{"id":341,"date":"2015-08-17T10:42:03","date_gmt":"2015-08-17T08:42:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=341"},"modified":"2015-08-17T10:42:03","modified_gmt":"2015-08-17T08:42:03","slug":"der-namenlose-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=341","title":{"rendered":"Der namenlose Tag"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/42777539z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-342\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/42777539z-180x300.jpg\" alt=\"42777539z\" width=\"180\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/42777539z-180x300.jpg 180w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/42777539z.jpg 253w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Friedrich Ani, Der namenlose Tag. Ein Fall f\u00fcr Jakob Franck, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42487-2<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Selbst versierte Krimileser k\u00f6nnten wahrscheinlich nicht auf Anhieb sagen, wieviel verschiedene Ermittlerfiguren der Schriftsteller Friedrich Ani im Laufe seiner langen literarischen T\u00e4tigkeit schon erfunden hat. Am bekanntesten ist wohl der Kommissar Tabor S\u00fcden, den Ani zuletzt aus dem Ruhestand noch in einigen B\u00fcchern ermitteln lie\u00df. Wahrscheinlich auch deshalb, weil diese Serie \u00fcber ein Dutzend B\u00fccher \u00fcber einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten umfasste. An so manchen Ermittler, der danach folgte, und den Ani meist schon nach zwei oder drei B\u00fcchern durch einen anderen ersetzte, erinnert sich kaum noch jemand, was schade ist, denn jeder dieser M\u00e4nner hatte eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Lebensgeschichte, wie sie nur Ani erfinden kann und alle einte sie eine Ermittlungsmethode, die man so bei kaum einem anderen Polizisten in der Krimiszene findet.<\/p>\n<p>Anis Ermittler setzen sich selbst auf Spiel. Selbst jeweils auf unterschiedliche Arten aus der Welt gefallen und ihr eigenes Leben und seine Geschichte verloren glaubend, sind sie auf eigent\u00fcmliche Weise in der Lage, das Schicksal der T\u00e4ter und ihrer Opfer auf eine fast k\u00f6rperliche Art zu sp\u00fcren und zu erleben, die sie w\u00e4hrend ihre Ermittlungen nicht selten selbst an deren Rand des Todes bringt.<\/p>\n<p>Ani l\u00e4sst sie mit Regelm\u00e4\u00dfigkeit auf Menschen treffen, die auf irgendeine Weise sich selbst verloren gegangen sind. Unsichtbar geworden, leben sie mitten unter uns und Ani gibt ihnen durch seine Kommissare und ihre absolut ungew\u00f6hnliche Art, Kriminalf\u00e4lle zu l\u00f6sen, ihr Gesicht, ihre Geschichte und ihre Menschenw\u00fcrde zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Sein neuer Ermittler Jakob Franck, den Ani nach langer Heimstatt bei Droemer nun beim vom Konkurs geretteten und programmatisch und finanziell wieder auferstandenen Suhrkamp Verlag in Berlin pr\u00e4sentiert, ist so ein Sucher nach Verlorenem und Verschwundenem. Seit zwei Monaten im Ruhestand, hat er sich dort noch gar nicht recht eingerichtet, glaubt aber endlich ein Leben jenseits der Toten beginnen zu k\u00f6nnen, nachdem er \u00fcber viele Jahre in seinem Dezernat sozusagen der Spezialist f\u00fcr die \u00dcberbringung von Todesnachrichten war, und das auch nach eigener Einsch\u00e4tzung immer ziemlich gut gemacht hat. So wie viele seiner Vorg\u00e4nger lebt Jakob Franck allein, nachdem nicht nur sein Job als Polizist seine Ehe scheitern lie\u00df. Dass ihn Ani am Ende eines Falles, der ihn in die Katakomben seiner eigenen Vergangenheit f\u00fchrte, diesen zusammen mit seiner Ex-Frau Marion Siedler res\u00fcmieren l\u00e4sst, gibt zu der Vermutung Anlass, dass Marion auch im n\u00e4chsten Buch wieder auftauchen wird.