{"id":6110,"date":"2018-06-27T08:44:39","date_gmt":"2018-06-27T06:44:39","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=6110"},"modified":"2018-06-27T08:44:39","modified_gmt":"2018-06-27T06:44:39","slug":"der-anfang-von-etwas-schoenem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=6110","title":{"rendered":"Der Anfang von etwas Sch\u00f6nem"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/50062993n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-6111\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/50062993n-189x300.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/50062993n-189x300.jpg 189w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/50062993n.jpg 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Lizzie Doron, Der Anfang von etwas Sch\u00f6nem, DTV 2018, ISBN 978-3-423-14630-2<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lizzie Dorons dritter ins Deutsche \u00fcbersetzte Roman erz\u00e4hlt verfremdet von ihrer Kindheit im Tel Aviver Viertel Yad Elijahu, einem kleinen, aber geschlossen wirkenden Viertel, in das damals fast nur \u00dcberlebende der Konzentrationslager zogen.<br \/>\nSchon in ihrer autobiographischen Novelle &#8222;Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?&#8220; hat die 1953 geborene Lizzie Doron von Yad Elijahu erz\u00e4hlt, von ihrer prinzipienfesten Mutter, die \u00fcber ihre Vergangenheit in den Lagern der Nazis wie so viele andere beharrlich schwieg. Doron hat erz\u00e4hlt von den Auftr\u00e4gen und Botschaften der Mutter, die wollte, dass die Tochter ihr Leben ganz auf die Zukunft ausrichtet. Dass ihre Tochter sich wom\u00f6glich f\u00fcr ein Leben m Kibbuz entscheiden k\u00f6nnte, war ihr ein schrecklicher Gedanke. Und doch kam es genauso.<\/p>\n<p>In ihrem Roman &#8222;Der Anfang von etwas Sch\u00f6nem&#8220; erz\u00e4hlt die Autorin von drei Menschen, die in Yad Elijahu geboren sind und miteinander aufwachsen und deren Lebenswege sich 40 (!) Jahre sp\u00e4ter wieder kreuzen. Dabei hat sie jeder Figur ein eigenes Kapitel gewidmet, l\u00e4sst sie jeweils in der Ich-Form erz\u00e4hlen, sich erinnern und die sich langsam bei der Lekt\u00fcre erschlie\u00dfenden Zusammenh\u00e4nge zwischen den Lebensgeschichten der drei Menschen schildern.<\/p>\n<p>Da ist Malinka Zuckmayer, die sich Amalia Ben Ami nennt und seit drei Jahrzehnten allein im Haus ihrer Mutter lebt. Verkaufen kann sie es nicht, denn die Mutter hat verf\u00fcgt, dass sie zuvor erst heiraten m\u00fcsse. So lebt sie, mit wechselnden Aff\u00e4ren mit verheirateten M\u00e4nner auch sinnbildlich &#8222;im Haus der Mutter&#8220; und arbeitet, vorzugsweise nachts, als Moderatorin beim israelischen Armeesender.<\/p>\n<p>Da ist Gadi. Durch eine Kinderl\u00e4hmung behindert, wurde der hinkende junge Mann vom Armeedienst befreit. Seit Kindertagen ist er in Malinka verliebt und tr\u00e4umt von einer Hochzeit mit ihr. Um ihn vor der Schande der milit\u00e4rischen Untauglichkeit zu bewahren, organisiert seine Mutter Sarke seine Auswanderung nach Amerika, wo man &#8222;kein Brot aus Erinnerungen backt&#8220;, wie sie sagt. Sarke war mit Etka, Malinkas Mutter zusammen in Auschwitz und sie leben in Yad Elijahu als direkte Nachbarn.