{"id":5589,"date":"2018-03-22T15:19:07","date_gmt":"2018-03-22T13:19:07","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=5589"},"modified":"2018-03-22T15:19:07","modified_gmt":"2018-03-22T13:19:07","slug":"judas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=5589","title":{"rendered":"Judas"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/44110850z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5590\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/44110850z-186x300.jpg\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/44110850z-186x300.jpg 186w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/44110850z.jpg 294w\" sizes=\"auto, (max-width: 186px) 100vw, 186px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Amos Oz, Judas, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42479-7<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der neue Roman von Amos Oz ist, obwohl er seine Handlung unverd\u00e4chtig in das Jahr 1959 verlegt hat, von hoher Aktualit\u00e4t und steckt voller Anspielungen auf die gegenw\u00e4rtige Politik in Israel und den Zustand seiner zerrissenen Gesellschaft. Gleichzeitig ist es ein Liebesroman und eine theologisch spannende Auseinandersetzung mit dem Ph\u00e4nomen des Verrats im Allgemeinen und mit der Figur Jesusj\u00fcngers Judas im Besonderen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir befinden uns zu Beginn des Romans in Jerusalem, Ende 1959. Der junge Schmuel Asch ist an einen vorl\u00e4ufigen Tiefpunkt seines Lebens gekommen. Seine Verlobte hat ihn verlassen und einen anderen Mann geheiratet. Sein Vater ist in Konkurs gegangen und kann ihm sein Studium nicht mehr finanzieren. Und mit seiner Magisterarbeit \u00fcber &#8222;Jesus in den Augen der Juden&#8220; steckt er auch fest &#8211; je tiefer er in die Materie eindringt, desto klarer wird ihm, dass zwei Jahrtausende v\u00f6llig gereicht haben, zu diesem Thema alles zu sagen. Er beschlie\u00dft alles, was er hat zu verkaufen und in die W\u00fcste zu gehen. Er will dort bei einem Siedlungsprojekt als Hilfskraft arbeiten. Da entdeckt er am Schwarzen Brett der Universit\u00e4t ein Stellenangebot: Gesucht wird ein Gespr\u00e4chspartner f\u00fcr einen gebildeten, gehbehinderten alten Mann; geboten wird etwas Geld sowie freie Kost und Logis.<\/p>\n<p>Der alte Mann, er hei\u00dft Gerschom Wald, lebt nicht allein. Mit im Haus wohnt seine sch\u00f6ne Schwiegertochter Atalja, in die sich Schmuel schnell verliebt. Sie jedoch ist sehr zur\u00fcckhaltend mi ihrer Zuneigung, genauso wie mit Informationen \u00fcber ihre Geschichte und ihr Leben. Erst im langen Verlauf des Romans offenbaren sich die Geheimnisse ihrer Vergangenheit sowie der ihres Vaters. Er war einer der f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten bei der Gr\u00fcndung des Staates Israel. Seine idealistischen Vorstellungen vom k\u00fcnftigen Zusammenleben von Juden und Arabern hatten zum Zerw\u00fcrfnis mit denen gef\u00fchrt, die dann die Teilung Pal\u00e4stinas durchsetzten, z. B. David Ben Gurion und damit zum unr\u00fchmlichen Ende seiner politischen Karriere. Fortan galt er als Verr\u00e4ter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Verr\u00e4ter gilt auch seit 2000 Jahren im ganzen christlichen Abendland der Jesusj\u00fcnger Judas Ischarioth. Schmuel fragt sich im Rahmen seiner Forschungen immer wieder, wieso der wohlhabende Judas seinen Herrn f\u00fcr drei\u00dfig Silberlinge an die R\u00f6mer ausliefert und er (respektive Amos Oz) entwickelt eine Theorie, die Judas und seine Motivationen in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Judas war wohl von Jesus als dem Messias so \u00fcberzeugt, dass er mit der Verhaftung Jesus dazu bringen wollte, sich nun endlich zu offenbaren und sozusagen als glorreicher Retter vom Kreuz zu steigen. Und sein Selbstmord ist demnach nicht Ausdruck von Schuldgef\u00fchlen, sondern von endloser Entt\u00e4uschung \u00fcber seinen theologischen Irrtum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lizzie Doron hat in ihrem etwa zeitgleich mit Oz` Buch \u201eJudas\u201c