{"id":6859,"date":"2018-11-27T15:38:18","date_gmt":"2018-11-27T13:38:18","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=6859"},"modified":"2018-11-27T15:38:18","modified_gmt":"2018-11-27T13:38:18","slug":"das-verschwinden-des-josef-mengele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=6859","title":{"rendered":"Das Verschwinden des Josef Mengele"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/52438521n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-6860\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/52438521n-174x300.jpg\" alt=\"\" width=\"174\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/52438521n-174x300.jpg 174w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/52438521n.jpg 232w\" sizes=\"auto, (max-width: 174px) 100vw, 174px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Olivier Guez, Das Verschwinden des Josef Mengele, Aufbau-Verlag 2018, ISBN 978-3351-03728-4<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;Immer nach zwei oder drei Generationen, wenn das Ged\u00e4chtnis verk\u00fcmmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben, erl\u00f6scht die Vernunft, und Menschen s\u00e4en wieder das B\u00f6se.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diesen mahnenden Satz schreibt der franz\u00f6sische Autor und Journalist Olivier Guez am Ende seines Romans \u00fcber den grausamen und unmenschlichen Lagerarzt des Konzentrationslagers Auschwitz. In Frankreich war dieses Buch ein Bestseller von der Kritik begeistert aufgenommen wurde. Frederic Beigbeder schrieb im Figaro: &#8222;Olivier Guez schuf mit diesem bekannten Verfahren eine phantastische neue Romanform.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt zwei Perspektiven in diesem Tatsachenroman, der sich liest wie ein Politthriller und doch immer ein aus Distanz geschriebenes Charakterportr\u00e4t eines hunderttausendfachen M\u00f6rders bleibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Vordergrund erz\u00e4hlt Olivier Guez nach wohl sehr ausf\u00fchrlichen Recherchen die Fluchtgeschichte des Josef Mengele, Lagerarzt aus Auschwitz, der wie so viele Nazit\u00e4ter nach dem Kriegsende zun\u00e4chst in Deutschland untertauchte. Im Jahr 1948 gelingt ihm dann, wie vielen anderen hohen Nazischergen die Flucht nach Argentinien. Seine Unternehmerfamilie in G\u00fcnzburg, die schon im Dritten Reich hervorragenden Gesch\u00e4fte mit den Nazis gemacht haben, und nun sehr schnell in der neuen Bundesrepublik wieder re\u00fcssieren, unterst\u00fctzt den unter dem Namen Helmut Gregor mit neuen Papieren ausgestatteten Mengele bei dieser Flucht. Sie wird ihm \u00fcber Mittelsm\u00e4nner auch die n\u00e4chsten Jahrzehnte bis zu seinem Tod 1979 immer wieder mit nicht unerheblichen Geldsummen unter die Arme greifen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Buenos Aires taucht Mengele in ein dichtes Netzwerk aus Unterst\u00fctzern ein, ehemalige Nazis und Anh\u00e4nger des naziaffinen Diktators Peron. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck baut er sich mit dieser Unterst\u00fctzung ein neues Leben und eine neue Existenz auf. Doch diese angenehmen ersten Jahre haben keine Konstanz. Immer \u00f6fter muss er in der Folge nicht nur seinen Aufenthaltsort wechseln, sondern auch seine Identit\u00e4t. Immer wieder findet er Menschen bzw. wird mit ihnen in Kontakt gebracht durch seine Helfer, die ihn aufnehmen, weil sie seine Gesinnung teilen. Irgendwann trifft er auch Adolf Eichmann, doch der kennt ihn gar nicht, hat nie von dem Lagerarzt Mengele geh\u00f6rt. Das entt\u00e4uscht ihn tief.