{"id":3522,"date":"2017-01-27T10:02:14","date_gmt":"2017-01-27T08:02:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=3522"},"modified":"2017-01-27T10:02:14","modified_gmt":"2017-01-27T08:02:14","slug":"kraft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=3522","title":{"rendered":"Kraft"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/46968330z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3523\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/46968330z-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/46968330z-184x300.jpg 184w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/46968330z.jpg 291w\" sizes=\"auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Jonas L\u00fcscher, Kraft, C.H.Beck 2017, ISBN 978-3-406-70531-1<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Schweizer Autor Jonas L\u00fcscher, der schon lange in M\u00fcnchen lebt, \u00a0hatte 2013 mit seiner raffiniert gebauten Deb\u00fctnovelle \u201eFr\u00fchling der Barbaren\u201c gezeigt, dass man zur Bew\u00e4ltigung eines gro\u00dfen Themas nicht unbedingt einen 400 Seiten starken Roman braucht, sondern dass die alte Kunstform der kleinen Novelle durchaus gen\u00fcgend M\u00f6glichkeiten bietet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer stellenweise fast parabelhaften Erz\u00e4hlung betrachtete er die Innenwelt der Akteure, reflektierte dar\u00fcber, was Menschsein bedeutet, und wie sich Menschen in extremen Situationen verhalten.<\/p>\n<p>Mit einer Sprache, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheint, bleibt er auch in seinem ersten Roman \u201eKraft\u201c, der nur unwesentlich l\u00e4nger ist als die Novelle aus dem Jahr 2013, bei seinem Thema, zu zeigen, wie d\u00fcnn die Decke der Zivilisation ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eKraft\u201c erz\u00e4hlt die Geschichte des T\u00fcbinger Rhetorikprofessors Richard Kraft. Als Nachfolger von Walter Jens auf dessen ber\u00fchmten Lehrstuhl gekommen, ist er an der Spitze der intellektuellen Elite des Landes angekommen. Wie erb\u00e4rmlich es um diese, in den siebziger und achtziger Jahren noch die \u00f6ffentlichen Debatten bestimmende und den intellektuellen und politisch-gesellschaftlichen Diskurs dominierende Elite bestellt ist, ist ein wesentliche Aussage des Romans, die aber so nie ausgesprochen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Richard Kraft ist ein \u00fcberzeugter Liberaler, der in den achtziger Jahren Graf Lambsdorff und Hildegard Hamm-Br\u00fccher verehrte. L\u00fcscher l\u00e4sst den Leser in vielen R\u00fcckblenden in diese Zeit Krafts Entwicklung Revue passieren. Er entwickelt sich in den folgenden Jahren zu einem gefragten Publizisten, der zu fast allen Fragen eine Meinung hat. Dies bringt ihm schlussendlich den ehrw\u00fcrdigen Lehrstuhl ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch der \u00fcberzeugte Liberale ist entt\u00e4uscht vom Umschwenken des Sozialliberalismus und einen brutalen und marktgl\u00e4ubigen Neoliberalismus und ger\u00e4t intellektuell immer mehr in jene Aporien, die auch viele andere seiner Zunft zu befallen haben scheint. Ein Gef\u00fchl, die Welt nicht mehr verstehen und erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen, ausweglos zu sein angesichts einer Entwicklung,\u00a0 l\u00e4sst in ihn tiefe Zweifel fallen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dazu kommt eine private Situation, die nicht viel besser ist. Er ist verheiratet, hat zwei pubertierende T\u00f6chter und hat sich mit dem Kauf eines Hauses in bester T\u00fcbinger Lage schwer verschuldet. Seine Ehe ist eigentlich am Ende, als Richard Kraft von dem ehemaligen Freund\u00a0 Istvan, jetzt Professor an der Stanford University (die Geschichte der beiden und ihrer Freundschaft wird in den zahlreichen R\u00fcckblenden deutlich), eine Einladung in das Silicon Valley in Kalifornien erh\u00e4lt. Dort sollen die hochdekorierten Teilnehmer aus aller Welt eine wissenschaftliche Preisfrage beantworten in einem Wettbewerb, den ein Internetmogul namens Thomas Erkner mit einem Preisgeld von einer Million Dollar ausgelobt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem 18-min\u00fctigen Vortrag sollen die Teilnehmer in Anlehnung an die Theodizeefrage von Leibniz antworten auf die Frage: \u201eTheodicy an Technodicy: Optimism for a Young Millenium. Why whatever is, is right and why we can still improve it?