in Deutschland erschienenem Roman \u201eWho The Fuck Is Kafka\u201c die \u00dcberzeugung vertreten, dass die beiden verfeindeten V\u00f6lker, wollen sie eine Chance haben zu \u00fcberleben, das Unverst\u00e4ndnis f\u00fcreinander \u00fcberwinden m\u00fcssen. Gleichzeitig ist sie sich mit David Grossmann und vielen anderen einig, dass ohne die israelische Armee das Land schon l\u00e4ngst nicht mehr existieren w\u00fcrde, und die Juden, wie es Nasser zuerst formulierte, von den Arabern ins Meer getrieben worden w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Amos Oz l\u00e4sst den greisen Gerschom Wald, den er mit dem jungen Schmuel unz\u00e4hlige Gespr\u00e4che \u00fcber die Geschichte Israels f\u00fchren l\u00e4sst, im Jahr 1959 etwas sagen, was in der Gegenwart nach wie g\u00fcltig ist:<\/p>\n<p>\u201eDie Wahrheit ist, dass alle Macht der Welt den Feind nicht in einen Freund verwandeln kann. Man kann den Feind zum Sklaven machen, aber nicht zu einem Liebenden. Mit aller Macht der Welt kann man einen Fanatiker nicht zu einem aufgekl\u00e4rten Menschen machen. Und mit aller Macht der Welt kann man aus einem Rachedurstigen keinen Freund machen. Und genau da liegen die existentiellen Probleme des Staates Israel: einen Feind zum Liebenden zu machen, einen Fanatiker zu einem Gem\u00e4\u00dfigten, einen Rachs\u00fcchtigen zu einem Freund.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch die Haltung seiner Schwiegertochter Atalja (sie hat ihren Mann, den Sohn von Wald, im Unabh\u00e4ngigkeitskrieg verloren), k\u00f6nnte in der Gegenwart und f\u00fcr die Gegenwart formuliert sein, was sicher auch die Absicht von Oz war:<\/p>\n<p>\u201eEinen Staat habt ihr gewollt\u201c, schleudert sie Gerschom Wald entgegen als spucke sie ihre Worte aus. \u201eUnabh\u00e4ngigkeit habt ihr gewollt. Ihr habt ganze Fl\u00fcsse reinen Blutes vergossen. Ihr habt eine ganze Generation geopfert. Ihr habt Hunderttausende Araber aus ihren H\u00e4usern vertrieben. Ihr habt Schiffsladungen von Hitler-\u00dcberlebenden direkt vom Kai aufs Schlachtfeld geschickt. Nur damit es hier den Staat der Juden gab. Und jetzt kann man sehen, was ihr bekommen habt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie Lizzie Doron ist auch Amos Oz, so wie David Grossmann und viele andere, bei aller auch fundamentaler Kritik davon \u00fcberzeugt, dass die milit\u00e4rische Macht und ihr Einsatz notwendig sind, um den schnellen Tod Israels und seiner j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung zu verhindern. Ohne die Armee h\u00e4tten die Araber ihre seit Nasser immer wieder wiederholte Drohung wahrgemacht und die Juden ins Meer getrieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war und ist eine verzweifelte Zwickm\u00fchle, die da mit gro\u00dfer literarischer Kunst beschrieben wird. Beim Lesen dieses Buches sp\u00fcrt der Leser geradezu k\u00f6rperlich die Qual, die Intellektuelle wie Doron, Oz oder Grossmann nicht erst seit gestern aushalten. Ich kann es allen Menschen sehr empfehlen, die sich, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, weigern, die Hoffnung f\u00fcr dieses Land und seine Menschen aufzugeben, und denen die einseitige Parteinahme f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser von vielen Medien, den Linken und auch der SPD gegen den Strich geht.<\/p>\n<p>Und doch schleicht sich beim Leser immer mehr die Gewi\u00dfheit ein, dass es f\u00fcr den Konflikt zwischen Juden und Araber keine L\u00f6sung gibt und auch in baldiger Zukunft nicht geben wird. Warum man dennoch nicht aufgeben darf, das hat Amos Oz mit seinem vielleicht besten Buch literarisch gro\u00dfartig gezeigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; Amos Oz, Judas, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42479-7 &nbsp; Der neue Roman von Amos Oz ist, obwohl er seine Handlung unverd\u00e4chtig in das Jahr 1959 verlegt hat, von hoher Aktualit\u00e4t und steckt voller Anspielungen auf die gegenw\u00e4rtige Politik in Israel und den Zustand seiner zerrissenen Gesellschaft. 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