{"id":6492,"date":"2018-09-27T13:52:32","date_gmt":"2018-09-27T11:52:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=6492"},"modified":"2018-09-27T13:52:32","modified_gmt":"2018-09-27T11:52:32","slug":"neujahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=6492","title":{"rendered":"Neujahr"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/52391162n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-6493\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/52391162n-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/52391162n-188x300.jpg 188w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/52391162n.jpg 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Juli Zeh, Neujahr, Luchterhand Verlag 2018, ISBN 978-3-630-87572-9<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Henning ist ein moderner Mann. Ein Mann, f\u00fcr den Gleichberechtigung nicht nur ein wohlfeiler Slogan ist. Er, der seinen Beruf als Lektor eines Sachbuchverlags liebt, hat sich zusammen mit seiner Frau Theresa f\u00fcr ein Familienmodell entschieden, wie es nach wie vor nur wenige praktizieren. Beide haben sie ihre gut dotierten Arbeitsstellen halbiert und sich auf dem Dachgescho\u00df ihres Hauses ein Homeoffice eingerichtet, in dem sie zus\u00e4tzlich (unentgeltlich nat\u00fcrlich) arbeiten k\u00f6nnen, wenn die Kinder schlafen. Sie k\u00fcmmern sich im gleichen Ma\u00df um die Familie und die Kinder. Eigentlich sind sie zufrieden mit ihrer jeweiligen Situation.<\/p>\n<p>Doch Henning geht es zunehmend schlecht. Sein Leben \u00fcberfordert ihn. Familienern\u00e4hrer soll er sein, Ehemann und begehrenswerter Liebhaber und liebevoller Vater seiner Kinder. Jede dieser Rollen m\u00f6chte er gerne f\u00fcllen und findet sich in keiner wirklich und befriedigend wieder. Seit sein zweites Kind, seine Tochter Bibbi vor etwa zwei Jahren geboren wurde, leidet er unter schweren Angstzust\u00e4nden und Panikattacken. Sp\u00e4ter, als das Buch zu Ende ist, wird dem Leser deutlich werden, warum diese Begegnungen mit dem, was er \u201eES\u201c zu nennen gelernt hat, nicht vorher begonnen haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seine Frau Theresa versucht ihm zun\u00e4chst aufrichtig zu helfen, sie probieren Vieles, doch dann gibt sie auf. Henning ist mit seinen Attacken allein und verbirgt sie.<\/p>\n<p>\u201eManchmal geht er ins Bad und guckt in den Spiegel. Unfassbar, dass man ES nicht sieht. W\u00e4hrend das Herz einen irrsinnigen Tanz mit t\u00f6dlichen Pausen tanzt, sieht sein Gesicht aus wie immer. Nat\u00fcrlich merkt Theresa, was mit ihm los ist. Aber sie sagt nichts dazu. ES ist zu Hennings Privatsache geworden.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielleicht hofft er durch den Urlaub, den er heimlich im Internet \u00fcber Weihachten und Neujahr 2017\/2018 f\u00fcr seine Familie gebucht hat, davon loszukommen, wieder Kraft zu sch\u00f6pfen. Schon w\u00e4hrend er wochenlang nach Unterk\u00fcnften auf Lanzarote sucht, erfasst ihn eine seltsame Erregung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Theresa erkl\u00e4rt sich nach einigen Widerst\u00e4nden einverstanden und so verbringen sie die Weihnachtstage in einem kleinen \u201eScheibenhaus\u201c in Playa Blanca. Doch Erholung ist das alles nicht. Die Kinder m\u00fcssen dauernd besch\u00e4ftigt werden und nur sp\u00e4t am Abend kommen die Eheleute zu sich selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch ein spontan wenige Tage vor Silvester gebuchtes Silvestermen\u00fc stellt sich als Flop heraus, zumal Theresa dort mit einen Franzosen tanzt, und heftig mit ihm flirtet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach einer unruhigen und kurzen Nacht steht Henning am Neujahrsmorgen sehr fr\u00fch auf und f\u00e4hrt mit einem geliehenen Fahrrad den steilen Anstieg nach Femes hinauf. Er hat kaum gefr\u00fchst\u00fcckt, der Sekt von Silvester steckt ihm noch in den Knochen und er hat weder Proviant noch etwas zu trinken mitgenommen.<\/p>\n<p>Auf der Fahrt blickt er in Gedanken zur\u00fcck auf die Zeit, seit ES ihn besucht. Er wei\u00df, es ist verr\u00fcckt, kaum zu schaffen. Doch irgendetwas, was w\u00e4hrend der Fahrt immer st\u00e4rker wird, treibt ihn nach oben, als hoffe er dort etwas zu finden, was ihn rettet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Henning dann endlich, nach langer Qual das 500 m hoch gelegene Femes erreicht, da trifft es ihn wie einen Schlag und er erkennt, dass er schon einmal hier gewesen ist.\u00a0 Er schiebt sein Fahrrad bis zu einem hoch \u00fcber dem Ort gelegenen Haus, das ihn magisch anzieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dort oben, so erkennt er, war er einmal mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Luna im Urlaub, zu der ihn bin heute eine ganz besonders enge, aber auch komplizierte Beziehung verbindet. Und er erinnert sich daran, wie sich damals etwas ganz Schreckliches zugetragen hat &#8211; so schlimm, dass er es bis heute verdr\u00e4ngt hat, bis ES nach der Geburt von Bibbi wieder hoch kommt.\u00a0 Was damals geschehen ist, von Juli Zeh \u00fcber weite Strecken des Buches gekonnt beschrieben, verfolgt ihn\u00a0 bis heute.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Juli Zeh beschreibt in einem gut aufgebauten Familienroman, wie stark unsere Kindheit unser Lebensgef\u00fchl bestimmt. Ein Roman, der in der zweiten H\u00e4lfte zu einem regelrechten Thriller sich verwandelt, den man atemlos verschlingt. Gekonnt und fast spielerisch arbeitet sie immer wieder mit verschiedenen Ebenen von Zeit und Wahrnehmung. Ihr Psychogramm einer modernen und emanzipierten Ehe und Familie geht unter die Haut, weil es so nahe am eigenen Leben sich abspielt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch mit \u201eNeujahr\u201c zeigt Juli Zeh wieder neu, dass man einen unterhaltsamen Roman schreiben kann, ohne die literarische Qualit\u00e4t aus dem Auge zu verlieren. Ich w\u00fcnsche mir, dass viele berufst\u00e4tige Familienm\u00e4nner und \u2013 frauen dieses Buch lesen, sowohl zur Unterhaltung, als auch als Anregung, \u00f6fter einmal dar\u00fcber nachzudenken, wie ihre Kindheit und ihre vielleicht ungekl\u00e4rte Beziehung zu den Gro\u00dfeltern ihrer Kinder ihr eigenes Leben umschattet und behindert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; Juli Zeh, Neujahr, Luchterhand Verlag 2018, ISBN 978-3-630-87572-9 &nbsp; Henning ist ein moderner Mann. Ein Mann, f\u00fcr den Gleichberechtigung nicht nur ein wohlfeiler Slogan ist. 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