{"id":3482,"date":"2017-01-24T12:00:17","date_gmt":"2017-01-24T10:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=3482"},"modified":"2017-01-24T12:00:17","modified_gmt":"2017-01-24T10:00:17","slug":"damit-du-dich-im-viertel-nicht-verirrst-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=3482","title":{"rendered":"Damit du dich im Viertel nicht verirrst"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/44877116z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3483\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/44877116z-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/44877116z-188x300.jpg 188w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/44877116z.jpg 298w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Patrick Modiano, Damit du dich im Viertel nicht verirrst, DTV 2017, ISBN 978-3-423-14540-4<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Patrick Modiano, der 2014 mit dem Nobelpreis f\u00fcr Literatur ausgezeichnet wurde, was nur die \u00fcberraschen konnte, die sein Werk nicht oder nur unzureichend kannten, ist ein Schriftsteller, der sich in seinen B\u00fcchern mit mehr oder weniger autobiographischem Hintergrund der von ihm perfektionierten Kunst des Erinnerns widmet. Immer wieder geht es um die Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich, in der unz\u00e4hligen Juden um ihr Leben bangen mussten. Modiano, selbst j\u00fcdischer Abstammung, verfolgt ihre Spuren und k\u00fcmmert sich in seinen B\u00fcchern auf diese Weise auch um seine eigenen Wurzeln. In dem Buch \u201eEin Stammbaum\u201c hat der zur\u00fcckgezogen lebenden und die \u00f6ffentlichkeitsscheue Schriftsteller schon 2007 seine Kindheit beschrieben, eine Zeit, wie sie trostloser, einsamer und ungl\u00fccklicher kaum h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. Seine Eltern leben in einer Welt, die mit ihren Sohn nichts zu tun hat. Es ist als g\u00e4be es den kleinen Patrick gar nicht. Die Mutter ist permanent abwesend und kalt, der Vater ist von grausamer H\u00e4rte und Lieblosigkeit. Ablehnung, Einsamkeit und Bindungslosigkeit- so sieht seine Kindheit und Jugend aus.<\/p>\n<p>Eher teilnahmslos bringt Modiano etwas Licht in die Dunkelheit seiner Herkunft. Ersch\u00fctternd, das kein einziger Mensch auftaucht, der ihm mit Liebe oder Zuneigung begegnen w\u00fcrde. Umso erstaunlicher, wie sich sein Schaffen dennoch entwickeln konnte. Nicht ohne Grund endet \u201eEin Stammbaum\u201c mit der Ver\u00f6ffentlichung seines ersten Buches.<\/p>\n<p>Auch das hier vorliegende neue Buch \u201eDamit du dich im Viertel nicht verirrst\u201c erinnerte mich wieder an Susanna Tamaros Lebensbericht \u201eEin jeder Engel ist schrecklich\u201c,\u00a0 wo sie schreibt:<br \/>\n\u201eWeil ich mit dem Feind in mir lebe, mit dem Nebel, der Nacht, der Verwirrung. Weil ich den Schmerz sehe und nichts dagegen tun kann. Weil ich das Unvollkommene sehe, die Leere, das Scheitern, und deren Sinn nicht begreife. Weil ich allein bin, weil mir keiner zuh\u00f6rt, mich niemand an der Hand nimmt. Weil ich irgendwo in mir eine immense Harmonie und ein immenses Licht erahne, und ich mich von diesem Licht und dieser Harmonie entferne wie ein Schiff, das in See sticht. Was zu Anfang der Sinn jedes Atemzugs war, wird mit der Zeit zum Blinken eines Leuchtturms in der Ferne. Ich weine, weil ich Angst habe vor der Leere und der Einsamkeit, die mich erwarten.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vorsichtig, unsicher tastend, immer wieder \u00fcberpr\u00fcfend und zweifelnd sucht er auch im neuen Buch nach Erinnerungen. Es hat den Anschein, als k\u00f6nne er ohne sie nicht \u00fcberleben, als g\u00e4be die st\u00fcckweise Rekonstruktion er eigenen Kindheit und Jugend, bis zu dem Zeitpunkt, als er anfing zu schreiben \u00fcber eben diese, seinem Leben einen Halt und eine Sicherheit\u00a0 ohne den er vergehen m\u00fcsste, ohne die er sich als eigene Existenz sozusagen aufl\u00f6sen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch im neuen Buch sucht er in unz\u00e4hligen R\u00fcckblenden die Zeit seiner Kindheit auf. Jean Daragne, ein einsam und alleinlebender Schriftsteller ist sein Alter Ego. Als Daragne eines Tages Besuch erh\u00e4lt von Gilles Ottolini und Chantal Grippay, die ihm ein von ihnen gefundenes Notizbuch zur\u00fcckgeben, tut dieser das nicht selbstlos. Er erhofft sich von Daragne Informationen zu einem Kriminalfall, den er gerade in einem Buch bearbeitet. Doch der kann sich nicht erinnern und macht sich af die Suche nach Orten und Personen, die wichtig waren in seinem Leben als er etwa sieben Jahre alt war. Doch es bleibt bei nebul\u00f6sen Andeutungen. Bis hin zu einer Flucht nach Rom, an der\u00a0 der kleine Jean Daragne mit Annie Astrand, einer Freundin seiner Mutter beteiligt ist.<\/p>\n<p>&#8222;Und ich schw\u00f6re dir, in Rom werden sie uns nie finden.&#8220; Modiano l\u00e4sst den Leser im Unklaren, was die Gefahr nun genau ist und wovor die beiden fl\u00fcchten. Oft wird nur von Schatten gesprochen. Wie schon im \u201eStammbaum\u201c und in etlichen anderen B\u00fcchern beschriebt Modiano ein Leben, das sich selbst fremd ist: : &#8222;Dieses Kind, von vielen Jahrzehnten in so graue Ferne ger\u00fcckt, dass ein Fremder aus ihm wurde, nun musste er sich&#8217;s eingestehen, das war er.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wieder ist der unendliche Schmerz zu sp\u00fcren \u00fcber den Verlust der Kindheit, die traumatisierenden Erfahrung des Alleingelassenwerdens. Modiano schreibt dagegen an, als der einzigen M\u00f6glichkeit, die ihm zu bleiben scheint, will er sein Leben nicht verlieren. Er setzt so mit jedem Buch die Rekonstruktion seiner eigenen Geschichte aus Fragmenten zusammen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man als Leser f\u00fcr die eigene Lebensgeschichte, insbesondere f\u00fcr die Br\u00fcche und Abbr\u00fcche darin, gen\u00fcgend sensibel und offen ist, wird man auch in diesem Buch vieles finden, was einen tief ber\u00fchren und \u00f6ffnen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Patrick Modiano, Damit du dich im Viertel nicht verirrst, DTV 2017, ISBN 978-3-423-14540-4 &nbsp; Patrick Modiano, der 2014 mit dem Nobelpreis f\u00fcr Literatur ausgezeichnet wurde, was nur die \u00fcberraschen konnte, die sein Werk nicht oder nur unzureichend kannten, ist ein Schriftsteller, der sich in seinen B\u00fcchern mit mehr oder weniger &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=3482\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Damit du dich im Viertel nicht verirrst<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3482","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3482","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3482"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3482\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3484,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3482\/revisions\/3484"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3482"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3482"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3482"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}