<\/p>\n<p>Dieser Fall jedenfalls ist eigentlich schon seit zwanzig Jahren abgeschlossen. Doch Ludwig Winther, der Franck sozusagen privat beauftragt, glaubt nicht daran, dass seine damals siebzehnj\u00e4hrige Tochter sich selbst erh\u00e4ngt hat, wie der polizeiliche Untersuchungsbericht damals eindeutig feststellte. Nach wie vor ist er davon \u00fcberzeugt, es k\u00f6nne sich nur um einen Mord handeln. Ex- Kommissar Jakob Franck macht sich daran die n\u00e4heren Umst\u00e4nde des Todes des M\u00e4dchens aufzukl\u00e4ren. Er \u201eerweckt einen toten Fall zu Leben.\u201c<\/p>\n<p>Dazu, so ist er \u00fcberzeugt, geh\u00f6rt eine Art Leichenfledderei, die sich von der von Emotionen v\u00f6llig freien Arbeit des Gerichtsmediziners stark unterscheidet. \u201eWas Franck meinte, war sein ureigenes, professionelles, wenn n\u00f6tig r\u00fccksichtsloses Zerst\u00fcckeln der Umst\u00e4nde, das Ausgraben halbverwester Wahrheiten, das Offenlegen ebenso verst\u00e4ndlicher wie oftmals schmutziger \u00dcberlebenstricks. Die Aufkl\u00e4rung eines Mordes oder eines zwielichtigen Todes bedeutete, dass ein Kommissar das Recht hatte, die Welt des Menschen, der gewaltsam gestorben war. Von Grund auf zu ersch\u00fcttern und deren Bewohnern so lange mit unnachgiebiger Genauigkeit ihre Gewohnheiten zu entrei\u00dfen, bis sie nackt in der K\u00e4lte standen und sich ihrer Erb\u00e4rmlichkeit bewusst wurden. Erst von diesem Moment an \u2013 davon war Franck \u00fcberzeugt \u2013 gelangte das Opfer auf den Weg zum ewigen Frieden.\u201c<\/p>\n<p>So wie viele seine Vorg\u00e4nger ist Franck nicht religi\u00f6s, hat aber immer einen Zugang zu den spirituellen Dimensionen des Lebens und den s\u00fcndhaften Abgr\u00fcnden menschlicher Existenz. Er n\u00e4hert sich ihnen mit einer von ihm selbst entwickelten Methode, die er \u201eGedankenf\u00fchligkeit\u201c nennt, und die ihm ungeahnte Einblicke in die Gedanken- und Gef\u00fchlswelt nicht nur der Menschen, denen er begegnet, vermittelt, sondern auch und gerade in seine eigene.<\/p>\n<p>Das macht bin in manchen Situationen zum Therapeuten und Seelsorger, bringt ihn aber keinen Meter von seinem eingeschlagenen Weg ab. Ein Weg, der ihn Kraft kostet, aber ihn sehr nah kommen l\u00e4sst, dem, was Ani seit vielen Jahren besch\u00e4ftigt: der Essenz des Lebens und des Leidens.<\/p>\n<p>Man wird sehen, wieviel \u201eF\u00e4lle\u201c Friedrich Ani diesem beeindruckenden neuen Ermittler im Ruhestand schenkt. Der Auftakt jedenfalls \u00fcberzeugt auf der ganzen Linie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Friedrich Ani, Der namenlose Tag. Ein Fall f\u00fcr Jakob Franck, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42487-2 &nbsp; Selbst versierte Krimileser k\u00f6nnten wahrscheinlich nicht auf Anhieb sagen, wieviel verschiedene Ermittlerfiguren der Schriftsteller Friedrich Ani im Laufe seiner langen literarischen T\u00e4tigkeit schon erfunden hat. 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