{"id":6882,"date":"2018-11-29T09:17:24","date_gmt":"2018-11-29T07:17:24","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=6882"},"modified":"2018-11-29T09:17:24","modified_gmt":"2018-11-29T07:17:24","slug":"ein-gewisser-monsieur-piekielny","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=6882","title":{"rendered":"Ein gewisser Monsieur Piekielny"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/52039124n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-6883\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/52039124n-180x300.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/52039124n-180x300.jpg 180w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/52039124n.jpg 240w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Francois-Henri Deserable, Ein gewisser Monsieur Piekielny, C.H. Beck 2018, ISBN 9678-3-406-72762-7<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Schriftsteller Francois-Henri Deserable, eingefleischter Eishockeyspieler und &#8211; fan, will mit Freunden zu einem Eishockeyturnier in Minsk fliegen. Weil f\u00fcr einen von ihnen im Flugzeug kein Platz mehr ist, erkl\u00e4rt er sich bereit, einen Flug nach Vilnius zu nehmen und von dort mit dem Zug nach Minsk zu fahren.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des mehrst\u00fcndigen Aufenthaltes in Vilnius st\u00f6\u00dft er in einer Stra\u00dfe zuf\u00e4llig auf das Geburtshaus des ber\u00fchmten Schriftstellers Romain Gary, ein Haus und eine Stra\u00dfe, das Gary in seinem wohl bekanntesten Roman \u201eFr\u00fches Versprechen\u201c erw\u00e4hnt. Der Autor steht mitten im Regen staunend davor, liest die am Haus angebrachte Plakette und spricht zu seiner eigenen \u00dcberraschung laut folgenden Satz aus \u201eFr\u00fches Versprechen\u201c: \u201eIn der gro\u00dfen Pohulanka Nr. 16 in Vilnius lebte ein gewisser Herr Piekielny.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der r\u00e4tselhaften Gestalt jenes Monsieur Piekielny verdankt der Autor, dass er viele Jahre zuvor sein Abitur geschafft hat, denn Romain Garys Roman war er einzige auf der langen B\u00fccherliste, den er w\u00e4hrend seiner mangelhaften Vorbereitung gelesen hatte. Die entscheidende Frage nach dem siebten Kapitel von Garys autobiographischem Roman (er wird \u00fcbrigens zurzeit verfilmt), in dem von Monsieur Piekielny erz\u00e4hlt wird, kann er bravour\u00f6s beantworten.<\/p>\n<p>Von diesem Augenblick an ist Deserable regelrecht gefangen von der Idee, dieser r\u00e4tselhaften Figur, einem wohl in einem KZ umgebrachten \u00e4lteren j\u00fcdischen Mann nachzugehen und mehr \u00fcber seine Person du sein Schicksal herauszufinden. Er wird sich dazu auch mit dem Leben von Romain Gary besch\u00e4ftigen m\u00fcssen und dabei so manche \u00c4hnlichkeit zu seinem eigenen Leben feststellen. So waren beide M\u00fctter, die von Gary und die von Deserable ganz erpicht darauf, ihren S\u00f6hnen den Weg zu ebnen f\u00fcr eine gro\u00dfe Karriere:<\/p>\n<p>\u201eRomain hatte f \u00fc r seine Mutter angefangen zu schreiben, ich bin dank und t r o t z meiner Mutter Schriftsteller geworden.