{"id":4338,"date":"2017-05-23T09:14:56","date_gmt":"2017-05-23T07:14:56","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=4338"},"modified":"2017-05-23T09:14:56","modified_gmt":"2017-05-23T07:14:56","slug":"trutz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=4338","title":{"rendered":"Trutz"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/46775021z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4339\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/46775021z-179x300.jpg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/46775021z-179x300.jpg 179w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/46775021z.jpg 251w\" sizes=\"auto, (max-width: 179px) 100vw, 179px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Christoph Hein, Trutz, Suhrkamp 2017, ISBN 978-3-518-42585-5<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der neue Roman von Christoph Hein ist, das sei schon ganz zu Anfang gesagt, ein gro\u00dfes Buch, ein Werk, das fast ein ganzes Jahrhundert umspannt\u00a0 und eine bewegende Geschichte erz\u00e4hlt vom Leben und Sterben unter den extremistischen Bedingungen der weltpolitischen Konstellationen des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Roman beginnt im Fr\u00fchjahr 2003, als Christoph Hein an einer Diskussionsveranstaltung zum Hitler-Stalin-Pakt\u00a0 in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur teilnimmt, in dem die stellvertretende Direktorin des Bundesarchivs referiert. Er hat an diesem Thema eher weniger Interesse, sondern hofft, die Referentin abseits der Veranstaltung zu einem Thema zu befragen, zu dem er seit einem Jahr recherchiert, dem GSG-9-Einsatz in Bad Kleinen am 27. Juni 1993, der sich zu einer regelrechten Staatskrise mit R\u00fccktritten etc. auswuchs.<\/p>\n<p>In seinem 2005 erschienen Roman \u201eIn seiner fr\u00fchen Kindheit ein Garten\u201c hat Christoph Hein diesen Einsatz und seine Folgen einer \u201eStaatskrise bisher ungekannten Ausma\u00dfes\u201c f\u00fcr die Bundesrepublik (so der RAF- Biograph Butz Peters) literarisch verarbeitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch das, was er w\u00e4hrend der schon erw\u00e4hnten Veranstaltung erlebt, hat Hein nicht vergessen und nach ausgiebigen Recherchen \u00fcber 10 Jahre sp\u00e4ter zu einem Roman verarbeitet. W\u00e4hrend des Vortrags der Referentin des Bundesarchivs erhebt sich ein \u00e4lterer Mann im Publikum, und weist ihr alle m\u00f6glichen Fehler nach, ohne dass ersichtlich w\u00e4re, dass er sich auf irgendwelche schriftlichen Unterlagen bezieht.<\/p>\n<p>Hein f\u00e4llt das auf, und er spricht den alten Mann in der Garderobe an. Der stellt sich vor als Maykl Trutz, benennt die Mnemonik als Ursache seiner Erinnerungsf\u00e4higkeit und bietet dem Schriftsteller an, ihm bei weiteren Gespr\u00e4chen mehr davon zu erz\u00e4hlen. Acht solcher Besuche gab es, und jedes Mal spricht Maykl Trutz genau vier Stunden lang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Christoph Heins Roman \u00dcberspannt eine Zeit zwischen dem Berlin der 1920er-Jahre, \u00fcber das Moskau der Kriegs- und Nachkriegsjahre, \u00fcber sibirische Straflager bis hin zum heutigen Berlin, in dem sich die S\u00f6hne der Familien Trutz und Gejm wiederbegegnen, und auch Hein durch die Begegnung mit Maykl Trutz und die Gespr\u00e4che mit ihm erst jenen Stoff erh\u00e4lt f\u00fcr sein Buch, f\u00fcr das er viele Jahre vor allem in russischen Archiven ein intensives Aktenstudium absolvierte.<\/p>\n<p>Die Geschichte beginnt mit Rainer Trutz, dem Vater von Maykl, der aus der Provinz und einem engen Elternhaus in das Berlin der 20-er Jahre flieht und durch einen Zufall jene Russin Lilija Simonaitis, Mitarbeiterin der russischen Botschaft, kennenlernt, die dem angehenden Schriftsteller nicht nur die T\u00fcren zur Berliner Gesellschaft \u00f6ffnet, sondern auch sp\u00e4ter in der Sowjetunion lange zu einer Helferin und Unterst\u00fctzerin der Familien Trutz wird, bis sie selbst in die grausamen M\u00fchlen der Stalin`schen S\u00e4uberungen ger\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachdem der erste Roman von Rainer Trutz, ein frivoles Erstlingswerk, einiges Aufsehen erregt, ger\u00e4t er mit seinem zweiten Buch in das Viser der Gestapo und flieht mit Hilfe von Lillija mit seiner Familie nach Moskau.