{"id":6058,"date":"2018-05-17T09:01:24","date_gmt":"2018-05-17T07:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=6058"},"modified":"2018-05-17T09:01:24","modified_gmt":"2018-05-17T07:01:24","slug":"es-geht-uns-gut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=6058","title":{"rendered":"Es geht uns gut"},"content":{"rendered":"<h1><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<h1><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/50068038z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-6059\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/50068038z-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/50068038z-188x300.jpg 188w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/50068038z.jpg 298w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a><\/h1>\n<h1>Arno Geiger, Es geht uns gut, DTV 2018, ISBN 978-3-423-14650-0<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Philipp Erlach (36) lebt als Schriftsteller in Wien. Was er schreibt bzw. geschrieben hat, wird nicht einmal angedeutet, man bekommt den Eindruck, dass er nicht wirklich erfolgreich ist oder aber in einer Schaffenskrise. So wie er sich in den Monaten Mai und Juni des Jahres 2001 durch sein Leben wurstelt, w\u00e4re das auch gar nicht verwunderlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Philipp Erlach hat in Hietzing, einer Wiener Nobelgegend, die alte Villa seiner Gro\u00dfeltern geerbt. Wohl haupts\u00e4chlich aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden nimmt er dieses Erbe an, aber er wehrt sich auch dagegen. Denn alles, was diese Villa an Familiengeschichte atmet, allem, was sich auf dem tats\u00e4chlichen und dem virtuellen Dachboden versteckt, begegnet er feindlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sein Privatleben ist genauso ungeordnet und unklar, wie ihm seine eigene Vergangenheit und erst recht seine pers\u00f6nliche Zukunft erscheint.<\/p>\n<p>\u201eInsgeheim m\u00f6chte doch jeder wissen, wie die Zukunft sein wird, und sei es nur, damit es in der Gegenwart leichter f\u00e4llt sich einzubilden, dass man wei\u00df, was man tut.\u201c<\/p>\n<p>So formuliert er in seinen pers\u00f6nlichen Notizen, als er beginnt, das Haus zu entr\u00fcmpeln. Seine verheiratete Freundin Johanna, zu der er nicht wirklich eine tiefe Bindung aufbauen kann, schickt ihm zwei Schwarzarbeiter, Steinwald und Atamatov, ein Ukrainer. Sie tut das, weil sie ihren Philipp kennt: alleine w\u00e4re er nicht imstande, irgendetwas an den Haus zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor allen Dingen nicht, sich mit der Vergangenheit zu konfrontieren, die in dem Haus lebt und \u201eaufbewahrt\u201c ist. Und so m\u00fcssen die beiden Schwarzarbeiter, mit denen er im Laufe der Zeit, die sie f\u00fcr ihn arbeiten, ziemlich hilflos eine Freundschaft ankn\u00fcpfen will, den Dachboden entr\u00fcmpeln, in denen sich eine Menge Tauben ein neues Zuhause eingerichtet haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kistenwiese verschwinden Sachen, B\u00fccher und Einrichtungsgegenst\u00e4nde, die auf dem Boden zum Teil \u00fcber Jahrzehnte gelagert waren, in den bestellten Containern. Steinwald und Atamatov entwickeln noch das realistischste Verh\u00e4ltnis zu den Hinterlassenschaften: sie schaffen alles, was noch irgendeinen Wert haben k\u00f6nnte, in Steinwalds gebrauchten Mercedes und verh\u00f6kern es auf Flohm\u00e4rkten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Philipp Erlach will und kann sich nicht mit der Vergangenheit seiner beiden Herkunftsfamilien auseinandersetzen, vielleicht weil er so gar keine Vorstellung hat von seiner Zukunft und seine Gegenwart so trostlos.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie reich an menschlichem Schicksal und politischer Bedeutung seine Familiengeschichten sind, erz\u00e4hlt Arno Geiger in literarischen Blitzlichtern, in denen er in einem Zeitrahmen zwischen 1938 und 1989 immer wieder an einen Tag in der Vergangenheit zur\u00fcckkehrt und schildert, was passiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier, in diesen Kapiteln, hat man das Gef\u00fchl, dass die beschriebenen Menschen leben, ihr Leben gestalten, und dort , wo sie keine Macht dar\u00fcber haben, sich wenigstens mit ihrem Schicksal auseinandersetzen, anders als Philipp Erlach im Jahre 2001. Dem Leser entschl\u00fcsselt sich nicht die Antwort auf die Frage, welche Details aus der beschriebenen Familiengeschichte ihm tats\u00e4chlich bekannt sind. Diese beziehungslose Aneinanderreihung der aktuellen Kapitel und denen aus der Geschichte verst\u00e4rkt noch den Eindruck, dass Erlach ein Mensch ohne wirkliche Wurzeln ist, und dass darin auch sein eigentliches menschliches und wohl auch schriftstellerisches Dilemma begraben liegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Leser aus Deutschland, der sich mit der \u00f6sterreichischen Geschichte nicht so auskennt wie mit der des eigenen Landes, ist das Buch auch als Informationsquelle \u00fcber das Land und seine Menschen aufschlussreich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Arno Geiger liebt seine Personen, die er schildert, er liebt und leidet mit ihnen. Sein Buch ist eine Einladung an seine Leser, die eigene Lebensgeschichte ernster zu nehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arno Geiger, Es geht uns gut, DTV 2018, ISBN 978-3-423-14650-0 &nbsp; &nbsp; Philipp Erlach (36) lebt als Schriftsteller in Wien. Was er schreibt bzw. geschrieben hat, wird nicht einmal angedeutet, man bekommt den Eindruck, dass er nicht wirklich erfolgreich ist oder aber in einer Schaffenskrise. 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