{"id":6312,"date":"2018-09-04T13:50:59","date_gmt":"2018-09-04T11:50:59","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=6312"},"modified":"2018-09-04T13:50:59","modified_gmt":"2018-09-04T11:50:59","slug":"koenigskinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=6312","title":{"rendered":"K\u00f6nigskinder"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/52360933n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-6313\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/52360933n-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/52360933n-184x300.jpg 184w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/52360933n.jpg 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Alex Capus, K\u00f6nigskinder, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-26009-2<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der neue kleine Roman von Alex Capus ist neben seiner witzigen Rahmenhandlung und der sch\u00f6nen Hauptgeschichte, die erz\u00e4hlt wird, vor allem ein sprachlicher Genuss. Man sp\u00fcrt die Freude des Autors am Fabulieren bei nahezu jedem einzelnen Satz, den er zu Papier bringt. Das Lesen macht Freude und ist abgesehen von der wunderbaren Unterhaltung, die dieses kleine Buch beschert, eine gro\u00dfe Bereicherung f\u00fcr den Leser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Rahmengeschichte fahren Max und Tina, ein erfahrenes Ehepaar, trotz gegenteiliger Wetterwarnungen mit ihrem roten Toyota Corolla w\u00e4hrend eines n\u00e4chtlichen Schneetreibens eine Passstra\u00dfe hinauf. Sie sind deshalb ein erfahrenes Ehepaar, weil sie sich gut kennen und einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen, sich bei den wichtigen Dingen immer einig sind, und sich um Kleinigkeiten streiten k\u00f6nnen wie die Kesselflicker.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das tun sie auch w\u00e4hrend der Fahrt durch die Nacht, jedenfalls solange bis sie endg\u00fcltig von der Stra\u00dfe abkommen und im Stra\u00dfengraben im Schnee stecken bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um sich die Zeit bis zum Morgen, wenn die Schneer\u00e4umger\u00e4te wieder im Einsatz sind, zu vertreiben, und vor allen um angesichts der K\u00e4lte wach zu bleiben, schl\u00e4gt Max vor, eine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Eine wahre Geschichte, dessen Rahmendaten er genau recherchiert habe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mehrfach in der Nacht wird er in seinem Erz\u00e4hlfluss von Tina unterbrochen, die immer wieder unlauteren Kitsch wittert, aber von Max jeweils eines Besseren belehrt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Max (Alex Capus) erz\u00e4hlt nun eine alte Liebesgeschichte, die genau in den Bergen ihren Anfang nimmt, in denen sie stecken geblieben sind. Jahrhunderte liegt sie zur\u00fcck und spielt in der Zeit kurz vor der franz\u00f6sischen Revolution, eine Zeit des Aufbruchs und Umbruchs in Europa. Von diesen bevorstehenden Umw\u00e4lzungen erf\u00e4hrt der Hirtenjunge Jakob nichts. Er k\u00fcmmert sich um das Vieh eines reichen Bauern und ist mit den Tieren w\u00e4hrend des ganzen Sommers oben in den Bergen. Als er nach dem Sommer das Vieh nach unten ins Tal bringt, begegnet er nicht zum ersten Mal Marie, der Tochter des Bauern. Die beiden erleben so etwas wie Liebe auf den ersten Blick, denn mehr als sich von weitem anschauen, k\u00f6nnen sie nicht. Der Bauer wittert diese zarte Ann\u00e4herung sofort und will sie verhindern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jakob und Marie jedoch fliehen zusammen auf Jakobs H\u00fctte und verbringen dort viele Tage. Die Knechte des Bauern kommen irgendwann dorthin und wollen Jakob an den Kragen. Der aber teilt ihnen mit, sie sollen dem Bauern sagen, er habe sich zum Kriegsdienst gemeldet und er brauche sich keine Sorgen mehr zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Acht Jahre von 1779 bis 1787 dient Jakob im Regiment