<\/p>\n<p>Doch dort im als sicherer Ort phantasierten Exil warten herbe Entt\u00e4uschungen auf sie. Rainer Trutz begegnet dort Waldemar Geijm, einem Professor f\u00fcr Mathematik und Sprachwissenschaften an der Lomonossow- Universit\u00e4t, der ein neues Forschungsgebiet begr\u00fcndet, wobei er sich auf alte Vorg\u00e4nger beruft: die Mnemotechnik, die Lehre von Ursprung und Funktion der Erinnerung. Dieser Prof. Geijm, der bald in Ungnade f\u00e4llt und sp\u00e4ter in einem sibirischen Arbeitslager stirbt, unterrichtet mehrere Jahre seinen eigenen Sohn und den Sohn von Rainer Trutz, den kleinen Maykl in dieser Technik, deren Kunst Christoph Hein dann \u00fcber sechs Jahrzehnte in Berlin bestaunen sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch Rainer Trutz, der die harte Arbeit als Pionier beim U-Bahn-Bau in Moskau einigerma\u00dfen \u00fcberlebt, wird nach dem Krieg pl\u00f6tzlich denunziert. Eine alte Rezension, die er noch in Berlin schrieb und in der er sich lustig machte \u00fcber die Lobhudelei einiger ber\u00fchmter Schriftsteller, die die Sowjetunion als Paradies darstellten, wird ihm zu Verh\u00e4ngnis. Er kommt in ein Besserungslager im Ural und wird dort von einem W\u00e4rter erschlagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch Maykl und seine Mutter werden drangsaliert, und als Gudrun stirbt, geht er in die DDR. Doch auch dort wird er drangsaliert und versucht als Archivar zu \u00fcberleben. Nach der Wende wird er Gem, den Sohn von Professor Geijm wiedertreffen und sie stellen fest: sie haben fast dieselben Erfahrungen\u00a0 gemacht wie ihre V\u00e4ter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Beispiel zweier Familien hat Christoph Hein ein Jahrhundert der Diktaturen wieder aufstehen lassen und lebendig gemacht. In einer Zeit, in der die j\u00fcngeren Generation auch von intellektuell gepr\u00e4gten Menschen kaum noch etwas wissen \u00fcber diese Zeit, ist es sehr zu begr\u00fc\u00dfen, dass und wie Hein dieses Jahrhundert verstehbar und auch erlebbar macht, am Schicksal realer Menschen.<\/p>\n<p>All das, was im Maykl Trutz in den vielen Gespr\u00e4chen nicht erz\u00e4hlen konnte, weil er es nicht wissen konnte, hat Hein in endloser Recherchearbeit in zun\u00e4chst verschlossenen Archiven gefunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er hat es zu einem beeindruckenden literarischen Werk verarbeitet, das einen Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 verdient h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Christoph Hein, Trutz, Suhrkamp 2017, ISBN 978-3-518-42585-5 &nbsp; Der neue Roman von Christoph Hein ist, das sei schon ganz zu Anfang gesagt, ein gro\u00dfes Buch, ein Werk, das fast ein ganzes Jahrhundert umspannt\u00a0 und eine bewegende Geschichte erz\u00e4hlt vom Leben und Sterben unter den extremistischen Bedingungen der weltpolitischen Konstellationen &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=4338\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Trutz<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-4338","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4338","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4338"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4338\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4340,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4338\/revisions\/4340"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4338"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4338"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4338"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}