{"id":5708,"date":"2018-04-18T09:48:39","date_gmt":"2018-04-18T07:48:39","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=5708"},"modified":"2018-04-18T09:48:39","modified_gmt":"2018-04-18T07:48:39","slug":"der-gedankenspieler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=5708","title":{"rendered":"Der Gedankenspieler"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/49601926z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5709\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/49601926z-181x300.jpg\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/49601926z-181x300.jpg 181w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/49601926z.jpg 287w\" sizes=\"auto, (max-width: 181px) 100vw, 181px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Peter H\u00e4rtling, Der Gedankenspieler, Kiepenheuer &amp; Witsch 2018, ISBN 978-3462-05177-3<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mehr als andere Schriftsteller seiner Generation\u00a0 hat sich der k\u00fcrzlich verstorbene Peter H\u00e4rtling in seinen vielen B\u00fcchern, die er vor allen Dingen schrieb, nachdem er seine T\u00e4tigkeit bei S. Fischer beendet hatte und nur noch als freier Schriftsteller arbeitete, nicht nur mit den Biographien ber\u00fchmter Menschen befasst, sondern immer wieder auch mit eigenen ganz pers\u00f6nlichen Erlebnissen, die er, kaum verfremdet, in vielen Romanen reflektierte. Ich erinnerte mich zum Beispiel, als ich seinen hier vorliegenden letzten Roman zur Hand nahm, an sein Buch \u201eHerzwand\u201c das er 1990 nach seiner ersten Herzoperation ver\u00f6ffentlichte.<\/p>\n<p>Rechtzeitig bevor er starb, hat er das Manuskript seines letzten Buches angeschlossen, dem sein Lektor und seine Frau den Titel \u201eDer Gedankenspieler\u201c gaben und in dem er sein Alter Ego Johannes Wenger seine gesamte Krankengeschichte erz\u00e4hlen l\u00e4sst und sich dankbar und ohne Verbitterung aus dem Leben verabschiedet<\/p>\n<p>Peter H\u00e4rtling war schon lange schwer krank, litt an Herzrhythmusst\u00f6rungen, an Diabetes und war in den letzten beiden Jahren seines Lebens auf Dialyse und den Rollstuhl angewiesen. All das reflektiert er in \u201eDer Gedankenspieler\u201c, in dem er sich mit dem alten, knurrigen Architekten Johannes Wenger ein Alter Ego geschaffen hat, dem er die Erfahrung aufb\u00fcrdet, zum Hilfsbed\u00fcrftigen zu werden.<\/p>\n<p>Ein immer gleicher Tagesrhythmus durch das Erscheinen verschiedener Pfleger, die ihn betreuen und waschen, durch die Essenslieferung durch einen jungen Mann, der \u2013 unsicher \u2013 gerne dem kranken alten Mann Gesellschaft leisten w\u00fcrde, aber nicht wei\u00df, wie er dessen Ablehnung durchbrechen soll.<\/p>\n<p>Johannes Wenger war sein ganzes Leben lang allein, und kann sich nur schwer an die permanente Gesellschaft der Pflegekr\u00e4fte gew\u00f6hnen. Peter H\u00e4rtling hat in seinem Buch aus eigener Erfahrung nicht nur erz\u00e4hlt, wie sich so etwas anf\u00fchlt, sondern auch , wie schwer es ist, in einen solchen Zustand seine W\u00fcrde zu bewahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kaum habe ich ein literarisches Alter Ego seinem Sch\u00f6pfer so nahe kommen sehen, wie Wenger seinem Erfinder Peter H\u00e4rtling. Mit der Ausnahme, dass Wenger Essays \u00fcber Architekturgeschichte schreibt und immer wieder Gedankenbriefe verfasst an ber\u00fchmte Architekten und seinen sp\u00e4t gewonnen Freund, den Arzt Dr. Mail\u00e4nder. Der k\u00fcmmert sich aufopferungsvoll um ihn, stellt ihn auch seiner Frau und seiner kleine Tochter vor und nimmt ihn\u00a0 sogar mit zu einem Osterurlaub nach Travem\u00fcnde. Er steht wahrscheinlich f\u00fcr die Menschen, die Peter H\u00e4rtling in seinen beiden letzten schweren Jahren zur Seite standen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was allerdings den Mittelpunkt des Buches darstellt, sind nicht seine unterschiedlichen Ausfl\u00fcge die Wenger noch unternimmt, sondern die detaillierte Darstellung des Krankheitsgeschehens und -verlaufs selbst und was es mit einem Menschen macht, wie es ihn ver\u00e4ndert und qu\u00e4lt. Wie kommt man etwa damit klar, wenn pl\u00f6tzlich die Niere versagt und man nur noch mit Hilfe der Dialyse \u00fcberleben kann? Ist das noch ein Leben? Welchen Sinn hat dieses Leiden, wenn sein Ende doch absehbar vor der T\u00fcr steht und der Tod immer wieder anklopft?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch die (autobiographischen) Erinnerung an Kindheitserlebnisse hilft nicht viel weiter. Er muss sich der Gegenwart stellen. Wenger tut das relativ unaufgeregt und auch sein\u00a0 letzter Brief an seinen\u00a0 Freund Dr. Mail\u00e4nder bleibt gelassen und wahrhaftig,\u00a0 \u201e \u2026 denn ich verschwinde nun aus meiner, aus unserer\u00a0 Geschichte.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDer Gedankenspieler\u201c ist ein bewegender und ber\u00fchrender Roman, der den Leser damit konfrontiert, womit er sich mit einer mit zunehmendem Alter immer gr\u00f6\u00dfer werdenden wahrscheinlich selbst wird auseinandersetzen m\u00fcssen. M\u00f6ge es viele geschenkt sein, das \u00e4hnlich w\u00fcrdevoll und von Freunden betreut tun zu k\u00f6nnen, wie der gro\u00dfe Schriftsteller Peter H\u00e4rtling. Mit ihm schweigt eine gro\u00dfe Stimme der deutschen Literatur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Peter H\u00e4rtling, Der Gedankenspieler, Kiepenheuer &amp; Witsch 2018, ISBN 978-3462-05177-3 &nbsp; Mehr als andere Schriftsteller seiner Generation\u00a0 hat sich der k\u00fcrzlich verstorbene Peter H\u00e4rtling in seinen vielen B\u00fcchern, die er vor allen Dingen schrieb, nachdem er seine T\u00e4tigkeit bei S. 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