Waldner und tut Dienst in Cherbourg am \u00c4rmelkanal, wo es all die Zeit sehr ruhig ist und er von den sich in Europa anbahnenden gro\u00dfen Umw\u00e4lzungen relativ wenig mitbekommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Marie indes wartet auf dem Hof ihres Vaters auf Jakobs R\u00fcckkehr, und lehnt alle potentiellen Ehem\u00e4nner, die ihr Vater \u00fcber die Jahre auf den Hof bringt, barsch ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An dieser Stelle bringt der erz\u00e4hlende Max Elisabeth, die Tochter des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs Ludwig XVI. ins Spiel. Sie ist unzufrieden mit dem Leben im Schloss Versailles und ringt ihrem Vater ein Landgut ab, auf dem sie Landwirtschaft betreiben will. Von\u00a0 allem das Beste, H\u00fchner aus der Bresse , Schweine aus Flandern, Schlachtrinder aus Burgund, Arbeitspferde aus Brabant. Und Milchk\u00fche aus der Schweiz, Freiburger Milchk\u00fche. Und genau hier gibt es die von der mitten in der Nacht im Toyota Corolla zuh\u00f6renden Tina ungeduldig erwartete Verbindung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weil die K\u00fche in der Fremde kr\u00e4nkeln und keine Milch geben und wegen ihrer schmerzhaft entz\u00fcndeten Euter br\u00fcllen, muss nach einem Freiburger Kuhhirten gesucht werden, der sich mit ihnen auskennt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jakob ist mittlerweile aus dem Dienst ehrenhaft entlassen worden und kehrt in sein Heimatdorf zur\u00fcck. Marie, die sich vom Vater nichts mehr sagen l\u00e4sst, geht mit ihm einen Sommer hoch in die Berge zu Jakobs H\u00fctte und zu den Tieren, denn er nimmt seine alte T\u00e4tigkeit wieder auf. Sie verbringen dort gl\u00fcckliche Tage, bis Soldaten nach oben kommen, die Jakob mitteilen, er werde unten im Tal erwartet, es gebe einen wichtigen Auftrag f\u00fcr ihn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er soll sich auf dem Hofgut der franz\u00f6sischen K\u00f6nigstochter um die Milchk\u00fche k\u00fcmmern. Gehorsam folgt er diesem Auftrag und l\u00e4sst Marie zur\u00fcck. Doch beide wissen, dass es nicht f\u00fcr lange sein wird. Tats\u00e4chlich l\u00e4sst Elisabeth, die K\u00f6nigstochter, Marie bald nachkommen, denn sie hat gesp\u00fcrt, wie traurig ihr Helfer ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie erleben dort beide die bewegten Tage der franz\u00f6sischen Revolution, wie sich das heruntergekommene und versiffte Schloss leert. Als irgendwann alles vorbei zu sein scheint, nehmen Jakob und Marie ihre Tiere und verlassen das Gut. Sie kaufen einen kleinen Bauernhof und haben zusammen ein langes und gl\u00fcckliches Leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Rachel Cusk k\u00fcrzlich im\u00a0 Suhrkamp Verlag erschienenem Roman \u201eKudos\u201c ist das Erz\u00e4hlen eine Art moderne Form von Beichte. Hier bei Capus ist das Erz\u00e4hlen eine Art von Daseinsversicherung gegen den Tod durch K\u00e4lte, der au\u00dferhalb des gestrandeten Autos droht. So \u00e4hnlich wie Sheherezade, die mit jeder Nacht und jeder neuen Geschichte ihr Leben verl\u00e4ngert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der wunderbare kleine Roman von Alex Capus ist ein literarisches Kleinod, kraftvoll und poetisch in der Sprache, lebendig, dicht und plastisch erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine warmherzige Erz\u00e4hlung, wie ein M\u00e4rchen, und doch offenbar historisch verb\u00fcrgt und genau recherchiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Alex Capus, K\u00f6nigskinder, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-26009-2 &nbsp; Der neue kleine Roman von Alex Capus ist neben seiner witzigen Rahmenhandlung und der sch\u00f6nen Hauptgeschichte, die erz\u00e4hlt wird, vor allem ein sprachlicher Genuss. Man sp\u00fcrt die Freude des Autors am Fabulieren bei nahezu jedem einzelnen Satz, den er zu Papier bringt. 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