{"id":3906,"date":"2017-03-20T11:34:19","date_gmt":"2017-03-20T09:34:19","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=3906"},"modified":"2017-03-20T11:34:19","modified_gmt":"2017-03-20T09:34:19","slug":"ich-schreibe-ihnen-im-dunkeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=3906","title":{"rendered":"Ich schreibe Ihnen im Dunkeln"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/46971571z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3907\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/46971571z-179x300.jpg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/46971571z-179x300.jpg 179w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/46971571z.jpg 251w\" sizes=\"auto, (max-width: 179px) 100vw, 179px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jean-Luc Seigle, Ich schreibe Ihnen im Dunkeln, C. H. Beck 2017, ISBN 978-3-406-69718-0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon in seinem Roman \u201eDer Gedanken an das Gl\u00fcck und an das Ende\u201c hatte 2014 der in Frankreich sonst f\u00fcr spannende Thriller bekannte Schriftsteller Jean-Luc Seigle sich mit einer einf\u00fchlsamen und poetischen Familiengeschichte mit etlichen in Frankreich gut geh\u00fcteten politischen und gesellschaftlichen Tabus befasst, unter anderem dem Krieg in Algerien und der in Frankreich sehr umstrittenen Rolle der franz\u00f6sischen Armee im Kampf gegen Nazideutschland und die in dem Zusammenhang oft l\u00e4cherlich gemachte Bedeutung der Maginot-Linie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun legt er in einem weiteren kleinen Roman seine Version einer Lebensgeschichte einer Frau vor, die auch noch Jahrzehnte nach ihrem Tod in Frankreich kontrovers diskutiert wird.<\/p>\n<p>Es geht um das Schicksal der Franz\u00f6sin Pauline Dubuisson (1927-1963), das 1960 mit Brigitte Bardot in der Hauptrolle verfilmt wurde. \u201eDie Wahrheit\u201c des Regisseurs Clouzot ist eine, wie Seigle in seinem Vorwort bem\u00e4ngelt, eindimensionale Darstellung und denunziert Pauline als eine kaltbl\u00fctige M\u00f6rderin. Doch das ist nur ein Aspekt, denn:<\/p>\n<p>\u201ePaulines Verbrechen nimmt einen winzigen Moment in ihrem Leben ein, die Zeit, um drei Revolverkugeln zu verschie\u00dfen, kaum eine Minute. Man kann sie mit dem sch\u00f6pferischen Augenblick vergleichen, dem geheimnisvollen Ph\u00e4nomen des k\u00fcnstlerischen Schaffens, derselbe Taumel, dieselbe pl\u00f6tzliche Inspiration, dasselbe Von-sich-selbst-Fortsein, um mit Stefan Zweig zu sprechen. Doch das Verbrechen ist kein Wunder der Kreativit\u00e4t, es ist eine L\u00fccke in Paulines Leben, ein Riss der sich in ihrem Dasein auftut, eine unendlich kurze verdichtete Zeit.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seigle hat sich lange mit dem Leben von Pauline befasst und versucht mit seinem Roman die Tageb\u00fccher und Hefte zu rekonstruieren, die nach ihrem Selbstmord 1963 verloren gegangen sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Ich-Form l\u00e4sst er Pauline ihr Leben erz\u00e4hlen, ihre schwere Kindheit und Jugend, ihre fr\u00fche Suche nach W\u00e4rme und Liebe, die sie ihren Ruf kostete, ihre Sehnsucht nach einem Medizinstudium. Doch der Vater besteht auf einer Ausbildung zur Krankenschwester, die sie unter dem Wohlwollen des Vaters in eine Beziehung mit einem deutschen Wehrmachtsarzt f\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kurz vor Kriegsende wird sie von M\u00e4nnern der Resistance \u00f6ffentlich kahlgeschoren (so wie viele andere Frauen damals) und f\u00fcrchterlich missbraucht. Pauline gibt nicht auf, und beginnt Medizin zu studieren. Dabei trifft sie den Kommilitonen Felix Bailly, der sich, als er von Paulines Geschichte erf\u00e4hrt, von ihr trennt. Bei einer letzten Aussprache, bei der sie sich eigentlich selbst vor ihm t\u00f6ten wollte, erschie\u00dft sie ihn im Affekt und wird zu einer langen Gef\u00e4ngnisstrafe verurteilt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Pauline mit 30 Jahren nach neun Jahren Haft entlassen wird, ist sie eine innerlich und \u00e4u\u00dferlich zerst\u00f6rte Frau. Sie schlie\u00dft ihr Studium ab und flieht, einen anderen Namen annehmend, nach Essaouria nach Marokko.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dort bl\u00fcht sie zu neuem Leben auf:<\/p>\n<p>\u201eEs herrscht vollkommene \u00dcbereinstimmung zwischen dem Stein und meinem K\u00f6rper, zwischen dem Mittelpunkt des Hauses und meinem Herzen, zwischen seinem Schatten und meinem Innersten \u2013 genau das Gegenteil vom Gef\u00e4ngnis, wo es nur Trennung gibt zwischen Mauern und K\u00f6rpern.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als sie Jean kennenlernt, erwacht auch ihre Gef\u00fchlswelt zu neuem Leben. Sie n\u00e4hern sich an, er will sie heiraten. Doch Pauline wei\u00df, sie muss ihm vorher die Wahrheit erz\u00e4hlen und ahnt schon seine Reaktion.<\/p>\n<p>Nach dieser neuerlichen Entt\u00e4uschung sieht sie keinen Platz mehr f\u00fcr sich in dieser Welt, ihr altes Trauma ist wieder aufgebrochen: \u201eWenn ich nicht geliebt werde, bin ich wie tot. Wie. Kinder sagen das, wenn sie spielen. Man ist, ohne wirklich zu sein. Wie tot sein, hei\u00dft lebendig sein und bereits wie eine Leiche zu riechen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie setzt, w\u00e4hrend neben ihr Mozarts \u201eRequiem\u201c spielt, ihrem Leben ein Ende.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jean-Luc Seigle hat mit tiefem Verst\u00e4ndnis und mit viel Poesie in seinem Buch versucht, dieser Frau und ihrem Schicksal so etwas wie Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sein bewegender Roman ist ein St\u00fcck gro\u00dfer Literatur, der in Frankreich wegen der Bekanntheit der Thematik sicher mehr f\u00fcr Beachtung sorgen wird als hierzulande.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Jean-Luc Seigle, Ich schreibe Ihnen im Dunkeln, C. H. 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