<\/p>\n<p>Anfang der sechziger Jahre intensivieren der israelische Mossad, der Nazi-J\u00e4ger Simon Wiesenthal (er wird von Olivier Guez als jemand geschildert, der es mit der Wahrheit seiner Informationen, die er der Welt \u00fcber seine T\u00e4tigkeit gibt, nicht so genau nimmt) und auch der Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer (er wird in den Auschwitzprozessen in Frankfurt viel T\u00e4ter zur Verurteilung bringen) nehmen auch die Spur von Josef Mengele auf. Als Adolf Eichmann entf\u00fchrt und nach einem Prozess in Jerusalem hingerichtet wird, reagiert Mengele panisch, f\u00fchlt sich nicht mehr sicher und verliert dieses Gef\u00fchl auch nicht mehr, als der Mossad aus innenpolitischen Gr\u00fcnden von der Suche nach ihm abl\u00e4sst. Bis zu seinem Tod 1979, als man seine Leiche an einem brasilianischen Strand findet, wird Mengele diese Panik vor seiner Entdeckung nicht mehr verlassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Hintergrund dieser Fluchtgeschichte erz\u00e4hlt Olivier Guez immer wieder von den \u00dcberzeugungen dieses eingefleischten Nazi, der bis in sein Alter den F\u00fchrer verehrt und an seiner Ideologie festh\u00e4lt. Er beschreibt Mengeles unfassbare Verbrechen und medizinischen Versuche in Auschwitz. An keiner Stelle erfasst ihn auch nur der Hauch eines Bedauerns \u00fcber seine Taten und er kann bis zu seinem Tod nicht verstehen, warum ein Mann wie er, der seinem F\u00fchrer und seinem Vaterland so ergeben war, verfolgt wird, weil man auch ihm den Prozess machen will.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die gelungene Mischung zwischen vordergr\u00fcndiger Fluchtgeschichte und hintergr\u00fcndiger Information \u00fcber die Taten Mengeles und die Ideologie der Nazis f\u00fchrt dazu, dass man an keiner Stelle als Leser versucht ist, mit diesem Mensch und seinem Schicksal auch nur irgendeine Form von Mitgef\u00fchl zu entwickeln. Diese Struktur seines Erz\u00e4hlens kl\u00e4rt den vielleicht jungen Leser, der m\u00f6glicherweise noch nie \u00fcber die Grausamkeiten der Lager und der in ihnen w\u00fctenden Nazis etwas erfahren hat, besser auf, als so manches Sachbuch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine weitere St\u00e4rke des Buches ist, dass Guez immer wieder beschreibt, wie im Nachkriegsdeutschland und auch bei seinen ausl\u00e4ndischen Nachbarn die Nazivergangenheit bis Anfang der sechziger Jahre verdr\u00e4ngt wurde und wie schwer es Menschen wie etwa Fritz Bauer, der unter nach wie vor ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden ums Leben kam, hatten, Licht in das Dunkel dieser Verdr\u00e4ngung zu bringen.<\/p>\n<p>Hier darf erw\u00e4hnt werden, dass Olivier Guez das mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichnete Drehbuch von \u201eDer Staat gegen Fritz Bauer\u201c geschrieben hat, der 2015 in die Kinos kam und den man bei Netflix streamen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcber die Verbrechen der Nazis auch die heutige Generation zu informieren und \u00fcber den Kampf gegen ist gleich ob in einem Film oder in einem Roman nach wie vor wichtig. Denn:<\/p>\n<p>&#8222;Immer nach zwei oder drei Generationen, wenn das Ged\u00e4chtnis verk\u00fcmmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben, erl\u00f6scht die Vernunft, und Menschen s\u00e4en wieder das B\u00f6se.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man kann das in Europa und in vielen anderen Teilen der Welt seit Jahren beobachten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; Olivier Guez, Das Verschwinden des Josef Mengele, Aufbau-Verlag 2018, ISBN 978-3351-03728-4 &nbsp; &#8222;Immer nach zwei oder drei Generationen, wenn das Ged\u00e4chtnis verk\u00fcmmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben, erl\u00f6scht die Vernunft, und Menschen s\u00e4en wieder das B\u00f6se.&#8220; &nbsp; Diesen mahnenden Satz schreibt der franz\u00f6sische Autor und Journalist Olivier Guez am &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=6859\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Das Verschwinden des Josef Mengele<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-6859","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6859","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6859"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6859\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6861,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6859\/revisions\/6861"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6859"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6859"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6859"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}