\u201c Mit einem Livestream sollen die Vortr\u00e4ge in alle Welt \u00fcbertragen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mehr noch als die intellektuelle Herausforderung reizt Kraft das Preisgeld, mit dem er seine Schulden tilgen und sich endlich aus einer unertr\u00e4glich gewordenen Ehe l\u00f6sen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um sich ordentlich vorzubereiten, reist er schon vier Wochen\u00a0 vor dem Wettbewerb an, und kann sich in den R\u00e4umen der \u201eHoover Institution on War, Revolution and Peace\u201c einquartieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem Vortrag selbst kommt er nicht voran. Seine Gedanken gehen immer wieder zur\u00fcck in seine Vergangenheit, als ihm jedenfalls noch klar schien, was richtig ist und falsch. L\u00fcscher l\u00e4sst ihn an einer Stelle denken: \u201eNichts war einfach, nie, und dar\u00fcber hatte er sich den Mund fusselig geredet und das Hirn wund gedacht. Er sehnte sich nach festem Grund, danach, nur noch eine Sache wissen zu m\u00fcssen, auf der alles gr\u00fcndete, auf die sich alles andere beziehen lie\u00df.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr mich sind das die zentralen S\u00e4tze und Aussagen eines Buches, das von einer Sehnsucht handelt, die sich nicht erf\u00fcllt. Die Welt ist komplizierter, es gibt keine eindeutigen Erkl\u00e4rungen mehr, ja man kann nicht mehr tun \u201e als dass man sich selbst immer bewusst ist, dass das eigene Vokabular nicht abschlie\u00dfend ist, dass man also seinem eigenen Vokabular misstraut, und zwar in einem st\u00e4ndigen Prozess\u201c, wie L\u00fcscher selbst sagt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eKraft\u201c ist ein Roman, der erz\u00e4hlt von einer aus den Fugen geratenen Welt, in der eine schamlose Machtelite zu jedem auch intellektuellen Tabubruch bereit ist, und der die Macht und die Kraft des Denkens nicht mehr entgegenzusetzen hat als ihre Selbstaufgabe und Kapitulation. Ein Buch, das passt in jene Tage seines Erscheinens, wo L\u00fcgen \u201ealternative Fakten\u201c genannt werden und wo es nicht mehr um politische Inhalte geht, sondern nur noch um Personen und Umfragewerte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch, und davon ist der Rezensent \u00fcberzeugt, es werden wieder Tage kommen, wo es wichtig ist, das viele Menschen das Denken und ihre Kritikf\u00e4higkeit nicht abgegeben haben vor lauter Resignation und Anpassung, Tage, wo genau diese F\u00e4higkeiten wieder gebraucht werden, um die Tr\u00fcmmer eines sich hemmungslos ausbreitenden Autoritarismus \u00fcberall auf der Welt zu beseitigen und eine demokratische Kultur wieder zu etablieren, die in diesen Zeiten vor die Hunde zu gehen droht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Jonas L\u00fcscher, Kraft, C.H.Beck 2017, ISBN 978-3-406-70531-1 &nbsp; Der Schweizer Autor Jonas L\u00fcscher, der schon lange in M\u00fcnchen lebt, \u00a0hatte 2013 mit seiner raffiniert gebauten Deb\u00fctnovelle \u201eFr\u00fchling der Barbaren\u201c gezeigt, dass man zur Bew\u00e4ltigung eines gro\u00dfen Themas nicht unbedingt einen 400 Seiten starken Roman braucht, sondern dass die alte Kunstform &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=3522\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Kraft<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3522","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3522","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3522"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3522\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3524,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3522\/revisions\/3524"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3522"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3522"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3522"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}