\u201c<\/p>\n<p>Der vaterlose Gary, damals noch Roman Kacew, lebte in den 1920er Jahren mit seiner Mutter in Vilnius. W\u00e4hrend der Ehrgeiz der Mutter, die in ihrem Sohn das zuk\u00fcnftige Genie sah, eher f\u00fcr Belustigung sorgte, lud Monsieur Piekielny den jungen Romain zum Tee ein und bat ihn, sollte er einst ber\u00fchmt werden, sich seiner zu erinnern und ab und zu seinen Namen zu erw\u00e4hnen \u2013 was Gary sp\u00e4ter tats\u00e4chlich immer wieder tat. Er hat Monsieur Piekielny niemals vergessen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch gab es ihn wirklich? Mehrfach reist der Autor auf den Spuren von Gary und Piekielny nach Vilnius, ohne eine wirklich belastbare Information zu finden. Was er allerdings herausfindet bei seinen Recherchen sind viele biographische Informationen \u00fcber Romain Gary, seine vielen Stationen als franz\u00f6sischer Diplomat und Schriftsteller, seine Ehe mit Jean Seberg, sein lockerer Umgang mit der Wahrheit von biographischen Informationen (etwa \u00fcber die Identit\u00e4t seines Vaters) und sein Suizid 1980 und die m\u00f6glichen Gr\u00fcnde daf\u00fcr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und er sp\u00fcrt fast manisch Monsieur Piekielny nach und erz\u00e4hlt wie nebenbei die Geschichte der Juden in Vilnius und in Litauen, die er mit seinem Buch ebenso dem Vergessen entreisst, wie es offenbar Gary mit seiner Reminiszenz an Monsieur Piekielny tat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Absolut zuf\u00e4llig wird Deserable w\u00e4hrend eines Theaterst\u00fccks von Gogol (Der Revisor), der \u00fcbrigens in dem Buch eine gro\u00dfe Rolle spielt, auf eine Spur aufmerksam, die eine L\u00f6sung anbietet, was sich hinter der Identit\u00e4t jenes j\u00fcdischen Mannes, der Gary eine gro\u00dfe Zukunft in Aussicht gestellt hatte, verbirgt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>D\u00e9s\u00e9rables Roman ist ein leichtf\u00fc\u00dfiges, hervorragend recherchiertes, bewegendes und melancholisches literarisches Meisterst\u00fcck, eine Hommage an Romain Gary, an die litauischen Juden und nicht zuletzt an die Nebenfiguren, die Unscheinbaren und Kleinen in der Weltliteratur, die sonst vergessen werden.<\/p>\n<p>Er schreibt am Ende dazu:<\/p>\n<p>\u201eManches Mal behauptet man, die Literatur verm\u00f6ge nicht sonderlich viel, sie bewirke nichts gegen den Krieg, gegen die Ungerechtigkeit und die Allmacht der Finanzm\u00e4rkte \u2013 und das stimmt vielleicht sogar. Doch zumindest vermag sie dies: dass ein junger Franzose, den es nach Vilnius verschl\u00e4gt, den Namen eines kleinen Mannes ausspricht, der siebzig Jahre zuvor in eine Grube geworfen oder in einem Ofen verbrannt wurde- ein traurige Maus mit scharlachroter Haut, von Kugeln durchl\u00f6chert oder in Rauch aufgegangen, die aber weder die Nazis noch die Zeit vollst\u00e4ndig ausl\u00f6schen k\u00f6nnen, weil ein Schriftsteller sie dem Vergessen enthoben hat.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz nebenbei ist sein bemerkenswerter Roman, der es bis zur Auswahl f\u00fcr den Prix de Goncourt geschafft hat, eine tiefgehende Er\u00f6rterung der literarischen Frage des Verh\u00e4ltnisses zwischen Realit\u00e4t und Fiktion:<\/p>\n<p>\u201eLetztendlich bedeutete es mir wenig zu wissen, ob er\u00a0 tats\u00e4chlich gelebt hatte, ob er aus der wohlbekannten Hand Garys hervorgegangen war oder aus etwas anderem, aus dem Bauch einer Frau, die niemand mehr kennt: Wenn er denn nur aus Tinte und Papier war, bedeutete das den unzweifelhaften, gl\u00e4nzenden Triumph der Literatur durch die Fiktion.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; Francois-Henri Deserable, Ein gewisser Monsieur Piekielny, C.H. 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