{"id":603,"date":"2015-10-08T12:53:33","date_gmt":"2015-10-08T10:53:33","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=603"},"modified":"2015-10-08T12:53:33","modified_gmt":"2015-10-08T10:53:33","slug":"skip","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=603","title":{"rendered":"Skip"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/42671245z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-604\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/42671245z-183x300.jpg\" alt=\"42671245z\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/42671245z-183x300.jpg 183w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/42671245z.jpg 290w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Katharina Hacker, Skip, S. Fischer 2015, ISBN 978-3-10030065-2<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Jahr 2006 gewann sie mit ihrem Buch \u201eDie Habenichtse\u201c den Deutschen Buchpreis. Nun legt Katharina Hacker, die von 1990 bis 1996 in Israel gelebt hat, einen neue Roman vor mit dem Titel \u201eSkip\u201c. Skip ist der Nickname des israelischen Architekten Jonathan Landau, ein Mann mit europ\u00e4ischen Wurzeln in der Mitte seines Lebens. Er, der sich bisher als einen soliden Zeitgenossen gesehen hatte, ein Architekt der das Sichtbare mag (&#8222;Mein Leben besteht aus Zimmern, aus Mauern, W\u00e4nden, Fu\u00dfb\u00f6den, T\u00fcren. Aus Sachen, die ich anfasse und die ich genau kenne&#8220;.), ist pl\u00f6tzlich mit Dingen konfrontiert, die nur er wahrnimmt und \u00fcber die er mit keinem Menschen sprechen kann. Mit einem \u00fcbersinnlichen Ph\u00e4nomen einer inneren Stimme, die ihn mehrmals innerhalb mehrerer Jahre an Orte ruft, an denen wenig sp\u00e4ter eine Katastrophe geschieht: ein Zugungl\u00fcck in Paris, ein Flugzeugabsturz in Amsterdam, ein Attentat auf ein Hotel in \u00c4gyptens Hauptstadt. An jedem der Orte gibt es viele Opfer, darunter stets ein Mensch, dem Skip sich besonders verbunden f\u00fchlt. Seiner Seele leistet er solange Gesellschaft, bis sie sich daran gew\u00f6hnt hat, tot zu sein.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich Menschen, die mit einem Bein im Grab stehen, Hilfe suchend an Skip wenden. Denn Skip steht mit nur einem Bein im Leben. &#8222;Vor allem bin ich nicht&#8220;, sagt er. Kein richtiger Architekt, weil er keine neuen H\u00e4user entwirft, sondern nur alte H\u00e4user umbaut. Kein richtiger Jude, weil seine Mutter keine J\u00fcdin war. Kein richtiger Mann, weil er unfruchtbar zu sein scheint. Die beiden S\u00f6hne, die er mit seiner Frau Shira in Israel gro\u00dfzieht, hat wohl ein anderer Mann gezeugt &#8211; mit Skips Einverst\u00e4ndnis. Der Gedanke daran qu\u00e4lt ihn jahrelang.<\/p>\n<p>Skip steckt in einer veritablen Identit\u00e4tskrise. Dazu geh\u00f6rt, dass er sich immer weiter von seiner Frau entfernt. So nahe ihm die fremden Sterbenden kommen, so hypersensibel er auf ihr Leiden reagiert, so distanziert geht er mit ihr um, als sie unheilbar an Krebs erkrankt. Er spricht kaum mit ihr, nicht \u00fcber ihre Krankheit und nicht \u00fcber den Tod. W\u00e4hrend sie stirbt, hat er sogar noch eine Aff\u00e4re.<\/p>\n<p>Immer wieder beschreibt Katharina Hacker historische Ereignisse, die in den neunziger Jahre (als sie selbst dort lebte) den Konflikt zwischen Israel und den Pal\u00e4stinensern gepr\u00e4gt haben. Attentate und immer wieder Tote. Der Tod ist in Israel bis auf den heutigen Tag nie abstrakt. Immer wieder denkt Skip \u00fcber den Tod und seien mystischen Erlebnisse nach, doch mehr noch qu\u00e4lt seine Gedanken das Leben: &#8222;Ich denke \u00fcber den Tod nach, um \u00fcber das Leben nachzudenken&#8220;, weil es mir noch schwieriger erscheint, \u00fcber das Leben nachzudenken&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Wir wollen unser Leben, unsere Geschichte wie ein Haus&#8220;, sagt der Architekt Skip. &#8222;Von Zimmer zu Zimmer wollen wir gehen und begreifen, wo die T\u00fcren sind, aus den Fenstern wollen wir hinausschauen, um zu sehen, in welcher Stadt das Haus ist und wer vor\u00fcbergeht&#8220;.<\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend er durchaus erfolgreich, zuerst in Tel Aviv, sp\u00e4ter dann in Berlin, H\u00e4user und Wohnungen baut und umbaut, bekommt er die Statik seines eigenen Lebens nicht recht in den Griff. Er ist sich selbst abhandengekommen.<\/p>\n<p>&#8222;Vielleicht versucht man mit jedem Erz\u00e4hlen \u00fcberhaupt herauszufinden, was der innere Zusammenhang von Dingen ist&#8220;, sagt er. Es ist ein Versuch, der scheitert.<\/p>\n<p>Mit einem Stil, der dem Leser allerh\u00f6chste Konzentration abfordert, dringt Katharina Hacker mitten in den Kern Israels vor. Sie verbindet eine pers\u00f6nliche Geschichte mit selbst erlebter Zeitgeschichte der neunziger Jahre, und ist dennoch aktuell. Denn es hat sich nicht viel ver\u00e4ndert in diesem Land. Zusammen mit Sheruya Shalevs \u201eSchmerz\u201c ist \u201eSkip\u201c das Buch in diesem Herbst, das die m\u00f6rderische Gegenwart Israels spiegelt und wie sie den Menschen zu schaffen macht.<\/p>\n<p>\u201eSkip\u201c ist auch meines Wissens der erste Roman einer deutschen Schriftstellerin, der in Israel spielt. Wenn man das Buch lesen w\u00fcrde, ohne die Autorin zu kennen, w\u00fcrde man sicher sein, der Roman stammte von einem israelischen Autor oder Autorin.<\/p>\n<p>Ein wichtiges Buch von hoher literarischer Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Katharina Hacker, Skip, S. Fischer 2015, ISBN 978-3-10030065-2 &nbsp; Im Jahr 2006 gewann sie mit ihrem Buch \u201eDie Habenichtse\u201c den Deutschen Buchpreis. Nun legt Katharina Hacker, die von 1990 bis 1996 in Israel gelebt hat, einen neue Roman vor mit dem Titel \u201eSkip\u201c. 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