{"id":4398,"date":"2017-06-08T12:43:54","date_gmt":"2017-06-08T10:43:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=4398"},"modified":"2017-06-08T12:43:54","modified_gmt":"2017-06-08T10:43:54","slug":"sweet-occupation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=4398","title":{"rendered":"Sweet Occupation"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/46971243z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4399\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/46971243z-193x300.jpg\" alt=\"\" width=\"193\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/46971243z-193x300.jpg 193w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/46971243z.jpg 270w\" sizes=\"auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lizzie Doron, Sweet Occupation, DTV 2017, ISBN 978-3-423-26150-0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die 1953 als Tochter einer Holocaust\u00fcberlebenden in Tel Aviv geborene israelische Schriftstellerin Lizzie Doron ist in Deutschland durch ihre ausnahmslos autobiographisch gepr\u00e4gten B\u00fccher bekannt geworden, in denen sie das Lebensgef\u00fchl und die Probleme der sogenannten \u201ezweiten Generation\u201c thematisierte. Nicht nur in ihrem letzten Buch \u201eDas Schweigen meiner Mutter\u201c \u00a0versuchte sie sehr eindrucksvoll das Schweigen zu brechen. Es gibt niemand sonst, der in der Lage ist, die widerstrebenden Gef\u00fchle der Nachkommen der \u00dcberlebenden tiefer und schmerzhafter auszuloten. Man sp\u00fcrt den jeweils sehr sensiblen und gelungenen \u00dcbersetzungen Mirjam Presslers ab, welche unsagbare Anstrengung das Schreiben dieser B\u00fccher f\u00fcr Lizzie Doron bedeutet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lizzie Doron ist zutiefst davon \u00fcberzeugt, dass die beiden verfeindeten V\u00f6lker, die Juden und die Pal\u00e4stinenser, wollen sie eine Chance haben zu \u00fcberleben, das Unverst\u00e4ndnis f\u00fcreinander \u00fcberwinden m\u00fcssen. Gleichzeitig ist sie sich mit David Grossmann und vielen anderen einig, dass ohne die israelische Armee das Land schon l\u00e4ngst nicht mehr existieren w\u00fcrde, und die Juden, wie es Nasser zuerst formulierte, von den Arabern ins Meer getrieben worden w\u00e4ren. Dennoch hat sie schon in ihrem letzten Buch \u201eWho the Fuck ist Kafka\u201c, das ebenso wie das neue hier vorliegenden in Israel nicht erscheinen konnte, sich auf neue\u00a0 Wege begeben und begonnen, nicht nur literarisch, sondern in tats\u00e4chlichen Begegnungen mit Menschen von der anderen Seite, \u201edem Feind\u201c, auszuloten, wie das w\u00e4re, sich einander anzun\u00e4hern, der Gewalt abzuschw\u00f6ren und sich dem jeweiligen Leid und Schicksal des anderen zu anzunehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Buch und seine Autorin sind voller Widerspr\u00fcche. Da ist zu einem die Hoffnung, und zum anderen die tief sitzenden Vorurteile und \u00c4ngste. Und man sp\u00fcrt eine in den letzten Jahren st\u00e4rker gewordene Ratlosigkeit, die auch andere Schriftsteller und Intellektuelle ergriffen hat. Einer von ihnen, Amos Oz, l\u00e4sst in seinem letzten Roman \u201eJudas\u201c einen alten weisen Juden sagen: \u201eDie Wahrheit ist, dass alle Macht der Welt den Feind nicht in einen Freund verwandeln kann. Man kann den Feind zum Sklaven machen, aber nicht zu einem Liebenden. Mit aller Macht der Welt kann man einen Fanatiker nicht zu einem aufgekl\u00e4rten Menschen machen. Und mit aller Macht der Welt kann man aus einem Rachedurstigen keinen Freund machen. Und genau da liegen die existentiellen Probleme des Staates Israel: einen Feind zum Liebenden zu machen, einen Fanatiker zu einem Gem\u00e4\u00dfigten, einen Rachs\u00fcchtigen zu einem Freund.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Lizzie Doron noch in \u201eWho the Fuck is Kafka\u201c immer wieder deutlich machte, dass die milit\u00e4rische Macht und ihr Einsatz notwendig sind, um den schnellen Tod Israels und seiner j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung zu verhindern, hat sie nach den Gespr\u00e4chen mit den insgesamt f\u00fcnf Mitgliedern der \u201eCombatants for Peace\u201c auch daran immer mehr Zweifel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lizzie Doron hat gegen erhebliche innere Widerst\u00e4nde diesen f\u00fcnf M\u00e4nnern, drei Pal\u00e4stinensern und zwei Israelis, \u00fcber ein ganzes Jahr lang in regelm\u00e4\u00dfigen Begegnungen zugeh\u00f6rt und sich dabei immer wieder an Begebenheiten aus ihrem eigenen Leben erinnert. Entstanden ist dabei ein ergreifendes literarisches und pers\u00f6nliches Dokument einer Autorin, die sich und ihr ganzes bisheriges Leben und Erleben aussetzt einer neuen Erfahrung. Ein Buch \u00fcber einst Radikale, die dem sinnlosen Hass eine Alternative entgegensetzen, von Mirjam Pressler, der langj\u00e4hrigen Freundin und Weggef\u00e4hrtin wieder sensibel ins Deutsche \u00fcbersetzt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist eine verzweifelte Zwickm\u00fchle, die da mit gro\u00dfer literarischer Kunst beschrieben wird.<\/p>\n<p>Beim Lesen dieses Buches sp\u00fcrt der Leser geradezu k\u00f6rperlich die Qual, die Intellektuelle wie Doron, Oz oder Grossmann nicht erst seit gestern aushalten. Ich kann es allen Menschen sehr empfehlen, die sich, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, weigern, die Hoffnung f\u00fcr dieses Land und seine Menschen aufzugeben. \u00a0Dass es auch in Deutschland ein neues Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr gibt, dass trotz einer sich nach innen abschottenden israelischen Politik mit Siedlungsbau und anderen den Friedensprozess verunm\u00f6glichenden Aktionen, zeigen die letzten Besuche von Au\u00dfenminister Gabriel und Bundespr\u00e4sident Steinmeier in Israel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch die Wiederauflage des 1970 zum ersten Mal auf Deutsch erschienen Buches von Amos Oz und Avraham Shapira mit Gespr\u00e4chen mit israelischen Soldaten nach dem Sechstagekrieg unter dem Titel \u201eMan schie\u00dft und weint\u201c, das soeben im Westend Verlag erschienen ist, kann zu diesem neuen Verstehens- und Verst\u00e4ndigungsprozess jenseits der alten Frontlinien beitragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSweet Occupation\u201c ist ein Buch, das eine gro\u00dfe Weisheit vermittelt: die Trag\u00f6die des anderen zu verstehen ist die Voraussetzung, um einander keine weiteren Trag\u00f6dien mehr zuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ob dieses Buch jemals in Israel selbst ver\u00f6ffentlicht wird, scheint im Augenblich fraglich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Lizzie Doron, Sweet Occupation, DTV 2017, ISBN 978-3-423-26150-0 &nbsp; Die 1953 als Tochter einer Holocaust\u00fcberlebenden in Tel Aviv geborene israelische Schriftstellerin Lizzie Doron ist in Deutschland durch ihre ausnahmslos autobiographisch gepr\u00e4gten B\u00fccher bekannt geworden, in denen sie das Lebensgef\u00fchl und die Probleme der sogenannten \u201ezweiten Generation\u201c thematisierte. 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