{"id":5617,"date":"2018-03-27T10:05:03","date_gmt":"2018-03-27T08:05:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=5617"},"modified":"2018-03-27T10:05:03","modified_gmt":"2018-03-27T08:05:03","slug":"munin-oder-chaos-im-kopf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=5617","title":{"rendered":"Munin oder Chaos im Kopf"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/49539892z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5618\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/49539892z-183x300.jpg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/49539892z-183x300.jpg 183w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/49539892z.jpg 290w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Monika Maron, Munin oder Chaos im Kopf, S. Fischer 2018, ISBN 978-3-10048840-4<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In ihrem neuen, politisch wenig korrekten Roman, l\u00e4sst die mittlerweile 76-j\u00e4hrige Schriftstellerin Monika Maron ihre Ich-Erz\u00e4hlerin eine ganze Menge wohl eigener Beobachtungen und Einsch\u00e4tzungen formulieren und aussprechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Ich-Erz\u00e4hlerin hei\u00dft Mina Wolf. Sie arbeitet als journalistische Freelancerin und Gelegenheitstexterin und hat, auf welchem Wege auch immer, von der kommunalen Spitze einer westf\u00e4lischen Kleinstadt den Auftrag erhalten, f\u00fcr eine st\u00e4dtische Festschrift einen Beitrag \u00fcber der Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg zu verfassen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst eher widerwillig (sie hat ja den ganzen Sommer Zeit) beginnt sie zu recherchieren, und zu lesen, denkt nach \u00fcber deutsche Befindlichkeiten und die Verwerfungen der Welt und \u00fcber Religionskriege damals und heute. Ihre Beobachtungen und Vergleiche bewegen sich gegen den medialen Mainstream der letzten Jahre, politisch sehr unkorrekt, aber durchaus im Rahmen dessen, was eine Mehrheit einer zunehmend schweigenden Bev\u00f6lkerung schon lange denkt \u00fcber die Schwierigkeiten der Integration von Millionen junger muslimischer M\u00e4nner (Maron spricht tats\u00e4chlich von \u201eMillionen\u201c) und \u00fcber die Gefahr von Parallelgesellschaften.<\/p>\n<p>Mina Wolf ist zun\u00e4chst z\u00f6gernd, dann aber immer zutraulicher werdend, eine einbeinige Kr\u00e4he zugeflogen. Sie kommt nicht t\u00e4glich, aber wenn sie da ist und das ausgelegte Futter verspeist hat, ist sie der Journalistin eine skeptisch-pessimistische, aber sehr meinungsfreudige Gespr\u00e4chspartnerin. Diese Dialoge mit der klugen Kr\u00e4he, die so was symbolisiert wie eine zweite innere Stimme der Erz\u00e4hlerin, bilden das literarische Zentrum des Romans und sind f\u00fcr den Leser eine wahre intellektuelle Freude.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon bald hat Mina Wolf den Eindruck, in einer sogenannten Vorkriegszeit zu leben, so wie es Michael St\u00fcrmer in der Ausgabe der WELT vom 19.12.2016 formulierte. Gest\u00fctzt und befeuert wird dieser f\u00fcr sie best\u00fcrzende Eindruck durch das, was die Rahmenhandlung des Romans bildet und eine literarisch gelungene Parabel darstellt f\u00fcr das Wutpotential in unserer Gesellschaft, das sich an den unterschiedlichsten Stellen Bahn bricht, das aber niemand wirklich richtig verstanden hat. In der direkten Nachbarschaft der ansonsten recht stillen und unauff\u00e4lligen Wohnstra\u00dfe in Berlin-Sch\u00f6neberg, in der Mina Wolf lebt, lebt auch eine psychisch kranke Frau, die jeden Tag von morgens bis abends lauthals auf ihrem Balkon singt. Ihr Singen ist eher eine disharmonisches Schreien, das schon bald die anderen Anwohner nervt und in einer Einwohnerversammlung zusammenbringt. Doch diese Versammlung bringt keine Einigung, sondern bringt die Unterschiede in der politischen Haltung der Anwohner erst zu Tage (linke, liberale und stramm rechte) mit schlimmen Folgen f\u00fcr das weitere Zusammenleben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser immer weiter zunehmende Aufruhr und die damit verbundene Aggression in der kleinen, engen Stra\u00dfe, der auch vor Anschl\u00e4gen und pers\u00f6nlichen Beleidigungen und Angriffen nicht Halt macht und der t\u00e4gliche Terror und Krieg in den Medien vermischen sich in Minas Kopf mit dem, was sie \u00fcber den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg herausfindet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie schl\u00e4ft mittlerweile tags\u00fcber, um nachts vor dem Geschrei der irren Nachbarin gesch\u00fctzt zu sein. In vielen N\u00e4chten ist die Kr\u00e4he, der sie den Namen Munin gegeben hat, ihr kluger und widerborstiger Gespr\u00e4chspartner, der sie immer mehr von seiner skeptischen Haltung was die Lernf\u00e4higkeit des Menschen betrifft, \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Immer mehr hat sie den Eindruck, dass sie tats\u00e4chlich in einer neuen Vorkriegszeit lebt und dass sich der kleine Krieg der Nachbarn im \u201egro\u00dfen Krieg in Deutschland\u201c spiegelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit einer wunderbaren Sprache erz\u00e4hlt, voller kluger Beobachtungen und mit viel literarischem Witz, entwirft Monika Maron in diesem Alterswerk nicht nur ein provozierendes Stimmungsbild unserer Zeit, sondern zieht auch ein eher skeptisches Res\u00fcmee ihrer eigenen politischen Haltung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein sehr aktueller Roman, der eine Nominierung f\u00fcr den Deutschen Buchpreis verdient h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Monika Maron, Munin oder Chaos im Kopf, S. 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