k\u00fchlen Kadoke auf der einen und die Verzweiflung der in seelische Not geratenen Menschen auf der anderen Seite.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch der Psychiater Kadoke ist nicht nur in seiner Profession der eher k\u00fchle, emotionslose Typ. Auch in seinem Privatleben dr\u00fcckt er Emotionen weg, au\u00dfer in seiner Beziehung zu seiner Mutter, die etwas seltsam Inzestu\u00f6ses hat. Eigentlich ist es gar nicht seine Mutter, sondern sein Vater, der nach dem Tod der eigentlichen Mutter deren Aussehen und Rolle \u00fcbernommen hat, so spricht und handelt wie sie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die beiden Pflegerinnen aus Nepal, die Kadoke engagiert hat, wissen das und gehen locker damit um. Doch als Kadoke eines Tages wie immer seine Mutter besuchen will und die Pflegerin Rose nur mit einem knappen Handtuch bedeckt ihm die Haust\u00fcr \u00f6ffnet, h\u00e4lt er sein pl\u00f6tzliches Begehren f\u00fcr Liebe und penetriert die junge Frau, die das auch geschehen\u00a0 l\u00e4sst. Kurz darauf steht der nepalesische Freund von Rose vor der T\u00fcr und verpr\u00fcgelt Kadoke nach Strich und Faden. Die T\u00e4tigkeit der beiden Frauen ist beendet und Kadoke muss die Pflege der Mutter zun\u00e4chst selbst \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Vorfall mit Rose geht ihm das ganze Buch \u00fcber nicht aus dem Sinn. Er, der professionell K\u00fchle, hat gro\u00dfe Probleme mit N\u00e4he zu Frauen und mit starken Gef\u00fchlen wie Liebe. Eine schwarze Assistenz\u00e4rztin namens Dekha, mit der er viele Nachtdienste verbringt, versucht, so etwas wie eine nahe und intime Beziehung zu ihm aufzubauen, doch Kadoke wehrt alles ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch nachdem er mit Michette, einer Frau mit einer langen psychiatrischen Karriere, in einem waghalsigen und absolut regelwidrigen alternativen Therapieprojekt, eine ehemalige Patientin als Pflegerin seiner Mutter ins Haus holt, muss er sich von dieser intelligenten Frau erkl\u00e4ren lassen, was der Zusammenhang zwischen Leiden und\u00a0 Leben ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Besonders die f\u00fcnf Muttermale an seinem R\u00fccken haben es Michette angetan, und sie will sie immer wieder streichelnd ber\u00fchren. Hier wird die Symbolik einer extremen Mutter-Sohn-Beziehung deutlich, wie es sie vielleicht nur bei Kindern von \u00fcberlebenden Holocaust-Opfern gibt (Kadokes Mutter war im Lager, so wie auch Arnon Gr\u00fcnbergs Mutter es gewesen ist).<\/p>\n<p>Kadoke l\u00e4sst irgendwann die Muttermale entfernen, doch ob er sich von dem Mal der Mutter l\u00f6sen wird, bleibt offen. Genauso wie die Frage, ob er, der sich die tragischen\u00a0 existentiellen Probleme seiner Patienten durch professionelle K\u00e4lte lange Zeit vom Hals gehalten hat und damit auch das ganze Leben selbst, durch die Begegnungen mit Michette und der Assistenz\u00e4rztin Dekha sich einem Leben \u00f6ffnen kann, in dem er Liebe, N\u00e4he und Gef\u00fchle zulassen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein starker Roman, der mich im raschen Wechsel zum Lachen gebracht und ganz tief ber\u00fchrt hat. Ein schr\u00e4ges Buch, das viel erz\u00e4hlt vom Leben und wie man auch daran vorbeileben kann. Ein Buch, das trotz aller Tristesse seiner Protagonisten so etwas wie Hoffnung ausstrahlt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; Arnon Gr\u00fcnberg, Muttermale, Kiepenheuer &amp; Witsch 2016, ISBN 978-3-462-04925-1 &nbsp; Der neue Roman von Arnon Gr\u00fcnberg ist entstanden nach zwei sehr pers\u00f6nlichen Erfahrungen des Autors. 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