<\/p>\n<p>Gadi wird in Amerika ein erfolgreicher Mann, doch er beginnt sich immer heftiger nach seinem Geburtsort zu sehnen, sehr zum Unwillen seiner Frau Dina, die ihr Judentum verlassen zu haben glaubt, und mit Gadi kontroverse Diskussionen dar\u00fcber f\u00fchrt, welche Bedeutung Israel f\u00fcr die Juden hat. Er will zur\u00fcck und mit Amalia leben.<\/p>\n<p>Und da ist Chesi als dritter im Bunde. Er ist nach Paris gegangen und hat dort als Zeithistoriker Karriere gemacht. Er ist wie besessen von der Idee, dass der Zweite Weltkrieg erst vorbei sei, wenn die Juden bzw. ihre Nachkommen wieder in ihre urspr\u00fcnglichen Orte in Polen zur\u00fcckkehren und dort die j\u00fcdischen H\u00e4user und Gebetst\u00e4tten wieder aufbauen. Als er w\u00e4hrend eines Israelbesuchs Amalias Stimme im Radio h\u00f6rt, die sich mit einen &#8222;Schlager aus dem Lager&#8220; n\u00e4mlich dem Lied &#8222;Still, still, mein Kind, schweig still, hier wachsen Gr\u00e4ber&#8220; von ihren H\u00f6rern verabschiedet, trifft er sich mit Amalia. Dieses Lied war die Hymne ihrer Kindheit. Er versucht sie zu \u00fcberzeugen, dass ihre Begegnung &#8222;der Anfang von etwas Sch\u00f6nem&#8220; sei, doch sie endet schlussendlich in einem Fiasko, nachdem er sie mit nach Polen zu seinem &#8222;Wiederaufbauprojekt&#8220; genommen hat.<br \/>\nEs ist der Umgang mit dem geschichtlichen Erbe, an dem sich in Dorons B\u00fcchern entscheidet, ob sich etwas Sch\u00f6nes oder eine vers\u00f6hnende Idee in einen Schrecken verwandelt oder nicht.<\/p>\n<p>Dorons Figuren sitzen allesamt wie in einer Falle. So wie sie sie schildert, versucht sie nachzuweisen, dass es keinen &#8222;richtigen&#8220; Umgang mit dem Gedenken an die Shoa und ihre Opfer geben kann.<br \/>\nDie zweite Generation, aufgewachsen im auch aggressiv vorgetragenen Schweigen ihrer Eltern, hat f\u00fcr ihr ganzes Leben wirksame Besch\u00e4digungen erlitten, weil sie ihr Leben nur verstehen k\u00f6nnen als Trost f\u00fcr die Eltern. So behutsam zum Beispiel Etka und Sarke miteinander umgehen, so aggressiv und lieblos reagieren alle beide auf die Selbstbehauptungsversuche ihrer Kinder.<br \/>\nDie suchen so wie Amalia, Chesi und Gadi ihr eigenes Leben und sto\u00dfen doch immer wieder auf die Gr\u00e4ber der Vergangenheit: &#8222;chweig still, mein Kind, hier wachsen Gr\u00e4ber&#8220;.<\/p>\n<p>Lizzie Doron versucht mit ihren B\u00fcchern das Schweigen zu brechen. Es gibt niemand sonst, der in der Lage ist, die widerstrebenden Gef\u00fchle der Nachkommen der \u00dcberlebenden tiefer und schmerzhafter auszuloten. Man sp\u00fcrt der sensiblen und gelungenen \u00dcbersetzung Mirjam Presslers ab, welche unsagbare Anstrengung das Schreiben dieser B\u00fccher f\u00fcr Lizzie Doron bedeutet.<\/p>\n<p>Wie wir wohl die dritte Generation damit umgehen?<br \/>\nEtwa so wie Jonathan Littel in &#8222;Die Wohlgesinnten&#8220;?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; Lizzie Doron, Der Anfang von etwas Sch\u00f6nem, DTV 2018, ISBN 978-3-423-14630-2 &nbsp; &nbsp; Lizzie Dorons dritter ins Deutsche \u00fcbersetzte Roman erz\u00e4hlt verfremdet von ihrer Kindheit im Tel Aviver Viertel Yad Elijahu, einem kleinen, aber geschlossen wirkenden Viertel, in das damals fast nur \u00dcberlebende der Konzentrationslager zogen. 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