{"id":6251,"date":"2018-08-27T12:36:26","date_gmt":"2018-08-27T10:36:26","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=6251"},"modified":"2018-08-27T12:36:26","modified_gmt":"2018-08-27T10:36:26","slug":"der-gott-jenes-sommers-hoerbuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=6251","title":{"rendered":"Der Gott jenes Sommers (H\u00f6rbuch)"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/50022312n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6252\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/50022312n.jpg\" alt=\"\" width=\"242\" height=\"242\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/50022312n.jpg 242w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/50022312n-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 242px) 100vw, 242px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ralf Rothmann, Der Gott jenes Sommers (H\u00f6rbuch), H\u00f6rbuch Hamburg 2018, ISBN 978-3-95713-129-4<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach der Lekt\u00fcre des mittlerweile in 25 Sprachen \u00fcbersetzten\u00a0 hervorragenden Romans \u201eIm Fr\u00fchling sterben\u201c aus dem Jahr 2015, der die dramatische und bewegende Geschichte zweier fast noch jugendlicher deutscher Soldaten erz\u00e4hlte, war meine Erwartung an den neuen Roman Ralf Rothmanns hoch, sehr hoch. Doch wie so viele andere Leser im Netz bleibe ich nach der Lekt\u00fcre dieses 252 &#8211; seitigen Romans eher ratlos und skeptisch zur\u00fcck. Der Roman f\u00e4llt hinter die literarische Qualit\u00e4t seines Vorg\u00e4ngers und auch vieler anderer Romane von Rothmann zur\u00fcck.<\/p>\n<p>In \u201eDer Gott des Sommers\u201c beschreibt Rothmann, der seine Stimme der zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Luisa Norff leiht, ein Dorf in Schleswig-Holstein in den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945. So wie in diesem Dorf, in das Luisa zusammen mit ihrer Mutter und ihrer \u00e4lteren Schwester aus dem ausgebombten Kiel auf das Gut ihres Verwandten und hochrangigen SS- Offiziers Vinzent geflohen ist, mag es damals in vielen deutschen\u00a0 Ortschaften zugegangen\u00a0 sein. Ein Alltagsleben voller Verblendung und Denunziation, zunehmende Verzweiflung und Zweifel machen sich breit. Jeder versucht seine eigene Haut zu retten, angesichts n\u00e4her r\u00fcckender Alliierter und immer mehr Fl\u00fcchtlingen aus dem Osten, die im Ort h\u00e4ngen geblieben sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vinzent ist mit Luisas sehr viel \u00e4lterer Halbschwester Gudrun aus der ersten Ehe der Mutter verheiratet und kommt nur sporadisch mit Unmengen von Essen und\u00a0 anderen kriegsknappen Dingen nach Hause. Verwaltet wird das Gut von dem Ehepaar Thamling, das daf\u00fcr sorgt, dass der \u00fcbliche Betrieb aufrechterhalten wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es scheint also, als ob Luisa dort die letzten Kriegsmonate gut \u00fcberleben k\u00f6nnte. Doch sie sieht das brennende Kiel aus ihrem Fenster und begegnet bei verbotenen Besuchen des nahen Waldes ausgehungerten Kriegsgefangenen, die dort in Baracken wie Sklaven als Torfstecher gehalten werden. Ein Massengrab wird man nach dem Krieg dort finden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Immer mehr Fl\u00fcchtlinge m\u00fcssen in St\u00e4llen und Nebengeb\u00e4uden des Gutes untergebracht werden, w\u00e4hrend sich Luisa vor all dem, was sie an Schrecklichem beobachtet, vor all den Fragen, die sich ihr stellen und auf sie keine Antwort erh\u00e4lt oder findet, in ihre B\u00fccher fl\u00fcchtet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Rothmann besticht nach wie vor durch einen beeindruckenden Stil und eine wirklich sch\u00f6ne Sprache. Dennoch kann man sich bei fortschreitender Lekt\u00fcre als Leser, der schon viele Romane aus dieser Zeit und mit diesen Themen gelesen hat (zuletzt Rothmanns letzten aus dem Jahr 2015) des Eindrucks nicht erwehren, dass Rothmann sowohl in der Handlung als auch bei seinen Charakteren allzu viele Klischees einsetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein interessantes Element des Buches ist hingegen der fiktive, von Rothmann kapitelweise eingestreute Bericht des Schreibers Bredelin Merxheim in barockem Deutsch \u00fcber die Schrecken des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges (1618-1648). Der Schreiber, der an Grimmelshausen und Gryphius(ein Gedicht von ihm steht dem Buch als Motto vor) erinnert, l\u00e4sst inmitten der Kriegswirren eine Kapelle bauen, um seinen nach Brandschatzung, Raub, Mord und Vergewaltigung verlorenen Mitmenschen in Gott wieder einen Halt zu geben. \u00dcber diese Botschaft Rothmanns habe ich lange nachgedacht und w\u00fcrde gerne mal mit ihm dar\u00fcber sprechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch Luisa Norff will nach Ende der Schreckensjahre im Kloster Halt finden und Nonne werden: an ihrem 13. Geburtstag ist das junge M\u00e4dchen \u00fcberzeugt, nach dem Mord am britischen Piloten,den sie gesehen hat, nach der erlebten Hinrichtung des Schwagers, dem Selbstmord des Vaters, dem Verschwinden der Schwester und ihrer Vergewaltigung durch den eigenen Schwager das weltliche Dasein bereits in allen Facetten gelebt und erlebt zu haben: \u201eIch hab alles erlebt!\u201c, sagt sie am Ende eines Buches voller Humanit\u00e4t jenseits religi\u00f6ser Dogmatik.<\/p>\n<p>Christoph Schr\u00f6der hat Ralf Rothmann einen Schriftsteller genannt, \u201eden nicht die Reflexion, sondern das blo\u00dfe Erz\u00e4hlen und die Evokation starker, aussagekr\u00e4ftiger Bilder antreibt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass das auch stellenweise eine Schw\u00e4che sein kann, zeigt sein neuer Roman.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der von Wiebke Puls hier eingespielten ungek\u00fcrzten H\u00f6rbuchfassung, bei der sie Shenja Lacher unterst\u00fctzt hat, gelingt es mit viel Empathie, diese Schw\u00e4chen gar nicht sp\u00fcrbar werden zu lassen. Sie pr\u00e4sentiert Rothmanns ersch\u00fctternden Roman \u00fcber das Klima von Verblendung und Denunziation in einem schleswig-holsteinischen Dorf in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs auf eine beeindruckende und ber\u00fchrende Weise.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; Ralf Rothmann, Der Gott jenes Sommers (H\u00f6rbuch), H\u00f6rbuch Hamburg 2018, ISBN 978-3-95713-129-4 &nbsp; Nach der Lekt\u00fcre des mittlerweile in 25 Sprachen \u00fcbersetzten\u00a0 hervorragenden Romans \u201eIm Fr\u00fchling sterben\u201c aus dem Jahr 2015, der die dramatische und bewegende Geschichte zweier fast noch jugendlicher deutscher Soldaten erz\u00e4hlte, war meine Erwartung an den neuen Roman Ralf &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=6251\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Der Gott jenes Sommers (H\u00f6rbuch)<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-6251","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6251","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6251"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6251\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6253,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6251\/revisions\/6253"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6251"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6251"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6251"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}